Pakistanische Angriffe auf LKWs der Nato verschärfen Krise der USA im Krieg in Afghanistan und Pakistan

Von Barry Grey
8. Oktober 2010

Am vergangenen Freitag wurden bei zwei getrennten Angriffen im Süden Pakistans über zwei Dutzend LKWs zerstört, die Versorgungsgüter und Öl für die amerikanische Kandahar-Offensive in Afghanistan liefern sollten. Für die Besatzungstruppen von Nato und USA verschärften diese Angriffe die Krise, die tags zuvor mit der Sperrung eines wichtigen Grenzübergangs durch die pakistanische Regierung ausgelöst worden war.

Schätzungsweise 80 Prozent der Versorgungsgüter, darunter 50 Prozent des Treibstoffs für die Besatzungstruppen der USA, der Nato und deren Alliierte in Afghanistan kommen über Pakistan.

Als Reaktion auf die amerikanischen Luftangriffe auf pakistanische Militärposten vom Mittwoch, bei denen drei Soldaten der pakistanischen Grenztruppen getötet und weitere drei verwundet wurden, wurde der Khyber-Pass, und damit die Verbindung von Peschawar im Nordwesten Pakistans mit Jalalabad in Ostafghanistan, für Versorgungskonvois der Nato geschlossen. Halsstarrig rechtfertigt Washington diese Angriffe als „Selbstverteidigung“, obwohl die beteiligten Kampfhubschrauber die territoriale Souveränität Pakistans offenkundig verletzten.

Schon in der Woche zuvor fanden amerikanische Hubschrauberangriffen in pakistanischem Grenzgebiet statt, bei denen schätzungsweise 55 Pakistaner ums Leben kamen. Letzten Monat verstärkten die USA den Einsatz von Drohnen drastisch, um mutmaßliche Taliban- und al-Qaida-Stützpunkte in den Stammesgebieten Pakistans unter Raketenbeschuss zu nehmen. Im September führten sie zwanzig oder mehr solche Angriffe durch.

Teresita C. Schaffer, die Direktorin des Südasiatischen Programms beim Zentrum für Strategische und Internationale Studien in Washington, äußerte sich gegenüber der New York Times über möglicherweise katastrophale Folgen der Grenzschließung: „Ein paar Jahre versuchen wir schon, unsere logistische Abhängigkeit von Pakistan zu reduzieren. Unser ganzer Erfolg besteht aus einer Reduzierung von 90 auf 80 Prozent. Also nein, wir haben ganz und gar keine Ausweichmöglichkeit.“

Freitag früh griff etwa ein Dutzend maskierter Bewaffneter einen Konvoi mit Öltankwagen an, die in der Stadt Schikarpur in der Südprovinz Sindh abgestellt worden waren. Die Aufständischen schossen zuerst drohend in die Luft und feuerten dann auf die Fahrzeuge. Alle 27 wurden zerstört. Es handelte sich um den ersten derartigen Hinterhalt in diesem Teil der Provinz Sindh.

Später am Freitag zündeten Bewaffnete in der südwestlichen Stadt Khuzdar in der Provinz Balutschistan zwei weitere Nato-Fahrzeuge an.

Bei beiden Angriffen befanden sich die Lastwagen auf der Route, die von der Hafenstadt Karatschi zum Grenzübergang Chaman führt, von wo aus die Straße zur Taliban-Hochburg Kandahar, der zweitgrößten Stadt Afghanistans, weiterführt. Letzte Woche unternahmen die USA ihre umfassendste Militäroffensive gegen Kandahar und Umgebung.

Das pakistanische Regime hat den Grenzübergang Chaman zwar nicht für Konvois der USA und der Nato gesperrt. Lokale Beamte teilten aber am Freitag mit, dass ein Stau aus etwa 400 Nato-LKWs entstanden sei.

Die Ortswahl für die Angriffe am Freitag durch die Aufständischen verweist jedoch auf eine durchdachte Strategie zur Unterbrechung der Versorgungswege über die noch offen gebliebene, nach Kandahar führende Route. Die Schwierigkeiten für die Besatzungskräfte in Folge der Sperrung der nördlichen Route sollen damit noch gesteigert werden.

Auf die zunehmende Aufstandsbewegung in Pakistan weist weiter ein Polizeibericht über die Geiselnahme eines Dutzends Polizisten durch 200 Kämpfer hin. Der Vorfall ereignete sich in dem von der Presse als „normalerweise ruhig“ beschriebenen Distrikt Chitral nahe der afghanischen Grenze.

Mit seiner Ausweitung militärischer Maßnahmen in Pakistan verstärkt Washington die Spannungen zwischen den beiden Ländern und verschärft die ohnehin schon verzweifelte politische Krise der Regierung von Präsident Asif Ali Zardari. Dieser hat die Angriffe der CIA-Drohnen auf die an Afghanistan angrenzenden Stammesgebiete stillschweigend geduldet, jedoch gleichzeitig versucht, die Reißleine zu ziehen, wenn amerikanische Bodentruppentruppen oder Kampfflugzeuge nach Pakistan eindrangen.

Die allgemeine Empörung in Pakistan über die USA und über die Regierung in Islamabad, die immer mehr als Marionette Washingtons verachtet wird, wuchs durch die neuesten amerikanischen Angriffe noch weiter an. Auch das Versagen der Regierung bei den Überflutungen im Sommer, als Millionen Pakistaner obdachlos geworden waren, trägt zur Unzufriedenheit bei.

Durch die jüngsten Militärschläge verstärken die USA den Druck auf Zardari und das pakistanische Militär, ihre Offensive gegen regierungs- und Amerika-feindliche Kräfte in den Stammesgebieten und Süd-Waziristan auf Nord-Waziristan auszudehnen. Die USA behaupten, Nord-Waziristan sei die zentrale Ausgangsbasis für grenzüberschreitende Operationen der Taliban in Afghanistan.

Am Freitag reichte der pakistanische Botschafter in Belgien beim Nato-Hauptquartier in Brüssel eine offizielle Beschwerde wegen des jüngsten Eindringens der USA und der Nato ein. Premierminister Yousuf Raza Gilani sagte vor dem pakistanischen Parlament, die Regierung werde „ihre Optionen überdenken, falls es zu einer Beeinträchtigung der Souveränität unseres Landes kommt“.

Die New York Times berichtete am Freitag, ein führender Beamter des pakistanischen Geheimdienstes habe gesagt, die Grenzverletzungen könnten zu einem “völligen Bruch der Beziehungen“ zwischen Islamabad und Washington führen. Gleichzeitig gab es Berichte über Initiativen, die Auseinandersetzung durch die Einsetzung einer gemeinsamen Untersuchungskommission über die amerikanischen Luftschläge zu entschärfen.

2008 schloss Pakistan ein paar Tage lang einen Grenzübergang, nachdem ein amerikanisches Flugzeug einen pakistanischen Posten im Stammesgebiet von Mohmand bombardiert hatte. Bei diesem Vorfall kamen elf Pakistaner um.

Vor kurzem gab es in der amerikanischen Presse Berichte über eine zunehmende Verdrossenheit mit dem Zardari-Regime in der amerikanischen Regierung und auch im pakistanischen Militär. Es werde diskutiert, dass pakistanische Generäle eingreifen, die Regierung säubern und möglicherweise Zardari persönlich absetzen könnten.

Die Washington Post zitierte am Donnerstag nicht namentlich genannte amerikanische Beamte, die sich offen über eine Art militärisch gestützten Putsch aussprachen. „Amerikanische Vertreter“, so die Zeitung, „machen Andeutungen, dass sie über die Veränderungen nachdächten, die sich aus einem Rücktritt Zardaris, einer Auflösung der Regierung oder einem Aufruf zu verfassungskonformen Neuwahlen ergäben.“

“Einige deuteten an, eine neue, populärere Regierung mit starkem militärischen Rückhalt wäre besser in der Lage, die Politik der USA zu unterstützen…’Das günstigste Ergebnis dabei wäre, wenn das Militär die Instabilität vorteilhaft zu nutzen wüsste, und keine üblen Methoden anwendete, und einen Schlag eine Menge korrupter Günstlinge los werden könnte’ sagte der Sprecher.“

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