Weihnachten 2012: „Das soziale Klima wird frostiger“

Von Ernst Wolff
22. Dezember 2012

Keine andere Jahreszeit macht das soziale Gefälle in Berlin so deutlich wie der Winter, insbesondere die Vorweihnachtszeit. Der Frost treibt Obdachlose in die Innenstadt, Kältebusse suchen Straßen, Brücken und Hinterhöfe nach Hilfsbedürftigen ab, vor den Suppenküchen steigt die Zahl hungriger und frierender Menschen.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal hier anstehen würde“, sagt ein Mann von Mitte fünfzig und reiht sich in die Warteschlange an der Suppenküche am Bahnhof Zoo ein. Vor fünf Jahren hatte er seinen Job verloren und sich zunächst durch Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten, bevor er aufgrund seines Alters nicht mehr mit jüngeren Niedriglöhnern konkurrieren konnte.

„Wenn du es nicht mehr packst, bist du weg vom Fenster“, sagt er bitter und resignierend zugleich. Ein anderer in seinem Alter stimmt zu. „Dann musst du sehen, wie du zurechtkommst. Da hilft dir kein Amt und keine Behörde.“

Ein ausgemergelter Mann von Anfang dreißig schiebt einen Einkaufswagen mit Plastiktüten vor sich her. Er antwortet zunächst nicht auf Fragen, schüttelt nur resignierend den Kopf. Dann gibt er stockend zu, dass er nach dem Verlust von Arbeitsplatz und Wohnung seit zwei Jahren auf der Straße lebt. „Das Schlimmste ist“, murmelt er, ohne den Blick zu heben, „dass du zum Überleben auf Mitleid angewiesen bist.“

Ein Rentner von Anfang siebzig, besser gekleidet als die meisten in der Warteschlange, ist extra aus einem anderen Stadtteil zum Bahnhof Zoo gekommen. Er will sich die Schmach ersparen, von einem Nachbarn oder einem Bekannten an der Essensausgabe gesehen zu werden. „Ich habe mein ganzes Leben gearbeitet, aber jetzt soll ich mit 810 Euro Rente im Monat auskommen“, empört er sich. „Wie soll das gehen, wo meine Miete dieses Jahr schon wieder erhöht wurde und Strom und Gas auch schon wieder teurer werden?“

Am stärksten sticht der Unterschied zwischen Reich und Arm an Berlins Prachtstraße, dem Ku’damm, ins Auge. Die blanke Not treibt viele Menschen tagsüber bettelnd an die Hauswände und lässt sie nachts in Schlafsäcken in den windgeschützten Eingängen der Geschäfte Zuflucht suchen. Gleichzeitig locken die Nobelläden, von Sicherheitspersonal bewacht und in hellem Glanz erstrahlend, ihre zahlungskräftige Klientel mit Luxusprodukten.

Der Berliner Senat, der auch dieses Jahr wieder Altentagesstätten, Stadtteilbüchereien und Jugendhäuser mit Hinweis auf die angespannte Haushaltslage geschlossen oder im Betrieb eingeschränkt hat, spart nicht, wenn es um die Weihnachtsbeleuchtung am Ku’damm geht. Der Umsatz des Einzelhandels hat unter einem sozialdemokratischen Bürgermeister Vorrang vor der Not derer, die am unteren Ende der sozialen Leiter ums Überleben kämpfen.

Hinter einer jungen Frau, die eine Obdachlosenzeitung verkauft, hängt an einem Kiosk eine Zeitung mit der Überschrift „Fast jedes fünfte Kind lebt in Armut“. Eine Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes belegt, dass die Zahl der Armen im letzten Jahr in Deutschland um eine halbe Million zugenommen hat. Das sind zusätzliche 500.000 Menschen, denen pro Monat weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung stehen.

Während sich am Ku’damm auch viele Wohlhabende drängen und für ein leicht verzerrtes Spiegelbild der gesamten Gesellschaft sorgen, zeigt sich die Armut am Rande Berlins in geballter Form. In Spandau oder in Marzahn-Hellersdorf, wo die meisten Berliner Hartz-IV-Empfänger leben, gibt es keine Gucci-, Armani- oder Louis-Vuitton-Läden und auch keine aufwändige Weihnachtsbeleuchtung. Dafür wohnen hier sechzigtausend der achtzigtausend Menschen, die im Sommer von den Berliner Behörden zum Umzug aufgefordert wurden, weil ihre 2012 erhöhten Mieten den für Hartz-IV-Empfänger erlaubten Satz überschreiten.

Es sind Menschen wie Monika, 42, die als allein erziehende Mutter nicht nur zwei Kinder, sondern auch eine bettlägerige Mutter zu betreuen hat. Oder Jan, der mit 16 von zu Hause ausgezogen ist, nach dem Ende der Ausbildung zum Mechatroniker von seinem Betrieb nicht übernommen wurde und nach sechsmonatiger erfolgloser Arbeitssuche mit neunzehn Jahren wieder zu seinen Eltern ziehen muss. Oder die fast achtzigjährige Juliane, die aus Rumänien stammt, ihr Leben lang als Schneiderin gearbeitet hat und wegen fehlender Papiere in Deutschland keine Rente, sondern nur Hartz IV erhält.

„Das Leben wird von Jahr zu Jahr härter“, sagt ein älterer Mann, der am Bahnhof Lichterfelde eine Pause einlegt, nachdem er diverse Papierkörbe und Container nach leeren Flaschen durchkämmt und sich von dem Pfanderlös eine Packung Zigaretten gekauft hat. Ein Streetworker, der mit zwei Jugendlichen spricht, stimmt zu und ergänzt: „Aber ich habe das Gefühl, dass die Leute das nicht mehr lange widerspruchslos hinnehmen werden.“ Einer der Jugendlichen pflichtet ihm lautstark bei. „Die Unverschämtheit, mit der sich die Reichen bedienen, und die Art, wir wie hier behandelt werden, ekelt die Leute an, vor allem die Jüngeren.“

Die Umstehenden stimmen ihm zu, und während der Jugendliche wütend gegen einen Papiereimer tritt, sagt der Sozialarbeiter: „Noch spricht und schreibt niemand darüber, aber eins spürt man hier deutlich: Das soziale Klima wird frostiger und die Leute werden wütender. In vielen Leuten brodelt es, und zwar gewaltig.“