Zunehmende Medienhysterie um Anschläge in Boston

Von Barry Grey
19. April 2013

Zwei Tage nachdem in der Nähe der Ziellinie des Boston Marathon zwei Bomben explodierten, die drei Todesopfer forderten und 178 Menschen verletzten, erreichte die Berichterstattung der Medien über die Tragödie einen neuen Höhepunkt an Sensationslust und offener Hysterie.

Die Kabelfernsehsender, allen voran CNN, verbreiteten ein Gerücht nach dem anderen, von denen sich viele schnell als falsch erwiesen. Damit gaben sie den Ton für den Rest der Mainstream-Medien vor, die beispielsweise berichteten, dass ein Verdächtiger verhaftet worden sei, während die Bostoner Polizei und das FBI die Meldung sofort dementierten.

Obwohl die Medien mehrfach behaupteten, ein Verdächtiger sei durch Videoaufnahmen vom Tatort identifiziert worden, und obwohl versprochen wurde, dass auf einer gemeinsamen Pressekonferenz von staatlichen, bundesstaatlichen und kommunalen Behörden ein wichtiger Durchbruch verkündet würde, ging der Tag so zu Ende, wie er begonnen hatte: Keine Schuldigen wurden identifiziert, es gab keine Informationen, wer die Bomben aus welchem Motiv heraus gelegt hatte. Eine angekündigte Pressekonferenz, an der der Gouverneur von Massachusetts Deval Patrick, der Bürgermeister von Boston Thomas Menino und Ermittler des FBI teilnehmen sollten, fand nicht statt.

Es ist noch nicht bekannt, ob das furchtbare Verbrechen das Werk eines Einzelnen oder einer Organisation war, mit amerikanischem oder ausländischem Hintergrund. Allerdings gaben einige Abgeordnete zu, dass mehrere Faktoren auf rechte amerikanische Terroristen hindeuten, unter anderem die eher primitive Bauweise der Bomben, das Fehlen einer Warnung oder eines Bekennerschreibens und das Timing – am Bostoner Patriot’s Day, dem Zahltag für die Steuern und in derselben Woche wie die Anschläge auf ein Regierungsgebäude in Oklahoma City im Jahr 1995.

Senator Saxby Chambliss, Republikaner aus Georgia, erklärte am Mittwoch: „Es gibt viele Hinweise, die darauf schließen lassen, dass es sich um die Tat einen US-stämmigen Terroristen gehandelt haben könnte.“

Von den 178 Menschen, die bei den Explosionen verwundet wurden, sind mehr als zwanzig noch in kritischem Zustand, an dreizehn von ihnen mussten Amputationen ausgeführt werden.

Während die Nation, darunter auch die Bevölkerung von Boston, auf die Tat mit Trauer und Schock reagierte und Ruhe bewahrte, versuchen die Medien und ihre führenden Vertreter, Desorientierung und Panik zu verbreiten. Dahinter steckt eine gewisse Berechnung: die Medien versuchen, Angst und Verwirrung zu schüren, um die Polizeistaatsmaßnahmen der Vergangenheit im eigenen Land und die Kriege im Ausland im Namen des „Kriegs gegen den Terror“ zu rechtfertigen und eine weitere Militarisierung der amerikanischen Gesellschaft vorzubereiten. In dieser begüterten und in sich geschlossenen Gesellschaftsschicht herrscht in der Tat eine wahrhaft hysterische Stimmung.

Die Berichterstattung von CNN wurde am Mittwoch dominiert von endlosen Spekulationen über Berichte, laut denen Briefe, die mit dem tödlichen Gift Rizin bestäubt waren, an einen republikanischen Senator aus Mississippi und an Präsident Obama geschickt, aber von der Post in Washington DC abgefangen worden waren. Kommentatoren von CNN erwogen mehrfach eine Verbindung zu den Anschlägen in Boston, obwohl die staatlichen Behörden erklärt hatten, dass es keine derartige Beziehung gibt. Die Behauptung, die Briefe hätten das Gift enthalten, waren außerdem nur erste Meldungen, weitere Tests stehen noch aus.

Es gab reißerische Berichte, laut denen Büros von Senatoren geräumt wurden, und Gerüchte von weiteren Rizin-Briefen. Bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus löcherten die Reporter Obamas Pressesprecher Jay Carney mit Fragen über die Briefe und ihren Zusammenhang mit den Anschlägen in Boston.

Die obsessive Beschäftigung mit den Briefen hielt bis zum Morgen an, als CNN-Reporter John King dem Nachrichtensprecher Wolf Blitzer erklärte, er hätte aus maßgeblichen Quellen erfahren, dass ein Verdächtiger durch ein Überwachungsvideo vom Ort der Explosionen identifiziert worden sei. King erklärte, das Video sei von einer Kamera auf dem Kaufhaus Lord & Taylor auf der anderen Straßenseite aufgenommen worden und zeige einen „Dunkelhäutigen“, der ein schwarzes Paket oder einen Rucksack auf der Erde ablegte und dann wegging.

King und Blitzer erklärten, dies sei der Grund, warum die gemeinsame Pressekonferenz von Vertretern des Staates, des Bundesstaates und der Stadt von 13 Uhr auf 17 Uhr verschoben wurde.

Spekulationen über diesen angeblichen Verdächtigen vermischten sich mit Berichten, das Gerichtsgebäude in Boston sei nach einer Bombendrohung geräumt worden und anschließend mit weiteren unbestätigten Berichten über die verdächtigen Briefe.

Dann kam die Meldung, die Behörden hätten bereits einen Verdächtigen verhaftet, die von fast allen Medien übernommen wurde. Das führte zu einer Welle von Spekulationen, ob der Verdächtige auf der Pressekonferenz um 17 Uhr genannt werden würde.

Im Laufe des Nachmittags wurden die Behauptungen von CNN über einen „Durchbruch“ bei den Ermittlungen und über das Videomaterial mit dem vermeintlichen Attentäter zunehmend vager. Um 17 Uhr trat ein nicht namentlich genannter Redner aufs Podium und erklärte, die Konferenz sei auf unbestimmte Zeit vertagt.

Kurz vor 18 Uhr führte Blitzer ein Interview mit Gouverneur Patrick. Dieser bestritt, ein Video von einem Verdächtigen gesehen zu haben und enttäuschte die Erwartungen eines unmittelbar bevorstehenden Durchbruchs bei den Ermittlungen. Auf Blitzers Frage, ob die Pressekonferenz stattfinden würde, erklärte Patrick, er rechne nicht damit.

Ereignisse wie der Bombenanschlag auf den Boston Marathon zeigen letztendlich die immense soziale Krise und die zunehmend explosiven Widersprüche der amerikanischen Gesellschaft. Was am Montag passierte, war ein schreckliches Ereignis, das hunderte von Familien schwer getroffen hat. Aber auch Massenmorde mit automatischen Waffen werden in Amerika zunehmend häufiger.

Es muss auch erwähnt werden, dass tödliche und verheerende Anschläge wie der in Boston, und noch weitaus schlimmere, von der US-Regierung täglich durch Drohnenangriffe auf Städte und Dörfer in Afghanistan, Pakistan, im Jemen oder in Somalia ausgeführt werden. Es bleibt nicht aus, dass diese Form der Gewalt auf Teile der amerikanischen Bevölkerung entmenschlichende, enthemmende und demoralisierende Folgen hat.

In gewisser Weise zeigt auch die hysterische Reaktion der Mainstream-Medien auf die Anschläge von Boston, in welcher tiefer Krise und in welch sozialer Sackgasse sich die amerikanische Gesellschaft befindet.