Die USA geben ein strategisch wichtiges Tal Afghanistans auf

Von Bill Van Auken
3. März 2011

Das Pentagon zieht seine Truppen aus dem im Nordosten Afghanistans gelegenen Pech-Tal ab, das es in den vergangenen zehn Jahren des Afghanistankrieges stets als strategisch bedeutsam bezeichnet hatte.

Einem Bericht der New York Times zufolge geht man davon aus, dass der am 15. Februar begonnene Rückzug in den nächsten zwei Monaten beendet sein wird. Eine Reihe Vorposten entlang des Flusstales wird damit aufgegeben, wo über 100 Soldaten der US-Armee seit dem Vordringen in dieses Gebiet im Jahre 2003 ihr Leben verloren und viele hundert verwundet wurden.

Dieser Rückzug ist nur der letzte in einer ganzen Reihe. Im letzten April zog sich die Armee aus dem benachbarten Korengal-Tal nach Süden zurück, nachdem in den drei Jahren zuvor 42 Soldaten bei Kämpfen getötet und Hunderte verwundet worden waren. Im Oktober 2009 verließen die Truppen vier Hauptstützpunkte der Provinz Nuristan, nachdem sie in einigen Gefechten des Jahres zuvor fast überrannt worden wären.

Einige US-Offiziere wiesen darauf hin, dass jeder Abzug die Widerstandsgruppen ermutige, ihre Angriffe auch in anderen Gebieten auszuweiten.

Die strategische Bedeutung des Pech-Tales wird erkennbar, wenn man sich vor Augen führt, welche Rolle es beim Zusammenbruch der von 1979 bis 1988 währenden Besetzung Afghanistans durch die Sowjetunion spielte. Das Tal war vor Moskaus Entscheidung zum Abzug seiner Truppen der Schauplatz erbittertster Kämpfe. Innerhalb weniger Monate hatten in diesem Tal die Mujaheddin-Widerstandskämpfer die von der Sowjetunion unterstützte afghanische Armee besiegt und 1989 waren die besiegten sowjetischen Truppen aus dem Land abgezogen.

Das Tal ist eine der bedeutsamen Lebensadern der Region. Es grenzt an Pakistan und hat eine Schlüsselfunktion für die paschtunischen Widerstandskämpfer. Diese überqueren dort ungehindert die vom britischen Imperialismus willkürlich gezogene Durand-Linie, welche die paschtunische Bevölkerung Afghanistans und Pakistans trennt.

Die Stationierung amerikanischen Militärs in diesem Gebiet wurde bisher als Kern einer Strategie verstanden, die davon ausging, dass das amerikanische Militär die Widerstandskämpfer nur dann besiegen könne, wenn es nicht nur in den großen Städten, sondern auch in den Dörfern des Landes stationiert sei. Neben der Errichtung entlegener, vorgeschobener Stützpunkte investierten die USA umfangreich in das Gebiet, so auch 7,5 Millionen Dollar in den Bau einer neuen Straße.

Eine Überprüfung dieser Strategie hatte unter General Stanley McChrystal begonnen und wurde nach dessen Ablösung durch General David Patraeus intensiviert. Die Überlegungen führten zu dem Schluss, dass die Stationierung im Pech-Tal nicht haltbar sei und dass eine Ausweitung des Truppeneinsatzes, wie er in diesem Tal stattfand, auf ganz Afghanistan eine Gesamtstärke der Besatzungstruppen von mindestens 600.000 Mann erfordern würde.

Die Presseberichterstattung über den Abzug ist zurückhaltend und das Militär selbst versucht den Abzug als taktische Reorganisation zu präsentieren. Die Absicht dahinter ist durchschaubar. Es geht darum, die offensichtliche, große Niederlage des US-Militärs zu vernebeln.

Ein Pentagonsprecher gab bekannt, dass der die US-Operation in Ostafghanistan kommandierende Generalmajor John Campbell seine Truppen in der Provinz „umpositioniert“, um dort einen „größeren Effekt“ und mehr „Flexibilität“ zu erreichen. „Es gibt dort Dutzende Bergpässe und wir können nicht in jedem sein“ fügte er hinzu.

Letzteres ist fraglos richtig und in dem Maße, wie US-Besatzungskräfte in diesen Gebieten nicht präsent sind, werden Taliban und andere Widerstandsgruppen diesen Spielraum für die Organisation ihrer Kräfte und für eigene Angriffe nutzen.

Eine aufschlussreichere Erklärung wurde von jemandem gegeben, den die New York Times als einen „mit der Abzugsentscheidung vertrauten Vertreter des Militärs“ bezeichnete. “Wir fanden heraus“, so dieser Beamte, „dass die Leute im Pech-Tal nicht Anti-US oder Anti-Irgendwas sind. Sie wollen lediglich in Ruhe gelassen werden”. „Unsere Präsenz ist es, die die Region destabilisiert“.

Dasselbe könnte man von ganz Afghanistan sagen. Die Anwesenheit von fast 100.000 US-Soldaten und 50.000 Soldaten anderer Länder hat das ganze Land „destabilisiert“, brachte Hunderttausenden Zivilisten Afghanistans Verwundung und Tod und bewirkte das stetige Anwachsen des bewaffneten Widerstandes, der nun in nahezu jeder Region aktiv ist. Die Menschen wollen schlicht „in Ruhe gelassen“ werden und sind bereit, für die Vertreibung des US-Militärs zu kämpfen, bis sie sich durchgesetzt haben.

Der Abzug der Truppen entlarvt auch den „Surge“-Mythos der Obama-Regierung, demzufolge die zeitweilige Aufstockung der US-Kräfte den „Aufstand“ zurückdrängen und die Ausbildung afghanischer Marionettentruppen ermöglichen würde, die dann die zuvor von den USA besetzten Gebiete kontrollieren könnten.

Laut Times befürchten Vertreter Afghanistans, „dass der Abzug von Truppen darauf hinausläuft, Territorium preiszugeben, in dem vielfältige aufständische Gruppen sich fest verankern können. Dieses Gebiet, so die Sorge der Afghanen, können sie möglicherweise nicht allein verteidigen.“

In der Tat veröffentlichte das Anti-Terror Zentrum der Militärakademie West Point im November 2008 einen Bericht, in dem offen der Zustand der in dem Gebiet stationierten Truppen eingeschätzt wurde. „Der Feind in Korengal und nahe Pech besteht aus vielerlei Kämpfern, dazu gehören die Hizb-i-Islami Gruppe von Kashmir Khan, Abu Ikhlas’ al-Qa’ida, die aufgebracht sind über die Anwesenheit „Ungläubiger“ oder aller Fremden in ihrem Tal. Weiter gehören dazu die hasserfüllten, ortsansässigen Afghanen, Lashkar-i-Tayyaba, Talibankämpfer unter Führung von Dost Muhammad and Qara Ziaur Rahman, Nuristanis unter dem Kommando von Mullah Munibullah, auch arabische Kämpfer einer Gruppe, die sich Jami’at al-Da’wa al-Qur’an wa’l-Sunna nennt und pakistanische Freiwillige. Neben diesen Gruppen gibt es noch Hunderte Kämpfer, die routinemäßig US-Patrouillen aus dem Hinterhalt überfallen, Sprengfallen legen, aus dem Hinterhalt auf ungedeckte Soldaten schießen, Beobachtungsposten mit Granaten beschießen und, falls möglich, sogar versuchen operative Stützpunkte zu stürmen.“

Ein ranghoher afghanischer Offizier gestand gegenüber der Times offen ein, dass das afghanische Militär keine Chance habe, das Gebiet zu halten. Major Turab, ehemaliger Stellvertretender Kommandierender des im Tal stationierten afghanischen Bataillons, schätzte aufgrund seiner militärischen Erfahrung und der Kenntnisse des Gebietes ein, es sei „absolut undurchführbar“ für die afghanische Armee, das „Gebiet ohne Hilfe der Amerikaner zu sichern“, das sei eine „selbstmörderische Aktion“.

Ähnlich äußerte sich der afghanische Verteidigungsminister Rahim Wardak, der sich zu Konsultationen bei seinen Dienstherren in Washington aufhält. „Es wird schwierig für die Afghanen, diese Gebiete aus eigener Kraft zu halten“, erklärte er der Washington Post. Er verwies darauf, dass er selbst an dem Einsatz im Pech-Tal beteiligt gewesen sei, durch den die sowjetische Besetzung beendet wurde und fügte hinzu: „wir müssen in diesem Gebiet sehr vorsichtig vorgehen.“

Der Times Artikel hält fest, dass die Debatte über den Abzug aus dem Pech-Tal innerhalb des US-Militärs nicht zuletzt deshalb „schmerzvoll“ war, weil die Spitzen des Militärkommandos sich sorgten, welche Auswirkungen auf die Truppenmoral die Preisgabe eines Gebietes habe, in dem Tausende Soldaten stationiert sind und mehr Soldaten fielen als in irgendeiner anderen Region – abgesehen von der Provinz Helmand im Süden Afghanistans.

Den Tenor dieser Debatte bei den Soldaten im Feld kann man den in der Soldatenzeitung Stars und Stripes im vergangenen September veröffentlichten Interviews mit Soldaten entnehmen, als die Pläne für den Rückzug diskutiert wurden.

“Viele Leute nehmen das persönlich”, sagte Sergeant Kelly O’Donnell. „Sie würden alle fragen, warum wir dort überhaupt waren. Wir haben nämlich einige Jungs verloren. Wie willst du das deinen Männern erklären?“

Ähnlich lautet ein Eintrag auf einer Website des Militärs zu Beginn der Woche. Ein Soldat, der im vorigen Jahr im Pech-Tal eingesetzt war, schreibt dort: „Was mich am meisten aufbringt, ist, dass all das Blut, der Schweiß, die Tränen, die Tausende Infanteristen in Kunar ließen … sinnlos gewesen sein werden. Ich frage mich manchmal, was all die Einsätze und der Krieg sollen, wenn es offenbar doch nichts bringt.“

Dass solche Haltungen sich nicht nur auf die einfachen Soldaten beschränken, macht eine am vergangenen Freitag an der Militärakademie West Point gehaltene Rede von Verteidigungsminister Robert Gates vor Kadetten deutlich.

Gates prognostizierte, dass die „Wahrscheinlichkeit einer weiteren Invasion, Befriedung und Verwaltung eines „großen Dritte-Welt-Landes wie Irak oder Afghanistan" gering sei und fügte hinzu, das US-Militär müsse sich eben gleichzeitig auf die Bekämpfung einer Reihe von möglichen Gegnern, einschließlich "Terroristen, Aufständischen, bewaffneten Gruppen, Schurkenstaaten oder Schwellenländer“ vorbereiten.

Sich auf die derzeitigen Einsätze in Afghanistan und dem Irak beziehend erklärte er weiter, dass „jeder zukünftige Verteidigungsminister, der dem Präsidenten noch einmal empfiehlt, Bodentruppen in großem Umfang nach Asien, Nahost oder Afrika zu entsenden ‚sich auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen sollte‘, wie General MacArthur es einmal vorsichtig umschrieb.“

Diese Rede vor einem Auditorium zukünftiger Offiziere, von denen nicht wenige sich in naher Zukunft im Einsatz in Afghanistan oder Irak wiederfinden werden, ist außergewöhnlich.

Sie entlarvt im Grunde die Propagandabehauptungen der Regierung Obama von der „Notwendigkeit“ des Krieges in Afghanistan, der geführt werde, um die Bevölkerung der USA vor einer angeblich allgegenwärtigen terroristischen Bedrohung zu schützen. Gates erzählt uns stattdessen, dass heute sogar der Vorschlag, einen solchen Krieg zu führen, als verrückt gelten würde.

In der Rede des Verteidigungsministers widerspiegelt sich die zunehmende Ratlosigkeit, ja sogar Demoralisierung des offiziellen Washingtons und der herrschenden Elite Amerikas, ausgelöst durch die unlösbare Wirtschaftskrise im eigenen Land und die Unfähigkeit im Ausland mittels militärischer Aggressionen ihr Ziel der Herrschaft über die Schlüsselregionen der Energieversorgung der Welt zu erreichen.

Sowohl die Rede Gates’ als auch der beabsichtigte militärische Abzug aus strategischen Gebieten Afghanistans, hinterlassen den Eindruck einer bevorstehenden Niederlage, die in ihren sozialen und politischen Rückwirkungen auf die USA dem Vietnamdebakel durchaus Konkurrenz machen könnte.

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen