Türkische Mutter und sieben Kinder sterben bei Wohnungsbrand in Backnang

Von K. Nesan
13. März 2013

In den frühen Morgenstunden brach am Sonntag in Backnang bei Stuttgart ein Feuer aus. Das Gebäude, eine frühere Lederfabrik, wird heute als Geschäfts- und Wohnhaus genutzt. Dem Wohnungsbrand fielen acht Personen zum Opfer. Die Opfer waren eine vierzig Jahre alte türkische Mutter und sieben ihrer zehn Kinder im Alter von sechs Monaten bis sechzehn Jahren. Ein elfjähriger Sohn und zwei weitere Verwandte wurden noch vor Eintreffen der Feuerwehr gerettet. Christos Kiroglou, der griechische Betreiber des Clubs Merlin hinter dem Haus, brach eine der Eingangstüren auf und ermöglichte so den dreien den Flammen zu entkommen. Er sagte zu Reportern: „Jeder hat das Möglichste gegeben, bis die Feuerwehr kam“.

Das ausgebrannte Haus in Backnang

Die Polizei sperrte den Unglücksort hermetisch ab. Türkische Fernsehübertragungswagen nahmen vor der Absperrung Aufstellung. Reporter in Begleitung von Kamerateams interviewten Verwandte und Bewohner der gegenüberliegenden Straßenseite. Familien legten Blumen unter einem Baum nieder und verharrten schweigend.

Ein Reporter der WSWS sprach vor dem niedergebrannten Haus mit Cengiz Soykan, dem sichtlich erschütterten Onkel der ums Leben gekommenen Kinder. Soykan sagte, das Haus sei eigentlich unbewohnbar gewesen. „Nur wir Ausländer waren bereit, in einem solchen Loch zu leben. Das Haus ist abgesehen von der Fassade mehr als zweihundert Jahre alt. Alles drinnen ist kaputt. Es gab nicht die mindesten Standards. Die Großmutter konnte heute kurz in das Haus schauen. Es war nichts übrig, selbst die Wände waren verbrannt. Mein Bruder hatte eine große Familie und konnte mit seinem kleinen Einkommen nichts anderes finanzieren. Wir sehen jetzt den Preis der Armut.“

Er erzählte weiter, dass er schon lange in Backnang lebe und schon viele feindliche Akte gegen die türkische Gemeinde erlebt habe. 1983 sei eine Moschee angezündet worden. Das türkische Vereinsheim wurde 1995 oder 1996 angezündet. Erst vor drei oder vier Wochen seien nur wenige Häuser von hier Mülleimer vor der Moschee angezündet worden. „Aber ich hoffe, dass dieses Feuer nicht von Neonazis gelegt worden ist, das wäre für uns an dieser Tragödie am Schwersten zu ertragen“, sagte er.

Die Infrastruktur des gesamten Gebäudekomplexes mit Wohnhäusern, Läden und einem deutsch-türkischen Kulturverein befindet sich in beklagenswertem Zustand. Die Hausbesitzer einer Erbengemeinschaft haben in dem Komplex schon seit Jahrzehnten auch notwendige Reparaturen nicht ausgeführt, obwohl sie von den Bewohnern immer wieder dazu aufgefordert wurden. Ein ehemaliger Bewohner, der vor Ort war, erklärte, er sei wegen des äußerst schlechten Zustands des Hauses mit seiner Familie ausgezogen.

Betroffene Anwohner

Die Familie der Opfer wohnte seit zwei Jahren in dem Haus und führte regelmäßig notdürftige Reparaturen aus. Die Großmutter der toten Kinder sagte, mehrere Aufforderungen, die marode elektrische Anlage zu reparieren, seien unbeachtet geblieben. Die alleinerziehende Mutter hatte sich mehrfach an die deutschen Ämter mit der Bitte gewandt, ihr eine andere Unterkunft in besserem Zustand zur Verfügung zu stellen. Das Jugendamt war mehrmals vor Ort und kannte die miserablen Lebensbedingungen der Familie.

Schon Stunden nach dem Unglück erklärte ein Polizeisprecher, es lägen keinerlei Hinweise auf eine politisch motivierte fremdenfeindliche Ursache des Brandes vor. Das Feuer sei wahrscheinlich durch einen Defekt der Holzheizung und mangelhafte elektrische Leitungen ausgelöst worden. Staatsanwaltschaft und Polizei erklärten: “Die Ermittlungen in diesem Zusammenhang dauern mit Sicherheit noch einige Tage, wenn nicht Wochen”. Die türkische Regierung und türkische Organisationen in Deutschland kritisierten dieses vorschnelle Urteil und verlangten eine umfassende Untersuchung.

Der türkische Vizeministerpräsident Bekir Bozdag verlangte in einer Twittermitteilung: „Von Deutschland erwarten wir, den wahren Grund des Brandes ohne Platz für Zweifel aufzuklären und der Öffentlichkeit mitzuteilen.“

Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB) erklärte: Nur durch ein rasches, transparentes und glaubwürdiges Ermittlungsergebnis kann unnötigen Spekulationen vorgebeugt werden. Ereignisse wie etwa der Anschlag von Mölln sitzen immer noch tief im kollektiven Gedächtnis.”

In einer Erklärung des türkischen Außenministeriums hieß es: „Die deutschen Behörden haben uns nach ersten vorläufigen Untersuchungen erklärt, dass es keine Hinweise auf die Beteiligung rassistischer Elemente bei dem Unglück gebe. Aber eine genaue, ernsthafte Untersuchung in alle Richtungen ist notwendig, weil viele türkischstämmige Bürger in den vergangenen Jahren bei fremdenfeindlichen Brandanschlägen ihr Leben verloren haben.“

Im November 1992 hatten Rechtsradikale in Mölln zwei Häuser türkischer Familien angezündet. Acht Bewohner des einen Hauses wurden mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus eingeliefert. Zwei zehn- und vierzehnjährige Mädchen und ihre 51-jährige Großmutter aus dem anderen Haus starben bei dem Brand. Sechs Monate später wurden bei einem weiteren rassistischen Anschlag auf ein Zweifamilienhaus in Solingen fünf Menschen getötet und siebzehn weitere erlitten schwere Verbrennungen. Zu den Getöteten gehörten drei Mädchen im Alter von vier, neun und zwölf Jahren und zwei achtzehn und siebenzwanzigjährige junge Frauen. Drei stammten aus einer Familie.

Der Bezirk Rems-Mürr, zu dem Backnang gehört ist als „Hochburg“ von Rechtsradikalen im Großraum Stuttgart bekannt. Im August 2000 wurde ein Flüchtlingslager in Waiblingen angezündet. Zwei Monate später griffen Skinheads in Schorndorf einen griechischen Geschäftsmann an. Nach einer ganzen Serie kleinerer Straftaten sprach die Polizei von ca. siebzig bekannten Rechtsextremisten in der Gegend. Im April 2010 versuchte eine Gruppe von siebzig Neonazis in Winterbach neun junge Türken und Italiener anzugreifen. Als die Jugendlichen sich in eine Holzhütte retteten, wurde die Hütte angezündet. Die Jugendlichen riefen die Polizei zu Hilfe, aber die Hütte brannte völlig nieder.

Über Backnang selbst schrieb Daniel Muratidis von den Grünen im März 2006 in seinem Blog: „In den letzten Jahren hat die rechte Problematik erheblich an Brisanz gewonnen. Wir erlebten vor 2 bis 3 Jahren fast jedes Wochenende Schmierereien, eingeworfene Scheiben an Autos von Menschen, die den Rechtsradikalen ein Dorn im Auge sind.“ Dass Skinheads bei öffentlichen Veranstaltungen rechtsradikale Symbole zeigen und sich offen versammeln, ist in Backnang nichts Ungewöhnliches. Im März 2011 verzeichnete die Polizei zwanzig Fälle, in denen an öffentlichen Plätzen neonazistische Parolen an Wände geschmiert waren. Im März 2012 organisierten mehrere Initiativen eine Demonstration unter dem Motto „Lasst uns in Backnang einen Umzug der Kulturen veranstalten und ein klares Zeichen gegen Naziterror, Antisemitismus und Gewalt setzen! Gemeinsam gegen faschistische und rassistische Strukturen“.

Die Mutmaßung, dass der Brand in dem Haus in Backnang von Rechtsextremen gelegt wurde und die Polizei versucht, die Fakten zu verbergen, ist legitim. Die Terroranschläge der rechtsextremen Organisation Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) von 2000 bis 2006 wären ohne die heimliche Unterstützung der Verfassungsschutzbehörden nicht möglich gewesen. In ganz Deutschland wurden acht türkische- und ein griechischer Kleinunternehmer systematisch ausgewählt und ermordet. Die Mordserie flog im Januar 2011 auf. Dabei wurde auch bekannt, dass der Verfassungsschutz, der Militärische Abschirmdienst (MAD) und mehrere Polizeibehörden die Terroristen finanziert und beschützt hatten. Außerdem vertuschten Behörden der Bundesregierung und der Bundesländer die Fakten über die Terroranschläge.

Wenn der Brand durch einen technischen Defekt entstanden ist, wie die Behörden behaupten, sind die deutschen Behörden für den Tod der Mutter und ihrer Kinder verantwortlich. Die Behörden haben mehrere Anfragen der Mutter ignoriert, ihr eine angemessene Unterkunft zu geben. Millionen von Arbeitern, Deutsche wie Ausländer, leben in ähnlichen Bedingungen und sind nicht in der Lage, die steigenden Mieten zu bezahlen. Die Bundes- und die Landesregierungen haben den sozialen Wohnungsbau für Niedriglohnempfänger, Leistungsempfänger und ihre Familien komplett aufgegeben. Stattdessen werden die vorhandenen Wohnkomplexe an Investorengruppen verkauft, die die Mieten erhöhen, um mit Spekulationen Profit zu machen.