63. Internationales Berliner Filmfestival

Raoul Pecks Tödlicher Beistand: Eine Anklage der westlichen Hilfe für Haiti, aber…

Teil 5

Von Stefan Steinberg
14. März 2013

Dies ist der fünfte Teil einer Artikelserie zum 63. Berliner Filmfestival, der Berlinale, vom 7.-17. Februar 2013. Teil 1 wurde am 5. März veröffentlicht, Teil 2 am 7. März, Teil 3 am 9. März und Teil 4 am 12. März.

Fatal Assistance

Tödlicher Beistand (Assistance Mortelle), der jüngste Film des haitianischen Regisseurs Raoul Peck (Lumumba: Der Tod des Propheten, 1992; Der Mann auf dem Quai, 1993; Moloch Tropical, 2009) beschäftigt sich mit der Hilfsoperation, die von den Vereinigten Staaten und den Westmächten nach dem Erdbeben organisiert wurde, das Haiti im Januar 2010 heimgesucht hatte. Bei diesem Beben starben geschätzte 250.000 Menschen; 1,2 Millionen wurden obdachlos.

Laut dem Filmemacher (siehe das Interview weiter unten) geht es der haitianischen Bevölkerung im Anschluss an die große internationale Hilfsoperation schlechter, als es ihnen unmittelbar nach dem Erdbeben ging.

Pecks auf der Berlinale aufgeführter Dokumentarfilm eröffnet mit einem Bericht aus erster Hand zum Erdbeben vom 12. Januar 2010 und seinen verheerenden Folgen, den ein haitianischer Taxifahrer überliefert. Rasch geht der Film dazu über, die internationale Reaktion auf die Katastrophe zu beschreiben. Wenige Tage später schon stehen Stiefel US-amerikanischer Marines auf haitianischem Boden, um Ordnung und die Sicherheit amerikanischen Eigentums sicherzustellen.

Fatal Assistance

Den Soldaten auf den Fersen reisen Filmstars (Brad Pitt und Angelina Jolie) an, um den Schaden besichtigen und zahllose Hände schütteln zu können. Gleichzeitig setzt sich das Mahlwerk politischer Mühlräder in Gang. Uns werden Bilder von Präsident Barack Obama präsentiert, auf denen er seinen demokratischen Parteikollegen und früheren Präsidenten Bill Clinton beauftragt, die Operation nach dem Erdbeben zu leiten.

Clinton wurde zum Vorsitzenden eines Komitees ernannt, dem die internationale Gemeinschaft für die Hilfsoperationen ein Budget von elf Milliarden Dollar zugesagt hatte. Dreizehn Spendernationen und Verbündete der Vereinigten Staaten stellen den Kern des Komitees dar.

Es werden zahlreiche Meetings mit Nichtregierungsorganisationen (Non-governmental organisations – NGOs) abgehalten und ehrgeizige Pläne zum Wiederaufbau der haitianischen Infrastruktur verkündet. In Wirklichkeit jedoch sickern nur ein Tropfen der versprochenen Geldströme in geplante Projekte. Der Unterstützungsoperation im Ganzen fehlt jegliche zentrale Planung oder Koordination. Ihre Folgen erweisen sich als weitere Katastrophe.

Haitianische und internationale Ingenieure betonen, dass die Hauptaufgabe nach dem Erdbeben darin bestehe, den massiven Schutt zu beseitigen. Doch die NGOs denken nicht daran, solchen Projekten nachzugehen, denn Bilder von Räumfahrzeugen, die Trümmer entfernen, machen sich schlecht auf Prospekten. Es ist viel einfacher, Geld zu sammeln, wenn eine NGO demonstrieren kann, dass sie beispielsweise ein Krankenhaus für notleidende Kinder errichtet.

Pecks Film legt den Hader dar, in dem vier verschiedene NGOs stecken, die über den Aufbau eines Krankenhauses uneins sind, das fast unmittelbar an eines der wenigen nach dem Erdbeben noch funktionsfähigen angrenzen soll. Die Engstirnigkeit geht immer weiter. Der Chefingenieur in der Hauptstadt Port-au-Prince wird eingeblendet, der verzweifelt, als er sieht, dass ein großer Schuttberg mit einem Team von nur hundert Leuten und ein paar Kipplastern abgetragen werden soll. Wir sehen, wie einer seiner Männer in einen Kanalschacht hinabsteigt, der angefüllt ist mit Sediment und Fäkalien, und beauftragt wird, die Verstopfung mit einer Mistgabel zu säubern. Geröll wird abgebrochen und per Hand davongetragen.

In einem Großprojekt werden zehntausende obdachlos gewordener Menschen siebzehn Kilometer außerhalb Port-au-Prince transportiert, an einen wasserdurchtränkten ehemaligen Golfplatz, wo sie in dünnwandigen und wackeligen, mit Hilfsgeldern errichteten, Gebäuden untergebracht werden. In den „Häusern“ gibt es weder Elektrizität, noch Toiletten, noch Küchen. Sie gelten als der jüngste Slum des von Armut gebeutelten Landes. Tödlicher Beistand handelt von den haarsträubenden Konsequenzen der Hilfsoperation, die von den USA geleitet wurde, doch der Film schafft es nicht, die Absichten der Obama-Regierung und der amerikanischen herrschenden Elite klar zu bestimmen. Deren Ziel besteht darin, diese neue Krise für ihr eigenes Programm auszunutzen und Haiti als billige Arbeitsplattform für die US-Industrie herzurichten.

Es gibt Bildmaterial (von Peck im Film nicht verwendet) aus dem Oktober 2012, in dem Bill und Hillary Clinton auf einer Versammlung neben Haitis Präsident Michel Martelly, Millionär Richard Branson und amerikanischen Filmstars wie Sean Penn erscheinen. Diese Kundgebung wurde zur feierlichen Eröffnung des Caracol-Industrieparks organisiert. Eine der Hauptaktivitäten dieses mit gespendeten Hilfsgeldern errichteten Parks besteht darin, für Walmart Billigpreisbekleidung von haitianischen Billiglohnarbeitern herzustellen.

Zweifellos geht die Ablehnung, dieses Thema aufzuwerfen, auf die Unterstützung und die Illusionen zurück, die der Regisseur selbst für Obama hegt. Während der Berlinale sprachen WSWS-Reporter mit Raoul Peck, der sich selbst als „politisch Radikalen“ beschreibt. Seine Antworten auf unsere Fragen sind enthüllend.

Peck ist eine interessante Persönlichkeit. Er lieferte ehrliche und wertvolle Arbeiten zu zahlreichen historischen und gesellschaftlichen Fragen. Indessen ist er als ehemaliger Minister im haitianischen Regierungskabinett (1996-1997) und gegenwärtiger Chef der französischen staatlichen Filmschule (2010 vom damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy eingesetzt), fraglos eine Figur des französischen und internationalen „linken“ politischen Establishments.

Am Ende unserer Unterhaltung in Berlin äußerte sich Peck offen bewundernd für Obama und unterstützte auch die jüngste Militärintervention Frankreichs in Mali, womit er die Quintessenz seiner „radikalen Politik“ offenlegte.

Interview mit Raoul Peck

Raoul Peck

Stefan Steinberg: Ihr Film bescheinigt den Hilfsorganisationen und politischen Eliten für ihr Vorgehen nach dem Erdbeben eine verheerende Bilanz. Wie schätzen Sie die jetzige Situation der haitianischen Bevölkerung ein?

Raoul Peck: Meiner Meinung nach geht es der Bevölkerung Haitis nach den Rettungsaktionen schlechter. Es ist nicht bloß eine Naturkatastrophe. Auswärtige Mächte haben das Land drei Jahre lang besetzt und während dieser Zeit politische Manipulationen betrieben. Sie haben das Wahlergebnis verfälscht. Das geht weit über Hilfsmaßnahmen hinaus. Jetzt machen sie Geschichte. Wir haben einen Präsidenten, Michel Martelly, der unsauber ins Amt gehievt wurde [im April 2011] und nicht Präsident sein dürfte. Er kam ohne Partei an die Macht. Wir werden lange Zeit den Preis zahlen müssen.

Stefan Steinberg: Ein kürzlich veröffentlichter Artikel in der New York Times stellte Martelly ein relativ sauberes Attest aus. Können Sie etwas zu seinem Hintergrund sagen?

Raoul Peck: Martelly war niemals Bestandteil der Zivilgesellschaft in Haiti. Er hat bekanntermaßen einen putschfreundlichen, Duvalier-freundlichen Hintergrund [eine Bezugnahme auf die früheren haitianischen Diktatoren François und Jean-Claude Duvalier, die von 1957 bis 1986 an der Macht waren]; er war ein Gegner von [Jean-Bertrand] Aristide [, dem früheren Präsidenten]. Er hat keine Verbündeten oder Freunde und war nicht in der Lage jemanden von Bedeutung dazu zu bringen, mit ihm zu arbeiten.

Stefan Steinberg: Sie sagten, dass er unsauber gewählt wurde. Wer manipulierte die Wahlen von 2011?

Raoul Peck: In erster Linie waren es die Amerikaner. Wir nennen dies die Kerngruppe – nach den Amerikanern kommen die Kanadier und dann die Franzosen. Es ist dieselbe Kerngruppe, die in meinem Film vorgestellt wird, und welche die Bedingungen der Spendenmeetings diktierte.

Stefan Steinberg: Sie bringen Bill Clinton in Ihrem Film. Können Sie mehr über die Rolle der Clintons sagen?

Raoul Peck: Alles war eine große Manipulation. Als Präsident schadete Clinton Haiti enorm. Als die Clinton-Regierung 1994 Aristide als Haitis Präsidenten wiedereinsetzte, verlangte sie, dass Haiti den Zoll auf Reis abschafft. Gleichzeitig erhielten die Reisproduzenten in Arkansas Subventionen. Im Ergebnis ist Haiti jetzt Nettoimporteur von US-Reis – obwohl Reis eine der Hauptanbaupflanzen Haitis ist.

Stefan Steinberg: Können Sie etwas zur Rolle der NGOs sagen? An einer Stelle in Ihrem Film wird deutlich, dass über 4.000 verschiedene NGOs in Haiti tätig waren.

Raoul Peck: Ich greife nicht die einfachen Menschen an, die für die NGOs arbeiten. Darum geht es nicht. Der Schwerpunkt meines Films ist die Kritik am System. Wenn du nicht das System antastest, ändert sich nichts. Es geht mir nicht um den jungen Burschen mitsamt seinem Idealismus. Der Film zeigt die Absurdität des Systems auf.

Zurzeit führen die meisten NGOs Diskussionen über ihre Rolle. In vielerlei Hinsicht wurden sie zu Fußsoldaten ihrer jeweiligen Regierung. Alle Regierungen haben ihre bevorzugte NGO. ‚Ihr seid alle unsere Soldaten‘, so denken sie.

Nach ihren idealistischen Anfängen sind viele NGOs inzwischen zu großen Unternehmen geworden, die mehrere hundert Leute beschäftigen, Experten mit entsprechendem Salär und fixen Kosten. Sie müssen Fünfjahrespläne erstellen, Kompromisse eingehen, um an notwendiges Geld zu kommen und halten unentwegt Ausschau nach der nächsten Katastrophe.

Stefan Steinberg: Welche Rolle spielten Privatunternehmen bei der Hilfsoperation in Haiti? WikiLeaks veröffentlichte Dokumente, aus denen hervorgeht, dass amerikanische Bauunternehmen von den Möglichkeiten schwärmten, die sich ihnen nach dem Erdbeben in Haiti eröffneten.

Raoul Peck: Das ist die andere Seite der Geschichte. Privatunternehmen gehen direkt auf den Präsidenten zu und bieten ihm ihre Dienste an. Sie legen ihre Zeugnisse vor. Sie sind aktiv in der Schuttbeseitigung und haben bereits Erfolge in Aceh [Indonesien] und bei den Folgen von Hurrikan Katrina aufzuweisen. In den Anfangsstadien ist nicht all zu viel vom Gelde die Rede. Sie wollen einem armen Land helfen, erklären sie. Doch selbstverständlich erwarten sie nach einigen Monaten, dass etwas dabei herum kommt. Dies wird Lobbyismus genannt…

Stefan Steinberg: Aus Ihrem Film geht hervor, dass Haiti vollständig abhängig von auswärtigen Mächten ist.

Raoul Peck: Unsere gesamte Historie ist eine Geschichte der Beraubung. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg zahlten wir Schulden an die New Yorker National City Bank [heute Citibank] zurück. Dies waren Schulden, die entstanden, weil Geld an die französische Kolonialmacht gezahlt werden musste, die ein fürchterliches Embargo über Haiti verhängt hatte – schlimmer als das jetzige Embargo über Kuba. Über ein Jahrhundert lang haben wir diese Schulden zurückgezahlt. Das lähmte unsere Wirtschaft. Um die Schulden zurückzahlen zu können, besteuerte die Regierung die Landbewohner, die daraufhin gezwungen waren, in die Städte zu ziehen und Arbeit sowie Einkommen zu finden. Deshalb hat Port-au-Prince eine Bevölkerung von drei Millionen.

Stefan Steinberg: Im Jahr 2010 fragte ich Sie nach ihrer Meinung zur Obama-Regierung. Sie sagten damals, Sie hofften, Obama würde besser sein als Clinton. Wie denken Sie heute, drei Jahre später?

Raoul Peck: Ich denke, Obama ist einer der intelligentesten Staatschefs. Für Amerika ist er einer der besten. Viele Liberale und Linke haben falsche Vorstellungen. Wenn du gewählt wurdest, dann musst du die Regeln akzeptieren. Du wurdest nicht von einer radikalen Minderheit gewählt. Du musst eine Mehrheit bekommen. Heute heißt die Macht in Amerika zu besitzen, die Macht zu Kompromissen besitzen.

Im Verlauf des Gesprächs stellte ich Pecks Bemerkungen in Frage und wies darauf hin, dass die Mehrheit, die Obama 2008 unterstützt hatte, dachte, sie würde für „Wandel“ stimmen: für Beendigung des Krieges und die Zurückweisung des Würgegriffs der Banken und Konzerne. Unbeirrt fuhr der Filmemacher fort, Obama zu verteidigen.

Raoul Peck: Du kannst dir nicht einfach die Rosinen herauspicken. Sobald du den Kampf beginnst, musst du die Regeln akzeptieren.

Ich bin ein Kämpfer. Ich bin sehr radikal. Sofern ich das System nicht in die Luft jagen kann, muss ich Menschen überzeugen. Obama ist jemand, mit dem ich eine komplexe Diskussion führen kann. Er geht jetzt zur Schwulen-Frage über.

Ich fragte Peck außerdem zu seiner Meinung über die imperialistischen Interventionen in Libyen und Mali. Pecks Film Lumumba: Der Tod des Propheten – über den Mord an dem kongolesischen Unabhängigkeitsführer im Jahr 1961 – handelt unmittelbar von einer von den USA geführten Verschwörung zum Sturz eines vom Volk gewählten afrikanischen Führers.

Raoul Peck: Ich habe keine Probleme mit den westlichen Interventionen. Wenn ich Hilfe brauche, um die bösen Buben loszuwerden, stelle ich keine Fragen. Wir müssen realistisch bleiben. Ich kann nicht die Islamisten unterstützen.

Es ist mein Kampf. Wir können die Hilfe der Amerikaner bekommen. Ich ziehe die Marines vor. Ich will nicht, dass sie dableiben, aber ich muss mich verteidigen.

Wird fortgesetzt

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