Zahl der Toten durch israelische Luftangriffe im Gazastreifen steigt

Von Patrick Martin
20. November 2012

Israelische Kampfflugzeuge und Kanonenboote haben am Wochenende ihre Angriffe auf Wohnhäuser und Einrichtungen im Gazastreifen verstärkt. Die Zahl der Toten bei den fünftägigen Angriffen auf das dicht bewohnte Gebiet liegt inzwischen bei über 75.

Am Sonntag wurden mehr als 29 Menschen getötet, die Mehrheit davon Frauen und Kinder. Zweifellos sind noch weitere Tote unter den Ruinen von Dutzenden von Gebäuden begraben.

Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte am Samstag, israelische Kampfflugzeuge hätten mehr als 1000 Angriffe gegen Ziele in Gaza geflogen. Laut Sprechern des palästinensischen Roten Halbmondes wurden mindestens 660 Menschen verwundet oder unter Trümmern verschüttet, darunter mindestens 137 Kinder.

Laut der Weltgesundheitsorganisation sind die Krankenhäuser in Gaza voll mit Opfern, wichtige medizinische Güter fehlen. Die Hilfsorganisation Save the Children erklärte, den Familien gingen Nahrungsmittel und Wasser zur Neige, viele seien in ihren Häusern gefangen und der Strom werde bis zu achtzehn Stunden am Tag abgestellt.

Die brutalste Bluttat ereignete sich am Sonntag, als neun Mitglieder der Familie des Hamas-Funktionärs Mohamed Dallu bei einem israelischen Bombenangriff auf sein Haus getötet wurden. Zu den Toten gehören seine vier kleinen Kinder – Sara (7), Jamal (6), Yusef (4) und Ibrahim (2). Die Explosion war so stark, dass auch zwei Menschen starben, die nur an dem Haus vorbeigingen.

Bei einem anderen Vorfall im Lager Jabalya im Norden Gazas wurden ein Mann, seine Frau und seine zwei kleinen Kinder im Alter von zwei und drei Jahren getötet, als ihr kleines Haus von einer Bombe getroffen und über ihnen zusammenstürzte.

Der Minister für strategische Angelegenheiten Moshe Jaalon gab mit dem typischen Zynismus israelischer Regierungssprecher den Palästinensern selbst die Schuld an dem Tod von Frauen und Kindern: „Was sollen wir denn machen, wenn sie Zivilisten als menschliche Schilde benutzen?“ fragte er rhetorisch auf einer Pressekonferenz in Jerusalem. Er meinte damit Hamas-Funktionäre, die mit ihren Familien zuhause leben und von Israel mit Raketen und Bomben angegriffen werden.

Jaalons Kommentare zeigen die Grausamkeit der israelischen Aggression. „Wir gehen langsam vor, identifizieren das Ziel und säubern das Gebiet rundherum“, erklärte er, als spreche er von der Tötung von Ungeziefer statt von Menschen.

„Wenn sie Raketen in dicht bewohntem Gebiet aufstellen, beispielsweise in Moscheen und Schulhöfen, sind wir nicht für das Ergebnis verantwortlich,“ fuhr er fort. Tatsächlich gab es in der Nähe der hochrangigen Ziele, die an diesem Wochenende getroffen wurden – darunter der Amtssitz von Hamas-Premierminister Ismail Haniyeh und das Gebäude, das von vielen Journalisten in Gaza als Medienzentrum genutzt wird, keine Raketen.

In dem Medienzentrum befanden sich Büros, die unter anderem von dem britischen Sender Sky News und der arabischen Senderkette al-Arabiya aus Dubai genutzt wurden. Die israelische Vereinigung Ausländischer Journalisten gab eine Stellungnahme heraus, in der sie ihr Bedauern bekundete und auf eine – von Israel mehrfach verletzte - Resolution des UN-Sicherheitsrats hinwies, die den Schutz von Journalisten fordert, die über zivile und militärische Konflikte berichten.

Der Angriff auf Haniyehs Amtssitz erfolgte nur einen Tag, nachdem ihn der ägyptische Premierminister dort besucht hatte. Er stellt eine direkte Warnung an die diversen bürgerlichen arabischen Regimes dar, die den Angriff auf Gaza in Worten verurteilen: Auch sie werden zum Ziel israelischer Bomben und Raketen, wenn sie sich einmischen.

Ein anderes Mitglied der israelischen Regierung hielt sich nicht mit dem Vorwand auf, die Luftangriffe seien eine Selbstverteidigung gegen palästinensische Raketen: Der israelische Innenminister Eli Yishai erklärte laut der Tageszeitung Haaretz, das Ziel der Operation sei es, „Gaza ins Mittelalter zurückzuversetzen.“

Yishai reagierte dabei auf wachsende internationale Kritik an Israels Angriffen, durch die ein Großteil der öffentlichen Infrastruktur der palästinensischen Enklave zerstört werden soll, die von der Hamas regiert wird, dem palästinensischen Ableger der Moslembruderschaft.

Die israelische Regierung hat die Hamas offiziell zur Terrororganisation erklärt und rechtfertigt damit im Voraus die Zerstörung aller öffentlichen Gebäude in Gaza, darunter auch Regierungsgebäude, Krankenhäuser, Schulen und andere Einrichtungen, die für das Leben der Zivilbevölkerung notwendig sind.

Während sich die Beweise für Verbrechen häufen, unterstützen die USA öffentlich und bedingungslos Israels Angriffe. Präsident Obama erklärte auf einer Pressekonferenz in Thailand zum Beginn seiner Tournee durch drei Länder Südostasiens: „Wir unterstützen ausdrücklich Israels Recht auf Selbstverteidigung. Israel hat das Recht, nicht damit rechnen zu müssen, dass Raketen auf sein Gebiet abgefeuert werden.

Ein Vertreter des Nationalen Sicherheitsrates, der mit Obama unterwegs war, stritt ab, Israel habe diese Krise durch die Ermordung des Hamas-Oberbefehlshabers Ahmed al-Dschabari am Mittwoch absichtlich provoziert. Er verteidigte die Ermordung von al-Dschabari durch Israel als rechtmäßige Reaktion auf vorhergehende palästinensische Raketenangriffe aus Gaza, auch wenn bei diesen Angriffen keine Israelis starben und die Hamas sich gegen sie aussprach, da sie den Einfluss rivalisierender Gruppen wie dem Islamischen Dschihad einschränken will.

Die diplomatische Aktivität als Reaktion auf den Angriff auf Gaza konzentrierte sich größtenteils auf Kairo, wo am Sonntag angeblich ein israelischer Abgesandter ankam, um mit ägyptischen Diplomaten als Vermittlern für die Hamas einen Waffenstillstand auszuhandeln. Der hochrangige Fatah-Funktionär Nabeel Sha’ath wurde vom palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas zu Gesprächen mit den rivalisierenden Hamas-Führern geschickt.

Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan und der Emir von Katar, Scheich Hamad Bin Khalifa al-Thani, waren zu vorher geplanten Besuchen in Kairo, außerdem fand eine Dringlichkeitssitzung der Arabischen Liga statt. Erdogan und der Emir von Katar haben eng mit der Obama-Regierung in deren Kampagne zur Schwächung und zum Sturz des syrischen Regimes von Bashar al-Assad zusammengearbeitet, aber sie haben festgestellt, dass sie durch diese Unterwerfung keinen Einfluss in Washington gewinnen, wenn es um den Massenmord an Palästinensern in Gaza geht.

Der ägyptische Präsident Mohamed Mursi steht zunehmend unter Druck der Öffentlichkeit, etwas wegen der Gräueltaten in Gaza zu unternehmen, aber sein vom Militär gestütztes Regime hat erklärt, sich an das Abkommen von Camp David zwischen Ägypten und Israel zu halten, das Anwar Sadat im Jahr 1978 unterzeichnet hat. Amerikanische Diplomaten, die die Hand auf der Brieftasche des ägyptischen Militärs halten, haben klargestellt, dass Washington keine politische Wende Ägyptens im Bezug auf Israel dulden werde.

Die Obama-Regierung fordert von Mursi, Druck auf die Hamas auszuüben, damit diese einen Waffenstillstand akzeptiert. Damit fordert sie, dass die Opfer von Israels Aggression aufhören, sich zu wehren und sich nach Belieben töten lassen.

Grundlegender gesagt repräsentieren Mursi und das Regime der Moslembrüder eine Fraktion der ägyptischen Bourgeoisie und sind mit den Gefahren einer sozialen Explosion in Ägypten beschäftigt, die aus der zunehmenden Unzufriedenheit mit der neuen Regierung resultiert. Diese konnte keine der brennenden sozialen Fragen lösen, die im letzten Jahr zum Sturz des Mubarak-Regimes führten.

Während am Sonntag israelische Kampfflugzeuge Bomben auf Gaza abwarfen, gingen Einheiten des ägyptischen Militärs gegen Hausbesetzer auf einer Insel im Nil im Süden Kairos vor. Sie töteten drei Demonstranten, die versucht hatten, mit Metallbarrikaden und brennenden Reifen eine Zugangsstraße zu versperren. Es war die erste Straßenschlacht zwischen dem Militär und der Bevölkerung seit Mursis Amtsantritt, Dutzende wurden verhaftet.