Offensive in Helmand

Militärische Schlinge zieht sich um afghanische Stadt zu

Von Patrick Martin
16. Februar 2010

Tausende US-Marines und Soldaten sind in Positionen am Stadtrand von Mardscha eingerückt, einer Stadt in der zentralen Provinz Helmand. Das Pentagon hatte diese Stadt öffentlich als erstes großes Ziel der von Präsident Barack Obama befohlenen Offensive ausgewählt.

Mardscha ist die größte Stadt unter Kontrolle der Taliban und wird in den amerikanischen Medien ständig als "Hochburg der Taliban" bezeichnet. Damit soll die Öffentlichkeit schon einmal auf wahrscheinlich hohe zivile Opferzahlen eingestimmt werden. Presseberichte, die sich auf militärische Quellen stützen, besagen, dass sich bis zu tausend Kämpfer formiert hätten, um in Mardscha Widerstand zu leisten. Straßen und Felder seien in großem Maße mit Landminen und IEDs (am Straßenrand deponierten Sprengfallen) bestückt.

Amerikanische Sprecher bezeichneten den Angriff als "die größte Offensive des neunjährigen Kriegs" und nannten den bevorstehenden Kampf einen Wendepunkt. Die Stadt war schon im vergangenen Frühjahr kurzfristig von britischen Truppen besetzt worden. Das Ziel des damaligen Angriffs war, eine Offensive der Taliban gegen die Provinzhauptstadt Lashkar Gah zu verhindern, die 40 Kilometer nordöstlich liegt. Die Marktstadt wurde bald nach der Einnahme wieder verlassen, weil zu wenig afghanische Truppen zur Verfügung standen, um sie dauerhaft zu sichern.

Dieses Mal sollen die Stadt eingenommen und die Taliban aus dem ganzen Distrikt Nad Ali mit seinen 80.000 Einwohnern vertrieben werden. Für die Operation mit dem Namen Muschtarak (Gemeinsam) wird eine massiver Aufmarsch von 15.000 amerikanischen, britischen, kanadischen und afghanischen Marionettentruppen aufgeboten. Das sind ungefähr fünfzehn Mal so viele Soldaten, wie Taliban-Kämpfer in der Gegend vermutet werden.

Britische Presseberichte zum Beispiel in der Londoner Sunday Times vom 7. Februar behaupten, dass britische SAS-Sondereinheiten, vergleichbar mit den amerikanischen Army-Rangers oder Navy Seals, in die Gegend um Mardscha geschickt worden seien und bis zu fünfzig Taliban-Kommandanten ermordet hätten. "Sondereinheiten hatten Mordkommandos ausgeführt, um die Taliban-Kräfte führungslos zu machen", berichtete die Times. Flugblätter mit den Namen mehrerer Ermordeter seien über der Stadt abgeworfen worden, um die Taliban-Kämpfer zu demoralisieren, obwohl die meisten von ihnen gar nicht lesen können.

Britische Truppen sollen direkt nördlich von Mardscha stehen, während Soldaten der 5. Stryker Brigade der US-Armee und Marines sich von Nordosten her aus Richtung Lashkar Gah der Stadt nähern. Sie würden von afghanischen Marionettentruppen unter der Führung kanadischer "Berater" begleitet. Eine weitere Einheit der Marines nähere sich vom Osten und sichere Übergänge über den Fluss Helmand, wie es heißt.

Die Presse berichtete, dass die Marines seit Dienstag, den 9. Februar, unter Feuer geraten seien, und dass sie Cobra-Kampfhubschrauber zu Hilfe gerufen hätten, um die Angreifer zu bekämpfen.

Die Marines setzen die neuen Assault Breacher Vehicle (ABV) ein. Das sind 72 Tonnen schwere Fahrzeuge, die konstruiert sind, um Landminen und kleineren IEDs zu widerstehen. Sie kombinieren die Funktion von Panzern und Bulldozern. Die ABV sind mit einer fünf Meter langen, pflugscharähnlichen Schaufel ausgerüstet, die das Erdreich 35 Zentimeter tief durchpflügt und Minen zur Explosion bringt und ganze Minenfelder zerstört.

Brigadegeneral Larry Nicholson, Kommandeur der Marines in Südafghanistan, sagte zur Lage in Mardscha: "Hier ist vielleicht die größte Bedrohung durch IEDs und das größte Minenfeld, mit denen es die Nato bisher zu tun hatte."

Die afghanische Zeitung Dawn brachte ein Interview mit einem Taliban-Kommandeur in Mardscha, der sagte, der Widerstand seiner Kräfte werde anfänglich die Form eines Guerilla-Kampfes annehmen. "Wir sind Männer aus den Dörfern, wir kennen die Gegend, wir können unsere Waffen in den Dörfern verstecken und wir können sie wieder hervorholen, wenn die Lage günstig ist", sagte er. "Die Operation wird ein Fehlschlag werden."

Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes erklärte am 10. Februar: "Die Zunahme der Kämpfe in Helmand... hat zu einer deutlichen Zunahme an Opfern geführt, die medizinische Notfallversorgung benötigen." Und weiter: "Mitarbeiter der Erste Hilfe Station des IKRK in Mardscha registrieren eine wachsende Zahl von Kriegsopfern." Örtliche Beamte der Provinzverwaltung erklärten, dass weniger als 500 Familien vor den Kämpfen geflohen seien. Die große Mehrheit der Einwohner befände sich noch in ihren Häusern.

Amerikanische Sprecher haben die Offensive mehrfach angekündigt. Die amerikanischen Medien stellen diese Warnungen als Bemühen um ein Vermeiden ziviler Opfer hin. Doch es gibt auch andere Erklärungsversuche. Der afghanische Innenminister Hanif Atmar sagte, die Bevölkerung solle aufgefordert werden, sich in Sicherheit zu bringen, aber amerikanische und britische Kommandeure drängen die Bewohne von Mardscha, in ihren Häusern zu bleiben.

Die Washington Post führte noch einen weiteren Grund für die Vorankündigung an und schrieb: "Amerikanische und Nato-Kommandeure behaupten, die Informierung der Afghanen über die bevorstehende Operation hat den Zweck, den afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, der seine Zustimmung zu der Mission vor zwei Wochen gegeben hatte, daran zu hindern, vor dem Druck von Stammesführern zurückzuweichen, die von der Drogenindustrie in Mardscha profitieren."

Mit oder ohne Ankündigung in den Medien wäre die bevorstehende militärische Offensive gegen Mardscha den Taliban-Guerillas keinesfalls verborgen geblieben. Sie bewegen sich unter der Bevölkerung in der Gegend und bekommen die Aktivitäten der amerikanischen und Nato-Truppen zur Vorbereitung auf das Gefecht zweifellos mit.

Die wirkliche Haltung der amerikanischen und anderen imperialistischen Kräfte der Bevölkerung gegenüber war einem Bericht des Wall Street Journal vom Donnerstag zu entnehmen, der die amerikanischen Operationen im Gebiet von Paschmul in der Provinz Kandahar beschreibt. Sie grenzt im Osten unmittelbar an Helmand und ist ebenfalls ein Zentrum der Opposition gegen die amerikanische Besatzung.

Der Artikel trägt die unmissverständliche Überschrift "Neue Kämpfe testen amerikanische Strategie in Afghanistan: Schutz der Zivilisten frustriert Truppen in Taliban-Gebieten".

Dann beschreibt er, dass die einfachen amerikanischen Soldaten und unteren Offiziersränge die Einschränkungen nicht hinnehmen möchten, die im Namen der Reduzierung ziviler Opfer über den Einsatz ihrer Feuerkraft verhängt worden sind.

"In ganz Afghanistan, d.h. auch im Bezirk Mardscha, wo die Koalitionstruppen zu einer großen Offensive aufmarschieren, ist der friedliche Dorfbewohner häufig kaum vom feindlichen Kämpfer zu unterscheiden", schreibt das Journal. "Amerikanische Truppen nennen Paschmul, eine Anhäufung von Dörfern im fruchtbaren Gürtel mit Trauben- und Mohnfeldern westlich von Kandahar, das ’Herz der Dunkelheit’".

Die Zeitung zitiert die Schätzung des amerikanischen Kommandeurs, Kapitän Duke Reim, dass 95 Prozent der örtlichen Bevölkerung entweder selbst Taliban sind oder sie unterstützen. "Die Leute hier stehen auf der Seite der Aufständischen und trauen der Regierung nicht", erklärte der Distriktgouverneur Niyaz Mohammad Serhadi der Zeitung. "Die Aufständischen sind 24 Stunden am Tag in ihren Dörfern."

Weiter heißt es in dem Bericht: "Nachdem US-General Stanley McChrystal im Sommer das Kommando über die Koalitionstruppen übernommen hatte, schränkte er Luftangriffe ein, begrenzte die Durchsuchung von Häusern und gab als Ziel aus, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Die Theorie der Aufstandsbekämpfer geht so, dass die Bevölkerung vor Ort für die US-geführte Koalition und die afghanischen Behörden eingenommen werden könnte, wenn einige Angriffe auf die Taliban unterlassen werden, um afghanische Zivilisten zu schonen. Derweil kann die Beschränkung der amerikanischen Feuerkraft aber auch zu einem steilen Anstieg der amerikanischen Opferzahlen führen - und den Taliban einen taktischen Vorteil verschaffen."

Das Journal ist die Stimme der rechtesten militaristischen Fraktion der herrschenden amerikanischen Elite. Es lehnt solche Einschränkungen beim Abschlachten Einheimischer ab, und seine Reporter entdeckten unter den Soldaten eine ähnliche Stimmung.

"Unter den Frontsoldaten, von denen viele freizügigere Kampfregeln aus dem Irak kennen, kocht die Frustration über. ’Es ist, als ob man mit auf den Rücken gefesselten Händen kämpfen muss’, sagt Sergeant Samuel Frantz, Platoon Sergeant in Kapitän Reims Einheit. ’Um die Gefühle der Bevölkerung nicht zu verletzen, treten wir so vorsichtig auf, dass wir unseren Job nicht mehr machen können’."

Solche Stimmen bleiben nicht aus, wenn der Widerstand gegen die Besetzung Afghanistans durch die mächtigste imperialistische Streitmacht der Welt anwächst. Eine solche Stimmung führt zwangsläufig zu Gräueltaten wie in Vietnam. Es wird in afghanischen Städten und Dörfern zu ähnlichen Ereignissen kommen wie in My Lai.

Zunächst wird die Zahl der Gefallenen unter den Besatzern steigen. Natürlich steigt die Zahl der Toten auf Seiten der Besetzten noch stärker, aber darüber wird nicht so viel geschrieben. Am Donnerstag forderte eine Explosion in einem gemeinsamen afghanisch-amerikanischen Kampfposten in der östlichen Provinz Paktia mehrere amerikanische Verwundete.

Der Guardian berichtete am Mittwoch, britische Krankenhäuser seien aufgefordert worden, sich wegen der Helmand-Offensive auf die "sehr reale Möglichkeit" von mehr verwundeten Soldaten einzustellen. Er berief sich auf einen Bericht des National Audit Office, der auf eine erhöhte Belastung medizinischer Einrichtungen in Großbritannien hinwies. Das könne so weit gehen, dass einige britische Krankenhäuser Zivilisten verlegen müssten, um Platz für militärische Patienten zu machen.

Siehe auch:
Vor dreißig Jahren: Sowjetische Invasion in Afghanistan
(31. Dezember 2009)

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