Neue Indizien im Mordfall Benno Ohnesorg

Von Franci Vier
4. Februar 2012

Neue Indizien deuten darauf hin, dass der Student Benno Ohnesorg vom Polizisten Karl-Heinz Kurras gezielt getötet wurde. Der Tat folgte eine systematische staatliche Verschleierungskampagne der Westberliner Polizei, die in einen Freispruch Kurras mündete.

Benno Ohnesorg war in Berlin während den Auseinandersetzungen auf der Demonstration gegen den Besuch des persischen Schahs im Juni 1967 durch einen Kopfschuss getötet worden. Was seit über vierzig Jahren von vielen vermutet wurde, hat sich durch die jüngsten staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen und die Recherchen des Nachrichtenmagazins Der Spiegel weiter erhärtet.

Erneut aufgerollt wurde der Fall Kurras, der bereits zweimal (1967 und 1970) frei gesprochen wurde, im Jahr 2009. Der Ausgangspunkt für die Wiederaufnahme der Untersuchungen durch die Berliner Staatsanwaltschaft und die Bundesanwaltschaft waren Stasi-Unterlagen, aus denen hervorging, dass der Polizist Kurras als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) für die Staatssicherheit der DDR gearbeitet hatte. Der Verdacht kam auf, dass Kurras an jenem Tag sogar im Auftrag der Stasi gehandelt haben könnte. Doch derartige Spekulationen wurden durch weitere Untersuchungen nicht erhärtet.

Gestützt auf neue Informationen, die im Rahmen der Stasi-Untersuchung bekannt wurden, und akribische eigene Recherchen veröffentlichte der Spiegel Ende Januar eine umfangreiche und detaillierte Darstellung des Tathergangs und des weiteren Verlaufs. Auch wenn diese neuen Informationen laut Staatsanwaltschaft nicht für ein erneutes Verfahren ausreichen – entweder sind die Zeugen verstorben oder nicht mehr vernehmungsfähig oder –willig, und das Video- und Bildmaterial ist allein nicht ausreichend – so wird doch eines deutlich: die Aussagen von Kurras, seines Vorgesetzten und Einsatzleiters bei der Demonstration, Helmut Starke, und vieler anderer Hauptzeugen der Polizei stimmen nicht mit den neuen Bilddokumenten überein.

Im Mittelpunkt steht unter anderem das Foto eines BZ-Reporters, Wolfgang Schöne, auf dem Kurras abgeschnitten aber deutlich am linken Rand zu erkennen ist. Schöne ist laut Spiegel „ein guter Freund von Kurras, [und] außerdem ein guter Bekannter von Starke, der den Polizeireporter regelmäßig mit Tipps versorgte“. Das Foto ist an sich nicht neu, es wurde bereits in Zeitungen publiziert und zeigt den Einsatzleiter Starke kurz nach dem Schuss, erschrocken in die Kamera blickend. Hinter ihm liegt Benno Ohnesorg auf dem Boden. Das Bild war bislang jedoch manipuliert und ohne Kurras veröffentlicht worden. Das vollständige Bild beweist nun, dass Kurras unmittelbar nach der Tat gemeinsam mit Kollegen in der Nähe des schwerverletzten Ohnesorg stand. Kurras hatte immer angegeben, er habe erst am folgenden Tag aus dem Fernsehen erfahren, welche Konsequenzen der Schuss gehabt habe.

Bedenkt man die Rolle, die die Springer-Presse während der Studentenproteste gespielt hat, ist es naheliegend, dass die Manipulation des Bildes Teil einer gezielten Kampagne war. Bei seiner medialen Hetze gegen die Studenten schreckte der Springer-Verlag offenbar auch vor der Vertuschung eines Mordes nicht zurück, um die Interessen des Establishments mit all ihren antidemokratischen Traditionen der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu verteidigen.

Auch weitere Fotos zeigen, dass sich Kurras, Starke und weitere Polizisten und wichtige Entlastungszeugen wie Horst Geier zur Tatzeit in Sichtkontakt in der Nähe des Opfers aufhielten. Ihre Aussagen, sie hätten einander nicht gesehen und nicht gewusst, dass ein Polizist geschossen hätte, sind nun als Falschaussagen entlarvt, die zur Entlastung von Kurras dienen sollten. Die Bilder legen nahe, dass alle von Beginn an involviert waren und die Tatumstände kannten.

Aus dem neuen Bildmaterial wird auch ersichtlich, dass Kurras weder aus Notwehr noch in Panik handelte, sondern ruhig, frei und gezielt aus kurzer Distanz schießen konnte. Neue Auswertungen eines alten Videobands sollen ihn schemenhaft und mit einem glatten, einer Schusswaffe ähnlichen Gegenstand in der Hand zeigen, wie er allein den Hof des Hauses Krumme Str. 66/67 betritt. Obwohl Kurras zweimal vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen wurde, lässt die neue Indizienlage auf eine gezielte Exekution Benno Ohnesorgs durch Kurras schließen.

Die neuen Untersuchungen zeigen auch auf, dass sowohl Beamte der Kriminalpolizei als auch die schlampige Arbeit der Staatsanwaltschaft für die Vertuschung der Tat eine große Rolle spielten.

Zeugen wie der Polizist Paul-Gerhard Schulz, auf den sich Kurras auf einem weiteren Foto unmittelbar vor dem Schuss aufzustützen scheint, waren lediglich polizeiintern und telefonisch befragt worden. Weitere Zeugen waren nicht einmal vernommen worden. Das Magazin Fokus berichtet von dem Arbeiter Herbert Dieters, der eine Gruppe diskutierender Männer unmittelbar nach dem Ereignis auf der Straße beobachtet hatte. Bei der Diskussion ging es um eine Schusswaffe und einen Ausweis. Obwohl Dieters zweimal Meldung bei der Polizei machte, war seine Aussage offenbar weder für das Revier noch später für die Staatsanwaltschaft von Interesse.

Im Verlauf des Verfahrens selbst wurden 83 Zeugen verhört. Keiner von ihnen untermauerte die Aussagen von Karl-Heinz Kurras zu den Umständen, die angeblich zu dem Schuss geführt hatten. Die meisten sagten, sie hätten weder etwas gesehen noch etwas gewusst. Dieters selbst wurde nie befragt. Über ihn ist lediglich ein Vermerk in den Ermittlungsakten der Berliner Staatsanwaltschaft von 2009 nachzulesen.

Viele Indizien ließen auch schon 1967 auf eine kriminelle Vertuschung des Mords schließen. Aus Benno Ohnesorgs Schädeldecke war z. B. das Stück mit dem Einschussloch im Krankenhaus herausgebrochen und die Wunde darüber zugenäht worden. Ohnesorgs Totenschein war mit „Tod durch stumpfe Gewalteinwirkung“ gezeichnet worden war. Die neuen Indizien rücken den Vorfall nun in einen größeren Zusammenhang. Vieles deutet darauf hin, dass von staatlichen Organen wie der Einsatzpolizei oder der Kriminalpolizei vorsätzlich und systematisch Verschleierungen, Vertuschungen und Falschaussagen initiiert wurden, um den Mörder aus ihren eigenen Reihen zu decken. Von der ermittelnden Staatsanwaltschaft sind darüber hinaus zumindest grobe Fehler und Fahrlässigkeit an den Tag gelegt worden.

Der Fall Benno Ohnesorg ist kein Einzelfall. Bis heute gibt es immer wieder Fälle, in denen die deutsche Polizei Gewalt von Kollegen deckt. Erst kürzlich gingen Einsatzkräfte mit brutaler Gewalt gegen die Teilnehmer einer Demonstration zum Gedenken an Oury Jalloh vor. Der Asylbewerber Oury Jalloh war 2005 unter sehr mysteriösen Umständen in einer Dessauer Gefängniszelle nach Misshandlungen verbrannt. Auch dieses Verfahren strotzt vor widersprüchlichen Aussagen. Wichtige Beweismittel sind verschwunden, und die Ermittlungen können nur als schlampig bezeichnet werden.

Laut Berichten von Amnesty International aus dem Jahr 2004 und 2010 werden bei Meldungen von Polizeigewalt in vielen Fällen die Taten der Beamten nie aufgeklärt, die strafrechtlichen Ermittlungen nicht gründlich oder zu spät aufgenommen und nicht alle Beweise erhoben oder Ermittlungen zügig wieder eingestellt.

Wie tief staatliche Organe in die Vertuschung und Verheimlichung von Verbrechen verstrickt sind, zeigen auch die jüngsten Enthüllungen um die Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ der drei Zwickauer Rechtsterroristen Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt. Die drei konnten über zehn Jahre lang mithilfe eines weiten Netzwerkes, zu dem auch V-Männer gehörten, morden und rauben.

Die Nähe der Polizei und Geheimdienste zu rechtsradikalen Kreisen hat in Deutschland eine lange Tradition. Die Studentenproteste der 1960er Jahre richteten sich vor allem gegen die Verbrechen der Nazizeit und deren Verursacher. Nicht wenige von ihnen waren nach dem Krieg wieder in Amt und Würden gehievt worden und hatten die Politik, das Justizwesen und die Wirtschaft maßgeblich geprägt. Im November 1966, nur ein halbes Jahr vor der Ermordung von Benno Ohnesorg, war mit Kurt Georg Kiesinger ein ehemaliges NSDAP-Mitglied Bundeskanzler geworden.