Bericht der ILO: Weltweit 200 Millionen Menschen arbeitslos

Von Patrick Martin
10. Mai 2012

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) legte am 30. April ihren Jahresbericht über die Lage auf dem weltweiten Arbeitsmarkt vor. Darin sagt sie voraus, dass im Jahr 2012 mehr als 200 Millionen Menschen arbeitslos sein werden. Die UN-Organisation schätzt, dass seit der Finanzkrise 2008 50 Millionen Arbeitsplätze zerstört wurden, und dass es noch mindestens fünf Jahre lang keinen Aufschwung geben werde.

Der World of Work Report 2012 sagt voraus, dass die weltweite Arbeitslosenquote 2012 6,1 Prozent betragen werde. Die Zahl der Arbeitslosen werde von 196 Millionen im Jahr 2011 auf 202 Millionen steigen. Im Jahr 2013 werde sie nochmals um fünf Millionen, bzw. auf 6,2 Prozent steigen (Die Quoten sind künstlich nach unten korrigiert, da sich die ILO auf die offizielle Arbeitslosenquote aller Länder stützt, die deutlich niedriger ist als die tatsächliche. In den USA liegt die offizielle Quote beispielsweise bei 8,3 Prozent, aber wenn man diejenigen mit einbezieht, die zu Teilzeit gezwungen sind oder die die Arbeitssuche aufgegeben haben, wären es eher vierzehn Prozent).

Der Bericht geht davon aus, dass die Arbeitslosigkeit weiter steigen wird, bis sie Ende 2016 den Stand von 210 Millionen erreicht. Weiter heißt es: „Es ist unwahrscheinlich, dass die Weltwirtschaft in den nächsten Jahren so stark steigen wird, dass sie das bestehende Defizit ausgleichen und Arbeitslätze für die 80 Millionen Menschen schaffen kann, die neu auf den Arbeitsmarkt treten werden.“

Der Bericht kritisiert die Sparpolitik in vielen Industrienationen, vor allem in Europa und den Vereinigten Staaten. Der Abbau von Sozialprogrammen habe „verheerende Folgen“ für den Arbeitsmarkt gehabt, während die Haushaltsdefizite sogar stiegen, da sich die Wirtschaftslage durch die Sparmaßnahmen verschlechtert hat.

In dem Bericht ist zu lesen, dass Dutzende Staaten vor allem in Europa „Reformen“ auf ihren Arbeitsmärkten durchgeführt hätten, die es den Arbeitgebern leichter machen, Arbeiter zu entlassen und Löhne und Sozialleistungen zu kürzen. Das Ergebnis war fast immer, dass „die Arbeitsplätze unsicherer wurden und die Ungleichheit gestiegen ist, während die Arbeitslosenzahl nicht nennenswert gesunken ist.“ Ferner ist dadurch ein riesiges Heer von Langzeitarbeitslosen entstanden: vierzig Prozent der Arbeitssuchenden zwischen 25 und 49 Jahren in den Industrienationen sind chronisch unterbeschäftigt und haben seit mehr als einem Jahr nicht gearbeitet.

Einige Ergebnisse des ILO-Berichtes sollten zitiert werden:

Die Tiefe und Länge der Krise:

„Das ist kein normaler Rückgang auf dem Arbeitsmarkt. Nach vier Jahren weltweiter Krise brennen sich die Ungleichmäßigkeiten auf dem Arbeitsmarkt immer tiefer ein und sind deshalb immer schwerer zu beseitigen. Bestimmte Gruppen wie die Langzeitarbeitslosen drohen aus dem Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu werden. Das bedeutet, sie würden auch im Falle eines starken Aufschwungs keine neue Arbeit finden.“

Das Scheitern der Sparpolitik:

„In Ländern, in denen der Sparkurs und die Deregulierung am stärksten praktiziert wurden, vor allem in Südeuropa, ist die Lage der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes weiterhin schlechter geworden. Die Maßnahmen haben meist auch nicht zu einer Stabilisierung der finanziellen Lage geführt.“

Die Zunahme von Teilzeitarbeit, Zeitarbeit und prekären Arbeitsverhältnissen:

„Außerdem ist für immer mehr Beschäftigte das Arbeitsverhältnis unstabiler oder prekär geworden. In Zweidritteln der Industrieländer hat die Zahl derer zugenommen, die unfreiwillige Teilzeitarbeit leisten, und in fünfzig Prozent dieser Länder hat die Zahl derer zugenommen, die in Zeitarbeit beschäftigt sind.“

Die katastrophalen Auswirkungen auf die Jugend:

„In 80 Prozent der Industrienationen und zwei Dritteln der Schwellenländer ist die Jugendarbeitslosigkeit gestiegen. Im Durchschnitt waren mehr als 36 Prozent der Arbeitslosen in den Industrienationen länger als ein Jahr ohne Beschäftigung.“

Wachsende Armut und Ungleichheit:

„Die Krise hat in mehr als der Hälfte der Industrieländer und mehr als einem Drittel der Schwellenländer zu wachsender Armut geführt. Ebenso hat sich die Ungleichheit in fast der Hälfte der Industrieländer und einem Viertel der Entwicklungsländer vergrößert. Auch die Ungleichheit beim Zugang zu Bildung, Nahrung, Land und Kredit ist gestiegen.“

Wachsende Unmut und soziale Unruhen:

„Von den 106 Ländern, über die Informationen vorliegen, ist der Wert des Indexes für soziale Unruhe im Jahr 2011, im Vergleich zu 2010, bei 54 Prozent von ihnen gestiegen (je höher der Wert, desto höher das vermutete Risiko). Die beiden Regionen mit dem höchsten Unruherisiko sind Schwarzafrika und der Nahe Osten und Nordafrika, aber auch in den Industrienationen in Mittel- und Osteuropa ist das Risiko gestiegen.“

Zwar sind die Ökonomen und Analysten der ILO liberale Anhänger des Kapitalismus und vertreten eher den Standpunkt des keynesianischen Reformismus als die Allheilmittel des freien Marktes, wie es die Ultrarechten tun, aber die Zahlen, die sie zusammengetragen haben, sind ein Armutszeugnis für das Profitsystem. Sie haben die Daten geliefert, aber nur eine marxistische Perspektive kann der Arbeiterklasse eine politische Alternative bieten.

Die massive Zunahme der Arbeitslosigkeit und die wachsende soziale Not sind ein verheerendes Armutszeugnis für das kapitalistische System. Millionen Menschen brauchen Arbeit, aber dieses riesige Potenzial kann wegen des Profitstrebens und der Diktatur des Finanzkapitals nicht genutzt werden.

Als Reaktion auf das Versagen des kapitalistischen Systems muss die Arbeiterklasse ein umfassendes weltweites sozialistisches Programm entwickeln und einen direkten revolutionären Angriff auf die Grundlage der Krise ausführen: d.h. auf das Privateigentum an Produktionsmitteln und die Teilung der Welt in verfeindete Nationalstaaten, die von einer kapitalistischen Elite dominiert werden, die ihre eigenen Gewinne und ihre Macht vergrößern will.

Die Arbeiterklasse muss den Reichtum der Gesellschaft, den sie mit ihrer Arbeit geschaffen hat, übernehmen, indem sie die Mittel der riesigen multinationalen Konzerne beschlagnahmt und sie in öffentliches Eigentum unter demokratischer Kontrolle umwandelt. Die Entwicklung der Weltwirtschaft muss dann nach einem internationalen Plan organisiert werden, um sowohl schnelles Wirtschaftswachstum als auch die Abschaffung von Armut und sozialem Elend zu erreichen und den Lebensstandard der arbeitenden Bevölkerung auf der ganzen Welt auf ein angemessenes Niveau zu heben.

Dieses Programm ist weder utopisch noch aus der Luft gegriffen. Im Gegenteil, die Perspektive andauernder kapitalistischer Depression, sozialer Polarisierung und imperialistischer Kriege ist unrealistisch und sogar anmaßend vom Standpunkt der Interessen der großen Mehrheit der Menschheit.