Russland bereitet sich auf einen Militärschlag Israels und der USA gegen den Iran vor

Von Clara Weiss
27. April 2012

Russland bereitet sich seit einigen Monaten intensiv auf einen möglichen Militärschlag Israels und der USA auf den Iran vor. Berichten zufolge rechnet der russische Generalstab bereits im Sommer mit einem Krieg gegen den Iran, der nicht nur die Region im Nahen Osten, sondern auch den Kaukasus entflammen könnte.

Die Truppen im Kaukasus sind technisch aufgerüstet worden, und eine Raketendivision am Kaspischen Meer wurde in Einsatzbereitschaft versetzt. Der Raketenkreuzer der Kaspi-Flotille ankert inzwischen vor der dagestanischen Küste. Auch die einzige Militärbasis Russlands im Südkaukasus, die sich in Armenien befindet, wurde für einen Kriegseinsatz vorbereitet. Bereits im Herbst hatte Russland zudem seinen Flugzeugträger Kusnezov aufgrund der Eskalation des Syrien-Konflikts zu seinem Militärhafen im syrischen Tartus entsandt. Experten gehen davon aus, dass Russland Teheran im Falle eines Krieges zumindest auf der militärisch-technischen Ebene unterstützen würde.

Leonid Iwaschow, Generaloberst a.D. und amtierender Präsident der Akademie der geopolitischen Wissenschaften, schrieb in einem Kommentar im April, dass „ein Krieg gegen den Iran ein Krieg gegen Russland“ sei und forderte ein „politisch-diplomatisches Bündnis“ mit China und Indien. Im gesamten Nahen und Mittleren Osten würden Operationen durchgeführt, um die Regionen zu destabilisieren und so gegen China, Russland und Europa vorzugehen. Der Krieg gegen den Iran, schreibt Iwaschow, würde „bis an unsere Grenzen führen, die Lage im Nordkaukasus destabilisieren und unsere Positionen in der Kaspischen Region schwächen“.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit Russlands stehen die Folgen eines Iran-Krieges für den Südkaukasus. Während Armenien der einzige Verbündete des Kremls in der Region ist und enge wirtschaftliche Beziehungen mit dem Iran pflegt, unterhalten Georgien und Aserbaidschan militärische und wirtschaftliche Beziehungen mit den USA und Israel.

Der Kreml fürchtet vor allem, dass sich Aserbaidschan am Kriegsbündnis von Israel und den USA gegen den Iran beteiligen könnte. Aserbaidschan, das an den Iran, Russland, Armenien und das Kaspische Meer grenzt, ist seit Mitte der 90er Jahre ein wichtiger militärischer und wirtschaftlicher Bündnispartner der USA im Südkaukasus und Stützpunkt amerikanischer Militärbasen.

Die Beziehungen zwischen dem Iran und Aserbaidschan sind sehr angespannt. Teheran hat Baku wiederholt die Beteiligung an Terroranschlägen und Sabotageaktionen vorgeworfen, die aller Wahrscheinlichkeit nach von israelischen und amerikanischen Geheimdiensten ausgeführt worden sind. In den vergangenen Jahren hat Aserbaidschan seine Rüstungsausgaben verdoppelt, und im Februar schloss es einen Waffendeal mit Israel im Wert von 1,6 Mrd. Dollar über die Versorgung mit Drohnen und Raketenabwehrsystemen ab.

Unter Berufung auf hochrangige Quellen in der Obama-Regierung berichtete Mark Perry im amerikanischen Journal Foreign Policy Ende März, Baku habe Israel den Zugang zu mehreren Luftwaffenbasen an der Grenze zum Nord-Iran gestattet, die für einen Luftangriff auf Teheran genutzt werden könnten. Die Zeitschrift zitiert einen hohen Regierungsbeamten mit den Worten: „Die Israelis haben einen Flugplatz gekauft und dieser Flugplatz heißt Aserbaidschan.“ Mark Perry warnt: „Militärische Strategen müssen nun ein Kriegsszenario einkalkulieren, das nicht nur den Persischen Golf, sondern auch den Kaukasus umfasst.“

Die Regierung in Baku dementierte diese Meldung zwar umgehend, doch der Chefredakteur der aserbaidschanischen Zeitung Neue Zeit, Schakir Gablikogly, warnte, Aserbaidschan könnte in einen Krieg gegen den Iran hineingezogen werden.

Selbst wenn Aserbaidschan nicht zum Ausgangspunkt für einen israelischen Angriff auf den Iran werden sollte, besteht die Gefahr, dass der Krieg zu einer militärischen Eskalation anderer territorialer Konflikte wie des Streits zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Nagorno-Karabach führt. Das Gebiet ist seit dem Ende des Bürgerkriegs 1994 selbstständig, aber die Regierung in Baku, die USA und der Europarat pochen darauf, es als Teil von Aserbaidschan zu sehen. In den vergangenen zwei Jahren kam es immer wieder zu Grenzkonflikten zwischen Armenien und Aserbaidschan. Kommentatoren warnen bereits seit längerem, dass der Streit zu einem Krieg eskalieren könnte, der Russland, die USA und den Iran mit auf den Plan ruft.

Der Militärexperte Michail Barabanow erklärte kürzlich im Interview mit der russischen Komsomolskaja Pravda, Konflikte im post-sowjetischen Raum könnten zu einer militärischen Intervention Russlands führen. Sollten die USA oder andere NATO-Mitglieder in das Gebiet vordringen, berge dies „das unausweichliche Risiko des Einsatzes von Atomwaffen“. Russland hat nach den USA das größte Atomwaffenarsenal der Welt.

Durch seine geostrategische Bedeutung ist Eurasien seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion der Schauplatz wirtschaftlicher und politischer Rivalitäten sowie militärischer Konflikte zwischen den USA und Russland geworden. Aserbaidschan, Georgien und Armenien formen eine Brücke zwischen dem rohstoffreichen Zentralasien und dem Kaspischen Meer auf der einen und Europa und dem Schwarzen Meer auf der anderen Seite.

Die USA versuchen seit den 90er Jahren in der Region durch wirtschaftliche Bündnisse an Einfluss zu gewinnen. Im Jahr 1998 erklärte der damalige US-Vizepräsident Richard Cheney: „Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der eine Region dermaßen plötzlich eine so große strategische Bedeutung erlangt hat wie die Kaspische.“

Zbigniew Brzezinski, der ehemalige Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, schrieb in seinem Buch „Die einzige Weltmacht“ 1998: „Eine Macht, die in Eurasien dominiert, würde zwei Drittel der fortgeschrittensten und wirtschaftlich produktivsten Regionen der Welt kontrollieren. In Eurasien befinden sich ungefähr drei Viertel der bekannten Energieressourcen der Welt.“

Zentrale Bedeutung erlangte die Region vor allem in ihrer Eigenschaft als Transitgebiet für Energielieferungen aus Asien nach Europa, die Russland umgehen können. Washington versucht durch entsprechende Pipelines, die durch die Region verlaufen, den Einfluss Russlands in Europa zu schwächen, das in hohem Maße von russischen Öl- und Gaslieferungen abhängt.

Bislang stand Georgien, ein Schlüsselland für den Transit von Gas- und Öllieferungen, im Zentrum der Konflikte. Die georgische „Rosen-Revolution“ 2003, die von Washington instigiert wurde und den derzeitigen US-freundlichen Präsidenten Michail Saakaschwili an die Macht brachte, diente in erster Linie der Wahrung der wirtschaftlichen und strategischen Interessen der USA in der Region. Sie verschärfte die Konkurrenz mit Moskau um die regionale Vorherrschaft. Der Georgienkrieg im Sommer 2008 bedeutete eine weitere Verschärfung der Rivalitäten beider Länder und drohte kurzfristig zu einem russisch-amerikanischen Krieg zu eskalieren. Die Beziehungen zwischen Russland und Georgien bleiben bis heute sehr angespannt.

Der Einfluss der USA im Kaukasus und Zentralasien ist in den vergangenen Jahren bedeutend gesunken. Neben Russland ist vor allem China als wichtigster Konkurrent aufgestiegen, der mit zentralasiatischen Staaten wie Kasachstan bedeutende wirtschaftliche und militärische Bündnisse schließen konnte. Auch wenn beide Länder Rivalen bleiben, formen sie im Konkurrenzkampf gegen die USA ein strategisches Bündnis. Für die USA ist der Krieg gegen den Iran nur eine weitere Stufe im Wettstreit mit China und Russland um die Energieressourcen Zentralasiens und des Nahen Ostens.