63. Internationales Berliner Filmfestival

Ohne Rücksicht auf Verluste - zwei deutsche Dokumentarfilme - Einzelkämpfer und Metamorphosen

Teil 7

Von Bernd Reinhardt
19. März 2013

Dies ist der siebte Teil einer Artikelserie zum 63. Berliner Filmfestival, der Berlinale, vom 7.-17. Februar 2013. Teil 1 wurde am 5. März veröffentlicht, Teil 2 am 7. März, Teil 3 am 9. März, Teil 4 am 12. März, Teil 5 am 14. März. und Teil 6 am 16. März.

Es gab auf dem diesjährigen Festival kaum deutsche Filme, die sich in bedeutender Weise mit  gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzten. Kein Film befasste sich mit der aktuellen wirtschaftlichen Situation, der schwierigen Lage der Bevölkerung oder dem sozialen Leben im Allgemeinen. Ansätze, sich auf der Berlinale mit den umstrittenen Auslandseinsätzen der Bundeswehr auseinanderzusetzen, wie noch 2008 (Nacht vor Augen von Brigitte Maria Bertele)oder 2010 (Der Tag des Spatzen vonPhilip Scheffner),erfuhren keine Fortsetzung. Die meisten Filme vermittelten den Eindruck, als habe persönliches Glück, habe Lebensqualität wenig mit gesellschaftlichen und materiellen Dingen zu tun, sondern sei ausschließlich eine Sache des menschlichen Umgangs miteinander.

Zu den wenigen Ausnahmen gehörten zwei Dokumentarfilme:

Einzelkämpfer von Sandra Kaudelka

Der Rummel um die Dopingprozesse im Jahr 2000 konnte den Eindruck erwecken, die vielen Weltspitzenleistungen von DDR-Sportlern seien allein auf systematisches Doping zurückzuführen gewesen. Der Dokumentarfilm Einzelkämpfer von Sandra Kaudelka, einer ehemaligen DDR-Meisterin im Wasserspringen, richtet sich gegen dieses eindimensionale Bild.

Einzelkämpfer

 

Zu Wort kommen ehemalige Sportidole der DDR. Marita Kochs Weltrekord im 400 Meterlauf ist bis heute unerreicht. Udo Beyer erkämpfte mehrere Olympiasiege und Weltrekorde im Kugelstoßen. Brita Baldus war mehrfache DDR- und Europameisterin im Wasserspringen. Vorgestellt wird Ines Geipel, eine ehemalige Spitzen-Sprinterin. Seit Jahren setzt sie sich für Opfer des Zwangsdopings in der DDR ein.

Einzelkämpfer

 

Doping steht nicht im Mittelpunkt des Films. Vielmehr geben historische Filmaufnahmen und die Berichte der Sportler einen Eindruck von der widersprüchlichen Rolle des Sports in der DDR. Die Sportförderung gehörte zweifellos zu den sozialen Fortschritten. Die Talentsuche war flächendeckend und reichte bis in die Kindergärten der kleinsten Provinzstadt. Kein Talent wurde übersehen. Udo Beyer stammt aus einer Arbeiterfamilie mit 6 Kindern. Gleichzeitig diente der streng nach dem Leistungsprinzip ausgerichtete Sport der staatlichen Präsentation und der Forcierung von Patriotismus. Was der DDR ökonomisch nicht gelang, sollte der Sport demonstrieren - die Überlegenheit des "Sozialismus".

Die gesellschaftlichen Privilegien der Elitesportler waren gemessen am heutigen Maßstab lächerlich, z.B. die jährliche Versorgung mit Südfrüchten. Viele sahen den Leistungssport als eine Chance, etwas von der Welt zu sehen.

Der Preis war hoch. Spitzensportler betrachtete der Staat als sein Eigentum. Wirklichen Talenten, so Kaudelka, sei es fast unmöglich gewesen, wieder auszusteigen. Ihr gelang das mit dem Zusammenbruch der DDR. Auf "Undankbarkeit" konnte der Staat hart reagieren. Als herauskam, dass Ines Geipel beabsichtigte, sich in den Westen abzusetzen, wurde sie während einer angeblichen Blinddarmoperation grausam "kaltgestellt". Erst vor kurzem wurden die Ursachen ihrer immer wieder auftretenden Bauchschmerzen entdeckt.

Der rücksichtslose Besitzanspruch des stalinistischen Staats manifestierte sich auch im Zwangsdoping. Eventuelle Folgeschäden nahmen SED-Sportfunktionäre gleichgültig in Kauf. Betroffen waren etliche minderjährige Sportler, die nicht wussten, was für "Vitamine" sie schluckten.

Wir sehen Bilder aus dem Jahre 2000 als die Hauptverantwortlichen, der ehemalige DDR-Sportchef Manfred Ewald und der Sportmediziner Manfred Höppner, vor Gericht gestellt wurden. Beide kamen mit skandalösen Bewährungsstrafen davon. Ewald äußerte kein Wort der Reue.

Die Regisseurin drängt ihre Protagonisten nicht, sich zum Doping zu äußern. Immer wieder verweist der Film auf das harte Training. Man bekommt einen Begriff: Leistungssport bedeutet enorme Disziplin, Verzicht auf ein normales Leben, aber auch Befriedigung, wenn man über sich selbst hinauswächst.

Ines Geipel ließ sich inzwischen von der Rekordliste streichen. Udo Beyer sieht für sich keinen Grund. Er gibt zu, wissentlich Dopingmittel erhalten zu haben. Doch seien dies keine Wundermittel: "Einem Ackergaul kannst du so viel Dopingmittel geben wie du willst, er wird nie ein Rennen in Hoppegarten gewinnen.“

In einer der bemerkenswerten Stellen des Films vergleicht Beyer den Leistungsdruck auf die DDR-Sportler mit dem heutigen Leistungsdruck in der Gesellschaft. Da sei kein Unterschied. Das schon von der DDR propagierte Leistungsprinzip sei "Kapitalismus im Sozialismus" gewesen. Die selbstzufriedene Art, mit der der heutige Reiseunternehmer diese Dinge ausspricht, sagt uns, dass er sich schon lange im Kapitalismus zu Hause fühlt. Doch er hat recht. Die alte sozialistische Bewegung mit ihren Arbeiterolympiaden lehnte das Leistungsprinzip im Sport ab.

Hinzuzufügen wäre, dass die ewigen Angriffe auf gedopte DDR-Sportler nicht zuletzt dem Zweck dienen, von den Ursachen des heute weniger erfolgreichen deutschen Sports ablenken (wo ebenfalls gedopt wurde und wird). Was ihm klar fehlt, ist die wichtige, breite Basisarbeit. Ehemalige Spitzensportler der DDR wie Roland Matthes, der 1981 in die International Swimming Hall of Fame und später als einziger ehemaliger DDR-Sportler in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen wurde, bemängeln dies öffentlich. Die ehemalige Spitzen-Kanutin der DDR Birgit Fischer, die bisher erfolgreichste deutsche Olympia-Teilnehmerin überhaupt, fordert das gute Auswahl- und Sichtungssystem der DDR.

Metamorphosen von Sebastian Mez

Metamorphosen

 

Bereits der letzte Film von Sebastian Mez, Ein Brief aus Deutschland (2011), stieß auf internationales Interesse. Der Film über osteuropäische Zwangsprostituierte in Deutschland erhielt 2011 den Hauptpreis für den besten mittellangen Film beim Visions du Réel, eines der wichtigen internationalen Dokumentarfestivals in Nyon in der Schweiz. In seinem neuen Film Metamorphosen, den er nur ohne Dreherlaubnis in Russland realisieren konnte, setzt er einfachen Menschen ein Denkmal, die unter unglaublichen Bedingungen leben müssen.

Im südlichen Ural oberhalb von Tscheljabinsk liegt ein stark radioaktiv verseuchtes Gebiet, das sich über zirka 20 000 km² erstreckt. Dort wird seit 1948 die Plutoniumfabrik Majak betrieben. Das Plutonium diente lange der Herstellung von Kernwaffen. Seit Mitte der 1980er Jahre dient die Anlage der Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen.

Metamorphosen

 

Die Verseuchung ist das Ergebnis mehrerer Unfälle und der Ableitung radioaktiven Materials in die umliegenden Gewässer. Die Gegend zählt zu den von Uran am meisten verseuchten Gebieten der Erde. Der Kyschtym-Unfall vom September 1957 wird heute als drittgrößter Nuklear-Unfall nach Tschernobyl und Fukoshima eingeschätzt. Rund 270 000 Menschen wurden radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Besondere metereologische Umstände bewirkten, dass die europäischen Warnsysteme nicht ausschlugen. Über 30 Jahre lang konnte der Unfall geheim gehalten werden.

In Mez´s Film berichtet ein älterer Mann, dass er früher in dem stark verseuchten Fluss der Gegend badete. Ärzte hätten der Bevölkerung die wahren Ursache bestimmter körperlicher Beschwerden verheimlicht. Solche Berichte vermitteln eine erschreckende Gleichgültigkeit seitens der damaligen sowjetischen, wie der heutigen russischen Regierung. Nach wie vor ist die Anlage in Betrieb und verseucht das Gebiet. Noch immer leben hier Menschen. Evakuierungen erfolgten äußert unzureichend, in einem geschilderten Fall nur zwei Kilometer weiter. Ein Höhepunkt des Films ist der Augenzeugenbericht eines Arbeiters über eine Beinahe-Katastrophe im Jahr 2000, als für über 40 Minuten der Strom ausfiel.

Die hier Lebenden bemühen sich, dem Leben mit der Strahlung Normalität abzuringen. Es gibt sogar einige Tierschutzaktivisten. Die Kinder des örtlichen Kindergartens sehen äußerlich gesund aus, lachen und tanzen, aber sind sie es? Ein Mann bemüht sich, zu erklären, dass das Schwitzen in der Sauna, die Radioaktivität aus seinem Körper vertreibt. Wir erfahren von der Schwierigkeit hier Lebender, eine Familie zu gründen. Viele Beziehungen zerbrechen, sobald sich herausstellt, dass einer der Partner aus der verstrahlten Region stammt. Der Film zeigt einen Jungen mit einer Deformation am Ohr.

Die starke Wirkung des Films beruht nicht allein auf der sachlichen Information. (Leider laufen die Zwischentexte etwas schnell) Es ist die Sprache der Bilder, die darauf abzielt, die Allgegenwart der unsichtbaren Strahlung sinnlich erfahrbar zu machen. Denn äußerlich unterscheidet sich die Gegend nicht von anderen Landschaften. Gedreht wurde in Schwarzweiß. Lange Einstellungen unterstreichen den Eindruck von Verlorenheit und Zeitlosigkeit. Diese Gegend wird lange verseucht bleiben.

Viele der streng komponierten Bilder, darunter menschliche Gesichter in Großaufnahme, bekommen durch die Verwendung starker Kontraste und grober Körnung eine abstrakte Note. Diese Künstlichkeit vermittelt die ständige unsichtbare Gefahr. Man weiß, dass das Fleisch des Schafes, das gerade auf dem Hof geschlachtet wurde, eigentlich nicht gegessen werden sollte. Bilder von nach Luft schnappenden Fischen werden zum Synonym für die Bewohner der Gegend. Es ist eine riesige soziale Tragödie.

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen