Verteidigt Grass!

Von Ulrich Rippert
6. April 2012

Am Mittwoch veröffentlichte der 84-jährige Literaturnobelpreisträger Günter Grass eine Stellungnahme, in der er Israel wegen dessen Haltung im Atomkonflikt mit dem Iran und die deutschen Waffenexporte in die Krisenregion scharf kritisiert. Sein Prosagedicht mit der Überschrift „Was gesagt werden muss“ erschien zeitgleich in der Süddeutschen Zeitung, der New York Times, El Pais und La Repubblica.

Der Text von Günter Grass beginnt mit den Worten: „Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind.“ Grass wirft der israelischen Regierung vor, sich das „Recht auf den Erstschlag“ herauszunehmen, um ein Land anzugreifen, in dem „der Bau einer Atombombe“ nicht bewiesen, sondern nur „vermutet wird“.

Israel aber verfüge über „ein wachsend nukleares Potential“ das geheim gehalten werde und „außer Kontrolle“ sei, weil es „keiner Prüfung zugänglich ist“. Grass kritisiert die zynische Politik der  Bundesregierung, die „ein weiteres U-Boot nach Israel“ liefert, „dessen Spezialität darin besteht, alles vernichtende Sprengköpfe“ zu transportieren, und die diese Waffenlieferungen als Wiedergutmachung für die deutschen Verbrechen der Vergangenheit bezeichnet.

Dann erklärt der Literaturnobelpreisträger unumwunden: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“ und wirft die Frage auf: „Warum aber schwieg ich bislang?“ „Warum sage ich es jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte?“ Er antwortet, das Verdikt „Antisemitismus“ sei allgegenwärtig und habe ihn bisher mundtot gemacht. Grass spricht über Israel als dem Land, „dem ich verbunden bin und bleiben will.“

Abschließend erklärt Grass, er sei der „Heuchlerei des Westens“ überdrüssig und fordert auch andere auf, sich vom Schweigen zu befreien und mit ihm die „permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz“ zu fordern.

Die Druckerschwärze der Zeitungen war noch nicht trocken, da brach eine beispiellose Medienkampagne gegen Grass los, die in massiven Antisemitismusvorwürfen gipfelte.

Der Publizist Henryk M. Broder beschimpfte den Schriftsteller im Springer-Blatt Die Welt als „Prototyp des gebildeten Antisemiten“. Grass habe schon immer ein „Problem mit Juden“ gehabt, „aber so deutlich wie in diesem 'Gedicht' hat er es noch nie artikuliert“, schrieb Broder. Von einem „unverantwortlichen“ und „aggressiven Pamphlet der Agitation“ sprach Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. In Anspielung auf den Roman des Schriftstellers „Die Blechtrommel“ sagte Graumann wörtlich: „Grass redet Blech und trommelt in die falsche Richtung.“

Der offizielle Vertreter Israels in der BRD, Emmanuel Nahshon, schrieb auf der Homepage der Botschaft, es gehöre zur europäischen Tradition, „die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen. Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will.“

Der SPD-Politiker Reinhold Robbe, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft warf Grass erschreckendes Unwissen über die komplexen politischen Verhältnisse im Nahen Osten vor. Die Einlassungen von Grass seien „so pauschal und dürftig, dass es sich geradezu verbietet, im Detail darauf einzugehen“. Der Text sei „mager, selbstbezogen, überflüssig und eitel“. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sagte, angesichts der Lage im Nahen Osten empfinde sie das Gedicht als „irritierend und unangemessen“.

CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe äußerte, er sei „über die Tonlage, über die Ausrichtung dieses Gedichtes entsetzt“. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Ruprecht Polenz (CDU) distanzierte sich scharf von Grass. In der Mitteldeutschen Zeitung sagte er, nicht Israel, sondern Iran bereite der internationalen Gemeinschaft Sorgen. Grass verwechsle Ursache und Wirkung. „Er stellt die Dinge auf den Kopf“, sagte Polenz.

Unter der Überschrift „Der Antisemitismus will raus“ wütet der Herausgeber der Zeit, Josef Joffe gegen Grass. Der neue Antisemitismus sei kompliziert, schreibt er, weil er sich aus dem Unterbewusstsein speise, „das von mächtigen Tabus – Scham und Schuldgefühle – eingezwängt wird“. Aber das Unbewusste wolle raus, wie schon Freud lehrte. Das führe zu „Heuchelei und Unredlichkeit“.

In perfider Form rückt Joffe den Schriftsteller in die Nähe von Neofaschisten. Er behauptet Grass schwinge die Auschwitz-Keule, wie in „den üblichen NPD-Pamphleten“. Die rechte Argumentation sei bekannt und verbreitet, so Joffe. Erst hätten die Juden die Deutschen zum Holocaust gezwungen und dann die deutsche Schuld benutzt, um alle deutschen Regierungen gefügig zu machen. Schuld sei immer der Jude, fasst Joffe den Grass-Text in übelster Demagogie zusammen.

Am Donnerstag antwortete Grass seinen Kritikern und beklagte die offensichtliche „Gleichschaltung der Meinung“. Der Tenor der Kommentare in Politik und Medien sei durchgehend und bestehe darin, „sich bloß nicht auf den Inhalt des Gedichtes einlassen, sondern eine Kampagne gegen mich zu führen und zu behaupten, mein Ruf sei für alle Zeit geschädigt“, sagte Grass in einem Interview des Norddeutschen Rundfunks (NDR).

Es ist notwendig, die Hetzkampagne gegen Günter Grass scharf zurückzuweisen und ihn zu verteidigen. Grass’ Warnung vor einem Krieg gegen den Iran und seine Aussage: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“ ist korrekt. Sie verdient Anerkennung und Unterstützung.

Es besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass die Kriegsvorbereitungen der israelischen Regierung gegen den Iran weit fortgeschritten sind. Bereits Ende Januar veröffentlichte die New York Times einen ausführlichen Artikel mit dem Titel „Wird Israel den Iran angreifen?“ Darin wird bestätigt, dass Israel seine Vorbereitungen für Militärschläge gegen den Iran mit großer Intensität und Eile vorantreibt. Der Autor – Ronen Bergman, ein politischer Analyst der israelischen Zeitung Yedioth Ahronoth mit guten Beziehungen – kam zu dem Schluss: „Nachdem ich mit mehreren hochrangigen israelischen Führern und den Chefs von Militär und Geheimdiensten gesprochen habe, bin ich zu der Ansicht gekommen, dass Israel noch im Jahr 2012 gegen den Iran losschlagen wird.“

Bergman erklärte in dem Artikel, das israelische Militär habe sich, besonders seit Ehud Barak Verteidigungsminister sei, „in beispielloser Weise auf einen Angriff auf den Iran vorbereitet.“ Die israelische Luftwaffe „verfügt über Langstreckenflugzeuge, mit denen Ziele im Iran angegriffen werden sollen und unbemannte Flugzeuge, die Bomben auf diese Ziele werfen und bis zu 48 Stunden in der Luft bleiben können.“ Die israelischen Streitkräfte hätten außerdem Pläne vorbereitet, um auf mögliche iranische Vergeltungsaktionen zu reagieren.

Mitte März verstärkte die israelische Regierung ihre tödlichen Luftangriffe auf Gaza. Israelische Drohnen töteten in der Innenstadt von Gaza Zohair al-Qaisi den Generalsekretär des Volkswiderstandskomitees (PRC) und seinen militärischen Begleiter Mahmoud al-Hannani. Diese Morde waren geplant. Ihr Ziel war es, die palästinensische Bevölkerung zu Vergeltungsaktionen zu provozieren, die dann als Vorwand für weitere Kriegshandlungen dienen sollten.

Netanjahu und seine rechte Koalitionsregierung in Israel werden von Spaltungen und Korruptionsskandalen gejagt und sind mit wachsendem Widerstand im eigenen Land konfrontiert. Die systematische Kriegsvorbereitung wird von Israels herrschender Elite auch benutzt, um von inneren Problemen abzulenken.

Der Vorwurf, Grass sei Antisemit, weil er die Politik der israelischen Regierung kritisiert, ist grundfalsch. Mit Antisemitismus wird rassistischer Hass bezeichnet, der auf die Unterdrückung, Verfolgung oder, wie im Dritten Reich, sogar auf die Vernichtung aller Juden abzielt. Die Kritik von Günter Grass richtet sich gegen die Kriegspolitik der Netanjahu-Regierung und nicht gegen Juden, auch nicht gegen die Juden in Israel. Ihm liegt das Wohlergehen der jüdischen Bevölkerung in Israel genauso am Herzen wie das der iranischen Bevölkerung – ganz im Gegensatz zur israelischen Regierung.

Diese vertritt und verteidigt nicht die Interessen der jüdischen Bevölkerung, sondern die einer kleinen reichen und korrupten Clique, die seit jeher eng mit dem amerikanischen Imperialismus zusammenarbeitet. Ein Angriff auf Irans Atomanlagen hat in der israelischen Bevölkerung schwindenden Rückhalt. Neueste Umfragen zeigen, dass nur 19 Prozent für ein eigenständiges  Handeln der israelischen Regierung sind. Nur 42 Prozent unterstützen einen Krieg mit Unterstützung Washingtons.

Der Aufschrei gegen die Kriegswarnung von Günter Grass in Medien und Politik ist ein Alarmsignal. Es ist der Auftakt einer Kriegshetze, um ein militärisches Abenteuer zu rechtfertigen, das den ganzen Nahen Osten in Brand setzen und darüber hinaus einen weltweiten Flächenbrand auslösen kann.

Darum: Wehret den Anfängen! Verteidigt Günter Grass!