Angst wegen spanischer Schuldenkrise:

Märkte fallen weltweit

Von Nick Beams
25. Juli 2012

Die Aktienmärkte sind am Montag weltweit gefallen. Grund für die Ängste der Investoren waren die drastische Verschärfung der Krise in Spanien und die Befürchtung, Griechenland könne schon bald gezwungen werden, die Eurozone zu verlassen.

Vor weniger als einem Monat noch haben die europäischen Regierungschefs nach einem Gipfeltreffen zuversichtlich behauptet, man habe einen Weg gefunden, Geld in das spanische Bankensystem zu pumpen, ohne die Staatsschuldenlast der Regierung zu erhöhen. Diese Lösung hat sich nun als Märchen erwiesen. Die jüngste Krise ist direkt nach der Unterzeichnung eines Abkommens ausgebrochen, das den spanischen Banken zwar 100 Mrd. Euro zur Verfügung stellt, aber gleichzeitig klarstellt, dass die Regierung in vollem Umfang für die Zahlungen haftet.

Die Märkte in Europa gaben am Montag um zwei bis drei Prozent nach, der spanische Aktienmarkt um fünf Prozent. Der Kurssturz wäre noch schlimmer ausgefallen, wenn die spanischen und italienischen Behörden nicht eingeschritten wären und Leerverkäufe verboten hätten. In den USA gab der Dow Jones nach Eröffnung der New Yorker Börse um 200 Punkte nach und schloss mit einem Minus von 100 Punkten.

Noch bedeutender waren die Veränderungen am Anleihemarkt. Die Zinsen auf zehnjährige US-Schatzanweisungen fielen im Verlauf des Handelstages auf den Rekordtiefstand von 1,396 Prozent.

Der Zinssatz auf zehnjährige spanische Staatsanleihen stieg auf den neuen europäischen Rekordwert von 7,56 Prozent und liegt damit erheblich über den sieben Prozent, die auf Dauer als unhaltbar gelten. Noch deutlicher aber machten die Veränderungen bei Anleihen mit kürzeren Laufzeiten die Verschärfung der Krise.

Bis jetzt ist es der spanischen Regierung gelungen, die Erhöhung der Zinsen bei langfristigen Anleihen durch die Ausgabe kurzfristiger Anleihen mit niedrigeren Zinssätzen zu kompensieren. Aber diese Taktik kann schon bald nicht mehr aufgehen.

Am Montag sprang der Zinssatz für zweijährige Anleihen um 78 Basispunkte – die höchste Tageszunahme seit dem Beginn der Krise – auf ein Euro-Rekordhoch von 6,54 Prozent.

Wie ein Artikel in der Financial Times vom Montag anmerkte, hat die „Abflachung der Zinskurve“, bei der sich langfristige und kurzfristige Quoten annähern, „furchterregende Auswirkungen auf Spanien“. Von der Financial Times zitierte Analysten sagten, es herrsche „das Gefühl, dass die Dinge in Spanien außer Kontrolle geraten.“

Die Turbulenzen wurden dadurch noch verschlimmert, dass die Region Valencia am vergangenen Freitag um Nothilfe durch die Zentralregierung in Madrid ersucht hat. Es wird damit gerechnet, dass bis zu sechs Regionalregierungen sich dem Gesuch anschließen werden, darunter Katalonien, das die Größe Portugals hat. Die siebzehn spanischen Regionen müssen in der zweiten Jahreshälfte Schulden in Höhe von fast 16 Mrd. Euro refinanzieren.

Spanien befindet sich in einem wahren Teufelskreis. Die wirtschaftliche Rezession verschärft die Schuldenkrise und führt zu Ausgabenkürzungen, die die Wirtschaft wiederum tiefer in die Rezession reißen. Die Bank von Spanien gab bekannt, die Wirtschaft sei im zweiten Quartal gegenüber dem ersten um 0,4 Prozent geschrumpft und Spanien könnte bis mindestens 2014 in der Rezession verbleiben.

Die Verschärfung der Krise macht es sehr wahrscheinlich, dass Spanien unter den Rettungsschirm schlüpfen und unter die direkte Kontrolle der Troika aus EZB, EU und IWF gestellt werden wird. Dies wird nach dem Kürzungspaket über 65 Mrd. Euro, das die Regierung in der vergangenen Woche angekündigt hat, weitere Einschnitte und Sparmaßnahmen zur Folge haben.

Am Montagnachmittag sollte es zu einem Gespräch zwischen dem deutschen Finanzminister Schäuble und seinem spanischen Kollegen Luis de Guidos „über die Zukunft Spaniens“ kommen. De Guidos sagte dem spanischen Parlament am Montagmorgen, dass der einzige Weg zu handeln gehe in der gegenwärtigen Situation „von Unsicherheit und Volatilität weit über die Möglichkeiten von Regierungen“ hinaus.

Die Ratingagentur Moody’s geht davon aus, dass eine Rettungsaktion für Spanien immer wahrscheinlicher wird. Moody’s hat die Aussichten für Deutschland, Holland und Luxemburg auf negativ herabgestuft und dies mit der „steigenden Ungewissheit“ angesichts der europäischen Schuldenkrise begründet. Unter Hinweis auf eine „zunehmende Wahrscheinlichkeit“ des Bedarfs an kollektiver Hilfe für solche Länder wie Spanien und Italien stufte Moody’s die Aussichten für Europas stärkere Volkswirtschaften herab, weil „diese Last sehr wahrscheinlich großenteils auf die höher eingeschätzten Mitgliedsstaaten fallen wird, wenn der Euro in seiner gegenwärtigen Form erhalten werden soll.“

Neben der Krise in Spanien werden die Marktturbulenzen durch wachsende Anzeichen verstärkt, dass Griechenland schon bald aus der Eurozone ausgeschlossen werden könnte. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel berichtete, dass der IWF nicht länger bereit sei, finanzielle Hilfe zu leisten. Das hat Befürchtungen verstärkt, die griechische Regierung könne schon im September zahlungsunfähig sein.

Der Bericht des Spiegel ist vom IWF dementiert worden, der behauptete, Griechenland weiter unterstützen zu wollen. Ein Team der Troika nimmt diese Woche Gespräche mit der griechischen Regierung und Finanzbehörden in Athen auf, um den im Rettungsprogramm geforderten Einschnitten und Sparmaßnahmen Nachdruck zu verschaffen.

Während der IWF den Spiegel-Bericht formell zurückgewiesen hat, gibt es andere Anzeichen, dass Griechenland weitere Gelder verweigert werden könnten. Am Freitag gab die Europäische Zentralbank bekannt, sie könne vor dem Erhalt des Berichtes der Troika keine griechischen Anleihen mehr als Kreditsicherheiten akzeptieren. Der Bericht wird nicht vor Anfang September erwartet.

Am Wochenende sagte Wirtschaftsminister Rösler in einem Interview der ARD, er halte es für unwahrscheinlich, dass Griechenland seine Verpflichtungen gegenüber den internationalen Gläubigern einhalten werde. Sollte sich das bewahrheiten, sagte er, werde Athen keine weiteren Gelder erhalten. „Es ist klar“, sagte Rösler, dass es, „wenn Griechenland die Bedingungen nicht einhält, keine weiteren Zahlungen geben kann.“

Auf die Folgen einer solchen Entscheidung angesprochen, fügte er hinzu, dass für ihn wie auch für andere „ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone längst seinen Schrecken verloren hat.“

Während FDP-Mitglied Rösler nicht die offizielle Meinung der deutschen Regierung vertritt, spiegeln seine Ansichten doch eine Richtungsänderung von Teilen der europäischen politischen Elite wider. Nachdem sie zwei Jahre lang dafür gesorgt haben, dass der größte Teil griechischer Schulden von privaten Banken und Finanzinstitutionen auf Regierungsbehörden übertragen wurden, könnten sie jetzt bereit sein, Griechenland fallen zu lassen.

Das wirtschaftliche, finanzielle und soziale Chaos, das dies auslösen würde, hätte den Vorteil, dem spanischen Volk und den Völkern anderer Länder ein Beispiel dafür zu liefern, was sie erwartet, wenn die Forderungen der EU (und der Banken) nicht erfüllt werden.