Bill Keller von der New York Times verunglimpft Bradley Manning

Von Naomi Spencer
28. März 2013

Der Gefreite Bradley Manning erklärte am 28. Februar bei einer Anhörung im Rahmen der Vorverhandlung in Fort Meade, Maryland, er habe sich mit mehreren großen Zeitungen, unter anderem der New York Times, in Verbindung gesetzt, um die Dokumente, die sich in seinem Besitz befanden, weiterzugeben, bevor er sie an WikiLeaks übergab. Manning erklärte weiter, er habe es getan, weil das Material „einige der wichtigsten Dokumente unserer Zeit enthielt, um den Nebel des Krieges zu lüften und den wahren Charakter der asymmetrischen Kriegsführung im 21. Jahrhundert zu enthüllen.“ Diese Unterlagen legten Verbrechen und Gräueltaten der Regierung bloß, darunter die Ermordung von Zivilisten durch das Militär.

Manning meldete sich unter Nummern, die auf der Webseite der Times angegeben waren, und hinterließ eine Nachricht, in der er den Charakter des Materials schilderte, und gab seine Telefon- und Skype-Nummer an. Er erhielt nie eine Antwort.

Bill Keller, der zu diesem Zeitpunkt Chefredakteur der Times war, veröffentlichte am 10. März eine Kolumne mit dem Titel „Bradley Mannings Vertrauter,“ in der er versuchte, die prinzipienlose Rolle zu rechtfertigen, die die Times in den Ereignissen gespielt hat, die zu Mannings Verhaftung führten.

Darin versucht Keller auf unglaubwürdige Weise Manning selbst die Schuld daran zu geben, dass die Times ihn nicht zurückrufen konnte. Er fragte, warum Manning „nicht herausfinden konnte, wie man einem Redakteur der Times eine E-Mail oder eine telefonische Nachricht zukommen lassen kann.“ Dann fragt er: „Was, wenn er es geschafft hätte, der Times seine geklauten Dokumente zuzuspielen? Was wäre dann für Manning und alle anderen anders?“

Keller fährt fort: „Zuerst kann ich mit Zuversicht behaupten, dass die Times das Gleiche getan hätte, was sie auch getan hat, als uns die Archive von WikiLeaks geliefert wurden: Gelernte Journalisten hätten es nach Material durchsucht, das im öffentlichen Interesse gewesen wäre. Sie hätten sichergestellt, dass alle Informationen ausgelassen werden, die zum Tod von Soldaten im Kampf oder von unschuldigen Informanten hätten führen können und hätten unsere Berichte mit Handkuss veröffentlicht. Die Dokumente hätten Schlagzeilen gemacht – große Schlagzeilen.“

Kellers eigene Geschichte widerlegt diese Darstellung. Seine früheren Handlungen und Schriften zeigen eine offen feindselige Einstellung gegenüber Menschen, die Informationen an die Öffentlichkeit bringen, die sich kaum von der eines CIA-Mitarbeiters unterscheidet. Wenn er die Dokumente, die Manning der Times zur Verfügung stellen wollte, abfällig als „geklaut“, bezeichnet, zeigt er damit, dass er persönlich nichts von den Enthüllungen hält, die WikiLeaks dank Manning machen konnte.

Keller hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er wütend war, dass WikiLeaks die Times praktisch dazu gezwungen hatte, Informationen zu veröffentlichen, die er lieber unterdrückt hätte. Als die Zeitung am 29. November widerwillig begann, über Teile des WikiLeaks-Materials zu berichten, schrieb Keller, es sei ihm unbehaglich, dass die Times die Macht hätte, „Informationen zu veröffentlichen, die die Regierung geheim halten will.“

Man könnte sich Fragen, warum Keller überhaupt Journalist geworden ist, wenn ihm die „Macht“, Staatsgeheimnisse zu enthüllen, unbehaglich ist. Er sieht die Times eindeutig nicht als Teil der „vierten Gewalt“ – einer vom Staat unabhängigen Presse – sondern eher als vierten Arm der Regierung.

Kellers Aussagen sind die eines Mannes, der sich völlig mit dem Staat identifiziert. Er schrieb damals: „Wir haben im Krieg gegen den Terror genauso viel zu verlieren wie jeder andere... Wenn wir erkennen, dass wir Staatsgeheimnisse in unserem Besitz haben, denken wir lange und gründlich nach, ob wir sie veröffentlichen.“

In einer bemerkenswerten Stellungnahme zur Redaktionsphilosophie der Times erklärte Keller: „Wir sind davon überzeugt, dass Transparenz nichts absolut Gutes ist... Zur Pressefreiheit gehört auch die Freiheit, etwas nicht zu veröffentlichen, und diese Freiheit nutzen wir nicht selten.“

Mit diesen Worten entlarvt Keller sich selbst und seine undemokratische Mentalität. Für ihn steht das Bedürfnis der Regierung nach Geheimhaltung über dem Recht der Bevölkerung, informiert zu sein. Der Modus Operandi der Times ist es, potenziell wichtige Informationen zu unterdrücken. Wie Keller sagt, veröffentlicht die Times solche Informationen nur nach „ausführlichen und ernsthaften Diskussionen mit der Regierung.“

Kellers Ansichten über die Presse als zuverlässiger Mitverwalter von Staatsgeheimnissen würden ihn als Chefredakteur einer Zeitung qualifizieren, die unter einer Militärdiktatur erscheint.

Sein fehlendes Verständnis für Pressefreiheit macht Kellers Behauptung, die Times hätte Mannings Enthüllungen „mit Handkuss“ veröffentlicht, völlig unglaubwürdig. Viel wahrscheinlicher ist, dass Keller die Regierung über die Informationen in Kenntnis gesetzt hätte, die der Times zugespielt worden wären, sich von ihr Anweisungen hätte geben lassen, wie damit umzugehen sei, und dann die „Freiheit“ der Times genutzt, sie nicht zu veröffentlichen.

Es fällt auf, dass der ehemalige Chefredakteur nicht sagt, was von „echtem öffentlichem Interesse“ wäre. Zu den Dokumenten, die Manning der Zeitung anbot, gehörte auch das Video „Collateral Murder“, das zeigt, wie amerikanische Militärhubschrauber irakische Zivilisten, Kinder, Journalisten und Personen, die Erste Hilfe leisten, niedermähen. Andere Dokumente zeigen, dass die USA die Zahl der zivilen Todesopfer in Afghanistan stark beschönigt haben.

Dennoch behauptet Keller, Mannings Angebot sei nicht so sehr eine Dokumentation bestimmter Untaten der Regierung gewesen, sondern die Chance, „in einem Meer der Geheimnisse zu fischen.“

Was ist an dieser Unterscheidung wichtig? Die Times ist zwar gewillt, über „bestimmte Untaten der Regierung“ zu berichten, und zwar so, dass der fragliche Vorfall als außergewöhnlich erscheint. Allerdings besteht das „Meer der Geheimnisse“ aus einer großen Anzahl von Untaten, die den im Grunde kriminellen Charakter des Kriegs gegen den Terror zeigen, an dem die Times, wie Keller behauptet, „genauso beteiligt ist wie sonst wer.“

Keller setzt seine Kolumne mit einem kaum verhohlenen Angriff auf Manning selbst fort. Er beschreibt den Soldaten als „Schwulen in einer schwulenfeindlichen Institution, empfindlich, einsam, etwas stolz auf seine eigene Intelligenz, seine Motive etwas vage.“ Keller spekuliert, dass „das Urteil des Gerichtes [über Manning] von der Tatsache beeinflusst sein könnte, dass er die Informationen an eine Gruppe ehemaliger Hacker weitergegeben hat, die sich für Vogelfreie halten und den amerikanischen Interessen ablehnend gegenüberstehen.“

Hinter dieser voreingenommenen Ausdrucksweise lässt sich erkennen, dass Keller die Rechtmäßigkeit des Kriegs gegen den Terror und aller damit einhergehenden Verletzungen internationalen Rechts und der amerikanischen Verfassung akzeptiert. Er verbucht alle Verbrechen des Staates und der herrschenden Klasse unter „amerikanische Interessen“. Die Times spielte eine wichtige Rolle dabei, die Lügen zu propagieren, mit denen die Bush-Regierung die Invasion Afghanistans und des Iraks rechtfertigte. Durch die Times-Reporterin Judith Miller machte sich das Blatt zum Sprachrohr für den falschen Vorwurf gegen den Irak, er besäße Massenvernichtungswaffen.

Manning erklärte seine Motivation in einer Stellungnahme für das Gericht recht eindeutig: „Ich hatte Informationen, die die ganze Welt erfahren sollte.“ Er fügte hinzu: „Diese Informationen konnten helfen, die wahren Kosten der Kriege im Irak und in Afghanistan zu dokumentieren.“

Keller hat für Mannings Gewissensentscheidung nur Hohn übrig: „Hatte er von Anfang an das Gefühl, diesen Auftrag zu haben, oder entwickelte er das erst hinterher durch die Erwartungen seiner Unterstützer? Die Antwort würde vermutlich vor Gericht keinen Unterschied machen, aber sie könnte dabei helfen, das Urteil der Geschichte zu definieren.“

In der Affäre um WikiLeaks hat sich die Geschichte schon ein Urteil über Keller gebildet, und zwar kein gutes.

Keller verachtet das Gefühl, einen Auftrag zu haben, dem zufolge Manning versucht hat, nach demokratischen Prinzipien zu handeln. Seiner Meinung nach steht der Soldat zu Recht vor Gericht und verdient alles, wozu er verurteilt wird. Keller – reich, engstirnig und an immensen historischen Verbrechen beteiligt – ist organisch unfähig, einen Mann wie Manning zu verstehen.

Kellers Biografie ist die eines Sicherheitsbürokraten, der nie einen subversiven Gedanken hatte und kein Verständnis für eine vom Staat unabhängige Presse hat. Als Sohn des Gründers der Chevron Oil Corporation stieg Keller in der Medienbranche schnell auf, nachdem er 1970 am Pomona College seinen Abschluss gemacht hatte. Als entschiedener Antikommunist wurde er 1986 zum Chef des Moskauer Büros der Times ernannt und blieb dort bis zum Zusammenbruch der UdSSR. Nachdem er kurze Zeit in Johannesburg und als Auslands- und leitender Redakteur tätig war, wurde er 2003 zum Chefredakteur der Zeitung berufen und setzte sich für den Krieg gegen den Irak ein. Im Jahr 2004 verzögerte er die Veröffentlichung von Enthüllungen über den rechtswidrigen Einsatz von Abhörmethoden, bis Bush wiedergewählt war.

Im Jahr 1971 spielte die Times eine wichtige Rolle dabei, die Lügen und Verbrechen rund um den Vietnamkrieg zu enthüllen, indem sie die Pentagon-Papiere veröffentlichte. Dabei handelte es sich um Geheimdokumente, die die illegale Ausweitung des Vietnamkriegs auf Kambodscha und Laos, die Marineangriffe der Regierung auf Nordvietnam und ihre Lügen über den Krieg enthüllten. Dies brachte die Regierung in Misskredit und stärkte den Widerstand der Bevölkerung gegen den Krieg.

Keller bezog sich in seiner Kolumne kurz auf dieses Ereignis, allerdings nur um zu erklären, dass die Times dafür gesorgt hatte, dass der Whistleblower Daniel Ellsberg, der die Pentagon-Papiere geliefert hatte, „von vornherein wusste, dass er auf sich allein gestellt war.“

Kellers Versuch, auf die Rolle der Times bei der Veröffentlichung der Pentagon-Papiere hinzuweisen, während er Manning angreift und sich weigert, Staatsgeheimnisse zu veröffentlichen, ist unehrlich und absurd. Seine Argumente sind heute das genaue Gegenteil der Argumente, mit denen die New York Times ihre Entscheidung, die Pentagon-Papiere zu veröffentlichen, in einem Prozess gegen die Nixon-Regierung verteidigte. Damals beharrte sie darauf, sie habe das Recht, Staatsgeheimnisse zu veröffentlichen.

Keller wiederholt in seiner Kolumne stattdessen die Argumente der Nixon-Regierung gegen die Times, dass die Regierung „ihre Außenpolitik nicht im besten Interesse des amerikanischen Volkes machen kann, wenn sie nicht vertraulich mit fremden Mächten verhandeln kann.“

Heute handeln Keller und die übrigen Mainstream-Medien nicht im Interesse des Rechtes der Bevölkerung, informiert zu sein, sondern als Wächter, um Material zurückzuhalten und mit dem Staat zusammenzuarbeiten. Das ist der Hauptgrund, warum die Times Mannings Material nicht veröffentlichen wollte, und warum er gezwungen war, sich an WikiLeaks zu wenden, um die Verbrechen der US-Regierung zu veröffentlichen.