Dramatischer Anstieg des weltweiten illegalen Organhandels

Von Sven Heymanns
5. Juli 2012

Seit Beginn der globalen Krise des Kapitalismus 2008 ist der illegale Organhandel weltweit dramatisch angestiegen. Während sich bisher vor allem Menschen in Entwicklungsländern genötigt sahen, Teile ihres Körpers zu verkaufen, hat sich dieses Phänomen inzwischen auf weite Teile Europas ausgedehnt.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO wurden im Jahr 2010 weltweit etwa 107.000 Organe gespendet – sowohl legal als auch illegal. Nieren machen dabei etwa zwei Drittel aller transplantierten Organe aus. WHO-Arzt Luc Noel geht laut einem Bericht des Guardian davon aus, dass etwa zehn Prozent aller Transplantationen illegal erfolgen. Die kalifornische Menschenrechtsorganisation Organ Watch spricht dagegen allein von 15.000 bis 20.000 illegal transplantierten Nieren pro Jahr.

Die geleisteten Transplantationen machen aber nur einen Bruchteil des tatsächlichen Bedarfs aus. Nur jede zehnte Anfrage werde zurzeit auch wirklich bedient, heißt es in dem Guardian-Bericht. Dabei seien die zu erzielenden Profite riesig, so Noel.

Ganze Banden von Organhändlern machen mit dem illegalen Handel ein Millionengeschäft. Bis zu 200.000 Dollar (160.000 Euro) werden nach übereinstimmenden Medienberichten auf dem Schwarzmarkt für ein einziges Organ verlangt. Die Händler machen sich dabei die soziale Notlage der Spender zunutze: sie sind dringend auf das Geld angewiesen, erhalten aber oft nur einen Bruchteil der Gesamtsumme. Viele werden sogar komplett um ihr Geld betrogen.

Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise stellt die Hauptursache des zunehmenden illegalen Organhandels dar. Das gibt inzwischen sogar die Europäische Union offen zu. Die Internetseite BioEdge zitiert EU-Sonderankläger Jonathan Ratel mit den Worten: „Dank der globalen Finanzkrise ist der Organhandel eine Wachstumsbranche.“ Er spricht von beidseitiger Anfälligkeit gegenüber kriminellen Organhändlern: auf der einen Seite herrsche chronische Armut, auf der anderen Seite stünden wohlhabende Patienten, die alles für ihr Überleben tun würden.

Jim Feehally, Professor an der Universitätsklinik Leicester, bringt den Klassencharakter des Organhandels deutlicher auf den Punkt. Das Hauptproblem sei die Ausbeutung, zitiert ihn die österreichische Zeitung Der Standard. Während sich Reiche nicht nur Organe kaufen, sondern sich auch noch eine medizinische Nachbehandlung leisten könnten, würde den Spendern eine solche Versorgung oft verwehrt.

Die soziale Dimension des Problems wird besonders am Beispiel Chinas deutlich. Über eine Million Menschen benötigen dort eine Spenderniere, doch im vergangenen Jahr haben gerade einmal etwas mehr als 5.000 eine Transplantation erhalten. Angehörige der begüterten Oberschicht wie auch Reiche aus dem Nahen Osten oder Europa zahlen unter solchen Umständen zwischen 100.000 und 200.000 Dollar für ein illegal transplantiertes Organ, zuzüglich der Kosten für Operation, Transport etc. Dem überwiegenden Teil der Betroffenen aus den ärmeren Bevölkerungsschichten bleibt nichts anderes übrig, als auf die Zusage für ein passendes Spenderorgan zu hoffen, während sich ihr Gesundheitszustand immer weiter verschlechtert.

Doch solche Zustände existieren nicht mehr nur in sogenannten Entwicklungsländern. BioEdge berichtet etwa von verzweifelten Spendern in Griechenland, Italien, Spanien und den Balkanländern, die in ihrer finanziellen Not ihre Nieren, Knochenmark, Lungenflügel und sogar ihre Augenhornhaut anbieten.

Ein eindringliches Bild liefert ein Blick auf die Lage in Serbien. Das Land hat seit Beginn der Weltwirtschaftskrise 2008 einen Anstieg der offiziellen Arbeitslosigkeit von 14 auf 24 Prozent erlebt. Angesichts des hohen Durchschnittsalters von etwa 41 Jahren ist nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung über 15 Jahren erwerbstätig. Umso dringender werden für die alternde Bevölkerung medizinische Leistungen benötigt, die sich aber wegen der steigenden Armut immer weniger Menschen leisten können.

Ein Artikel der New York Times beschreibt die unmenschliche Lage, in der sich zahlreiche Serben inzwischen befinden.

Geschildert wird etwa das Schicksal von Pavel Mircov und seiner Frau Daniella. Nachdem der 50-Jährige im Winter arbeitslos geworden war, konnte der Vater zweier Kinder keinen Job mehr finden. Als kürzlich sein eigener Vater starb, war er nicht einmal mehr in der Lage, einen Grabstein zu finanzieren. Auch das Telefon ist schon abgestellt worden.

Jetzt versuchen Pavel und Daniella verzweifelt über das Internet einen Käufer für ihre Nieren zu finden. Knapp 40.000 Dollar soll eine Transplantation einbringen. Mit der Blutgruppe 0 kann Daniella auf dem Schwarzmarkt einige tausend Dollar mehr verlangen, weil ihre Niere dann in jeden Körper eingesetzt werden kann. „Ich brauche das Geld für die Schule für meine beiden Kinder“, schreibt Pavel in seinem Angebot.

Offiziell ist der Handel mit Organen in Serbien illegal und kann mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft werden. Doch der Staat ignoriert die barbarische Lage, in der sich die Bevölkerung befindet. Regierungsbeamte geben dem Times-Bericht zufolge an, die Armut sei gar nicht so schlimm, dass sich Menschen zu illegalen Organspenden gezwungen sähen. Die Polizei redet sich damit heraus, dass in den vergangenen zehn Jahren kein einziger Fall von illegalem Organhandel bekannt geworden sei.

Fakt ist jedoch, dass sich auf dem Balkan inzwischen ein regelrechtes Netzwerk von Organhändlern gebildet hat. In der südserbischen Kleinstadt Doljevac musste die Regierung einschreiten, als Anwohner versuchten, eine offizielle Agentur für den Handel mit Organen und gespendetem Blut anzumelden. Mehr als 3.000 Menschen hätten sich beteiligen wollen, bei einer Arbeitslosenquote von etwa 50 Prozent. Angesichts der rechtlichen Lage suchen inzwischen viele den Umweg über Bulgarien und das Kosovo. Wer Organe zur Spende freigibt, macht dies in der Regel über eigens eingerichtete Portale im Internet.

Die Times berichtet auch darüber, wie die offiziellen Verbote umgangen werden. Sie beschreibt das Schicksal von Milovan, einem früheren Fabrikarbeiter aus dem Süden des Landes. Der 52-Jährige spendete seine Niere einem wohlhabenden Lokalpolitiker. Im Gegenzug sollte dieser ihn auf die Gehaltsliste seiner Firma setzen und ihn mit Medikamenten versorgen. Um nicht in rechtliche Schwierigkeiten zu kommen, gaben sich die beiden als Brüder aus. In einem öffentlichen Krankenhaus in Belgrad wurde die Transplantation schließlich vollzogen. Nachdem der Politiker nichts mehr von ihm wissen wollte, ist der hochverschuldete Milovan nun auf sich allein gestellt.

Serbien ist beileibe kein Einzelfall. Gerade das Kosovo gilt als Hochburg des illegalen Organhandels. Die von den westlichen Großmächten im Jugoslawienkrieg unterstützte UÈK wird bis heute beschuldigt, Serben getötet sowie ihre Organe entnommen und verkauft zu haben. Bis 2008 wurden in der Medicus-Klinik in der Hauptstadt Pristina illegale Transplantationen vollzogen. Seit Herbst 2011 läuft deshalb gegen sieben Männer ein Prozess mit dem Vorwurf des illegalen Organhandels, des Menschenhandels und weiterer Vergehen, wie der Focus berichtet.

Nancy Scheper-Hughes, Vorsitzende von Organ Watch, erklärte, die derzeitige Lage erinnere an die Situation nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Auch damals habe die chronische Arbeitslosigkeit einen neuen Schlag von willigen Spendern hervorgebracht.

Das erneute Aufkommen solch barbarischer Zustände inmitten Europas ist eine direkte Anklage gegen das kapitalistische System. Schon die Auflösung der Sowjetunion und damit die Wiedereinführung des Profitsystems hatten zu einem enormen Rückgang des Lebensstandards der Bevölkerung geführt. Deie kapitalistische Restauration führte nicht nur zu Arbeitslosigkeit und Armut sondern auch zum Zusammenbruch der öffentlichen Infrastruktur und des Gesundheitssystems.

Mit der Bankenkrise werden osteuropäische Verhältnisse nun in ganz Europa geschaffen. Am Organhandel zeigt sich mit besonderer Dringlichkeit die Unvereinbarkeit des Profitsystems mit den Grundbedürfnissen der Mehrheit der Menschen.

Während der technische und medizinische Fortschritt eine Gesundheitsversorgung der gesamten Bevölkerung auf hohem Niveau ermöglichen würde, zwingt der Kapitalismus Millionen von Menschen weltweit zum Ausverkauf des eigenen Körpers.