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Harry Belafonte gibt Einblick in historischen Zerfall der Bürgerrechtsbewegung - World Socialist Web Site

 

Harry Belafonte gibt Einblick in historischen Zerfall der Bürgerrechtsbewegung

Von Fred Mazelis
9. Juni 2012

Tom Eleys Artikel vom 5. Mai, “Der Hintergrund der rechten Rassenpolitik von Jesse Jackson und Al Sharpton“, zeigt die riesige Kluft, die diese beiden Verteidiger des Big Business von der Arbeiterklasse trennt.

Wie der Artikel erläutert, sind Jackson und Sharpton „zwei Personen, die den Zerfall der Bürgerrechtsbewegung und die Kultivierung einer wohlhabenden schwarzen Elite verkörpern und den sozialen Bestrebungen der Arbeiter, schwarzen wie weißen, zutiefst feindlich gegenüber stehen.“ Jackson „hat versucht, sich selbst als Erbe Martin Luther Kings darzustellen, der führenden Persönlichkeit im Kampf für die Gleichberechtigung der Schwarzen von den 1950er Jahren an bis zu seinem Tod im Jahr 1968. Allerdings hatten sowohl King als auch die Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren einen ganz anderen Charakter.“

Dieser andere Charakter erfährt zusätzliche Bestätigung durch einen wichtigen Augenzeugen der Geschichte der Bürgerrechtsbewegung. Der Sänger und politische Aktivist Harry Belafonte, der vor einigen Monaten seinen 85. Geburtstag beging, veröffentlichte vergangenes Jahr seine Autobiographie unter dem Titel „My Song“.

Belafonte errang Berühmtheit als Calypso-Sänger, ging später zu anderen Genres über und arbeitete als Schauspieler. Ebenso bekannt ist er für sein soziales und politisches Engagement. Er war einer der schärfsten Gegner des Irak-Krieges, den er zu Recht als Kriegsverbrechen bezeichnete.

Belafonte begegnete Martin Luther King jr. erstmals im Jahr 1956, während des Montgomery Bus Boycotts [1]. Beide Männer, noch nicht 30 Jahre alt, waren bereits auf ihren jeweiligen Gebieten bekannt. Der Sänger und der Bürgerrechtler schmiedeten sofort ein Bündnis. Belafonte half, Spendengelder für die Southern Christian Leadership Conference [2] zu sammeln, und entwickelte eine enge Freundschaft mit King. Während seiner Besuche in New York trafen sich King und seine engsten Berater, unter ihnen Belafonte, häufig in der Wohnung des Sängers in Manhattans Upper West Side.

Belafonte beschreibt in seiner Autobiographie ziemlich detailliert seine letzte Begegnung mit King. Diese fand am 27. März 1968 statt, genau eine Woche vor dem tödlichen Attentat auf den Bürgerrechtsführer. King war mit Vorbereitungen für die Poor People’s Campaign beschäftigt, die auch die Errichtung einer Barackenstadt vor dem Weißen Haus vorsahen, um so lange zu protestieren, „bis der Kongress eine ökonomische Freiheitsurkunde (Economic Bill of Rights) verabschiedet, um die Armut in Amerika zu lindern“, wie Belafonte schreibt.

In Belafontes geräumiger Wohnung fand eine Party statt. Nachdem die Gäste gegangen waren, blieben King und einige seiner engsten Kollegen und diskutierten über die Zustände im Lande und den Stand der Bürgerrechtsbewegung. Unter den Anwesenden waren (außer King und Belafonte) Kings Anwalt Clarence Jones, sein Sekretär und Leibwächter Bernard Lee und Andrew Young, der später unter Jimmy Carter Kongressabgeordneter, Bürgermeister von Atlanta und US-Botschafter der Vereinten Nationen werden sollte.

Diese Stelle in Belafontes Buch verdient erhöhte Aufmerksamkeit. Das politische Establishment reagierte mit Zorn auf Kings Ablehnung des Vietnamkrieges. In den vorangegangen vier Sommern brachen in fast jeder großen nordamerikanischen Stadt Ghettorebellionen aus. Diese Umstände hatten King stark geprägt. Inmitten der Diskussion rief er aus:

“Die Frustration über den Krieg hat irgendwie die Vorstellung erzeugt, dass die Lösung in der Gewalt liege. Was ich diesen jungen Menschen nicht ganz verständlich machen kann, ist, dass ich alles, was sie fühlen, begrüße! Lediglich über die Taktik sind wir uns nicht einig. Ich habe mit diesen jungen Menschen mehr gemein als mit irgendjemandem sonst in dieser Bewegung. Ich fühle ihre Wut. Ich fühle ihren Schmerz. Ich fühle ihre Frustration. Das System ist das Problem. Es saugt den Atem aus unserem Leben heraus.”

Belafonte fährt fort:

In der darauffolgenden Pause antwortete Andy [Young]: ‘Nun, ich weiß nicht, Martin. Es ist nicht das gesamte System. Es ist nur ein Teil davon, und ich denke, wir können das reparieren.‘

Plötzlich verlor Martin seine Beherrschung. ‚Ich brauche von dir nichts weiter zu hören, Andy‘, sagte er. ‚Ich habe von dir genug gehört. Du bist ein Kapitalist und ich bin es nicht. Also können wir nicht einer Meinung sein – weder hierüber noch über eine Reihe anderer Dinge.‘

Es war ein unbehaglicher Moment. Martin war wirklich aufgebracht. Doch ich verstand die Botschaft. Im tiefsten Innern stand Andy der Poor People’s Campaign zweispältig gegenüber. (…)

Die Anspannung erreichte ihren Höhepunkt. ‚Das Problem‘ fuhr Martin fort, ‚besteht darin, dass wir in einem gescheiterten System leben. Der Kapitalismus erlaubt keinen gleichmäßigen Fluss der ökonomischen Ressourcen. In diesem System werden einige wenige besinnungslos reich. Fast alle anderen sind dazu verurteilt, auf einem bestimmten Niveau arm zu bleiben (…). Auf diese Weise funktioniert das System. Da wir aber wissen, dass das System seine Regeln nicht ändern wird, werden wir daran gehen müssen, das System zu ändern.‘

Im Herzen war Martin Sozialist und revolutionärer Denker. Er sprach nicht nur wütend, sondern schmerzvoll. Seine Stimme sank auf einen nachdenklicheren Ton herab, als er fortfuhr: ‚Wir haben schwer und lang gekämpft, und ich habe niemals daran gezweifelt, dass wir uns in diesem Kampf durchsetzen werden. Unsere Bemühungen tragen bereits Früchte. Aufhebung der Rassentrennung…Der Voting Rights Act…‘ Er machte eine Pause. ‚Doch was mich jetzt höchst beunruhigt ist, dass bei allen Schritten die wir in Richtung Integration gegangen sind, ich dem Glauben näherkomme, dass wir uns in ein brennendes Haus integrieren.‘

Wir hatten Martin nie in dieser Weise sprechen gehört. Mir war, als würden wir aus den Angeln gehoben. ‚Verdammt, Martin! Wenn du das denkst, was sollen wir dann deiner Meinung nach tun?‘ fragte ich.

Er schaute mich an. ‘Ich schätze, wir werden Feuerwehrleute werden müssen.‘

King war Pazifist und Reformer. Wäre er ein revolutionärer Denker gewesen, dann wäre sein Ton wahrscheinlich entschlossen und nicht schmerzvoll gewesen, wie Belafonte ihn beschreibt. Dessen ungeachtet macht diese Stelle seine Aufrichtigkeit als Kämpfer für die Interessen der Ausgebeuteten und Armen recht deutlich. Es ist bezeichnend, wenn auch nicht überraschend, dass diese Seite seiner politischen Ansichten selten vorgestellt wird, während er gleichzeitig zu einer öffentlichen Ikone stilisiert wird.

Noch wichtiger ist dieser Abschnitt, weil er die erbitterten Spannungen innerhalb der Führung der Southern Christian Leadership Conference aufzeigt. King fühlte sich ziemlich allein, umgeben von rechtsstehenden Figuren wie Young, oder Predigern, die seine weitergehende Perspektive und seine politischen Ansichten nicht teilten. Kings Isolation hat außerdem beklemmende Implikationen, wenn man bedenkt, dass jeder seiner Schritte vom FBI verfolgt wurde, und dass seine Ermordung, über die bis heute zahllose unbeantwortete Fragen kreisen, bloß eine Woche später stattfand.

Belafonte hat wenig über Jesse Jackson zu sagen. Er beschreibt ihn als jemanden, dem man im Umfeld jener trifft, die „um einflussreiche Posten wetteifern“. Coretta Scott King, die Witwe des ermordeten Bürgerrechtsführers, ergänzt: „Bald danach ging er [Jackson] nach Chicago zurück und schwenkte den ‚blutigen Anzug‘, den Martin trug, als er starb.“

Kings Ausbruch gegen Young hätte sich ebenso gegen Jackson richten können. Dieser wurde später zur Personifizierung der Politik des „schwarzen Kapitalismus“, welche die Nixon-Regierung freudig begrüßte. Jackson und Young haben einen unterschiedlichen Hintergrund und schlugen etwas verschiedene Wege ein, aber ihre Ansichten sind sehr ähnlich. Young arbeitete in gewissem Maß im Hintergrund, verfolgte allerdings auch eine Karriere im „öffentlichen Dienst“ indem er sich als Mitglied der Demokratischen Partei um politische Ämter bewarb. Jackson (wie später Sharpton) spielte die Rolle des Demagogen und hielt Ausschau nach dicken Schlagzeilen. Die Taktik unterschied sich zuweilen, doch das Ziel, in Jacksons Worten: „die Hoffnung am Leben lassen“, blieb dasselbe; nämlich die Hoffnung auf das System und besonders auf die Demokratische Partei.

Belafontes Augenzeugenbericht von der Diskussion im März 1968 ist umso aufschlussreicher, weil er selbst Teil dieser privilegierten Schicht ist, auch wenn seine Geschichte anders verlief. Seine politische Entwicklung fand im New York der späten 1940er Jahre statt, und sein Held war Paul Robeson. Er wurde als junger Mann radikalisiert und bewegte sich, wie er in seinem Buch schreibt, in Kreisen der „Sozialisten und Kommunisten, [die] die Arbeiterklasse als Grundlage einer neuen politischen Ordnung begrüßten“. Belafonte „unterzeichnete niemals eine Mitgliedschaft in der amerikanischen Sozialistischen oder Kommunistischen Partei, sah mich auch nicht als Sympathisanten, wie es im damaligen Sprachgebrauch hieß“. Aus seinen Erinnerungen wird deutlich, dass Belafonte keinen Ehrgeiz besaß, sich dem Studium und einer Untersuchung der politischen Programme, sowie der Unterschiede zwischen den verschiedenen Tendenzen der sozialistischen Bewegung zu widmen. Obwohl eine bestimmte Art von Politik immer kritisierte, hat er doch seinen Frieden mit dem System geschlossen.

Hierin findet sich die Bedeutung von Belafontes Äußerung, dass er sich „aus den Angeln gehoben“ fühlte, als er Kings Verurteilung des Systems mitanhörte. Während King nach einem Weg suchte, zurückschlagen zu können, trug Belafonte die Demoralisierung und den Konservativismus zur Schau, die in den Kreisen kultiviert wurden, in denen er früher verkehrte, und die vor allem von der Kommunistischen Partei und der sklavischen Unterwürfigkeit gegenüber der Demokratischen Partei beeinflusst wurden.

Als King ermordet wurde, zog Belafonte keine politischen Schlüsse aus der letzten Diskussion in seiner Wohnung. Tatsächlich rühmt sich Belafonte zehn Seiten weiter hinten in seiner Biographie, er habe nach Kings Tod schnell entschieden, „schwarzen Kandidaten bei Wahlen auf jeder Ebene des politischen Systems zu helfen (…). Ich half dabei, Andy Young zu überreden, für den Kongress in Georgia zu kandidieren, gab ihm Geld und führte eine Menge freier Konzerte auf.“ Belafonte leistete „Beiträge im vier- und fünfstelligen Bereich“, um den Wahlkampf schwarzer Bürgermeister in Cleveland, Gary, Indiana und anderen Städten zu unterstützen. Wo King nach „Feuerwehrleuten“ verlangte, um dem „brennenden Haus“ des Kapitalismus beizukommen, gingen seine Epigonen in die entgegengesetzte Richtung.

Belafonte, wie auch andere, kritisiert mehrere politische Entscheidungen von Präsident Barack Obama, aber er sagt auch, er werde bei den Wahlen für seine Wiederwahl stimmen.

Anmerkungen:

1. Der Montgomery Bus Boycott war ein Protest der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in Montgomery (Alabama). Er wurde am 1. Dezember 1955 ausgelöst, als sich Rosa Parks, eine junge schwarze Frau, weigerte, den herrschenden rassistischen Segregationsgesetzen in Bussen Folge zu leisten und einem Weißen ihren Sitzplatz abzutreten, woraufhin sie verhaftet wurde. Erst ein Bezirks- dann der Oberste Gerichtshof erklärten die Rassentrennung für nicht verfassungskonform. Der Boykott endete im Anschluss an diese Entscheidung am 20. Dezember 1956. (Anm. d. Übers.)

2. Diese schwarze Bürgerrechtsorganisation entstand 1957 und ging aus dem Montgomery Bus Boykott 1955/56 hervor. Martin Luther King war ihr erster Vorsitzender. (Anm. d. Übers.)