Mali: Ein „Krieg ohne Bilder”

Von Ernst Wolff
12. März 2013

Der Krieg in Mali geht in dieser Woche in seinen dritten Monat. Obwohl mittlerweile 4.000 französische Soldaten und eine etwa doppelt so große Anzahl afrikanischer Soldaten der Afisma-Truppe alle wichtigen Städte des Landes erobert haben, gibt es von den Kampfhandlungen kaum Berichte und so gut wie keine Bilder.

Die französische Armee hat Reporter und Journalisten seit Kriegsbeginn in Zusammenarbeit mit der malischen Armee systematisch an einer objektiven Berichterstattung gehindert.

Zunächst wurde allen internationalen Reportern untersagt, die Hauptstadt Bamako zu verlassen, wo Soldaten der malischen Junta sie drangsalierten, ihre Ausrüstungen konfiszierten und gewaltsam einschritten, wenn sie der Meinung waren, die Berichterstattung entspreche nicht ihren Vorstellungen.

Eine Woche nach Kriegsbeginn wurden wenige ausgewählte „embedded journalists” in den Norden des Landes gelassen. Dabei handelte es sich um eine reine Alibi-Aktion, denn bei diesen zivilen Kriegsberichterstattern, die sich nur in der ihnen zugewiesenen Einheit aufhalten dürfen, handelte es sich ausschließlich um Beschäftigte der staatlichen französischen Medien.

Am 31. Januar konfiszierten malische Geheimdienstoffiziere das Material von zwei Journalisten des französischen Nachrichtensenders France 24. Sie hatten eine Demonstration von Soldaten der „Red Berets” gefilmt, die ihre Wiederaufnahme in die malische Armee erreichen wollten.

Am 8. Februar wurden mehrere ausländische Journalisten in Bamako stundenlang von den „Green Berets”, die im vergangenen März geputscht haben, inhaftiert. Der Reuters-Fotograf Benoît Tessier und zwei weitere Journalisten, die den Vorfall beobachtet und fotografiert hatten, wurden geschlagen und abgeführt. Ihre Ausrüstung und ihre Handys wurden konfisziert.

Nachdem die Stadt Gao erobert war, durften etwa fünfzig internationale Reporter unter strengen Auflagen in die Stadt, wurden aber kurz darauf wegen eines angeblichen Selbstmordanschlags, ohne ihre Arbeit verrichtet zu haben, wieder evakuiert. Drei Fernsehteams, die nach Kidal flogen, wurden dort bis zu ihrer Abreise vom französischen Militär am Flughafen festgehalten.

Am 7. Februar zeigte der französische Fernsehsender France 2 im Rahmen der Sendung „Envoyé Spécial” unter dem Titel „Gräuel in Mali?” einen 22-minütigen Film, in dem 45 Sekunden lang Bilder von Opfern der malischen Armee zu sehen waren. Der staatliche französische Fernsehrat CSA verwarnte die Verantwortlichen und warf ihnen vor, die „Aufnahmen toter Körper… stellten eine Verletzung der Menschenwürde” dar.

Am 28. Februar verschärfte der CSA seine Warnungen und erklärte, „die wiederholte und exzessive Präsentation der Überreste menschlicher Körper” sei vor allem für junge Zuschauer „schwer zu ertragen”. Seither hat es im französischen Fernsehen keinen weiteren kritischen Bericht zum Krieg in Mali gegeben.

Boukary Ndaou, Chefredakteur der malischen Zeitung Le Républicain, wurde vergangene Woche ohne Haftbefehl vom staatlichen malischen Sicherheitsdienst verhaftet. Er hatte wenige Stunden zuvor den offenen Brief eines Soldaten veröffentlicht, der Präsident Dioncounda Traoré wegen der Zuwendungen kritisiert, die er dem Hauptmann Amadou Sanogo, dem Anführer des März-Putsches, hat zukommen lassen. Über Ndaous Verbleib ist nichts bekannt, bisher ist keine Anklage gegen ihn erhoben worden.

Die Behinderung der internationalen Presse, die Drangsalierung von Journalisten und die Verhinderung jeglicher Berichterstattung über den Krieg in Mali geht auf eine ausdrückliche Anweisung der französischen Armeeführung zurück. Vom ersten Tag an wurden Journalisten mindestens einhundert Kilometer von den Frontlinien und allen Kriegsschauplätzen ferngehalten. Sie durften sich nur in Konvois bewegen und keine Fotos schießen. In die eroberten Städte wurden sie erst dann gelassen, wenn alle Kampfhandlungen beendet und alle Opfer beseitigt waren.

Christophe Delors, Generalsekretär der Organisation Reporter ohne Grenzen, sagte: „Mit Unterstützung ihrer malischen Verbündeten haben die französischen Behörden ihr Ziel, ‘Null Bilder von der Kriegsfront’ zuzulassen, erreicht.”

Zu den engsten Verbündeten der französischen Armee zählen neben den malischen Putschisten vor allem die leitenden Journalisten der staatlichen Medien. Antoine Guélaud, Redaktionschef des Fernsehsenders TF 1, entschuldigte ganz offen die Politik der Armee, indem er auf die Schwierigkeit verwies, „das richtige Gleichgewicht zwischen der Informationspflicht und der Sicherheit der Journalisten” zu finden, denn schließlich sei der Krieg in Mali kein „normaler Krieg zwischen zwei Ländern”, sondern richte sich gegen Terroristen.

Sein Kollege Phil Chetwynd, Redaktionschef der Agence France Presse, verwies ebenfalls entschuldigend darauf, dass es sich um einen „komplizierten und gefährlichen Konflikt” handle. Eine nicht namentlich genannte Journalisten sagte, es sei „immer noch besser, als ‚embedded journalist’ zu berichten als gar nicht”.

Die Unterordnung der französischen Medien unter die Anweisungen der Armee hat Tradition. Bereits der Algerienkrieg (1954-1962) galt als ein „Krieg ohne Bilder”. Der Grund war damals wie heute der gleiche: In Frankreich leben Millionen Bürger afrikanischer Abstammung, viele von ihnen Muslime. Die Veröffentlichung von Bildern, die die Unmenschlichkeit des Krieges illustrieren, birgt die Gefahr, ihren zweifellos vorhandenen Widerstand gegen den Krieg offen ausbrechen zu lassen.

Wie General de Gaulle in den sechziger Jahren fürchtet auch die gegenwärtige französische Regierung unter dem Sozialisten François Hollande nichts mehr, als dass dieser Widerstand sich mit der Wut gegen die arbeiterfeindliche Politik des Staates verbinden und zu sozialen Aufständen führen könnte. Die französische Armee wird deshalb auch in Zukunft an ihrer Politik des „Krieges ohne Bilder” festhalten.

Nicht nur die staatlichen französischen, sondern auch die internationalen Medien nehmen die Informationspolitik der französischen Armee in Mali kritiklos hin. Dass sie gleichzeitig nicht müde werden, Präsident al-Assad im syrischen Bürgerkrieg bei jeder Gelegenheit die Unterdrückung der Pressefreiheit vorzuwerfen, zeigt, dass diese Freiheit in ihren Augen nicht zweckfrei, sondern direkt an die Interessen des internationalen Imperialismus gebunden ist.