63. Internationales Berliner Filmfestival

Ungelöste Fragen im heutigen Filmschaffen

Teil 1

Von Stefan Steinberg
5. März 2013

Dies ist der erste Teil einer Artikelreihe zum kürzlich beendeten Berliner Filmfestival, der Berlinale, vom 7.-17. Februar 2013.

Die internationale Jury der diesjährigen Berlinale vergab ebenso wie schon 2012 mehrere Hauptpreise des Festivals an wichtige Filme mit einer kritischen Haltung gegenüber dem heutigen gesellschaftlichen Leben. Zwei dieser Filme aus Zentral- und Osteuropa werden unten besprochen.

Leider wäre es falsch zu glauben, dass solche Filme charakteristisch seien für die Festivalauswahl im Ganzen. Tatsächlich gab es unter den in Berlin gezeigten Werken einen erstaunlichen Mangel an solchen, die die sozialen (und psychologischen) Veränderungen thematisieren, welche sich seit der internationalen Finanzkrise des Jahres 2008 ereigneten.

Gestern endet niemals

Einige der Streifen, die diese Themen aufgriffen, widmeten sich lediglich ihren eigenen Problemen. Der spanische Spielfilm Gestern endet niemals (Ayer no termina nunca), zum Beispiel, spielt vier Jahre in der Zukunft. Wir erfahren, dass Spanien 2017 den Tiefpunkt seiner Rezession erreicht hat und jetzt sieben Millionen Menschen arbeitslos sind. Über drei Millionen Häuser stehen leer, weil ihre Besitzer zwangsgeräumt worden sind, nachdem sie ihre Kredite nicht bezahlen konnten. Ein Kommentator erklärt über das Radio, dass die Bevölkerung Spaniens täglich ärmer werde.

Das Grundproblem dieses Films besteht darin, dass Regisseurin Isabel Coixet nicht in der Lage war, die Geschichte in einen konkreten gesellschaftlichen Kontext zu integrieren. Eine Frau schickt ihrem Ehemann einen Brief, in welchem sie ihn bittet, sich mit ihr in einem verlassenen, offenbar nicht fertig gebauten Haus zu treffen. Wir erfahren, dass der Ehemann die Frau einige Jahre zuvor plötzlich verlassen hatte und in ein anderes Land gezogen war. Zuvor war ihr gemeinsamer Sohn auf tragische Weise gestorben.

Während der beiden nächsten Stunden steckt das Paar in einer langwierigen zänkerischen Auseinandersetzung fest; dem Austausch von Beleidigungen folgen gelegentliche Versuche, aufeinander zuzugehen. Wir erfahren, dass der Sohn starb, weil medizinische Hilfe verspätet eintraf. Trotz der Versuche, Elemente von gesellschaftlicher Bedeutung einzustreuen, verbleibt der Austausch zwischen dem ehemals verheirateten Paar überwiegend auf dem Niveau gegenseitiger psychologischer Kriegsführung. Schließlich sind wir ermüdet, allerdings auch völlig desinteressiert am Schicksal des Paares.

In einem Interview zu ihrem neuen Film verrät Coixit ihre Verwirrtheit über die gegenwärtige gesellschaftliche Situation, die sie als moralisches Dilemma auffasst: „Was vorgeht, ist so schrecklich, dass nur eine Macht, die nicht von dieser Welt ist, uns retten kann: ein wirbelsturmartiger moralischer Neustart, der uns aus diesem Chaos herausbringt. Ich habe keine Lösungen; alles, was ich anzubieten habe, ist meine Ratlosigkeit, die ich mit vielen anderen teile.“ Von Künstlern wird man schwerlich fertige politische Lösungen verlangen können, doch lediglich seine ‚Ratlosigkeit mit anderen teilen‘ kann auf der anderen Seite die Sache nur erschweren. Auf einer gewissen Stufe – und auf seine oder ihre Weise – trägt der Künstler oder die Künstlerin Verantwortung dafür, den Dingen Sinn zu verleihen.

Ein weiteres Beispiel für das Problem, vor dem Regisseure stehen (oder dem sie ausweichen), wenn sie die gesellschaftliche Wirklichkeit in ihr Werk integrieren, ist die Filmversion von Nachtzug nach Lissabon des dänischen Filmemacherveteranen Bille August (Pelle, der Eroberer; Die besten Absichten). Der Roman von Pascal Mercier – Künstlername des Schweizer Philosophieprofessors Peter Bieri – erschien unter demselben Titel 2004 auf Deutsch und 2008 auf Englisch. Das Buch wurde in Millionenzahl verkauft und in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Der Roman handelt von den Versuchen Raimund Gregorius’, einem Berner Schullehrer für alte Sprachen, den Autor eines mysteriösen Textes ausfindig zu machen. Hypnotisiert von den philosophischen Erkenntnissen im Buch eines portugiesischen Autors, wirft Gregorius kurzerhand sein Leben in der Schweiz über Bord und springt in einen Zug nach Lissabon.

Während seiner Nachforschungen erfährt Gregorius, dass der Autor des faszinierenden Buches eng in den Widerstandskampf gegen den portugiesischen Diktator António de Oliveira Salazar (1932-1968 an der Macht) eingebunden war. Abschnitte im Nachtzug nach Lissabon beziehen sich auf die Brutalität des Salazar-Regimes und die Verfolgung seiner Gegner. Ungeachtet dessen gewinnt der Leser der Eindruck, dass die Verbrechen der Salazar-Diktatur überwiegend als dramatische Staffage für Merciers philosophische Grübeleien dienen.

Die Epoche Salazars war entsetzlich, doch – gemäß Mercier und August – ist das Portugal von heute relativ frei von Leiden. Alle Charaktere, denen Gregorius im romantischen Lissabon begegnet, wohnen in trefflichen Häusern, haben sichere Einkommen und sind sowohl bereit als auch in der Lage, ihm sogleich ihre Dienste zur Verfügung zu stellen.

Dankbarerweise übergeht der Film Vieles von Gregorius’ existenzialistischer Selbstbeobachtung und versucht, die Geschichte etwas mit der Einführung einer Liebelei zwischen dem nicht mehr frischen und angejahrten Lehrer und einer Optikerin nachzuwürzen. August griff zwar auf die Dienste einiger der besten europäischen Schauspieler zurück, darunter Jeremy Irons als Gregorius, doch es verbleibt die Kluft zwischen Merciers wichtigtuerischen Versuchen, uns durch seine eigene Weisheit zu beeindrucken, und der Notwendigkeit, den portugiesischen Faschismus mit angemessener Ernsthaftigkeit zu behandeln.

Die Gründe dafür, dass Filmemacher daran scheitern, Figuren und Gesellschaftliches überzeugend miteinander zu verweben, sind vielfältig und komplex, doch es ist klar, dass tiefgreifende historische und ideologische Fragen gelöst werden müssen. Einiges von dieser Problematik wurde konkreter in der kürzlich veröffentlichten WSWS-Besprechung von Side Effects besprochen, Steven Soderberghs neuem Film, der ebenfalls auf der Berlinale gezeigt wurde.

Jedenfalls nahm sich eine kleine Zahl von Filmen drängenden Themen an – und wurde gebührend von der Festivaljury belohnt.

Die Stellung des Kindes

Der Hauptpreis, der Goldene Bär, ging an Pozitia Copilului (Die Stellung des Kindes) des rumänischen Regisseurs Călin Peter Netzer. Der Film handelt von der problematischen Beziehung zwischen einer egoistischen, wohlhabenden Mutter und ihrem Sohn.

Cornelia (Luminita Gheorghiu) ist 60 Jahre alt. Sie nahm sich im Leben immer das, was sie wollte. Die Karriere der ehemaligen Dekorateurin und Architektin formte sich im stalinistischen Rumänien unter dem Regime des Präsidenten Nicolae Ceauşescu. Sie ist es gewohnt, Befehle zu erteilen und bewegt sich in den gehobenen Gesellschaftsrängen. Sie trägt teure Pelzmäntel, als seien sie Waffenrüstungen und behängt sich mit teurem und prunkendem Geschmeide. Auf ihrem Bücherbord stehen Bücher der bekannten rumänischen Autorin Herta Müller.

Cornelia lebt von ihrem Mann getrennt. Ihr 34-jähriger Sohn Barbu versucht, den zwanghaften Umklammerungen seiner Mutter zu entkommen – etwas, das sie mit mütterlicher Liebe verwechselt. Als Barbu einen folgenschweren Autounfall verursacht, tritt seine Mutter in das Geschehen ein und erblickt eine Möglichkeit, ihre Kontrolle über das Leben ihres Sohnes auszuweiten.

Auf der Polizeiwache übernimmt sie unverzüglich die Initiative. Die Eltern des vierzehnjährigen Unfallopfers, eine arme Familie vom Lande, vollständig übergehend, erteilt sie Befehle an die Polizei, während sie ununterbrochen per Telefon mit ihren „Kontakten“ spricht. Alles, was gegen ihren Sohn spricht, muss abgeändert werden: Polizeiberichte, Zeugenaussagen und so fort. Die erforderlichen finanziellen Arrangements und Gefälligkeiten müssen ausgehandelt werden.

Seit frühester Zeit übte die Mutter Kontrolle über den Sohn aus. Er wiederum verübelt ihr ihre Aufmerksamkeiten, ist allerdings zugleich nicht darauf vorbereitet, aus seiner gesicherten Existenz auszubrechen. Nach dem Unfall ist er handlungsunfähig und hilflos. Sein Zustand hat indessen nichts mit Schuldgefühlen gemein. Sowohl Babu als auch Cornelia sind nicht in der Lage, die leiseste Verantwortlichkeit für ihr eigenes Handeln und für das Schicksal der Opferfamilie zu zeigen.

Höhepunkt des Films ist eine Szene, in der Mutter und Sohn die Familie des Opfers aufsuchen, um sie durch Bestechung dazu zu bringen, den Rechtsfall zurückzuziehen. Während Barbu im Auto wartet, erzählt Cornelia den Eltern, dass Barbu ihren Sohn unabsichtlich überfahren hätte. Barbu sei das alleinige Glück ihres Lebens, ihr einziger Sohn, der eine Karriere vor sich hätte. Cornelia weint echte Tränen, doch dies sind keine Tränen aus Sympathie für die Familie. Sie ist lediglich über ihre eigene Situation besorgt.

Der Film bietet ein fesselndes Porträt von Rumäniens herrschenden Kreisen. Ein harter Kern dieser Elite entwickelte seine Verachtung für die breiten Bevölkerungsmassen schon unter dem stalinistischen System und war in der Lage, nach Wiedereinführung des Kapitalismus seine Karrieren ungehindert weiterzuführen und seinen Wohlstand zu mehren. In einem Kommentar zu seinem Film sagte Regisseur Netzer, er schildere die „moralische Krise der korrumpierten rumänischen Mittelschichten“.

Eine Episode aus dem Leben eines Eisensammlers

Der zweite Preis des Festivals, der Silberne Bär, ging an den bosnischen Film Eine Episode aus dem Leben eines Eisensammlers (Epizoda u životu berača željeza) von Denis Tanović (No Man’s Land, 2001, Circus Columbia, 2010).

Der Bosnier Tanović schrieb, dass er sich veranlasst sah, den Film zu drehen, nachdem er in der Zeitung vom Schicksal eines Roma-Paares in Bosnien gelesen hatte, dem dringend erforderliche medizinische Behandlung verweigert wurde. Der Film hält sich eng an die tatsächliche Begebenheit, wurde an den Originalschauplätzen gedreht und hat in den Hauptrollen die tatsächlichen Opfer des Skandals.

Nazif lebt davon, dass er Metallabfälle von den Müllhalden zusammensammelt, die sein heruntergekommenes Haus umgeben, welches in einem kleinen Roma-Dorf in der bosnischen Region um Tuzla steht. In bitterer Kälte wühlt er sich durch einen Müllberg hindurch, um einige wenige rostige Federn und einen alten Kinderwagen zu bergen, die er als Altmaterial für wenige Cents verkaufen kann. Wir erfahren, dass Nazif im bosnischen Bürgerkrieg kämpfte und einen Bruder in ihm verlor. Jahre später wird er ohne jede Unterstützung zurückgelassen.

Eines Tages kehrt er von der Arbeit zurück und findet seine schwangere Frau Senada in Schmerzen. Nazif fährt mit seiner Frau und ihren beiden jungen Kindern den langen Weg zum Krankenhaus in die Stadt Srebrenica. Die Ärzte stellen fest, dass Senada eine Missgeburt haben wird, weigern sich aber, das tote Baby herauszuoperieren, weil sie keine Krankenversicherung hat. Das Krankenhaus fordert für die Behandlung 980 Bosnische Mark (etwa 500 Euro) – eine Summe, welche die verarmte Familie unmöglich auftreiben kann.

Die Familie ist gezwungen, in ihr Dorf zurückzukehren, während Senadas Blutungen sich verschlimmern. Ein Gesuch bei karitativen Organisationen bleibt wirkungslos. Das Krankenhaus bleibt unnachgiebig. Offenbar befürchtet der Direktor, dass eine Ausnahme in diesem Fall für das Krankenhaus zu einer Flutwelle von behandlungsbedürftigen Patienten ohne Krankenversicherung führen würde. Der lokale Stromversorger schaltet bei Temperaturen um den Gefrierpunkt den Strom für ihr Haus ab, weil sie die Rechnung nicht bezahlen konnten.

Tanović produzierte seinen Streifen schnell und mit geringem Budget. Nichtsdestoweniger ist er eine vernichtende Anklage der Verachtung, mit der die bosnischen und europäischen Eliten den breiten Volksmassen begegnen. In seinen Anmerkungen schreibt Tanović: „Wir leben heute in einer Gesellschaft, die ihre Augen von den sozial Unterprivilegierten abwendet und sich verhält, als könne sie das Grauen nicht sehen, das uns umgibt.“ Er stellt außerdem fest, dass solch eine Diskriminierung nicht nur auf Bosnien begrenzt ist, sondern übliche Praxis quer durch Europa.

Tanovićs wütende Reaktion auf Ungerechtigkeit und sein daraus resultierender Film sind absolut angemessene Antworten auf den sozialen Niedergang, der sich so rapide und zerstörerisch in ganz Europa entwickelt.

Wird fortgesetzt

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