Obama verleiht Freiheitsmedaille an Sänger Bob Dylan

Von David Walsh
9. Juni 2012

Von der Zeremonie am 29. Mai im Weißen Haus darf man mit Fug und Recht angewidert sein, besonders von dem Akt, mit dem Barack Obama dem Sänger Bob Dylan die Freiheitsmedaille des Präsidenten verliehen hat. Vielleicht ist es jedoch besser, "zu verstehen", um es mit Spinoza auszudrücken, statt sich angewidert anzuwenden.

Bob Dylan (Jahrgang 1941), eine wichtige und ambivalente kulturelle Persönlichkeit der frühen und mittleren 1960er Jahre, erhielt diese Medaille zusammen mit der Schriftstellerin Toni Morrison und elf weiteren Prominenten aus der Hand des Präsidenten. Am selben Tag berichtete die New York Times, der Präsident begutachte jeweils persönlich und offenbar voller Eifer die "Killerliste", eine regelmäßig aktualisierte Liste jener Personen, die illegal vom US-Militär oder der CIA ermordet werden sollen.

Hat diese erneute und entsetzliche Bestätigung Obamas als Kriegsverbrecher die Dylans, Morrisons und anderen diesjährigen Preisträger davon abgehalten, im Weißen Haus anzutanzen? Keineswegs. Ohne Zweifel sorgen die Regierungsvertreter dafür, dass nur Personen für die Auszeichnung vorgeschlagen werden, auf die Verlass ist.

Niemand in Obamas Gefolge möchte eine Wiederholung des Vorfalls aus dem Jahre 1968 erleben, bei dem die zum Mittagessen ins Weiße Haus geladene Sängerin Eartha Kitt der Ehefrau des Präsidenten, Lady Bird Johnson ins Gesicht sagte: "Dieses Land schickt die Besten fort, damit sie sich [in Vietnam] erschießen und verstümmeln lassen. Kein Wunder, dass die Jungen rebellieren und Drogen konsumieren."

Es erstaunt nicht, dass unter den Empfängern der Freiheitsmedaille dieses Jahr auch aktive Helfer Obamas bei seinen Kriegsverbrechen waren: die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright und Israels Präsident Shimon Peres (der nicht persönlich anwesend war).

Die Freiheitsmedaille des Präsidenten wurde von Präsident John F. Kennedy im Jahr 1963 eingeführt, um die vorherige, von Präsidenten Harry S. Truman im Jahr 1945 eingeführte Freiheitsmedaille zu ersetzen. Sie wurde in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens eng mit dem Kalten Krieg identifiziert. Die Ausgezeichneten müssen sich "für einen besonders verdienstvollen Beitrag zur Sicherheit oder für die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten, den Frieden in der Welt, um kulturelle oder andere wesentliche öffentliche oder private Unternehmungen" verdient gemacht haben.

Zu den bisherigen Preisträgern zählen die Präsidenten Kennedy (posthum), Lyndon B. Johnson, Ronald Reagan, Gerald Ford, Jimmy Carter und George H. W. Bush, die Vize-Präsidenten Nelson A. Rockefeller, Hubert H. Humphrey und Dick Cheney, sowie zahlreiche ausländische Staats- und Regierungschefs, unter ihnen Anwar el-Sadat (ebenfalls posthum), Margaret Thatcher, Helmut Kohl, Vaclav Havel, John Howard, Tony Blair und Angela Merkel. Die Streitkräfte und die CIA sind natürlich ebenfalls gut vertreten.

Die Zeremonie 2012 im Ostsaal des Weißen Hauses hatte denselben, sonderbar einstudierten und einbalsamierten Charakter wie fast alle öffentlichen Veranstaltung in Washington. Alle involvierten Personen sagten Dinge, die von Ihnen erwartet wurden, die sie jedoch nicht wirklich meinten, und zum größten Teil glaubte keiner auch nur ein Wort von dem, was gesagt wurde.

Dies trifft in erster Linie auf Obama zu, eine verabscheuungswürdige Figur ohne eine Spur von Prinzipien, der, wie die Times in dem genannten Artikel erwähnt, "tödliche Angriffe [d.h. Mord] ohne Händeringen genehmigt". Bei dem Preisverleihungsritual erklärte der Präsident: "Die Geehrten auf dieser Bühne und jene, die nicht hier dabei sein können, haben uns mit ihren Worten bewegt. Sie haben uns mit ihren Aktionen inspiriert. Sie haben unser Leben bereichert, und sie haben unser Leben zum Besseren verändert."

Auf Bob Dylan bezogen, sagte Obama seinem Publikum: "Ich muss gestehen, dass ich ein wirklich großer Fan bin. (...) Ich erinnere mich, wisst ihr, auf dem College Bob Dylan gehört zu haben, und meine Welt öffnete sich, weil er etwas über dieses Land aufgenommen hat, das so wichtig war."

Besteht irgendein Grund, diese Behauptung zu glauben? Obama besuchte das College in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren, nicht gerade während Dylans Glanzzeit. Dies macht jedoch keinen großen Unterschied. Wenn Dylans Musik Obamas Welt im positiven Sinne "eröffnet" hat, dann war dies kaum der einzige und schon gar nicht der bestimmende Einfluss im Leben dieses Politikers.

Obama hat in den Jahren 2010 und 2011 keine Freiheitsmedaillen des Präsidenten verliehen. Dies jedoch ist ein Wahljahr, und jedes Bisschen kann helfen. Der Präsident soll die handverlesene Liste in diesem Jahr selbst zusammengestellt haben, und diese verrät seine unermüdliche, wenn auch drittklassige List.

Es ging ihm darum, sich bei bestimmten Teilen des Wahlvolks einzuschmeicheln. Dylan, Morrison, Dolores Huerta vom Bäuerinnenverband, John Doar, ein ehemaliger Stellvertretender Generalstaatsanwalt der Bürgerrechtsabteilung, und eine Reihe anderer wurden als Vertreter entweder der Baby-Boomer-Generation oder der liberalen Intelligenz in Amerika geehrt. Dies ist die soziale Schicht derjenigen, die wohlhabend und selbstgefällig genug sind, um sich der Illusion hinzugeben, dass die Demokraten sich von den Republikanern deutlich unterscheiden würden.

Die an Albright und Peres verliehenen Medaillen sollten helfen, Obamas Unterstützung unter jenem Teil der jüdischen Bevölkerung, der Israel und den Krieg befürwortet, zu sichern. Die Auszeichnungen für den ehemaligen Astronauten John Glenn, den ehemaligen Basketballtrainer Pat Summitt und (posthum) für die Gründerin der Pfadfinderinnen Juliette Gordon Low (gest. 1927) riechen nach dem Bemühen des Präsidenten, seine vorbildliche amerikanische Haltung herauszustreichen.

Alles in allem eine völlig zynische Angelegenheit, die alle, die daran teilgenommen haben, diskreditiert.

Um den Werdegang, der Bob Dylan am Ende in den Ostsaal des Weißen Hauses führte, angemessen zu schildern, bräuchte es wirklich eine längere Beschreibung, als das hier möglich ist.

Der schmachvolle Auftritt im Weißen Haus, bei dem der Sänger und Liedermacher den amerikanischen „Ritterschlag“ erhielt, darf den Beobachter nicht zu einer falschen Gesamteinschätzung verleiten. Auch wäre es falsch, die Leistungen seiner früheren Karriere schärfer zu kritisieren, als dies zur damaligen Zeit getan wurde.

Bob Dylan übte besonders mit seinen sechs Alben der Zeit von 1963-66 auf viele Jugendliche eine enorme Anziehungskraft und Faszination aus, wie sie heute vielleicht schwer nachzuvollziehen ist. Er besaß eine charismatische Ausstrahlung, die nicht einfach nur den Medien zu verdanken war, sondern eine reale Grundlage in seinem Talent, seiner Unabhängigkeit von der kommerziellen Unterhaltungsindustrie und in den Bedingungen hatte, die damals in den USA herrschten.

Um seine besten Lieder zu entdecken, muss man sich durch einen Wust von schlechteren durchkämpfen. Die starken Lieder drücken Feindschaft gegenüber dem vorherrschenden Gesellschaftsklima in den USA aus, das noch weitgehend vom Kalten Krieg, Antikommunismus, Heuchelei und Konformismus dominiert war. Er schimpft darin gegen Rassismus und soziale Ungleichheit, Kriegshetze und andere Übel. Dylan sang auch Liebeslieder, die komplexer, offener und manchmal auch selbstkritischer als die übliche Kost waren. Es war damals befreiend, Lieder zu hören, die Tabuthemen in Amerika behandelten, und die über die Grenzen der Zwei- oder Drei-Minuten-Poplieder hinausgingen.

Was er offenbar nie verstand, ist die Tatsache, dass die Stärke seiner besseren Werke mit der damaligen Zeit und mit den künstlerisch-politischen Einflüssen zusammenhing, die er kurz miterlebte.

Den sozialen Hintergrund bildeten die Bürgerrechtsbewegung und die generelle Unfähigkeit der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft, seine Versprechen eines vernünftigen Lebensstandards für breitere Bevölkerungsschichten einzulösen. Die Bürgerrechtsbewegung schloss den gewaltigen Marsch nach Washington im August 1963 und die ersten städtischen Aufstände in Harlem und Philadelphia 1964 und Watts (Los Angeles) 1965 mit ein. In der Jugend war eine unzufriedene Stimmung weit verbreitet. Wie tiefgreifend und nachhaltig sich solche Stimmungen (besonders unter Studenten der Mittelschicht) erweisen, ist eine andere Frage.

Dylan, das ist allgemein bekannt, bewunderte Sänger Woody Guthrie, den linksgerichteten Folk-Darsteller, der als Kämpfer der Unterdrückten während der Depression bekannt ist, und schenkte zu der Zeit auch anderen Folk- und Pop-Strängen der Musik große Aufmerksamkeit. In den USA sind nicht viele populäre Künstler mit ernsthaften Künstlerpersönlichkeiten wie Brecht, Rimbaud und anderen vertraut, und schon gar nicht über einen längeren Zeitraum hinweg.

Auch war Dylan mit Musikern wie Dave Van Ronk befreundet, einem Sympathisanten der trotzkistischen Bewegung, und hatte eine persönliche Beziehung zur Tochter ehemaliger Mitglieder der Kommunistischen Partei, die selbst eine Zeitlang der Progressiven Arbeiterpartei (Maoisten) angehörte. Dadurch hatte er in jedem Fall einen Bezug zu antikapitalistischen Positionen.

Diese Kombination aus den unruhigen Zeiten, die nach Artikulation verlangten, und einer aggressiven, intelligenten, quasi-poetischen Rebellion schuf etwas Ungewöhnliches, das bei vielen Menschen auf große Resonanz stieß.

Vieles von Dylans Musik konnte sich über die Jahre hinweg nicht behaupten. Es kommt zu sorglos, zügellos und oft musikalisch uninteressant daher. Die "poetische" Qualität seiner Sprache, die in den 1960er Jahren so hoch gelobt wurde, scheint heute im Allgemeinen angespannt und unscharf, teilweise sogar töricht.

Auf jeden Fall wechselte der Sänger bereits vor Jahrzehnten das politische Lager, noch vor den Massenprotesten gegen den Vietnamkrieg der späten 1960er Jahre, in denen er keine Rolle spielte. Dylan reagierte auf die Enge der stalinistisch beeinflussten Volksmusikwelt, die seine besondere musikalisch-künstlerische Entwicklung ablehnte, in der Art eines gewöhnlichen amerikanischen Antikommunisten, der das Kind mit dem Bade ausschüttet. Er verleugnete jedes Interesse an "Protesten" oder an der Politik in der Vergangenheit oder Gegenwart, wobei er beide Seiten verfluchte, und passte sich immer stärker an die Mainstream-Musikszene an. Natürlich werden einige widersprechen, aber ich finde es schwierig, in den letzten 45 Jahren auch nur ein wichtiges oder hervorragendes Album zu finden.

Dylan neigte in den vergangenen Jahrzehnten dem christlichen Fundamentalismus, dem Judentum, dem Zionismus und zweifellos vielen weiteren Richtungen zu. Das ist gut dokumentiert. Sein Auftritt im Weißen Haus am Dienstag kam absolut nicht unerwartet, auch wenn man über so jemanden, der früher einmal wirklich herausragend war, nichts als Enttäuschung verspüren kann. Die Zeremonie vom 29. Mai war bloß ein sehr öffentlicher Schlusspunkt auf einen langwierigen Prozess des moralischen und künstlerischen Verfalls.

Am Ende haben sich objektive gesellschaftliche und historische Prozesse gegen Bob Dylan durchgesetzt. So wurden wir in den letzten Monaten Zeuge der Gedenkveranstaltung für Christopher Hitchens, des einstigen Unterstützers der Internationalen Sozialisten in Großbritannien, der Bushs "Krieg gegen den Terror" unterstützt hat (eine Gedenkveranstaltung, an der viele künstlerisch-intellektuelle Möchtegern-Koryphäen teilnahmen), und erfuhren, dass Filmemacherin Kathryn Bigelow, einst eine radikale "Untergrund"-Künstlerin, vor kurzem vom US-Militär und der CIA vertraulichste Informationen erhielt.

Der abrupte Schwenk von Angehörigen der Protestgeneration in die eisenharte Umarmung des Establishments weist darauf hin, dass sich gewaltige soziale Widersprüche aufhäufen, und dies ist, in einer etwas tragischen Art, ein Vorbote kommender Umwälzungen.