Zur Einstellung des Verfahrens gegen Dominique Strauss-Kahn:

International Socialist Organization ignoriert alle Prinzipien

Von David Walsh
7. September 2011

Die International Socialist Organization (ISO) verurteilte am 23. August in ihrem Organ, dem Socialist Worker, die Einstellung des Strafverfahrens gegen den französischen Politiker Dominique Strauss-Kahn wegen sexueller Vergehen. Sie bezeichnet die Entscheidung des Richters in New York City als „einen Fall, in dem das Rechtssystem die wohlhabende Elite schützt.“ Im Verlauf des Artikels gerät die World Socialist Web Site für ihre „schändliche“ Position in dieser Affäre unter Beschuss.

In einem Artikel vom 29. August unter dem Titel “Ein weiteres Gesetz für die Reichen und Mächtigen” lässt die ISO alle wesentlichen politischen Fragen unangetastet, die in Verbindung mit dieser schmutzigen Affäre stehen.

Die Autoren Lichi D’Amelio und Natalia Tylim argumentieren, dass das mutmaßliche Opfer, die 32-jährige eingewanderte Hotelbedienstete Nafissatou Diallo, zur Zielscheibe einer „Medien-Hetzkampagne“ geworden sei und dass die von Strauss-Kahn und seinen Anwälten „großzügig finanzierte Kampagne zur Diskreditierung von Diallo“ anscheinend „funktionierte.“

Nachdem sie eine medizinische Untersuchung des vermeintlichen Opfers erwähnt hatten, welche nach Auffassung der Staatsanwälte den Vorwurf des sexuellen Gewaltaktes nicht erhärten konnte (unter anderem weil unter den Fingernägeln der Klägerin keine DNA von Strauss-Kahn gefunden wurde), schreiben D’Amelio und Tylim: „Trotz dieser Tatsachen ziehen die Medien sogar in Zweifel, dass überhaupt körperliche Beweise vorhanden seien.“ Und sie gehen weiter: „Die menschenverachtende Behandlung Diallos und die Feindseligkeit gegenüber ihren Aussagen ist typisch für das, was viele Frauen und Mädchen erleben müssen, wenn sie den Vorwurf sexueller Übergriffe erheben.“

Es ist sehr einfach, bei einer vorgegebenen Schlussfolgerung anzukommen: Man muss nur die Fakten und Argumente in einer solchen Weise anordnen, dass jede andere Lösung ausgeschlossen wird.

Der Artikel im Socialist Worker präsentiert den Fall in eklatantem Widerspruch zur Realität. Diese Darstellung dient eindeutigen politischen Zielen und soll bestimmte politische Wählerschichten zufriedenstellen.

Die Behauptungen oder Unterstellungen, Strauss-Kahn sei freigelassen und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe seien fallengelassen worden, nachdem seine Freunde an hohen Stellen dies erwirkt hätten, oder die US-Justiz hätte darauf gebrannt, ihn endlich freizusetzen oder die amerikanischen Medien hätten sein Lager gegen das der Klägerin unterstützt, sind absurd. Damit wird die Wirklichkeit auf den Kopf gestellt.

Vielleicht haben die beiden Autoren in der Zeit nach dem Vorfall im Sofitel-Hotel in Manhattan, der Strauss-Kahn und Frau Diallo betraf, weder Zeitungen noch Fernsehen verfolgt. Wir wollen sie darüber informieren, was geschehen ist.

Das Bezirksbüro der Staatsanwaltschaft von Manhattan beeilte sich am 14. Mai und den folgenden Tagen sehr mit seiner Anklageerhebung. Strauss-Kahn wurde aus einem Flugzeug herausgeholt und absichtlich gedemütigt und erniedrigt: Er musste den ‚perp walk‘ gehen und wurde in diesem als Tatverdächtiger in Handschellen öffentlich den Medien vorgeführt. Darauf wurde er im Gefängnis von Riker’s Island eingesperrt und durfte auf Drängen des Staatsanwalts Cyrus Vance Jr. nicht gegen Kaution entlassen werden.

Vance und seine Mitarbeiter erhoben gegen Strauss-Kahn unverzüglich und in aller Öffentlichkeit Anklage in mehreren Punkten: in zweien wegen sexueller Straftaten ersten Grades, in einem weiteren wegen versuchter Vergewaltigung ersten Grades, außerdem wegen sexuellen Missbrauchs ersten Grades und ungesetzlicher Freiheitsberaubung zweiten Grades. Dazu kamen noch gewaltsame Berührung und sexueller Missbrauch dritten Grades. Der schwerwiegendste Vorwurf allein, eine sexuelle Straftat ersten Grades, als Gewaltverbrechen der Klasse B eingestuft, bedrohte Strauss-Kahn mit der Höchststrafe von 25 Jahren Gefängnis. Vance sagte, der Fall des Angeklagten sei „schwerwiegend…höchst schwerwiegend“, und das mutmaßliche Opfer sei glaubwürdig.

Weit entfernt davon, sich auf der Seite von Strauss-Kahn zu scharen, wie die ISO suggeriert, haben die New Yorker und die amerikanischen Medien insgesamt sich über ein gefundenes Fressen hergemacht und sparten keinen Aufwand, um ihn in der öffentlichen Meinung zu diskreditieren. Die Presse klagte ihn an und verurteilte ihn. Dass er Franzose und nominell „Sozialist“ war, spielte keine geringe Rolle in der Kampagne – als unterschwellige Botschaft oder anderweitig.

Sind D’Amelio und Tylim ein paar Beispiele genehm? Man nehme folgende Schlagzeilen der New York Post vom Mai: „IWF-Chef wurde gewarnt, sich in den USA zu benehmen“ „Nächstes Mädel: Lecher [Strauss-Kahn] wollte pausenlos mit mir schlafen,“ „Jammernder IWF-Direktor willigt schließlich in medizinische Untersuchung ein; für heute vorgesehen,“ „Strauss-Kahns Schande geht über Sex hinaus,“ „Was will man von schmierigen Sozialisten erwarten?“ (aus einem Leserbrief an die Post).

Ein paar Beispiele von CNN vom Mai und von Anfang Juni: “Biograph: Strauss-Kahn ist ein großer Verführer,” „Anklage wegen Sexübergriff ist Warnung an alle ‚Hochgestellten‘“ „New Yorker Hotels verteilen „Panikknöpfe“ an die Zimmermädchen“ „Fortschritte im IWF-Sex-Fall [d. h., dass Strauss-Kahn verhaftet worden ist],“ „Sex, Presse und Politik in Frankreich,“ „Wohnhaft auf Riker’s Island.“

Die New York Times, eine der führenden Stimmen des amerikanischen Establishments, nahm unter den Dreckschleudern die Führungsrolle ein. Die WSWS schrieb am 17. Mai [deutsch am 20. Mai)], dass die Times „mit ihrer Vorliebe für Gossenjournalismus gestern nicht weniger als drei Kolumnen – von Maureen Dowd, Stephen Clarke und Jim Dwyer – veröffentlichte, die sich in Strauss-Kahns Erniedrigung ergehen. Sie behandeln den Vorwurf der Vergewaltigung, als sei er bewiesen und stacheln ihre Leser in provokativer Weise gegen den Beklagten auf. Jede der Kolumnen spielt mit der Ahnungslosigkeit der Leser, was das juristische Vorgehen angeht, und an ihre niedrigsten Instinkte. Das schmuddelige Niveau der Beiträge lässt sich aus dem Titel ablesen, den Clarke seinem Aufsatz gegeben hat: “Droit du Dirty Old Men.” [„Das Recht schmutziger alter Männer“]“

Dowds abstoßender Artikel mit dem Titel „Mächtig und primitiv“ begann mit den Worten: „Oh, sie wollte es. Sie wollte es so sehr. Das ist es, was jede hart arbeitende, gottesfürchtige junge Witwe, die sich mit Hilfsarbeiten in einem Hotel am Times Square den Rücken krumm arbeitet, um ihre jugendliche Tochter durchzubringen, ihren Einwanderungsstatus zu rechtfertigen und von den Möglichkeiten in Amerika zu profitieren, will – einen wild gewordenen brünstigen faltigen alten Satyr, der nackt aus dem Badezimmer stürmt, sich auf sie stürzt und sie im Stile eines Höhlenmenschen durch den Raum zerrt.“

Angesichts dieses eindeutigen Materials – falls die ISO mehr davon zu sehen wünscht, ist es leicht, Dutzende und Überdutzende ähnlicher Elaborate zu liefern –behauptet der Socialist Worker: „Während der Vorfall selbst laut Daillo nur neun Minuten dauerte, folgten ihm Monate fortgesetzter Angriffe der Medien und des ‚Rechtssystems‘ auf das Opfer.“ Weiter: „Wie vorherzusehen war, drehte sich fast die gesamte öffentliche Untersuchung um Nafissatou Diallo, die sich praktisch wegen ihrer eigenen Vergewaltigung vor Gericht gestellt fand.“ Was soll man davon halten? Das ist reine Phantasterei und ein Versuch, den Leser irrezuführen.

Besonders absurd ist der letzte Kommentar, wenn man sich die Tatsache vor Augen hält, dass die weltweiten Medien en masse reißerische Geschichten über Strauss-Kahns angebliche früheren sexuellen Entgleisungen brachten, lange bevor die Identität des mutmaßlichen Opfers bekannt wurde. D’Amelio und Tylim waren nur allzu begierig, diese Geschichten breit zu treten. Wenn sich doch „fast die gesamte öffentliche Untersuchung“ um Diallo drehte, wie sind dann unsere Autoren an dieses Material gekommen, welches 20 Prozent ihres Artikels ausmacht?

Ihre offensichtliche eigene Doppelmoral scheint ihnen nicht aufzufallen. So können sie schreiben: “ Diallos Vergangenheit tangiert nicht ihre Geschichte …dass sie das Opfer eines sexuellen Übergriffs wurde,“ später hingegen: „Angesichts der langen Liste an Vorwürfen gegen Strauss-Kahn könnte man erwarten, dass Diallos Beschuldigungen, gestärkt durch die harten Beweisstücke, mindestens einen Prozess wert seien.“ In anderen Worten: Diallos Vergangenheit und ihre Gewohnheitslügen, die die Staatsanwaltschaft von Manhattan teils detailliert darlegte („Falsche Vergewaltigungsbeschuldigung,“ „Falschaussage unter Eid,“ „Zusätzliche Unwahrheiten“), haben auf diesen Fall keinen Einfluss, dafür sollen aber die über Strauss-Kahn in Umlauf gebrachten substanzlosen Gerüchte – keine “Anklagen,“ denn er wurde niemals wegen eines Verbrechens verurteilt – ausreichen, um ihm den Prozess zu machen! Und warum, muss man sich fragen, soll Strauss-Kahns Vergangenheit relevanter sein, als diejenige von Daillo, wie D’Amelio und Tylim uns weismachen wollen?

Als der Fall im Juli im Wesentlichen in sich zusammenbrach, änderte sich der Ton der Medien. Um das Gesicht zu wahren, gingen das politische und Medienestablishment auf die vorgegebene Linie der Staatsanwaltschaft von Manhattan über. Was Strauss-Kahns Reputation und seine politischen Ambitionen angeht, ist die Beschädigung aber in jedem Falle schon eingetreten.

Die ISO thematisiert nicht die Frage demokratischer Rechte. Sie zeigt daran nicht das geringste Interesse und im ganzen Artikel sucht man vergebens danach. Auch nach den Begriffen „Unschuldsvermutung“, „Verfassung“ oder „perp walk“ hält man vergebens Ausschau. Jeder unvoreingenommene Mensch, der die Identität des Angeklagten außen vor lässt, muss diesen Fall als äußerst problematisch erkennen. Nicht so der Socialist Worker.

Unseren Autoren bereiten auch die wesentlichen praktischen Folgen der gegen Strauss-Kahn erhobenen Anklagen keinerlei Kopfzerbrechen. Weder sein erzwungener Rücktritt vom Vorsitz des IWF, der vor allem unter dem Druck der Obama-Regierung geschah, noch sein Ausscheiden aus dem französischen Präsidentschaftswahlkampf 2012 waren unerhebliche Auswirkungen.

Sollte einen das nicht nachdenklich machen? Strauss-Kahn ist ein bürgerlicher Politiker. Nachdem er einen jugendlichen Anfall von „Linksradikalismus“ überwunden hatte, wurde er zu einem leidenschaftlichen und wohlhabenden Verteidiger des kapitalistischen Systems. Ist das schon das Ende der Geschichte? Gibt es keine Spaltungen in der herrschenden Elite? Wir wissen, dass sowohl die Republikaner als auch die Demokraten das Profitsystem unterstützen, doch ihre Differenzen sind real und werden erbittert ausgefochten. Noch weit mehr trifft dies auf die Konflikte innerhalb der globalen herrschenden Elite zu.

D’Amelio und Tylim stellen fest, dass Strauss-Kahn „einer der mächtigsten Männer der Welt“ war, doch es scheint ihnen nicht in den Sinn zu kommen, dass er an der Wall Street, in Washington und in Paris ebenso „mächtige“ politische Gegner haben könnte. Ihre vertrauensselige Haltung gegenüber diesen Kreisen ist erstaunlich. Glauben sie wirklich, dass die Staatsanwälte sich nicht untereinander und höchstwahrscheinlich mit den höchsten Stellen der US-Regierung, mit denen sie zu tun haben, absprechen?

Unsere Autoren fragen, “Ob wir glauben sollen, dass Diallo lediglich ein vorsätzliches Komplott erfand, um an Geld zu kommen, indem sie es mit einem der mächtigsten Männer der Welt aufnahm?“ Das „als weit hergeholt“ zu bezeichnen, wäre noch die Untertreibung des Jahres, lassen sie durchblicken.

Dieser Artikel ist ein Produkt politischen Wunschdenkens. Niemand weiß, ob es ein „vorsätzliches Komplott“ gegeben hat, oder ob die Ereignisse Strauss-Kahns Gegnern möglicherweise lediglich eine günstige Gelegenheit boten. Tatsache indessen ist, dass er gezwungen wurde, den IWF zu verlassen, keinerlei Unterstützung der Sarkozy-Regierung erhielt und durch eine viel weiter rechts stehende Person, nämlich Christine Lagarde, ersetzt wurde, die aus früheren Zeiten viel engere Beziehungen zum amerikanischen Big Business pflegt. Politische Veränderungen im IWF können das Leben von Millionen Menschen betreffen. Hinzu kommt, dass Strauss-Kahn, als er verhaftet wurde, in den Umfragen als potentieller französischer Präsidentschaftskandidat gegen Sarkozy und die Neofaschistin Marine Le Pen führte.

Der Socialist Worker führt die Beschuldigungen der 32-jährigen Schriftstellerin Tristane Banon an, die jetzt behauptet, Strauss-Kahn habe im Jahr 2003 versucht, sie zu vergewaltigen. Er führt aber nicht an, worauf das Newsweek-Magazin verweist: dass Banons Mutter, Anne Mansouret, die ihre Tochter dazu gedrängt hat, an die Öffentlichkeit zu treten „eine ehrgeizige Politikerin ist, die häufig als Strauss-Kahns Konkurrentin in der französischen Sozialistischen Partei wahrgenommen wird.“

D’Amelio und Tylim spüren bei all diesen Dingen kein Unbehagen. Unserer Meinung nach ist es höchst unverantwortlich, zu unterstellen, der Sturz einer der mächtigsten politischen Personen der Welt habe nichts mit Politik zu tun. Der einfache Mann auf der Straße wird sich gegenüber der ganzen Sache misstrauischer und skeptischer verhalten, als es die Autoren der ISO zu sein vorgeben.

Und was Diallos Interesse angeht, finanziellen Vorteil aus dem Fall zu ziehen: was ist daran „weit hergeholt“, wenn man bedenkt, dass sie genau das mit ihrer im August eingereichten Zivilklage versucht?

Das dürre Skelett der Argumentation des Socialist Worker läuft hierauf hinaus: Diallo ist schwarz und weiblich, Strauss-Kahn ist weiß und männlich, also muss man ihr – trotz aller gegenteiligen Beweise – glauben, hingegen soll er vor Gericht kommen und mit ein wenig Glück auch ins Gefängnis gehen.

Diese erbärmliche Verfahrensweise, welche die ISO und einige ihrer Unterstützer zufriedenstellen mag, schließt aus, dass ein zutreffendes Bild der komplexen Welt oder eine ernsthafte politische Perspektive entwickelt wird und führt stattdessen auf politisch anrüchiges Territorium.

Es ist nicht zu leugnen, dass viele Vergewaltigungen nicht angezeigt werden, ungestraft bleiben und dass die Reichen und Mächtigen dieses Planeten mit den ungeheuerlichsten Verbrechen davonkommen. Doch das ist kein Grund, einen Menschen, selbst den reichsten und mächtigsten, aus fadenscheinigen oder gar nicht vorhandenen Gründen zu verurteilen. Dies stärkt nur den repressiven Apparat des Staates und stellt einen weiteren Schlag gegen das dar, was von den elementaren demokratischen Rechten noch übrig ist.

Nicht einmal wenn die Autoren des Socialist Worker nur vom Wunsch beseelt wären, den Unterdrückten angetanes Unrecht anzuklagen (und das tun sie keineswegs), hätte eine solche Haltung nichts gemein mit einer klassenbewussten, sozialistischen Perspektive.

Der Kampf zur Überwindung der bestehenden Ordnung ist nicht darauf gerichtet, Rache zu üben, sondern darauf, die Gesellschaft auf eine rationale, humane und demokratisch organisierte Grundlage zu stellen. Selbst die kriminellsten und räuberischsten Figuren betrachten wir nicht als aus der Hölle gekrochene Kreaturen, sondern als Repräsentanten und Produkte bestimmter sozialer Interessen. Unser vordringliches Ziel besteht nicht darin, sie zu bestrafen, sondern die Bedingungen zu beseitigen, unter denen sie Macht ausüben.

Es scheint außerhalb der Vorstellungskraft von D’Amelio und Tylim zu liegen, dass sexuelle Provokationen auch gegen solche Personen gerichtet sein könnten, mit denen sie einverstanden sind. Haben die beiden jemals von einem Menschen namens Julian Assange gehört, einem Gegner der US-amerikanischen imperialistischen Politik, der sich gegenwärtig gegen seine drohende Auslieferung an Schweden zur Wehr setzt, wo ihn eine Anklage wegen erfundener sexueller Übergriffe erwartet?

Hätte die ISO es lohnenswert gefunden, Alfred Dreyfus zu verteidigen, einen französischen Armeeoffizier, der von einem Kommentator als “reich, konservativ und durchschnittlich“ beschrieben worden war, und dessen Fall zu einem Wendepunkt in der modernen französischen Geschichte wurde?

Der billige und verlogene Populismus der ISO hat eine lange und unappetitliche Geschichte in den Vereinigten Staaten. Sind die beiden vertraut mit dem Fall des Leo Frank, eines jüdischen Fabrikmanagers, der im Jahr 1915 zu Unrecht der Vergewaltigung und Ermordung einer jungen Arbeiterin bezichtigt und später gelyncht wurde? Reaktionäre Kräfte prangerten Franks „reiche Beziehungen“ an und beschuldigten ihn, „eine Tochter des Volkes“ grauenvoll missbraucht zu haben, das „kleine Arbeitermädchen, das um ihre Unschuld rang“ usw.

Leute, die diese Art der Argumentation pflegen, spielen ein übles Spiel. Heimtückische Verweise auf „hochbezahlte Anwälte“ suggerieren, dass es unstatthaft von Strauss-Kahn sei, sich gegen die Anklagen zu verteidigen, die ihn mit jahrzehntelangen Haftstrafen bedrohten. War er überhaupt berechtigt, sich zu verteidigen? Steht Diallos Geschichte über allem Zweifel?

Wir wollen uns folgende Frage stellen: würden solche Anklagen gegen ein führendes Mitglied der ISO erhoben, hätten ihre Mitglieder dann einfach abgeglichen, ob der Ankläger die passende Hautfarbe und das richtige Geschlecht aufweist? Dies ist eine Einladung zur Provokation. Solche Leute sind unfähig, irgendetwas zu verteidigen – sie sind politisch gefährlich.

Die Darstellung Diallos im ISO-Artikel stützt sich hauptsächlich auf einen Artikel von William Saletan im Slate vom 23. August, welchen D’Amelio und Tylim als “Exposé” des “Falles gegen Diallo” beschreiben. Darum handelt es sich aber nicht. Saletan, der zuvor die Verfolgung Strauss-Kahns als zu weit gehend bezeichnete, wendet jetzt ein, dass die Bundesstaatsanwaltschaft, die am 22. August die Anklage fallen lies, Diallos Fehlverhalten übertrieben bewerte.

D’Amelio und Tylim gehen nicht auf Saletans vorher geäußerte Position ein, die ihrer eigenen direkt widerspricht. Er schrieb im Juli, dass der Zusammenbruch des Falls gegen Strauss-Kahn keine „Niederlage der Frauen oder des Justizsystems war. Es war ein Sieg für die Beweismacht.“ Saletan wirft jetzt eine Reihe von Fragen zur Darstellung der Bundesstaatsanwaltschaft auf, die, mögen sie gerechtfertigt sein oder nicht, jedenfalls folgende wesentliche Fakten nicht erschüttern: dass Diallo die Geschehnisse vom 14. Mai in verschiedenen Versionen schilderte, dass sie log, als sie von der Massenvergewaltigung in Guinea sprach, dass sie im Besitz vom mehreren zehntausend Dollar (ob es 60.000 oder 100.000 Dollar waren, tangiert diese Tatsache nicht) war, als sie behauptete, ihr Einkommen allein von ihrer Anstellung als Zimmermädchen im Sofitel-Hotel zu beziehen (sie hatte außerdem fünf Mobiltelefonanschlüsse), und dass sie den Fall mit ihrem wegen Drogenhandel inhaftierten Freund in einem Handy-Gespräch diskutierte und dabei Strauss-Kahns Prominenz und Reichtum veranschlagte.

Sowohl Saletan als auch der Socialist Worker würdigen jedenfalls nicht den gesellschaftlichen und juristischen Kontext. Das Büro der Bundesstaatsanwaltschaft hatte mit Entschiedenheit verkündet, es habe einen „starken“ Fall, und die Anklagepunkte mit großem Trara verkündet. Es genoss massive Rückendeckung durch die amerikanischen Medien und stillschweigend auch die der Obama-Regierung (Finanzminister Timothy Geithner gab wenige Tage nach Strauss-Kahns Verhaftung in New York die dringende Empfehlung, er solle von seinen IWF-Funktionen zurücktreten).

Aus welchem anderen Grund sollten die Staatsanwälte von einem Fall abspringen, der gute Karrieren versprach, wenn nicht dem, dass ihnen klar geworden war, dass „die Glaubwürdigkeit“ ihres mutmaßlichen Opfers „den elementarsten Überprüfungen nicht standhalten kann“ und dass „sie trotz der Bitte einfach ehrlich zu sein, in praktisch jeder wichtigen Befragung durch die Staatsanwälte, in großen und kleinen Angelegenheiten Lügen erzählte – viele in Bezug auf ihren Hintergrund und einige in Bezug auf die Umstände des Vorfalls selbst.“ Für Bezirksstaatsanwalt Vance war dies ein demütigender Rückzieher und ein Fiasko. Das Problem der Staatsanwälte war, dass die Arbeit, die sie nach der Erstellung der Anklageschrift aufnahmen, vorher hätte gemacht werden müssen.

Die World Socialist Web Site hob sich nicht darum von der gegen Strauss-Kahn gerichteten Medienhysterie ab, weil wir irgendwelche Sympathie für seine Ansichten oder Positionen hegen, sondern aus prinzipiellen Gründen. Deshalb richtete die ISO ihre Angriffe auf uns. D’Amelio und Tylim schreiben, dass „diejenigen, die auf der linken Seite stehen, dagegen opponieren sollten, dass einem der mächtigsten Männer der Welt erlaubt wird, seine Macht einzusetzen und mit Hilfe eines hoch bezahlten Teams von Anwälten und PR-Spezialisten die Aussagen seiner Anklägerin zu verdrehen.

Es ist beschämend, dass einige Linke dem offenbar nicht zustimmen. Die World Socialist Web Site zum Beispiel schien den Verleumdungen gegen Diallo auf den Leim zu gehen. In einer Reihe von Online-Artikeln verteidigt die Webseite tatsächlich den ehemaligen Chef des IWF gegen eine eingewanderte afrikanische Hotelangestellte und bricht in Jubel aus über die Einstellung der Anklage, als ob dies ein Sieg für die einfachen Menschen bedeute.“

Es ist unklar, was der erste Satz überhaupt meint, da weder Strauss-Kahn noch seine Anwälte die Macht besaßen, Diallos Worte zu verdrehen. Sie hatten nur wenig mit der Aufdeckung ihrer Lügen und dem Zusammenbruch des Falls zu tun. Wir sind „den Verleumdungen“ gegen Diallo nicht „auf den Leim gegangen“; im Gegensatz zur ISO betrachteten wir objektiv die Fakten und den Kontext des Falls. Wir haben nicht bei der antidemokratischen Schmutzkampagne und Hexenjagd mitgemacht, wie es die ISO tat, und wir haben nicht vergessen, dass es sich um einen Akt handelte, hinter dem die gesamte Macht des amerikanischen Staates stand.

Ihre zurechtgeschminkte Wahrnehmung der Klassenbeziehungen und ihre politische Ausrichtung hindern die ISO daran, die Diallo-Strauss-Kahn-Affäre ehrlich zu betrachten. Wenn ihre Mitglieder und Unterstützer wünschten, den Fall kritisch zu betrachten, ständen sie vor folgendem Problem: Sie müssten ihre Beziehungen zu Feministen und anderen Aktivisten kleinbürgerlicher Protestpolitik zerschneiden, wenn sie Diallo nicht unkritisch und unhinterfragt unterstützen würden. Ebenso gefährdet wären die Beziehungen, die sie zu kleinbürgerlichen Elementen der schwarzen Minderheit in und um die Demokratische Partei unterhalten. Ende Juli hielten diese Kreise in einer bekannten Brooklyner Kirche eine enthusiastische Unterstützungsveranstaltung für Diallo ab.

Welche weiteren Beweise braucht man nach der Clinton-Lewinsky-Affäre oder den kürzlich erfolgten Rücktritten Eliot Spitzers und Anthony Weiners von politischen Spitzenposten, um zu begreifen, dass Sexskandale unentwegt dazu benutzt werden, die amerikanische Politik zu beeinflussen und sie immer weiter nach rechts zu treiben?

Der ISO-Ansatz ist zutiefst subjektiv. Ihre Sucht nach Identitätspolitik und ihre Orientierung an instabilen kleinbürgerlichen Kreisen macht sie anfällig für Manipulationen durch reaktionäre Kräfte. Die herrschende Elite versteht, dass sie sich auf Publikationen wie den Socialist Worker und andere verlassen kann, um einen pseudo-linken Deckmantel für ihre schmutzigen Geschäfte zu erhalten. Die ISO kann mit fast jeder Banane in fast jede Richtung gelenkt werden.

Die Anhänger der ISO werden sich für das D’Amelio-Tylim-Pamphlet dankbar erweisen, doch die Wahrheit und die Verteidigung demokratischer Rechte bleiben auf der Strecke.