Massenentlassungen bei Manroland und Heidelberger Druck

Von Gustav Kemper
19. Januar 2012

Im trauten Einvernehmen zwischen Unternehmensführung, Gläubigerbanken, Insolvenzverwalter und IG Metall werden in der deutschen Druckmaschinenindustrie fast 5.000 Arbeitsplätze abgebaut.

Am frühen Mittwochabend (18. Januar) erklärte der Insolvenzverwalter von Manroland, Werner Schneider, der Gläubigerausschuss des Unternehmens habe sich entschieden, das Angebot der Lübecker L. Possehl & Co. mbH anzunehmen, die sich nur für das Rollenoffsetwerk in Augsburg interessiert. Ein Konkurrenzangebot der amerikanischen Investmentfirma Platinum Equity, die ein Angebot für alle drei Werke in Augsburg, Offenbach und Plauen in der Größenordnung von 100 Millionen Dollar abgegeben habe, sei abgelehnt worden.

Nach Angaben der Manroland-Geschäftsleitung hat sich die Zahl der Mitarbeiter seit der Insolvenz Ende November bereits von rund 6.500 auf rund 6.200 reduziert. Von den rund 4.700 Stellen in Augsburg, Offenbach und Plauen sollen jetzt nur noch rund 2.500 übrig bleiben. Auch an den ausländischen Standorten wird abgebaut.

Nur einen Tag vorher hatte der Vorstand der Heidelberger Druckmaschinen AG, des Konkurrenten von Manroland und weltweit größten Herstellers von Druckmaschinen, angekündigt, dass er ebenfalls 2.000 Arbeitsplätze „abbaut“. „Nach derzeitigen Planungen setzt sich diese Zahl aus rund 1.200 inländischen Stellen in den Bereichen Produktion, Entwicklung, Verwaltung und Vertrieb sowie rund 800 Stellen im Ausland zusammen“, heißt es in der Erklärung der Firmenleitung.

In beiden Fällen spielt die IG Metall eine Schlüsselrolle. Die Gewerkschaft ist seit langem über die Entlassungspläne informiert und berät beide Unternehmen, wie der massive Arbeitsplatzabbau am besten durchgesetzt werden kann. Bei Manroland unterstützte sie von Anfang an den deutschen Investor Possehl und setzte sich für sein Angebot ein, obwohl sich das Interesse der Possehl-Gruppe ausschließen auf den Standort Augsburg beschränkte.

Schon vor Tagen hatte die IG Metall davor gewarnt, dass der amerikanische Investor nur kurzfristige Profitinteressen verfolge und zum Ziel habe, Manroland in Einzelteile zu zerlegen, die dann nach Massenentlassungen und Restrukturierung mit Gewinn weiter veräußert würden – das typisches Geschäftsmuster einer „Heuschreckenfirma“.

Dieser Hinweis sollte den Eindruck erwecken, dass der deutsche Investor Possehl humanere Ziele verfolge. Schön liest sich die Unternehmensphilosophie, die die Firma Possehl auf ihrer Webseite propagiert: „Was wir unseren Unternehmen versprechen ist, dass sie sich entwickeln können – in weitgehender operativer Selbstständigkeit und unterstützt durch unsere Holding. Wir wachsen, weil unsere Unternehmen sich erfolgreich entwickeln.“ Und weiter: „Wachsen, aber gesund“, „Sich entwickeln, aber auf Dauer“, „Erfolgreich sein, aber gemeinsam“, „Herausforderungen meistern, aber aus eigener Kraft“.

Was auf der Firmenwebseite nicht erwähnt wird, sind die Massenentlassungen, die die Possehl-Gruppe fordert, bevor sie eine Firma übernimmt.

Possehl ist der IG Metall nicht unbekannt. Schon früher hat sich die IG Metall mit Possehl bei Firmenaufkäufen arrangiert, auch in Augsburg, wo der gleiche IG Metallfunktionär Jürgen Kerner schon bei der Possehl-Übernahme der Firma Böwe Systec involviert war, eines Herstellers von Kuvertiersystemen.

„Als Possehl den Kuvertiermaschinenhersteller im November kaufte, hatten bereits 110 von insgesamt 590 Mitarbeitern in Augsburg ihren Job verloren“, berichtet die Augsburger Allgemeine. „Sie wechselten in eine Transfergesellschaft, die meisten schafften den Absprung in eine andere Firma. Die verbleibende Belegschaft von Böwe Systec erhielt vom neuen Arbeitgeber eine Beschäftigungsgarantie bis Ende 2013. Dafür verzichteten die 480 Mitarbeiter auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld.“

Aber anders als eine amerikanische Heuschrecke ist Possehl bereit, mit Betriebsräten und Gewerkschaft zusammenzuarbeiten, und daher übersieht die IGM auch gerne die Zugeständnisse, die die Arbeiter machen müssen.

Ohne nur ein einziges Mal die Kampfkraft der gesamten Belegschaft, geschweige denn der gesamten Branche ins Feld zu führen, entlässt die IG-Metall-Führung unter Jürgen Kerner mit den Betriebsräten der Firma einen großen Teil der Belegschaft von Manroland in die Arbeitslosigkeit.

Während für Augsburg eine Fortführung des Betriebs in stark verkleinerter Form in Aussicht gestellt wird, werden die Betriebe in Plauen und Offenbach im Ungewissen gelassen. Es ist wahrscheinlich, dass viele Abteilungen geschlossen und die restlichen auf Service- und Ersatzteilgeschäfte beschränkt werden. Die Behauptung der IG Metall, es sei gelungen, möglichst viele Arbeitsplätze zu retten, ist eine glatte Lüge. In Wahrheit hat eine um sich greifende Entlassungswelle die Druckmaschinenindustrie erfasst.

Bei den Entlassungen bei der Heidelberger Druckmaschinen AG spielt die Gewerkschaft dieselbe Rolle. Die IGM Rhein-Neckar hat dazu in vorgetäuschter Empörung erklärt, dem Vorstand sei in einer Wirtschaftsausschuss-Sitzung unmissverständlich klar gemacht worden, dass man „alternativlose betriebsbedingte Massenkündigungen in ‚Rasenmäher-Manier’ nicht akzeptieren werde“ und „die Beschäftigten sich dementsprechend aufstellen werden“.

Im gleichen Atemzug signalisierte die IGM jedoch Zusammenarbeit und Verständnis für die „angespannte wirtschaftliche Lage“. Deshalb würden „zeitnah Sondierungsgespräche mit der Geschäftsleitung aufgenommen, um detaillierte Auswirkungen auf einzelne Bereiche zu erfahren. Sobald diese Gespräche stattgefunden haben, werden die Beschäftigten von Betriebsrat und der IG Metall unverzüglich über deren Inhalt informiert werden.“

Den Arbeitern in Heidelberg ist noch gut in Erinnerung, wohin diese verständnisvolle Zusammenarbeit mit der Geschäftsleitung führt, denn erst vor drei Jahren wurde ein Viertel der weltweiten Arbeitsplätze von HDM vernichtet. Die neuen Entlassungen würden die Belegschaft um weitere 13 Prozent auf etwa 13.700 reduzieren.

Noch im Juli 2011 hatte die IG-Metall Rhein-Neckar Entlassungen bei dem dritten deutschen Hersteller von Druckmaschinen, KBA in Frankenthal, zugestimmt. Dort wurden 142 von insgesamt 650 Arbeitsplätzen wegrationalisiert, nachdem in den Vorjahren schon in den Werken Radebeul, Trennfeld und Würzburg über 1.000 Stellen gestrichen worden waren.

Hinter all diesen Zahlen stehen Tausende von Familien, die mit dem Wegfall der Arbeitsstelle ihre Lebensgrundlage verlieren, deren Brotverdiener zum großen Teil Billiglohnverhältnisse eingehen müssen oder in Langzeitarbeitslosigkeit entlassen werden.

Arbeiter sind mit einem Kampf an zwei Fronten konfrontiert. Mit jedem Tag beweist die IG Metall offensichtlicher, dass sie nicht zur Verteidigung der Arbeitsplätze geeignet ist und dass ihre Organisation nur noch dazu dient, die Arbeiter zu spalten und zurückzuhalten. Der Kampf zur Verteidigung aller Arbeitsplätze an allen Standorten erfordert den Aufbau von Fabrikkomitees, die Kontakt zu den Beschäftigten der anderen Werke aufnehmen und die Arbeiterrechte höher stellen als die Profitinteressen der Unternehmen.