Gouverneur der Bank von England fürchtet Abschwung bis zur nächsten Generation

Von Nick Beams
25. Oktober 2012

Der Gouverneur der Bank von England, Sir Mervyn King, hat die bisher deutlichste Erklärung abgegeben, dass die Folgen der globalen Finanzkrise noch jahrzehntelang spürbar sein werden. Mehr als vier Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers verschlechtern sich erneut die Aussichten für globale Finanzen und Weltwirtschaft.

In einer Rede am Dienstag im walisischen Cardiff sagte King, nach einer Periode „ungleichmäßiger“ Expansion mit wachsenden Handelsdefiziten, gestiegener Verschuldung und einem Zusammenbruch ihrer Bankensysteme „stehen die Industrieländer vor großen Anpassungen“. Das Ausmaß der Veränderung könne bedeuten, dass die Generation, die jetzt auf den Arbeitsmarkt kommt, „lange Zeit in ihrem Schatten leben muss“.

Wie King erklärte, habe sich “der Himmel der Weltwirtschaft im vergangenen Jahr verdunkelt”. Die Wolken aus der Eurozone hätten sich nicht verzogen, und neue seien aus China, Brasilien und Indien herangezogen. In diesen drei größten „aufstrebenden Marktwirtschaften“ verlangsame sich das Wachstum. Der Internationale Währungsfond erwarte, dass die Wirtschaft in diesem Jahr in nicht weniger als zehn europäischen Ländern schrumpfen werde.

Obwohl Großbritannien noch selbst über seine Geldpolitik bestimmt und seine eigene Währung hat, ist es von diesem europäischen Trend nicht ausgenommen. Das Bruttoinlandsprodukt ist kaum höher als vor zwei Jahren und liegt fünfzehn Prozent unter dem Niveau, auf dem es heute wäre, hätte der Trend von vor 2007 angehalten.

Wie andere Zentralbanken in aller Welt hat auch die Bank von England ihre eigene Variante von “quantitativer Lockerung“ betrieben. Sie hat das Zinsniveau für die Banken auf den niedrigsten Wert aller Zeiten gesenkt und Wertpapiere im Wert von 350 Milliarden Pfund aufgekauft, um Geld in die Wirtschaft zu pumpen.

King sagte, auch wenn diese Politik das Anpassungstempo entspannen könne, könne sie nicht unbegrenzt fortgeführt werden, denn „ihre Fähigkeit, die Ausgaben im privaten Sektor zu stimulieren, ist begrenzt“.

“Langfristig werden wir eine neue Balance in unserer Wirtschaft finden müssen. Die Ausgaben im Inland müssen begrenzt und die Exporte erhöht werden, um unser Handelsdefizit zu verringern, unsere Schulden abzutragen und die nationale Sparrate und Investitionen anzuheben“, sagte er. King ging nicht auf die Folgen dieser „Anpassung“ ein, aber sie bedeuten, dass der Lebensstandard weiter sinken muss, soll der britische Kapitalismus international wettbewerbsfähig sein.

Das “Paradoxon” der heutigen Politik bestehe darin, warnte er, dass der Versuch, Ausgaben von morgen auf heute vorzuziehen, morgen noch größere Anreize erfordere, um die Wirtschaft in der Zukunft zu stimulieren. „Wenn die Ursachen für einen Abschwung hartnäckig sind, dann helfen nur andauernde Stimuli, um die reale Wirtschaftsaktivität beizubehalten. Offensichtlich funktioniert ein solcher Kurs nicht dauerhaft.“

Vor der Krise getätigte Investitionen seien heute unprofitabel. Er sagte: „In der ersten Hälfte des Jahres haben fast tausend Filialen von Einzelhandelsketten in den Einkaufsstraßen dicht gemacht.“ Niedrigere Warenpreise ließen die Verschuldung zu hoch erscheinen.

Der Schuldenüberhang war besonders im Bankensektor verbreitet, wo Schuldenabbau die Vergabe von frischen Krediten behinderte. Die Banken schwammen in flüssigen Mitteln, aber hatten unzureichendes Stammkapital.

„Wie 2008 gibt es in vielen Teilen der Welt ein starkes Zögern, das Ausmaß der Unterkapitalisierung des Bankensystems einzugestehen“, sagte King.

Die Gefahr bestehe darin, die “Fehler” der 1930er Jahre zu wiederholen. Damals sei viel zu lange so getan worden, als ob die Schulden zurückbezahlt werden könnten. Gläubiger mussten „weitere Verluste, eine Abschreibung von Vermögenswerten und die Rekapitalisierung ihrer Finanzsysteme“ hinnehmen.

Kings Warnungen sind die jüngsten in einer ganzen Reihe, die auf die Tatsache hinweisen, dass “quantitative Lockerung” wenig bis nichts dazu beiträgt, der globalen Wirtschaft einen Anschub zu verschaffen. Stattdessen könnte sie dazu beitragen, die Bedingungen für eine neue, noch ernstere Finanzkrise als 2008 zu schaffen.

Die Financial Times Journalistin Henny Sender schrieb am Freitag in einem Kommentar: “Während der Chef der amerikanischen Federal Reserve, Ben Bernanke, und andere Sprecher den Erfolg ihres Programms der ‚quantitativen Lockerung‘ feiern, gibt es in Wirklichkeit weder harte Beweise für eine Erholung in der Gesamtwirtschaft, noch für einen Zusammenhang zwischen diesem Programm und etwaigen hoffnungsvollen Anzeichen für eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage.“

Die wirtschaftliche Aktivität, die angeblich von der dritten Runde “quantitativer Lockerung“ angestoßen wurde, müsse „sich erst noch zeigen“, und es gebe Anzeichen, dass ihre Wirkung „schon wieder verpufft“.

„Ein Rückgang der Kapitalinvestitionen im dritten Quartal lässt vermuten, dass die Politik der Fed keineswegs für Investitionen in der Wirtschaft ursächlich war“, schrieb sie.

Gleichzeitig wird befürchtet, dass die Politik der Fed längerfristig ausgesprochen schädliche Folgen haben könnte. Der Gouverneur der Bank von Japan, Masaaki Shirakawa, warnte Anfang des Monats, der „globale Lockerungs-Hype könnte Parallelen zu den Verhältnissen aufweisen, die zu der großen Kreditblase zu Beginn des Jahrhunderts geführt hat“.

Sender erklärte, dass der Markt der Junk-Anleihen zu den Bedingungen von vor 2007 zurückgekehrt sei. Es gebe einen großen Kontrast zwischen „überschäumenden Kreditmärkten und einer lustlosen Wirtschaft“. Daten für die ersten zwei Wochen im Oktober zeigten rekordverdächtige Refinanzierungen, sowohl in hochverzinslichen, als auch in verbrieften Kreditmärkten, die hauptsächlich von Investmentfirmen organisiert werden. „Diese Daten unterstreichen, dass die größten Nutznießer der Politik der Fed Private Equity Firmen waren, und nicht die Haushalte (besonders Sparer) oder die Unternehmen.“

Andere Kritiker der “quantitativen Lockerung” weisen darauf hin, dass sie dazu führt, dass die Preise für grundlegende Gebrauchsgüter steigen, wovon überproportional die Armen betroffen sind, während die Reichen begünstigt werden, weil sie von steigenden Vermögenswerten profitieren können.