Fall des Goldpreises deutet auf globale Deflation hin

Von Nick Beams
19. April 2013

Am Montag fiel der Goldpreis um 110 US-Dollar pro Unze. Der Absturz übertraf den bisherigen Rekord vom Januar 1980 und wurde durch einen von der Financial Times als „kolossalen Einbruch“ bezeichneten Absturz an den Edelmetallmärkten begleitet. Silber büßte 11 Prozent seines Wertes ein, die Rohstoffpreise gaben auf breiter Front nach.

Ein Kommentator im australischen Business Spectator fragte: „Entwickelt sich vor unseren Augen eine globale Rezession?“

Auch wenn es in den kommenden Tagen wieder zu einem Aufwärtstrend kommen könnte, scheint der Preissturz beim Gold einen bedeutenden Wendepunkt zu kennzeichnen. Die Geldmengen, die nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers ins Weltfinanzsystem gepumpt wurden, ließen den Wert des Goldes rasant ansteigen. Gold galt als sicherer Hafen gegenüber Papiergeld und entwerteten Währungen. Sein Preis verdreifachte sich innerhalb von drei Jahren und erreichte im September 2011 den Rekordstand von 1.930 US-Dollar pro Unze.

Dann trat der Preis für etwa zwölf Monate auf der Stelle, bevor er im Oktober vergangenen Jahres zu fallen begann und bis jetzt etwa zwanzig Prozent seines Wertes einbüßte, einen Großteil davon in den letzten Tagen. Noch vor wenigen Tagen lag der Goldpreis bei 1.600 US-Dollar pro Unze. Derzeit liegt er unter 1.400 US-Dollar.

Dieser Preissturz ist ein Schlag ins Gesicht aller Markterwartungen. Angesichts der fortdauernden Geldzufuhr durch die quantitativen Erleichterungsprogramme der größten Zentralbanken der Welt waren man davon ausgegangen, dass der Goldpreis weiter ansteigen oder sein Niveau zumindest halten würde.

Die Überraschung angesichts dieses Absturzes drückt sich in dem Kommentar eines Händlers im Australien Financial Review aus: „Ich bin wie vor den Kopf geschlagen“, sagte er. „Die USA drucken mehr und mehr Geld und der Yen kollabiert, weil die Japaner die Druckerpresse anwerfen. Der Markt setzt auf einen Verfall von Yen und Dollar und kann kein Gold drucken – es macht alles einfach keinen Sinn.“

Der Absturz des Goldpreises deutet darauf hin, dass trotz der Geldflut an den Finanzmärkten mächtigere Kräfte am Werk sind. Eine Untersuchung der Mechanismen der quantitativen Erleichterung weist auf die zugrunde liegenden Ursachen hin.

Grund für die historisch nie dagewesenen Maßnahmen der weltweiten Zentralbanken – die Injektion von Milliarden von Dollar in das Geldsystem mittels des Ankaufes von Staatsanleihen – ist offiziell ihre Notwendigkeit, um die Wirtschaft wieder zu beleben.

Aber der Zufluss von Geld bleibt auf Banken und Finanzhäuser beschränkt. Statt neue Investitionsprojekte zu finanzieren und so Nachfrage und Produktion anzuheizen, wird das von den Zentralbanken zur Verfügung gestellte Geld weitgehend zur Spekulation an Aktien- und Rohstoffmärkten eingesetzt.

Der Aufschwung an diesen Märkten findet vor dem Hintergrund sich vertiefender Rezessions- und Deflationstendenzen in der Weltwirtschaft als Ganzer statt, wie schon ein kleiner Rückblick zeigt.

In den USA verharrt die Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau. Im März erreichte ihre durchschnittliche Dauer 37 Wochen. In Europa hat die Arbeitslosigkeit in Spanien, Griechenland und anderen Ländern mehr als 25 Prozent erreicht. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 50 Prozent. Die Wirtschaft der Eurozone als Ganzes ist vergangenes Jahr geschrumpft und wird 2013 stagnieren oder weiter schrumpfen.

Seit dem Ausbruch der globalen Krise 2008 ist millionenfach behauptet worden, dass die kapitalistische Weltwirtschaft ungeachtet der Probleme der älteren fortgeschrittenen Wirtschaften durch China und andere sogenannte Schwellenmärkte angekurbelt werden könne.

Diese Behauptungen werden Tag für Tag widerlegt. Am Montag, als Gold seinen historischen Absturz erlebte, kündeten die chinesischen Behörden an, dass das Wachstum im ersten Quartal dieses Jahres bei 7,7, Prozent liege. Der Wert liegt um 0,2 Prozent unter dem Wert des letzten Quartals von 2012 und weit unter den zumindest erwarteten acht Prozent.

Zahlen allein machen die Bedeutung der Veränderungen in der chinesischen Wirtschaft nicht klar. Michael Pettis, Finanzprofessor an der Universität von Beijing und langjähriger Beobachter der chinesischen Wirtschaft, hat festgestellt, dass die Wachstumsraten Chinas in der Vergangenheit die von der Regierung gestellten Ziele mit Leichtigkeit übertroffen haben. Nicht so in diesem Jahr.

In seiner letzten formellen Erklärung hat der scheidende chinesische Premier Wen Jiabao im vergangenen Monat angekündigt, dass das Ziel von 7.5 Prozent Wachstum in diesem Jahr schwer zu erreichen sein werde. Er sagte, es gebe einen „wachsenden Konflikt zwischen einem Abwärts-Druck auf wirtschaftliches Wachstum und überschüssigen Produktionskapazitäten.“

Wie die Nachrichtenagentur Xinhua meldet, leiden vor allem die Stahl-, Zement-, Aluminium-, Glas- und Kohle-Industrien unter Überkapazitäten. Sie arbeiten derzeit mit einer Auslastung von nur etwa 70 bis 75 Prozent.

Darüber hinaus könnten die tatsächlichen chinesischen Wachstumszahlen sehr wohl unter den offiziellen Angaben liegen. In der Vergangenheit ist der Energieverbrauch schneller angestiegen als das Bruttoinlandsprodukt. Im letzten Jahr allerdings, in dem die Wirtschaft um 7,8 Prozent wuchs, stieg der Energieverbrauch nur um 5,5 Prozent.

Wie Pettis bemerkte, kann das tatsächliche Wachstum für 2011 sehr wohl 7,2 Prozent und 2012 nur 5,5 Prozent betragen haben, wobei „andere Ökonomen... sogar noch niedrigere Werte veranschlagen, die näher an Null liegen.“

Ein weiterer Hinweis auf globale Rezessions- und Deflationstendenzen kam am Dienstag von der südkoreanischen Regierung. Sie kündigte einen Ergänzungshaushalt in Höhe von 14,5 Mrd. US-Dollar an, um die Wirtschaft anzukurbeln. Die südkoreanische Wirtschaft leidet unter geringeren Exporterlösen wegen des fallenden japanischen Yen und nachlassender Nachfrage auf den Weltmärkten.

Südkoreas Ergänzungshaushalt ist um einiges höher ausgefallen, als nach seiner Ankündigung vor einem Monat zu erwarten war. Das Finanzministerium erklärte dazu: „Die Wirtschaft verliert an Schwung und der Lebensstandard der Menschen sinkt, während unsere Wirtschaft zwei Jahre lang Wachstumsraten von unter einem Prozent verzeichnete.“

In einer Beurteilung der Weltwirtschaft als Ganzem kam der Tracking Index von Brooking Institut und Financial Times zu dem Ergebnis, sie stecke „in einer Sackgasse und sei unfähig, eine wirksame Erholung“ zu unterstützen. Außerdem sei sie „anfällig für einen plötzlichen Stillstand.“

Beim Absturz des Goldpreises könnte es sich sehr wohl um ein erstes Anzeichen einer tieferen Rezession handeln. Er könnte auch eine neue Runde an Finanzkrisen auslösen, falls er Großinvestoren auf dem falschen Fuß erwischt. Die plötzliche Flucht aus dem Gold, die zu dem scharfen Preisverfall der vergangenen Tage geführt hat, könnte sehr wohl zum Vorläufer einer Flucht aus Aktien- und anderen Märkten werden.