George Clooneys „Ides of March“

Von David Walsh
24. Dezember 2011

Der neue Film von Regisseur George Clooney, “Ides of March –Tage des Verrates”,  spielt in der Welt der amerikanischen Politik von heute.

Seine Hauptfigur, Stephen Meyers (Ryan Gosling), ist Assistenzmanager des Gouverneurs von Pennsylvania, Mike Morris (George Clooney), eines demokratischen Hoffnungsträgers, der sich bei den Präsidentschafts-Vorwahlen mit Senator Ted Pullman aus Arkansas ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefert. Das Ergebnis der demokratischen Vorwahlen in Ohio, wo ein großer Teil des Films spielt, entscheidet darüber, wer der nationale Kandidat der Partei wird.

Pullmans Spitzenberater, der machiavellistische Tom Duffy (Paul Giamatti) wendet sich an Meyers. Der wiederum versucht, seinen Chef Paul Zara (Philip Seymour Hoffman) über das anstehende Treffen zu informieren, erreicht ihn aber nicht. Bei der geheimen Zusammenkunft bietet Duffy Meyers einen Job an. „Sie arbeiten für den falschen Mann“, sagt er und erzählt Meyers, dass Morris sich letztendlich als gewöhnlicher Durchschnittspolitiker erweisen wird. Auf jeden Fall lehnt der junge Mann das Angebot ab. Als das Treffen schließlich herauskommt, feuert Zara Meyers im Namen der „Loyalität“, was unser Held nicht einfach so hinnehmen mag.

Gleichzeitig kämpfen Morris und Pullman wie auch ihre jeweiligen Berater darum, wer die Unterstützung des widerlichen Senators Thompson (Jeffrey White) aus North Carolina erringen kann, dessen Preis ein Spitzenposten im Kabinett ist.

Zusätzlich werden die Dinge kompliziert durch Meyers‘ Affäre mit der Wahlkampf-Praktikantin Molly Stearns (Evan Rachel Wood), der Tochter eines hohen Tieres aus der Demokratischen Partei. Meyers entdeckt, dass Molly ein flüchtiges Techtelmechtel mit Clooney-Morris hatte und als Ergebnis davon schwanger ist. Stephen hilft ihr, indem er das Geld für eine Abtreibung auftreibt und sie in eine Klinik fährt. Aus Angst, fallengelassen zu werden und aus Furcht, Meyers könne ihre Lage zu seinem Vorteil ausnutzen, kommt es zu einer Verzweiflungstat.

Am Ende konfrontiert Meyers Gouverneur Morris mit seinem Wissen und stellt ihm seine eigenen Forderungen.

Ides of March ist zuerst und vor allem ein Produkt des Hollywood-Liberalismus mit der ihm eigenen politischen Formlosigkeit und Stumpfheit. Hier wird das Leben so behandelt, als ob es großenteils in einem Kokon beginnt und endet.

Dass amerikanische Politik ein schmutziges, halsabschneiderisches Gewerbe ist, bei dessen Handlungsträgern es sich um prinzipienlose, wohlsituierte Opportunisten handelt, dürfte wohl kaum jemanden über dem Alter von dreizehn Jahren überraschen. Vermutlich tut man mit dieser Äußerung den Zwölfjährigen noch Unrecht.

Die intelligente und attraktive Besetzung - Gosling, Clooney, Hoffman, Giamatti, Wood, Wright and Marisa Tomei als skrupellose Journalistin – tut mit diesen voraussagbaren Figuren und Situationen, was sie kann. Trotzdem ist es nicht gerade inspirierend, über Ides of March zu schreiben. Zwar gehört er nicht zu den Filmen, bei denen man alle paar Minuten auf seine Uhr sieht, aber er ist im Wesentlichen konservativ und träge.

Eines der Probleme besteht darin, dass im Zentrum des Plots eine Unglaubwürdigkeit steht. Die Filmemacher wollen einfach zu viel. Sie beginnen damit, dass sie Molly als eine hartgesottene Figur zeichnen, ähnlich dem knallharten und redegewandten Meyers. Dann aber lassen sie sie vollkommen zusammenbrechen, um die Story voranzutreiben. Dass ein solch ehrgeiziges karrieristisches Individuum, das im zynischsten Milieu aufgewachsen ist, sich so verhalten würde, wie der Film im Folgenden zeigt, scheint doch extrem unwahrscheinlich. (Nicht nur das, wie man es ja schon in einer Reihe von Filmen gesehen hat. Autor und Regisseur zeichnen ihre Lage auch noch in solch emotional niederschmetternden Farben, dass man das Gefühl hat, hier macht jemand Zugeständnisse an die abtreibungsfeindliche christliche Rechte.)

Man findet in Clooneys Film Spuren der verschiedenen Kampagnen und Probleme von Bill Clinton, John Edwards, Howard Dean und anderen. Besonders tief werden diese Erfahrungen nicht gerade ausgelotet. Die politischen Lehren, die Ides of March zieht und dem Zuschauer vermittelt, sind von offensichtlicher Buntheit und haben nur darauf gewartet, vom passenden Möchtegern-Künstler oder Möchtegern-Publizisten ihrer friedlichen Oberflächlichkeit entrissen und in Schauspielform arrangiert zu werden.  

Der Verfasser des Bühnenstücks “Farragut North”, auf dem der Film basiert, der Theaterautor Beau Willimon, nahm als freiwilliger Helfer an dem erfolgreichen Wahlkampf des Demokraten Charles Schumer um den New Yorker Senatssitz im Jahr 1998 teil und diente als Pressereferent bei Howard Deans erfolgloser Kampagne um die Ernennung zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten im Jahr 2004. Dem Boston Globe zufolge arbeitete er auch für die Wahlkämpfe von Hillary Clinton und Bill Bradley, dem ehemaligen Senator von New Jersey.

“Das Stück lebt zum großen Teil von meinen Erfahrungen während der Dean-Kampagne, aber auch von anderen Kampagnen, an denen ich teilgenommen habe”, sagte er dem Globe. „Alle Charaktere sind frei erfunden. Sie sind eine Mischung aus den verschiedenen Leuten, die mir begegnet sind.“

Bei diesem durch und durch konventionellen Ausgangspunkt überrascht einen das Ergebnis nicht. In einem anderen Interview erklärte Willimon: „Alles, was in dem Stück erwähnt wird und sich in einem gewissen Maß in dem Film wiederfindet – das Übertreten von Gesetzen, die Manipulation des demokratischen Prozesses, die Hinterzimmerabsprachen, die Machtspielchen – all das ist wahr. Es macht schon Angst, wenn man sieht, wie sehr die Politiker die Wahlen manipulieren, um in das höchste Amt im Land aufzusteigen. Sich an die Regeln zu halten, hilft nicht, wenn man gewählt werden will.“ (Emanuel Levy)

Die Bevölkerung der USA versteht dies weitgehend. Das erklärt, warum sich wachsende Abneigung gegen die beiden großen  Parteien und den gesamten politischen Überbau breit macht. Aber, wie gesagt, es gibt keine Anzeichen dafür, dass entweder Clooney oder Willimon oder ein anderer Beteiligter hieraus irgendwelche interessanten Schlussfolgerungen gezogen hätte.

Im Gegenteil. Im nächsten Atemzug scheint jeder bereit, seine fortgesetzte Unterstützung für die Demokratische Partei und das existierende politische System zu erklären. Bemerkenswerterweise kommentiert Ko-Autor Grant Heslov zum Beispiel Clooneys Charakter Gouverneur Morris mit folgenden Worten: „Die Wahrheit ist, dass er schließlich aus den falschesten Gründen bei (Senator) Thompson landet.  Aber am Ende des Tages stellt sich für mich die bedeutendere Frage: Ist er der richtige Mann für den Job? Ja, er hat ein paar in meinen Augen ziemlich verwerfliche Dinge getan. Aber ich glaube auch, dass er der bessere Kandidat ist und wahrscheinlich auch der bessere Mann für den Job. Deswegen hoffe ich, dass der Film ein paar interessante Fragen aufwirft.“ (ScreenRant)

Man kann sich nur verwundert an den Kopf fassen. Dieser Schmierfink, der bereit ist, um Kabinettsposten zu schachern, ist der „bessere Kandidat“? Warum?

Es gibt keine ernsthaften Anzeichen dafür, dass Morris’ Wahl das Leben der Bevölkerung verbessern würde. Es braucht nicht viel, um Hollywoods Liberale zu begeistern und zufriedenzustellen, wie ihr andauerndes Herumschwirren um Barack Obama beweist: einen Hauch von Populismus und Nationalismus, eine etwas sonorere Stimme als die Konkurrenz, vage und bedeutungslose Schlagworte („Der Wechsel, an den wir glauben können“) und die Fähigkeit, sich in Szene zu setzen. Man kann nur hoffen, dass einige aus der Filmwelt in Zukunft mit einem gewissen Maß an Scham auf ihre Unterstützung des erstarrten Schmutzes zurückschauen werden, der sich Demokratische Partei nennt.  

Clonney, der sich bereits bei Good Night and Good Luck (einem besseren Film) und Leatherheads als Regisseur engagiert hat, betont, wie erwartet, dass dies kein politischer Film ist, sondern eine „Erzählung um das Thema Moral“. Auf einer Pressekonferenz sagte er: „Jeder trifft moralische Entscheidungen, die ihn voranbringen und jemand anderem schaden. Der Film hätte auch an der Wall Street spielen können. Vielleicht hätte er dort sogar besser funktioniert.“ Willimon wiederholt das. „Ob Wallstreet oder Hollywood, spielt keine Rolle. Der Film hätte auch in einem Hospital oder einem Militärlager spielen können.“ Nun, da stellt sich doch die Frage: Wenn ihr nichts Spezifisches über die amerikanische Politik zu sagen habt, warum siedelt ihr den Film dann gerade dort an?

Die Filmemacher spüren wie fast jeder in dieser Welt, dass die amerikanische Politik verdorben und korrupt ist, aber sie sagen nichts über den Rechtsruck, über nachhaltige Angriffe auf Arbeitsplätze und auf den Lebensstandard und die Lebensbedingungen weiter Teile der Bevölkerung, über endlose Kriege, anti-demokratische Maßnahmen, autoritäre Eingriffe. Clooneys Kandidat erhält Beifall für seinen Kommentar „Die Reichsten zahlen keinen fairen Anteil“ – und dabei bleibt’s.

Hollywoods Liberale, die sich für so schrecklich fortschrittlich halten, hecheln der Mehrheit der Bevölkerung etwa ein oder eineinhalb Jahrzehnte hinterher. Ides of March spielte genau in der Zeit der Occupy-Wall-Street-Proteste in den Theatern. Deren scharfsinnigere Mitglieder haben eine Reihe von Fragen aufgeworfen, zu denen auch die Austauschbarkeit der beiden großen politischen Parteien gehört. Die aber übersteigen offensichtlich das Verständnis der Filmemacher.

“Ides of March” bringt ansatzweise die allgemeine Enttäuschung über Obama zum Ausdruck, die die Filmemacher zweifellos teilen. „Wir hatten etwa eineinhalb Jahre am Drehbuch gearbeitet“, erklärt Clooney. „Dann wurde Obama gewählt und es gab so viel Hoffnung, alle waren so glücklich. Es schien nicht, als sei das der Zeitpunkt, diesen Film zu drehen – die Leute waren zu optimistisch für einen zynischen Film! Etwa ein Jahr später wurden alle wieder zynisch und dann dachten wir, es sei Zeit für diesen Film.“

So wird’s wohl sein. Unglücklicherweise haben die Filmemacher noch nicht angefangen, darüber nachzudenken, was die Enttäuschung über Obama bedeuten könnte. Man vermutet, dass ein genauerer Blick darauf sie verstören und beunruhigen könnte. Bis auf weiteres ziehen sie es jedenfalls vor, einen anderen Weg einzuschlagen - ausgetreten und nicht gerade aufschlussreich oder interessant.