Opel Bochum und Vauxhall Ellesmere Port von Stilllegung bedroht

Von Sybille Fuchs
24. März 2012

Der amerikanische Autokonzern General Motors (GM) will offenbar Ernst machen mit der Schließung europäischer Werke. Wie das Wall Street Journal berichtet, will der Konzern, der im vergangenen Jahr die größten Gewinne seiner Geschichte verzeichnet hat, die Verluste seiner europäischen Werke nicht länger hinnehmen und plant drastische Einsparungen.

Bei dem geplanten Kapazitätsabbau seien Werksschließungen nicht ausgeschlossen, heißt es in dem Bericht. Im Visier hat GM dabei das Bochumer Opel-Werk mit seinen 3.100 Beschäftigten sowie das britische Vauxhall-Werk in Ellesmere Port mit einer Belegschaft von 2.100.

Der Aufsichtsrat von Opel soll sich am kommenden Mittwoch mit einem Geschäftsplan befassen, in dem vermutlich die Schließung der beiden Werke und damit die Senkung der Produktionskapazitäten um 30 Prozent vorgesehen ist. Der Plan nennt zwar die Werksschließungen nicht ausdrücklich, enthält aber bereits die Kosten dafür.

Die Opel-Zentrale in Rüsselsheim hat diesen Bericht nicht dementiert und sich gegenüber der Presse geweigert dazu Stellung zu nehmen. GM hat im vergangenen Jahr in Europa massive Einsparungen und Verschlechterungen für die Beschäftigten durchgesetzt. Trotzdem spricht die Konzernzentrale in Detroit von 750 Millionen Dollar Verlust und Überkapazitäten im Europageschäft. Es gebe zwei Werke zu viel, heißt es in Detroit.

Das Management verweist auf die großen Auswirkungen der Euro- und Finanzkrise für die Automobilindustrie in Europa und die hohen Verluste vor allem in Südeuropa. Opel müsse in den schwierigen Zeiten wieder profitabel arbeiten, heißt es. Doch in Wirklichkeit geht es darum, die extreme Ausbeutung der Autoarbeiter in den USA nun auch in Europa durchzusetzen. 2009 hatte der Automobil-Weltkonzern Insolvenz angemeldet und in den USA 31.000 Arbeiter entlassen. Für Neueingestellte wurden die Löhne um fast die Hälfte gesenkt und die Arbeitsbedingungen wurden dramatisch verschlechtert.

Mit der Ankündigung von Werksschließungen beginnt nun der Generalangriff auf die europäischen GM- und Opelarbeiter, wobei die Schließung ganzer Werke nicht nur die Arbeiter und ihre Familien, sondern auch die Beschäftigten zahlreicher Zulieferer und Dienstleistungsbetriebe betrifft. Schon jetzt arbeitet Opel mit vielen Leiharbeitern, die nicht zur Belegschaft zählen, aber durch die Schließung ebenfalls ihre Arbeit verlieren würden.

Ein Aufsichtsratsmitglied aus dem Kreis der Betriebsräte und Gewerkschaft meinte zu den neuen Plänen: „Wir kennen die Kernpunkte des neuen Geschäftsplans, der am Mittwoch präsentiert werden könnte. Dieser sieht Werksschließungen vor, Wachstum soll es für Opel nicht geben.“ Der Opel-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Wolfgang Schäfer-Klug erklärte: „Das sind doch allzu durchsichtige Spekulationen.“ Damit spielt er die Gefahr von Werkschließungen herunter und deutet an, GM wolle offenbar „nur“ weitere Zugeständnisse erpressen.

Der Bochumer Betriebsratsvorsitzende Rainer Einenkel meinte zu den neuesten Schließungsdrohungen für Bochum: „Ich habe sechs Schließungspläne in der Schublade. Bisher haben wir die alle verhindern können.“ Welch Zynismus! In Wirklichkeit hat jede „Verhinderung“ den Abbau von Tausenden von Arbeitsplätzen und Lohnsenkungen gekostet. Jedes weitere Zugeständnis der Betriebsräte hat die Schließung immer näher gebracht.

Trotz aller Opfer der Belegschaft droht jetzt dem Werk, das in den 1970er Jahren einmal 25.000 Beschäftigte hatte und 2004, als die Belegschaft mit einer Besetzung gegen die Schließung protestierte, noch rund 10.000 Mitarbeiter hatte, erneut die Schließung.

2009 hatte GM noch versucht, Opel zu verkaufen, sich dann aber anders entschieden und beschlossen, in ganz Europa 8.300 Arbeitsplätze zu streichen und das Werk im belgischen Antwerpen zu schließen. Die Belegschaften haben auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet und die mit der Gewerkschaft für 2011 vereinbarten Lohnerhöhungen von 2,7 Prozent bis Februar 2012 ausgesetzt.

In Bochum ging erst im letzten Monat ein Restrukturierungsprogramm zu Ende, das 2010 vereinbart worden war. Danach wurden in den letzten Monaten 1.400 Stellen gestrichen und weitere 300 sind bis 2013 geplant, wenn die Getriebeproduktion in Bochum eingestellt wird. Um die Kosten im Bochumer Werk zu senken stimmte der Betriebsrat sogar der Beschäftigung polnischer Arbeiter zu polnischen Löhnen zu.

Die Betriebsräte, die bisher im Namen der Erhaltung der deutschen Standorte alle Entlassungen und Lohnkürzungen abgesegnet haben, forderten das Management jetzt zu „konstruktiven Gesprächen“ über einen realistischen Unternehmensplan bis 2016 auf. Darüber soll am nächsten Mittwoch verhandelt werden.

Wie schon früher forderte Einenkel weitere Absatzmärkte für die bei Opel gebauten Wagen. GM solle zustimmen, die für Opel gesperrten Wachstumsmärkte in China und Indien zu öffnen, die bisher ausschließlich mit amerikanischen Modellen beliefert werden. Der Automarktexperte Ferdinand Dudenhöffer meinte dazu: „In Bezug auf Bochum bin ich sehr pessimistisch.“ Die Forderung des Betriebsrats, die chinesischen Märkte für Opel zu öffnen, sei keine wirklich Option, denn die hohen Importzölle würden es nötig machen, dort eigene Werke aufzubauen, was ebenfalls eine Vernichtung hiesiger Arbeitsplätze zur Folge hätte.

Der Frankfurter Bezirksleiter Armin Schild, der auch im Opel-Aufsichtsrat sitzt, warnte GM, den bisher gemeinsam eingeschlagenen Weg der Entlassungen und Lohnkürzungen aufzugeben: „Das Management von Opel und GM spielt mit dem Feuer.“ Denn bisher wurde jeder effektive Widerstand der Belegschaften durch Gewerkschaft und Betriebsräte unterlaufen, so dass den Beschäftigten weitere Zugeständnisse abgepresst werden konnten.

Die Gewerkschaft IG Metall und die Betriebsräte haben bisher alles getan, um ein gemeinsames, solidarisches Vorgehen aller Werksbelegschaften zu verhindern. Sie haben die einzelnen Standorte gegeneinander ausgespielt. Ein besonders übles Beispiel dafür war die Schließung des Antwerpener Werks, dem die deutschen Betriebsräte zugestimmt haben, statt gemeinsam mit den belgischen Arbeitern alle Arbeitsplätze zu verteidigen.

Sie haben schon zuvor keinen Finger gerührt, als Opel den internen Wettbewerb eingeführt hatte, in dem die einzelnen Werke miteinander um den Zuschlag für den Bau neuer Modelle konkurrieren müssen.

Nun monieren die Betriebsräte, dass der zugestandene Lohnverzicht den Aufbau von GM-Werken in Mexiko und Korea unterstützt habe, anstatt in Deutschland investiert zu werden. Sie verlangen die Zurückholung von Produktion aus diesen Werken nach Deutschland und damit deren Schließung.

So wird unter anderem die Forderung erhoben, die Produktion des SUV-Geländewagens, der in Südkorea gebaut wird, nach Europa zurückzuverlagern.

Dass es zu Werksschließungen in Europa kommt, war auch aus den Plänen für die künftige Kooperation von GM mit PSA Peugeot Citroen zu schließen, in deren Rahmen von vier Werken die Rede ist, die auf Grund der avisierten Synergieeffekte überflüssig würden. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete, dass in diesem Zusammenhang bei den Opel-Beschäftigten erneut das Weihnachtsgeld gekürzt und Wochenendzuschläge abgeschafft werden sollen. Außerdem sollen die Arbeiter wieder auf die kommenden Tariferhöhungen verzichten und flexiblere Arbeitszeiten in Kauf nehmen. Dies habe der Produktionschef Peter Thom den Betriebsräten mitgeteilt.

Die bisherigen Erfahrungen sollten den Opelarbeitern eine Lehre sein. Um ihre Arbeitsplätze und Löhne zu verteidigen, müssen sie nicht nur gegen GM sondern auch gegen Gewerkschaft und Betriebsräte kämpfen. Die Opelarbeiter müssen sich über Werks- und Ländergrenzen hinaus in unabhängigen Belegschaftsausschüssen zusammenschließen und einen gemeinsamen Kampf mit den amerikanischen GM-Arbeitern zur Verteidigung aller Arbeitsplätze ausarbeiten.

siehe auch:

Neue Angriffe auf Belegschaft von Opel

Französische Gewerkschaften kollaborieren bei der Vorbereitung von Lohnkürzungen und Stellenabbau