Amerikanisches TV-Interview mit Nora Volkow, Chefin des Nationalen Drogeninstituts und Urenkelin Leo Trotzkis

Von Fred Mazelis
5. Mai 2012

Am 29. April 2012 brachte die Sendung “60 Minutes” ein ungewöhnliches und bemerkenswertes Fernsehinterview. Dr. Nora Volkow sprach nicht nur über ihre Arbeit als Direktorin des Nationalen Anti-Drogeninstituts (NIDA), sondern auch über ihren Familienhintergrund als Urenkelin des Führers der russischen Revolution und Gründers der Vierten Internationale, Leo Trotzki.

Dr. Volkow steht seit 2003 an der Spitze des NIDA und ist für ihre Arbeit über die chemischen Grundlagen von Drogenabhängigkeit bekannt. Sie betont, dass Abhängigkeit ein medizinisches Problem ist, und kein Charaktermangel. Sie arbeitet seit Jahrzehnten an diesem Problem und konzentriert sich dabei auf die medizinische Behandlung und Forschung, damit dieser Zustand, der weltweit vielen Millionen Menschen so sehr schadet, besser verstanden und geheilt werden kann.

Der letzte Teil der Reportage, etwa ein Drittel des fünfzehnminütigen Profils von Dr. Volkow, behandelt ihre Familie und ihre Kindheit in Mexiko, wo sie 1955 geboren wurde, genau in dem Haus, in dem ihr Urgroßvater am 20. August 1940 von einem stalinistischen Agenten ermordet worden war. Der erfahrene Fernsehjournalist Marley Safer nennt in dem Interview Trotzki einen Mann, „der in der Weltgeschichte immer noch gegenwärtig ist“.

Dr. Volkow wird mit ihrem Vater Esteban Volkow, einem inzwischen 86-jährigen Chemiker im Ruhestand, und ihren drei Schwestern gezeigt: der Schriftstellerin Veronika, der Ärztin Patrizia und Natalia, einer Statistikerin im Staatsdienst. Sie spricht über ihre Familiengeschichte, und wie sie in dem Haus aufgewachsen ist, in dem Trotzki ermordet wurde. Trotzki war 1929 wegen seines kompromisslosen Kampfes gegen die nationalistische, reaktionäre stalinistische Bürokratie aus der Sowjetunion vertrieben und von Land zu Land gejagt worden, bis er schließlich 1937 in Mexiko Asyl fand.

Esteban Volkow erklärt in “60 Minutes”, fast jedes Mitglied seiner unmittelbaren Familie sei vom stalinistischen Regime getötet oder in den Tod getrieben worden. Estebans Mutter Zinaida, Nora Volkows Großmutter, wurde Anfang der 1930er Jahre in den Selbstmord getrieben. Sein Vater ging in einem stalinistischen Konzentrationslager zugrunde. Seine Tante starb 1928 an Tuberkulose, und beide Onkel, Leo Sedow und Sergei Sedow, fielen der stalinistischen Mordmaschine zum Opfer. Esteban kam als dreizehnjähriger Junge zu seinen Großeltern nach Mexiko. Bei dem Mordversuch an Trotzki im Mai 1940 geriet er unter Feuer, und drei Monate später war er Zeuge der Ermordung Trotzkis.

In dem Fernsehinterview werden zahlreiche Aufnahmen des Hauses gezeigt, dass jetzt das Casa Museo Leon Trotsky beherbergt. Man sieht auch Trotzkis Grab im Hof des Hauses mit Hammer und Sichel, dem Symbol des revolutionären Proletariats. Auch der Raum, in dem der Mordanschlag verübt wurde, ist zu sehen. Er befindet sich noch in dem gleichen Zustand wie damals.

Das Profil auf “60 Minutes” enthält auch wichtige historische Aufnahmen, so einen kurzen Ausschnitt aus einem Interview Trotzkis, Aufnahmen Trotzkis und seiner Frau Natalia mit den mexikanischen Künstlern Diego Rivera und Frida Kahlo, und von Trotzki im Krankenhaus, wo Ärzte um sein Leben kämpfen.

Die vier Schwestern sind von ihrer Familiengeschichte offensichtlich tief geprägt und sind sich deren historischer Bedeutung bewusst. Natalia Volkow erklärt dazu in dem Interview: „Wir alle haben den Drang, der Gesellschaft zu dienen, ein gesellschaftliches Bewusstsein, ein Gefühl der Verantwortung nicht nur gegenüber uns selbst als Individuen, sondern gegenüber der Gesellschaft.“

Das ganze Interview ist hier zu hören.