Weltwirtschaft schrumpft erneut

Von Nick Beams
30. Oktober 2012

Die Anzeichen mehren sich, dass die Weltwirtschaft in eine neue Phase finanzieller Turbulenzen eintritt, die in einer wachsenden Anzahl von Ländern mit einer Verschärfung der Rezession einhergeht.

Direkt nach dem globalen Wirtschaftscrash, der 2008 begann und durch den Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers ausgelöst wurde, nahmen die Regierungen in aller Welt gewaltige Schulden auf und stellten Milliarden von Dollar zur Verfügung, um einen vollständigen Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern. Auf den Treffen der G-20 wurde beteuert, dass man nicht zu den Bedingungen der dreißiger Jahre zurückkehren wolle und aus der Geschichte gelernt habe.

Plötzlich kamen die Schriften von John Maynard Keynes, dem britischen Ökonomen der dreißiger Jahre, wieder in Mode. Er hatte erhöhte Staatsausgaben zur Verhinderung wirtschaftlicher Abschwünge propagiert. Aber im Juni 2010 erfolgte eine scharfe Zäsur, als ein Treffen der G-20 Sparpolitik auf den Schild hob und die Notwendigkeit „fiskalischer Konsolidierung“ verkündete. Das Wesen dieses Programms bestand darin, das Geld, das den Banken gegeben worden war, durch massive Einschnitte bei den Staatsausgaben, insbesondere im Sozialbereich, zurückzuholen.

Dieses Programm brachte jedoch eine Schrumpfung des Wirtschaftswachstums mit sich und führte zu abnehmenden Profitmöglichkeiten für die Großkonzerne. Angesichts dieser Situation begann die US-Zentralbank Federal Reserve eine Politik des „quantitative easing“ (QE) – der unbegrenzten Geldzufuhr an Banken und Finanzeinrichtungen. Zentralbanken in aller Welt senkten die Zinssätze auf Rekordniveaus und begannen daraufhin mit ihrer eigenen Version der quantitativen Lockerung, QE. Bei stagnierender Realwirtschaft zielten diese Maßnahmen darauf ab, den Wert von Finanzvermögen zu erhöhen, um Finanzhäusern so einen neuen Weg zur Realisierung von Spekulationsgewinnen zu weisen.

Während die verschiedenen Programme der quantitativen Lockerung als Mittel zur Verhinderung eines Abrutschens in die globale Rezession angepriesen wurden – Federal-Reserve-Vorsitzender Ben Bernanke behauptet, dass das kürzlich eingeführte 3. Programm des QE wegen der fortgesetzt hohen Arbeitslosigkeit eingeführt worden sei – haben diese Programme in Wahrheit nichts zur Förderung der Realwirtschaft beigetragen.

Ihre einzige bedeutsame Folge bestand darin, durch die Bereitstellung ultra-billigen Geldes durch die Zentralbanken Profite durch Finanzspekulation zu fördern. Jetzt aber deuten Anzeichen darauf hin, dass ein neues Stadium des globalen Zusammenbruchs naht. Es ist durch die Verstärkung von Rezessionstendenzen angesichts des Nachlassens der Wirkung der Programme der Zentralbanken gekennzeichnet.

Die Aktienkurse in den USA, die durch die quantitative Lockerung in die Höhe getrieben wurden, haben nachzugeben begonnen, nachdem die Firmen einen Rückgang bei Verkaufszahlen und Profiten bei gleichzeitiger Ankündigung weiterer Arbeitsplatzstreichungen gemeldet haben. In der vergangenen Woche wiesen die amerikanischen Firmen auf die Abschwächung der globalen Nachfrage und die Angst in Folge der andauernden Finanzkrise in Europa hin.

Dow Chemical kündigte an, 2.400 Stellen zu streichen, das sind fünf Prozent des weltweiten Personals,. Außerdem sollen wegen des „erwarteten langsamen Wachstums in der nahen Zukunft“ zwanzig Betriebe geschlossen und Kapitalinvestitionen um 500 Millionen gekürzt werden. DuPont, größtes Chemie-Konsortium der USA, kündigte 1.500 Entlassungen und einen Verlust im vierten Quartal an. Der Konzern wies auf einen scharfen Rückgang der Verkaufszahlen in der asiatisch-pazifischen Region hin. Um zehn Prozent schlechtere Verkaufszahlen als im Vorjahr widerlegen alle Behauptungen, die sogenannten „Schwellenländer“ würden die weltweite Nachfrage wieder ankurbeln.

Insgesamt wird erwartet, dass die Erträge und Profite der Konzerne zum ersten Mal seit 2009 zurückgehen. Die jüngsten Zahlen der amerikanischen Wirtschaft belegen, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal aufs Jahr hochgerechnet nur um zwei Prozent gewachsen ist. Das liegt unter dem Niveau, das zur Erhaltung der Arbeitsplätze notwendig ist. Hätten sich die Verteidigungsausgaben nicht erhöht, wären die Zahlen weit hinter die Erwartungen der Märkte zurückgefallen.

Wichtigster Einzelposten der Zahlen zum amerikanischen Bruttoinlandsprodukt waren die Investitionsausgaben. Ihr anhaltender Rückgang ließ das Wachstum der Gesamtwirtschaft im letzten Quartal um 0,1 Prozent sinken, während Importe und Exporte um jeweils 0,2 Prozent zurückgingen. Auch wenn die Zentralbanker weiterhin Geld in die Finanzmärkte pumpen, werden diese Maßnahmen nichts dazu beitragen, das Steuer herumzuwerfen. Mervyn King, der Gouverneur der Bank von England, bemerkte vergangene Woche in einer wichtigen Rede, dass der wachsende Geldzufluss sich nachteilig auf die Realwirtschaft auswirke.

Seine Warnungen werden durch historische Trends bestätigt. In der Financial Times wies der Finanzanalyst Satyajit Das darauf hin, dass die Kredit- und Hypothekenaufnahme bei steigenden Hauspreisen zwischen 2001 und 2008 etwa die Hälfte des Wachstums in den USA ausgemacht habe. „Aber es werden immer größere Kredite benötigt, um das Wachstum aufrecht zu erhalten. 2008 waren 4 bis 5 Dollar an Schulden erforderlich, um einen Dollar Wachstum in der US-Wirtschaft zu erzeugen. In den 1950ern waren es ein bis zwei Dollar gewesen. China braucht jetzt 6 bis 8 Dollar an Kredit, um einen Dollar Wachstum zu generieren. Vor 15 bis 20 Jahren waren es ein bis zwei Dollar gewesen.“

Auf den Treffen der G-20 im Jahr 2009 betonten die Regierungschefs, es werde keine Rückkehr zu den protektionistischen Maßnahmen der 1930er Jahre geben, die solch verheerende Auswirkungen auf den Welthandel hatten. Aber die quantitative Lockerung erzeugt eine moderne Form des „Beggar-thy-neighbor“ („Treib deinen Nachbar in den Ruin“)-Prinzips der Großen Depression. Die Geldflut der Federal Reserve hat den Dollar abgewertet, die Exportmärkte der Konkurrenten hart getroffen und durch den Versuch, die eigene Position zu stützen, zu „Währungskriegen“ geführt.

Darüber hinaus droht die Förderung von Finanzwerten unter den Bedingungen einer sich verlangsamenden Wirtschaft in noch höherem Ausmaß die Bedingungen zu wiederholen, die den Zusammenbruch von 2008 auslösten. Dies liegt daran, dass die Zentralbanken im Gegensatz zu der Situation vor vier Jahren jetzt selbst bis über die Ohren an den Finanzmärkten engagiert sind und bei einem Zusammenbruch des Marktes hohe Verluste erleiden werden.

Die Chefs der Zentralbanken und die kapitalistischen Politiker behaupten, ihre Maßnahmen mögen zwar kein Wachstum erzeugt haben, hätten aber wenigstens eine Rückkehr zu den Verhältnissen der dreißiger Jahre verhindert. Diese Behauptungen werden durch die Verhältnisse in Spanien und Griechenland widerlegt, wo die Arbeitslosigkeit bereits das Ausmaß der dreißiger Jahre erreicht hat.

Auch historisch gesehen scheint ihr Selbstlob einigermaßen verfrüht. Die Große Depression folgte auf ein Jahrzehnt finanzieller und wirtschaftlicher Turbulenzen, die durch den Zusammenbruch des globalen Kapitalismus ausgelöst wurden, der mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 begann.

Diesmal hat der kapitalistische Zusammenbruch mit einer Finanzkrise begonnen, die jetzt eine zunehmende Schrumpfung der Weltwirtschaft in Gang gesetzt hat.

Wie ihre Vorgänger von damals haben die herrschenden Eliten auch diesmal keine andere Antwort auf die historische Krise des Profitsystems als Konterrevolution gegen die Arbeiterklasse, Militarismus und die Einführung diktatorischer Herrschaftsformen.

Die Weltwirtschaftskrise ist weit davon entfernt, bald zu enden. Im Gegenteil – sie beginnt gerade erst. Die Arbeiterklasse muss darauf reagieren, indem sie ihr eigenes Programm entwickelt, das sich auf einen unversöhnlichen politischen Kampf für den Sturz des bankrotten kapitalistischen Profitsystems gründet und die Banken und Großkonzerne in öffentliches Eigentum überführt, um eine geplante sozialistische Weltwirtschaft zu errichten.