Großdruckerei Prinovis in Itzehoe wird geschlossen

Von Ernst Wolff
9. Februar 2013

Die Großdruckerei Prinovis (ehemals Gruner & Jahr) im schleswig-holsteinischen Itzehoe wird im nächsten Sommer geschlossen. Wie die Geschäftsleitung auf einer Betriebsversammlung am Mittwoch mitteilte, werden 680 festangestellte Mitarbeiter, 20 Auszubildende und 300 Leiharbeiter im Sommer 2014 ihre Arbeitsplätze verlieren.

Der Betrieb, der 2004 noch mit 1.265 Beschäftigten sein 125-jähriges Bestehen feierte, wurde 2005 von den Bertelsmann-Firmen Gruner & Jahr und Arvato sowie der Springer AG übernommen. Bertelsmann – im Besitz der Familie Mohn, deren Vermögen die jüngste Forbes-Liste mit 3,5 Mrd. Euro angibt – hält 74,9 Prozent der Anteile. Die restlichen 25,1 Prozent befinden sich im Besitz von Axel Springers Witwe, deren Vermögen Forbes auf 3 Mrd. Euro schätzt.

Die Nachricht, dass das Itzehoer Unternehmen acht Jahre nach der Übernahme liquidiert wird, kam nicht überraschend. Von Beginn an hatte sich die neue Geschäftsleitung ein klares Ziel gesetzt: Die Konkurrenz durch „Kampfpreise“ unter Druck zu setzen, um so zum Marktführer im Bereich Tiefdruck zu werden und sich seine Profitabilität durch Kostensenkung an den verschiedenen Standorten zu sichern.

Hierbei kam das „System Bertelsmann“ zum Einsatz: Die einzelnen zu Prinovis gehörenden Betriebe wurden zum Wettbewerb gegeneinander angetrieben. Nach der Liquidation des Standortes Darmstadt und der Vernichtung von 300 Arbeitsplätzen im Jahr 2008 wurden die Belegschaften in Ahrensburg, Dresden, Nürnberg und Liverpool systematisch gegeneinander ausgespielt.

Sie wurden genötigt, sich auf immer neue Zugeständnisse wie Kurzarbeit, 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich, unbezahlte Mehrarbeit und den Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld einzulassen. Als Gegenleistung erhielten sie das falsche Versprechen einer Arbeitsplatzsicherung bis 2015.

Parallel zur Verschärfung der Arbeitsbedingungen für die Festangestellten wurde in immer größerem Ausmaß Leiharbeit eingeführt. Im Jahr 2010 waren am Standort Itzehoe bereits 150 fest Angestellte durch Leiharbeiter ersetzt worden, die bei gleicher Tätigkeit statt der üblichen 11,23 Euro pro Stunde nach einer halbjährigen Einarbeitungszeit nur 7,35 Euro pro Stunde erhielten, dazu weniger Urlaubsgeld, kein Weihnachtsgeld und sechs Tage weniger Urlaub als ihre fest angestellten Kollegen.

Als sich 2011 200 von 800 Mitarbeitern in Nürnberg weigerten, eine einzelvertragliche Regelung zu unterschreiben, die ihre Arbeitsbedingungen noch weiter verschlechtert und ihre Löhne erneut gesenkt hätte, drohte die Geschäftsleitung, 138 von ihnen zu entlassen. Der darauf folgende Streik von fast eineinhalb Monaten endete trotz eines Solidaritätsstreiks des Itzehoer Werks mit der Entlassung von 107 Mitarbeitern.

Frank Werneke, Vizechef der Gewerkschaft Verdi, kommentierte die Betriebsschließung am Mittwoch mit den Worten: „Die Mehrheitsgesellschafter um Bertelsmann-Besitzerin Liz Mohn und auch die Minderheitsgesellschafter um Friede Springer werden erklären müssen, wie sie angesichts ihrer Milliardenvermögen diesen Kahlschlag verantworten können.“

Betriebsrat Sven Guericke sagte gegenüber der Schleswig-Holsteiner Zeitung: „Es werden harte Verhandlungen werden, es geht jetzt darum einen möglichst guten Interessenausgleich zu erkämpfen.“

Ein „Interessenausgleich“ ist laut Paragraph 112 des Betriebsverfassungsgesetzes eine einvernehmliche Regelung zwischen Unternehmer und Betriebsrat über Art und Ausmaß einer vom Unternehmer gewollten Betriebsänderung. Indem er sich auf einen Interessenausgleich festlegt, verzichtet der Betriebsrat also von vornherein darauf, die Arbeitsplätze zu verteidigen. Stattdessen bietet er sich Prinovis als Co-Manager bei der Abwicklung des Betriebs an.

Gewerkschaft und Betriebsrat haben der Geschäftsleitung seit der Übernahme durch Bertelsmann im Jahr 2005 den Rücken freigehalten und ihre Manöver gegen die Belegschaft mitgetragen. Mit ihren Aussagen machen sie deutlich, dass sie auch angesichts der Betriebsschließung und der Vernichtung von Existenzen in der wirtschaftsschwachen Region nicht von diesem Kurs abweichen werden.

Die ebenfalls am Mittwoch angekündigten Protest-Kundgebungen in Itzehoe und Gütersloh dienen vor allem dazu, ein wenig Dampf abzulassen, während Betriebsrat und Gewerkschaft hinter verschlossenen Türen mit der Chefetage verhandeln, wie die Schließung des Werkes möglichst reibungslos über die Bühne gebracht werden kann.

Der Bertelsmann-Konzern hatte 2005 keinen Zweifel an seiner Absicht gelassen, das ehemalige Familienunternehmen in Itzehoe als Profitcenter bis auf den letzten Cent auszuquetschen und dabei eine knallharte Konfrontationsstrategie gegen die Belegschaft zu fahren. Jedem Angriff auf das Einkommen und die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter folgte umgehend der nächste.

Statt die Belegschaft über das „System Bertelsmann“, das Verdi ja kannte, aufzuklären, sich diesen Attacken entgegenzustellen und die Rechte der Mitarbeiter zu verteidigen, haben Gewerkschaft und Betriebsrat trotz einiger „kritischer“ Worte nie einen ernsthaften Kampf geführt.

Die Kampfbereitschaft der Belegschaft, die sich unter anderem in dem Solidaritätsstreik mit den Nürnberger Kollegen zeigte, wurde von Verdi und dem Betriebsrat vorsätzlich geschwächt. Sie drängten die Belegschaft zu immer neuen Kompromissen mit dem Unternehmen und schürten wider besseres Wissen die Illusion, auf diese Weise könnten Arbeitsplätze gerettet werden.

Als die Konzernleitung einen Leiharbeiter nach dem anderen einstellte, setzten Verdi und Betriebsrat dieser Form der Lohnkürzung und Spaltung der Belegschaft außer einigen hohlen Äußerungen der Empörung nichts entgegen. Statt die Mitarbeiter an den verschiedenen Standorten gegen die Zermürbungsstrategie des Konzerns zu vereinen, verhandelten sie an den Standorten Darmstadt und Nürnberg über „sozialverträgliche Entlassungen“.

Der Bertelsmann-Konzern, dem drei Viertel von Prinovis gehören, hat in den vergangenen zwei Jahren über 1 Mrd. Euro Gewinn gemacht und seinen sechs Vorstandsmitgliedern zur 175-Jahr-Feier im Jahre 2010 Boni von insgesamt 28 Mio. Euro ausgezahlt. Die Familie Mohn ließ sich das Fest mit 34 Mio. Euro vergolden.

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