Neuer Papst soll Krise der katholischen Kirche in den Griff bekommen

Von Patrick O’Connor
15. März 2013

Der bisherige Kardinal von Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio, wurde am Mittwoch zum neuen Papst der katholischen Kirche gewählt.

Die Wahl von Papst Franziskus wurde von aufgeregter Medienberichterstattung begleitet und wird von Regierungsoberhäuptern in aller Welt begrüßt. Die Kirche und ihre Verbündeten in den internationalen herrschenden Kreise nutzen die Gelegenheit, um nach den zahlreichen Korruptionsaffären und Sexskandalen zum Überleben des organisierten Römischen Katholizismus beizutragen.

Joseph Ratzingers beispielloser Rücktritt als Papst im vergangenen Monat stürzte die katholische Kirche noch tiefer in die Krise. Diese Institution dient seit zwei Jahrtausenden als Bollwerk der Reaktion, des Obskurantismus und der Unterdrückung.

Bergoglio ist der erste nicht-europäische Papst seit 1200 Jahren und der erste, der dem Jesuitenorden entstammt. Obwohl er schon mehreren Abteilungen des Vatikan angehörte, hat er noch nie innerhalb des Vatikan gearbeitet. Ratzinger dagegen hatte den größten Teil seiner Karriere im Apparat der Kirche in Rom zugebracht. Mit der Wahl von Papst Franziskus hoffen führende Kardinäle der Kirche offenbar, dass ein „Außenseiter“ die Institution reformieren könnte, die unter Berichten über unsaubere Finanzgeschäfte und Geldwäsche und unter fraktionellen Spaltungen leidet, die in der „Vatileaks“-Affäre zutage traten. Führende Kirchenmänner sollen sogar wegen homosexueller Aktivitäten erpresst worden sein.

Ratzingers Rücktritt, soviel ist inzwischen klar, ging auf diese Skandale zurück. „Gesundheitsgründe“ waren nur vorgeschoben. Jetzt hat die Kirche einen Papst gewählt, der nur zwei Jahre jünger ist als Ratzinger bei seiner Wahl 2005 und der nur über eine Lunge verfügt. Die andere musste ihm in seiner Jugend entfernt werden.

Die Wahl eines argentinischen Kardinals zum Papst soll das internationale Ansehen der Kirche erhöhen. Zum Teil sind die Überlegungen demographischer Natur. Die Zahl der aktiven Katholiken in Europa nimmt rapide ab. Zu wenig junge Leute wählen den Priesterberuf, um die bestehenden Kirchengemeinden halten zu können, ohne Geistliche aus Asien, Afrika und Lateinamerika hinzu zu holen. Ca. vierzig Prozent aller Katholiken leben in Zentral- und Südamerika. Aber die Kirche steht auch dort unter dem Druck rivalisierender evangelikaler Gruppen einerseits und der Tatsache andererseits, dass immer mehr junge Menschen jede Religion ablehnen. In Argentinien z.B. nehmen weniger als zehn Prozent der Bevölkerung regelmäßig an Gottesdiensten teil.

Gleichzeitig stehen hinter Bergoglios Erhebung eindeutig politische Überlegungen. Gerade in Lateinamerika arbeitet die Kirche seit langem gemeinsam mit dem US-Imperialismus mit den reaktionärsten politischen Kräften gegen linke Bewegungen der Arbeiterklasse und der unterdrückten Bauernschaft. Der Kontinent ist heute von tiefer sozialer Ungleichheit und Massenopposition gegen die Politik des freien Marktes geprägt, die in den letzten drei Jahrzehnten breite Schichten der Bevölkerung verarmt hat. Die Kirche bereitet sich erneut darauf vor, eine drohende soziale Revolution zu verhindern, diesmal unter Mithilfe eines argentinischen Papstes.

US-Präsident Barack Obama lobte Papst Franziskus als “Helfer der Armen und Schwächsten unter uns” und fügte hinzu: “Als erster Papst vom amerikanischen Kontinent ist seine Wahl auch Ausdruck der Stärke und Vitalität einer Region, die zunehmend unsere Welt formt.“

Die internationalen Medien verfolgten in stundenlangen Fernsehberichten und ellenlangen Zeitungsberichten jeden Augenblick des geheimnisumwitterten, mittelalterlichen Wahlprozesses des Vatikans. Nach der Bekanntgabe von Bergoglios Wahl wurde keine Möglichkeit ausgelassen, der Öffentlichkeit Anekdoten über die Bescheidenheit und die menschliche Wärme des neuen Papstes zu präsentieren. Es gab Berichte, dass er als Kardinal in Buenos Aires mit dem öffentlichen Nahverkehr fuhr, in einem Appartement wohnte und seine eigenen Mahlzeiten kochte. Wahrlich bemerkenswerte Leistungen!

Die internationalen Medienkonzerne haben die wichtige Frage der Rolle Bergoglios in der Kirche unter der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983 weitgehend ignoriert. Damals verschwanden ca. 30.000 linke Gegner der Junta in einem „schmutzigen Krieg“, der von den USA unterstützt wurde. Die argentinische katholische Kirche erfreute sich enger Beziehungen zum Militär, sowohl vor seiner Machtübernahme, als auch während seiner Herrschaft.

Bergoglio wurde 1969 zum Priester geweiht und diente von 1973 bis 1979 als jesuitischer Provincial (gewählter Führer des Ordens) für Argentinien. Danach wurde er von 1980 bis 1986 zum Rektor der Philosophischen und Theologischen Fakultät von San Miguel berufen. In den 1990er Jahren wurde er von Papst Johannes Paul II. die Hierarchieleiter hinaufbefördert.

Unter der Junta setzte Bergoglio in seinem Jesuitenorden die Edikte des Vatikans gegen die “Befreiungstheologie” durch. Diese Bewegung war in den 1960er Jahren von reformorientierten Kräften in der lateinamerikanischen Kirche gegründet worden. Sie stellte das Schicksal der Armen in den Mittelpunkt, um angesichts der politischen Radikalisierung der Arbeiterklasse in der ganzen Region den Einfluss der Kirche aufrecht zu erhalten.

1976 verlangte Bergoglio von zwei jesuitischen Priestern - Orlando Yorio und Francisco Jalics – mit dem Predigen der Befreiungstheologie aufzuhören und die Slums, in denen sie arbeiteten, zu verlassen. Als sie sich weigerten, ließ Bergoglio sie aus dem Orden ausschließen. Danach wurden die beiden Männer vom Militär entführt und gefoltert. Associated Press berichtete: „Yorio beschuldigte Bergoglio, sie praktisch den Todesschwadronen überantwortet zu haben, weil er sich geweigert habe, gegenüber dem Regime zu erklären, dass er ihre Arbeit begrüße.“

Der argentinische Journalist Horacio Verbitsky schrieb 2006 über die Affäre ein Buch mit dem Titel „El Silencio: de Paulo VI a Bergoglio: las relaciones secretas de la Iglesia con la ESMA. „Er stellte die Sicherheit des jesuitischen Ordens über die Sicherheit der Priester“, behauptete Verbitsky.

Die Sache wurde 2005 von einem Menschenrechtsanwalt vor ein argentinisches Gericht gebracht, ist aber noch in der Schwebe. Bergoglio bestreitet die Vorwürfe und beschuldigt Verbitsky der „Verleumdung“. Er behauptet, sich in stiller Diplomatie bei der Junta für die beiden Priester eingesetzt und ihre Freilassung erwirkt zu haben.

Bergoglio musste im Fall einer katholischen Laienarbeiterin mit Namen Maria Elena Funes vor Gericht aussagen, die in dem berüchtigten Foltergefängnis ESMA gefangen gehalten wurde. Sie sagte zu dem Verschwinden der französischen Nonnen Alice Domon und Leonie Duquet aus und erklärte, dass die beiden Priester vom Militär entführt worden seien, nachdem Bergoglio ihnen seinen Schutz entzogen habe.

Luis Zamora, der ehemalige Parlamentsabgeordnete und Anwalt in dem Fall, bezeichnete Bergoglios Aussage als „ausweichend“ und fügte hinzu. „Wenn jemand derart ausweicht, dann lügt er oder sagt nur einen Teil der Wahrheit.“

Des weiteren wurde Bergoglio beschuldigt, die Bitten einer Familie ignoriert zu haben, die fünf ihrer Mitglieder an die Junta verloren hatte, darunter eine im fünften Monat schwangere junge Frau. Bergoglio übergab den Fall angeblich einem jüngeren Kollegen, der später eine Notiz von einem Oberst mit der Nachricht enthielt, dass die junge Frau in Gefangenschaft entbunden habe und das Baby einer „wichtigen Familie“ übergeben worden sei. Obwohl Bergoglio mit diesem Fall zu tun hatte, behauptete er 2010, er habe erst nach dem Fall der Diktatur von gestohlenen Babys erfahren.

Nach dem Ende der Militärherrschaft versuchte der jetzige Papst Franziskus, die Verbrecher in den Streitkräften zu schützen. 2006 schloss er sich einem öffentlichen Protest von Ex-Militärs und rechten Kräften an, die eine umfassende Amnestie für alle unter der Junta begangenen Verbrechen verlangten. 2012 gab Bergoglio im Namen der Bischöfe des Landes als Reaktion auf zunehmende Empörung unter der argentinischen Bevölkerung eine Erklärung heraus, in der er sich formell für das „Versagen“ der Kirche in dem „schmutzigen Krieg“ entschuldigte. Gleichzeitig machte er die Militärdiktatur und ihre linken Gegner gleichermaßen für die Gewalt verantwortlich.

“Die Geschichte verurteilt ihn”, soll Fortunato Mallimacci, der ehemalige Dekan der Sozialwissenschaften der Universität von Buenos Aires laut Reuters gesagt haben. „Sie zeigt, dass er gegen jede Erneuerung in der Kirche ist und sie zeigt vor allem, dass er während der Diktatur ein inniges Verhältnis zum Militär pflegte."