Der seltsame Tod des Boris Beresowski

Von Joseph Santolan
28. März 2013

Der russische Oligarch Boris Beresowski wurde am Samstag in seinem britischen Herrenhaus in Berkshire tot auf dem Fußboden des Badezimmers aufgefunden. Die Obduktion der Polizei von Thames Valley ergab, dass sein Tod mit „Merkmalen des Erhängens übereinstimme“. Es gebe „keine Hinweise auf ein Fremdeinwirken“.

Dem offiziellen Bericht zufolge gebe es Würgemerkmale an Beresowskis Hals, und in der Nähe seiner Leiche wurde ein Schal gefunden. Die Tür des Badezimmers war von innen verschlossen. Ein Abschiedsbrief wurde nicht gefunden. Seine Leiche hing nicht an der Decke, sondern lag auf dem Boden. Die Behauptung, seine Leiche weise „Merkmale des Erhängens“ auf, ist zumindest nicht sehr klar.

Boris Beresowski war ein Mulimilliardär mit einer riesigen Holding aus Medien-, Öl- und Finanzunternehmen. Er war die Personifizierung der kriminellen Klasse von Plutokraten, die ihren Reichtum durch die systematische Plünderung der russischen Wirtschaft während und nach der Auflösung der Sowjetunion erwarben. Beresowsli war ein stalinistischer Bürokrat, der sich seine Sporen in dem sowjetischen Bund Junger Kommunisten, dem Komsomol verdient hatte. Er machte sein Vermögen mit der Privatisierung und dem Verkauf von Staatseigentum.

Er bekam die Fernsehstation ORT an die Hand, den einzigen Sender, der in allen 89 Regionen Russlands empfangen werden kann. Beresowski war der prominenteste Financier des russischen Präsidenten Boris Jelzin, und er nutzte seinen Reichtum, um dessen Herrschaft zu festigen und auszuweiten. Beresowski war damals als der ‚Pate des Kreml’ bekannt. Er managte die finanziellen Angelegenheiten der Familie Jelzin und mischte in undurchsichtigen politischen Hinterzimmerintrigen und Manipulationen mit.

An der Spitze der dünnen Schicht der nouveaux riches betätigte sich Beresowski im Kauf und der Plünderung von Staatseigentum. Die Ausplünderung der russischen Wirtschaft beinhaltete die gewaltsame Liquidierung von Rivalen, und Beresowski selbst war mehrfach das Ziel von Mordversuchen, Autobombenanschlägen und Giftanschlägen. Mehrere von Beresowskis Geschäfts-“Partnern“ sowie Journalisten, die ihn kritisierten, fanden unter verdächtigen Umständen den gewaltsamen Tod.

Beresowski spielte eine wichtige Rolle beim Aufstieg zur Macht und der Wahl von Wladimir Putin zum Präsidenten im Jahr 2000. Aber schon wenige Wochen nach Putins Wahl überwarfen sich die beiden. Beresowski kritisierte Putin scharf, auch über seinen Sender ORT. Putin revanchierte sich mit Betrugsanklagen gegen Beresowski und übernahm ORT in Staatshand.

Beresowski flüchtete sich ins Exil nach London, wo ihm 2003 formell Asyl gewährt wurde. Zusammen mit anderen emigrierten Oligarchen führte Beresowski eine Kultur extremer Exzesse in London ein, mit Landhäusern, Jachten und astronomischen Hotelrechnungen. Beresowski begann, gegen Putin und seine Mitemigranten zu konspirieren. Zehn Jahre lang führten diese Plutokraten einen brutalen Kampf um die Kontrolle über ihre in kriminellen Machenschaften erworbenen Besitztümer.

2012 verlor Beresowski einen Zivilprozess um drei Milliarden Pfund gegen seinen vormaligen Geschäftspartner Roman Abramowitsch. Dabei ging es um die Kontrolle über den russischen Ölkonzern Sibneft. Es ist die höchste Summe, über die je in der britischen Justizgeschichte vor einem Zivilgericht verhandelt wurde. Beresowskis langjähriger Geschäftspartner, Badri Patarkatsischwili, starb 2008 in England unter verdächtigen Umständen.

Beresowski war ein Mann, der viele Feinde und wenige Freunde hatte. Die Frage, wer ein Motiv gehabt haben könnte, Beresowski zu töten, wird am besten mit der Frage beantwortet, wer nicht?

Nach der Bekanntgabe von Beresowskis Tod spekulierte die Presse sogleich vernehmlich über einen Mann, der durch den Verlust von Macht und Reichtum in Depression und Selbstmord getrieben worden sei. Diese Version stützt sich auf zwei Indizien, die beide dubios sind.

Die Putin-Regierung gab sofort eine vorbereitete Erklärung heraus, in der sie behauptete, dass Beresowski Putin eine handschriftliche Notiz gesandt habe, in der er sich entschuldigt und um die Erlaubnis zur Rückkehr nach Russland gebeten habe. Und eine russische Journalistin behauptet, sie habe am Tag vor seinem Selbstmord ein Interview mit ihm geführt, in dem er erklärte habe, das Interesse am Leben verloren zu haben.

Angesichts der Persönlichkeit Beresowskis und der Umstände seines Todes riechen diese Erklärungen nach gezielten Indiskretionen und verstärken eher den Verdacht auf Falschspiel, als dass sie ihn beseitigen.

Den Erklärungen widerspricht Beresowskis enger Freund Juri Felschtinski vehement, der der Financial Times anvertraute: „Selbstmord war nicht Teil seiner DNA.“

Ob Selbstmord oder Mord, Beresowski verkörperte die kriminellen Methoden, mit denen die kapitalistische Restauration nach der Auflösung der UdSSR durchgesetzt wurde.