Clint Eastwoods „J. Edgar“

Von Joanne Laurier
27. Januar 2012

J. Edgar Hoover spielte 1935 eine entscheidende Rolle bei der Gründung der nationalen Polizeibehörde Federal Bureau of Investigation (FBI) und leitete dieses bis zu seinem Tod. Fast ein halbes Jahrhundert lang war er eine zentrale und besonders bösartige Figur im politischen Leben Amerikas.

Hoover (1895-1972) diente unter acht US-Präsidenten und war zeit seines Lebens ein erbitterter Gegner des Sozialismus. Unter seiner Führung stand das FBI für Schikane und Verfolgung politischer Gegner sowie für eine tiefsitzende Feindschaft gegen demokratische Rechte. Außerdem sammelte Hoover Akten über Präsidenten und ihre Ehefrauen, über Rivalen und potentielle Rivalen, praktisch über jeden, der in Washington etwas zu sagen hatte. Auf diese Weise konnte er seine eigene Machtposition mit Hilfe von Drohungen und Erpressung festigen.

Clint Eastwoods neuer Film J. Edgar ist, wie der Titel schon andeutet, vor allem eine Studie über den Charakter des FBI-Direktors und umfasst die Zeit von 1919 bis 1972. Während der Film verschiedene wesentliche Abschnitte in Hoovers Karriere, von der ersten „Angst vor den Roten“ von 1919-20 bis zur Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre, nur berührt, konzentriert sich das Drehbuch von Dustin Lance Black, einem homosexuellen Schriftsteller und Aktivisten (der auch das Drehbuch von Milk [2008] verfasste, auf den Charakter und die persönlichen Beziehungen des FBI-Chefs.

Trotz einer Meisterleistung von Leonardo DiCaprio als Hoover und trotz der offensichtlichen Bemühung um Detailgenauigkeit wandert der Film recht oberflächlich durch das Jahrhundert. Wichtige Themen behandelt er unsicher (oder er schämt sich ihrer). Letztlich bleibt er weitgehend unpolitisch, obwohl er ein  hochpolitisches Thema behandelt: Es geht um einen Fanatiker für Recht und Ordnung. Eastwood will Hoover, dem erbarmungslosem Polizisten und Verteidiger der amerikanischen Ordnung, offenbar Anerkennung zollen. Das Bild, das der Film von Hoover zeichnet, ist jedoch wenig schmeichelhaft und J. Edgar wird sicherlich nicht viele neue Bewunderer für die Hauptfigur oder das FBI gewinnen.

Zu Beginn des Films diktiert Hoover, vom Tode gezeichnet, seine Memoiren. Diese Erzähltechnik erlaubt es J. Edgar, zeitlich vor und zurück zu springen, um ein psychologisches Profil des Mannes und, in deutlich geringerem Maße, ein Bild seiner Zeit zu entwerfen.

J. Edgar widmet sich zunächst Hoovers frühen Tagen bei der Bundespolizei. Wir erfahren, dass er von seinen Mitarbeitern und Untergebenen bedingungslose Loyalität verlangt. Seine zwei langjährigen Mitarbeiterinnen waren Helen Gandy (Naomi Watts), die 54 Jahre lang seine Chefassistentin war, und Clyde Tolson (Arnie Hammer), die stellvertretende Direktorin des FBI. Hoover und Tolson arbeiteten eng zusammen, nahmen ihre Mahlzeiten gemeinsam ein, knüpften gemeinsam Kontakte und fuhren zusammen in den Urlaub. Der Film vermittelt den Eindruck, dass sie ein Liebespaar waren und hebt hervor, dass Tolson Hoovers Anwesen erbte, als dieser später starb.

Black und Eastwood zufolge war es das Verhältnis zu seiner Mutter, Annie Hoover (Judi Dench), das Hoovers außergewöhnlich verklemmte und repressive Persönlichkeit maßgeblich formte. Der FBI-Direktor lebte mit dieser gebieterischen Frau bis zu ihrem Tod im Jahr 1938 zusammen. Er war zu diesem Zeitpunkt 43 Jahre alt.

In Eastwoods Film wird Edgar von Annie dazu erzogen, die „Familie zu alter Größe zurückzuführen“.  Sie sagt voraus, dass er „einer der mächtigsten Männer des Landes wird“, korrigiert sein Stottern, sucht Kleidung für ihn aus und warnt ihn heftig vor den Folgen von Verweichlichung. In einer der menschlichsten Szenen des Films legt Hoover, der nach dem Tod seiner Mutter vollkommen den Halt verliert, ihren Schmuck an und hält eins ihrer Kleider hoch, bevor er als ein Häufchen Elend am Boden zusammenbricht.

J. Edgar widmet dem, was Eastwood als Hoovers größten positiven Beitrag darstellt, viel Zeit und Energie. In den Anmerkungen zur Produktion des Films wird ungeniert festgestellt: „Er beschleunigte die Entwicklung der modernen Forensik und begründete ein System von Bundesgesetzen, das unser Land auf vielfältige Art umgestaltete und bis heute relevant ist.“

Um diesem Argument über Hoovers Vermächtnis Glaubwürdigkeit zu verleihen, verwendet J. Edgar unangemessen viel Zeit auf den Fall von Charles Lindberghs Baby, das 1932 entführt wurde. Im Verlauf dieser Entführung verfeinert der FBI-Direktor angeblich seine polizeilichen Methoden und Ermittlungstechniken. In einer Art Miniaturparallele zur Realität nach dem 11. September benutzt Hoover die Tragödie, um vom Kongress mehr Geld und mehr Macht zu bekommen.

Als politische Studie hat J. Edgar enorme Lücken und Schwächen. Eine der Eröffnungsszenen behandelt beispielsweise den von Anarchisten verübten Bombenanschlag auf das Haus des Justizministers A. Mitchell Palmer (Geoff Pierson) im Juni 1919. Der junge Hoover ist empört und die anschließenden Palmer-Razzien, bei denen etwa 10.000 Menschen verhaftet, viele von ihnen geschlagen und misshandelt, sowie Hunderte deportiert wurden, werden als legitime Reaktion auf acht Bomben der Terroristen dargestellt.

Dieses Ereignis entflammt in Hoover anscheinend eine Leidenschaft für die Ausrottung dessen, was Eastwood in einem Interview als „bolschewistische Invasion“ bezeichnet, und setzt eine Karriere in Bewegung, die auf die Entwicklung der Werkzeuge moderner Polizeiarbeit abzielt.

Tatsächlich waren die anarchistischen Bombenanschläge eine sinnlose Antwort auf einen heftigen Angriff gegen linksgerichtete Kräfte während des 1. Weltkriegs. Staatliche und bundesstaatliche Behörden hatten der Anti-Kriegs-Stimmung, der Militanz der Arbeiterschaft, die mit dem Generalstreik von Seattle 1919 einen Höhepunkt erreichte, und der Unterstützung für die Russische Revolution den Krieg erklärt. Brutale Angriffe gegen linke Aktivisten und sogar deren Ermordung waren an der Tagesordnung. Auch ein Führer der International Workers oft he World (IWW), Frank Little, wurde im August 1917 in Butte, Montana gelyncht.

Der Film schildert die Verhaftung und das Abschiebungsverfahren der „ausländischen Anarchistin“ Emma Goldman (Jessica Hecht), doch auch andere US-Bürger, wie etwa Eugene Debs und andere Arbeiterführer, fielen der staatlichen Repression zum Opfer.

Nach dem Fall Lindbergh zeigt der Film J. Edgar wie der FBI-Direktor in den 1930er Jahren an zahlreichen Fronten agiert, zu denen auch die Öffentlichkeitsarbeit gehört. Der Hoover, den Eastwood zeichnet, verändert die öffentliche Meinung von der Verehrung der Gangster, wie sie sich in Filmen wie Public Enemy darstellte, zu einer Bewunderung des FBIs und anderer Strafverfolgungsbehörden (in Filmen wie G Men). Außerdem ist Hoover mit den Stars der Filmindustrie gut bekannt, geht – sehr zum Ärger der eifersüchtigen Tolson – mit der Schauspielerin Dorothy Lamour aus und zieht auf unbeholfene Weise mit Ginger Rogers (Jamie LaBarber) und ihrer Mutter Lela (Lea Thompson) durch Nachtclubs.

Beim Stichwort Hollywood fällt jedoch auf, dass jeglicher Hinweis auf die schändliche Rolle des FBI bei den antikommunistischen Hexenjagden der späten 1940er und frühen 1950er Jahre in Eastwoods Werk verdächtig durch Abwesenheit glänzt. In dieser Zeit verfolgte die Behörde Mitglieder der Kommunistischen Partei und war bei der Entfernung linker Elemente aus dem politischen und kulturellen Leben in Amerika behilflich. Insgeheim stellte Hoover dem Komitee für unamerikanische Umtriebe (HUAC) Akten und Informationen des FBI zur Verfügung. Diese illegale Aktivität, mit der im Jahr 1947 begonnen wurde, ermöglichte die Erstellung einer schwarzen Liste und die Säuberungen in Hollywood.

Ebenfalls nicht erwähnt wird, dass COINTELPRO, die großangelegte und illegale verdeckte Operation, die sich von 1956 bis 1971 gegen linke sowie Bürgerrechts- und Antikriegsgruppen richtete, von Hoover gelenkt wurde. Diese Operationen beinhalteten das Einschleusen Tausender von Agenten und die Anwerbung Hunderter Informanten. Fred Hampton von den Black Panthers wurde im Rahmen von COINTELPRO 1969 in Chicago ermordet. Die Bürgerrechtlerin Viola Liuzzo wurde verleumdet, nachdem sie in Alabama von einem Auto voll Mitgliedern des Ku Klux Klan ermordet wurde. Einer von ihnen war FBI-Informant und an einer weiteren COINTELPRO Operation beteiligt.

J. Edgar widmet sich allerdings auch Hoovers erpresserischen Aktivitäten. Der FBI-Direktor drohte dem Justizminister Robert F. Kennedy (Jeffrey Donovan) mit Beweisen für eine Affäre seines Bruders mit einer Ostdeutschen. Später zeigt der Film Hoover und Tolson kichernd über einem Liebesbrief der Reporterin Lorena Hickok an Eleanor Roosevelt. Am Ende des Films hält Präsident Richard Nixon eine leidenschaftliche Rede zu Ehren Hoovers, während seine Agenten Hoovers Büro erfolglos nach Geheimakten durchwühlen.

In einer anderen Szene hört Hoover mit eisiger Gelassenheit einer Tonbandaufnahme von Martin Luther King, Jr. beim Geschlechtsverkehr in einem Hotelzimmer zu. Hoover bezeichnet King als die „größte nationale Bedrohung“ und beschreibt ihn als jemanden, der von Kommunisten umgeben sei. Im Jahr 1964 organisiert er eine erfolglose Operation, die den schwarzen Führer der Bürgerrechtsbewegung mit schmutzigen Tricks dazu bringen soll, den Friedensnobelpreis abzulehnen.

Dennoch würde es schwerfallen. all die fehlenden historischen Meilensteine in J. Edgar zu nennen. Dass einige davon fehlen, ist möglicherweise unausweichlich. Bei anderen ist es nicht zu entschuldigen.

Die Darsteller des Films spielen gut, wobei sich DiCaprio in einen bemerkenswert überzeugenden Hoover verwandelt und sich geschickt zwischen den Jahrzehnten bewegt. Hammer und Watts liefern als seine engsten Mitarbeiterinnen und Mitverschwörerinnen eine ordentliche Leistung ab. Obwohl sie für die Erzählung vielleicht von Nutzen ist, erscheint die Darstellung Tolsons als Hoovers liberalem Gegenstück und persönlichem Gewissen aus historischer Sicht unwahrscheinlich.

Die Zeitsprünge im Film verwirren gelegentlich und manchmal scheinen sie auch keinen anderen  Zweck zu erfüllen, als die vermeintliche Monotonie einer direkten, chronologischen Erzählung aufzubrechen. Außerdem hält sich J. Edgar etwa 30 bis 40 Minuten zu lange auf der Leinwand, was häufig ein Zeichen dafür ist, dass sich die Macher des Films nicht sicher sind, was sie eigentlich sagen wollen und folglich auch nicht genau wissen, wie sie die Angelegenheit zum Abschluss bringen sollen.

Hoover war ohne Zweifel eine bedeutende, wenn auch abscheuliche Persönlichkeit und er ist es wert, dass man ihn in einem Film behandelt. Aber worauf läuft Eastwoods J. Edgar am Ende hinaus?

Hoovers wütender Antikommunismus wird in J. Edgar nicht in ein positives Licht gerückt, aber der Film bleibt in Bezug auf seine Ansichten und Methoden seltsam vage. War das ein notwendiges Übel oder einfach nur übel? Insgesamt schlägt das Pendel des Films eher zu Ersterem aus.

Eastwood wird im Allgemeinen zu Hollywoods führenden Konservativen gezählt. Er ist ein verwirrter „Liberaler“, der Ansichten vertritt, die Recht und Ordnung in den Vordergrund stellen. Ist er überhaupt der richtige Mann, um Hoovers Rolle in der Geschichte zu beurteilen? Eastwood, der zweifellos Hoovers antikommunistische Haltung teilt, huldigt in diesem Film Hoovers Schöpfung, dem FBI, dessen Terrormethoden sich niemals gemäßigt haben. In der Tat brüstete sich der Regisseur in diversen Interviews mit „dem großen Respekt, den er für das FBI hege“, das sich darüber hinaus „enthusiastisch darüber zeigte, dass wir diesen Film machen.“

Dennoch fühlt sich Eastwood als ehrlicher Künstler, der zwar seine Grenzen hat, verpflichtet, viele vernichtende Fakten über Hoover einfließen zu lassen, die so gut bekannt sind, dass man sie einfach nicht verschweigen kann.

Es mögen durchaus andere Faktoren eine Rolle gespielt haben, um die Unschärfe des Films zu erklären. Es gibt die Vorstellung, dass Hoovers unterdrückte Homosexualität und deren lebenslange Verheimlichung vielleicht teilweise für seine Brutalität und für die Unterdrückung anderer verantwortlich war. In diesem Fall könnten seine berüchtigten „Geheimakten“, mit denen er so viele rücksichtslos bedrohte, für seine eigenen geheimen Wünsche stehen, durch deren Verdrängung er sich selbst zerstörte.

CiCaprios Darstellung weist in eine andere Richtung. Der liberal eingestellte Schauspieler war offensichtlich bemüht, eine Warnung über die Anhäufung von Macht und über die Gefahr auszudrücken, die von einer derart gestörten Persönlichkeit ausgeht.

Die wichtigste Frage wird von den Machern des Films aus naheliegenden Gründen aber nicht aufgegriffen. Wie konnte eine solche Persönlichkeit – ein Größenwahnsinniger und Paranoiker – an die Macht kommen und  sie für so viele Jahrzehnte behalten?

Um diese Frage zu beantworten, benötigt man eine weitergehende Perspektive über die Rolle und Entwicklung des amerikanischen Kapitalismus im 20. Jahrhundert, mit dem sich Hoover so eifrig identifizierte. Das große, alles andere überschattende Ereignis in Hoovers Leben, das sein ganzes Wirken grundlegend formte, war die Russische Revolution von 1917. Er wurde in dieser Zeit volljährig. Er und zusammen mit ihm begriffen alle Verteidiger der bestehenden sozialen Ordnung in den USA, dass der revolutionäre Sozialismus ihre einzige und größte existenzielle Bedrohung sein würde, wenn er massenhafte Unterstützung erhielte.

In diesem Sinne darf  man Hoover nicht bloß als Sonderling oder eine Art Anomalie betrachten, sondern muss ihn als die menschgewordene Angst vor der Oktoberrevolution sehen, die sich in der amerikanischen herrschenden Klasse und bei konterrevolutionären Kräften ausbreitete.

Es stand viel auf dem Spiel und Hoover hatte für Demokratie und Verfassungsrechte weder Zeit noch Geduld. Sind Infiltration, Provokation und Mord nicht auch heute noch die Mittel, mit denen der amerikanische Imperialismus in der globalen Arena vorgeht? Hoover war nur aus Sicht der gegenwärtigen gewaltsamen Ordnung ein notweniges Übel. Genau das erfasst der Film J. Edgar nicht.