Die Ermordung von Ibragim Todaschew durch das FBI

Ein Mann, der zuviel wusste?

Von Bill Van Auken
1. Juni 2013

Am Mittwoch gaben Vertreter des FBI und anderer Polizeibehörden zu, dass, der 27-jährige tschetschenische Einwanderer, der erschossen wurde, nachdem er tagelang wegen der Anschläge auf den Bostoner Marathon verhört worden war, unbewaffnet gewesen sei.

Die Ermordung von Todaschew und der schnelle Zusammenbruch der offiziellen Erklärung der Regierung – er sei erschossen worden, nachdem er mit einem Messer auf die Vernehmungsbeamten losgegangen sei – ist ein außergewöhnliches Ereignis. Es wirft weitere Zweifel auf über alles, was bisher über die Anschläge auf den Bostoner Marathon gesagt wurde.

Auf die Meldung, dass Todaschew unbewaffnet war, folgte am Donnerstag eine Pressekonferenz in Moskau, auf der der Vater des Ermordeten, Abdulbaki Todaschew, eine Reihe von Fotos zeigte, die die Leiche seines Sohnes in einem Leichenschauhaus in Florida zeigten. Er wurde sechsmal in den Oberkörper geschossen, einmal von oben in den Kopf.

Er sagte: „Ich möchte sagen, diese Fotos zu sehen, ist wie ein Film... So etwas habe ich bisher nur in Filmen gesehen; jemanden anschießen, und dann der Todesschuss. Sechs Schüsse in den Körper, einer davon in den Kopf.“ Er fügte hinzu: „Vielleicht hat mein Sohn etwas gewusst, eine Information, von der die Polizei nicht wollte, dass sie an die Öffentlichkeit gerät. Vielleicht wollten sie meinen Sohn ruhigstellen.“

Todaschew, der verschiedene Kampfsportarten praktiziert hatte, kannte Tamerlan Zarnajew, den Verdächtigen im Fall der Terroranschläge von Boston, der am 19. April von der Polizei getötet wurde. Beide waren tschetschenischer Herkunft und gingen in das gleiche Fitnessstudio, als Todaschew noch im Raum Boston lebte.

Die Washington Post schrieb darüber und erklärte, dass das Vorgehen des FBI seit den tödlichen Schüssen am 22. Mai in Orlando, Florida „eine mysteriöse Aura“ umschwebe. Das ist eine krasse Untertreibung. Die ganze Angelegenheit stinkt nach einer außergerichtlichen Hinrichtung und Vertuschungskampagne.

Das Eingeständnis, dass das FBI einen Unbewaffneten erschossen hat, führte zu Forderungen von Bürgerrechtsorganisationen, von Todaschews Witwe und seiner Familie nach einer unabhängigen Untersuchung über die Erschießung. Der Council on American-Islamic Relations hielt in Orlando eine Pressekonferenz ab, auf der er die Bürgerrechtsabteilung des Justizministeriums dazu aufrief, zu untersuchen, wie es dazu kommen konnte, dass „ein unbewaffneter Mann, dem nichts vorgeworfen wurde, mit sieben Schüssen, einem davon in den Kopf, getötet wurde.“

Inzwischen erklärte Saurbek Sadachanow von der Moskauer Gebietsübergreifenden Anwaltskammer auf einer Pressekonferenz in Moskau, er sei überzeugt, dass es sich hierbei um eine außergerichtliche Hinrichtung handelte und drängte Todaschews Freund, der die Fotos im Leichenschauhaus gemacht hatte, nach Russland zurückzukehren. Er sagte: „Als Zeuge lebt man in den USA nicht sicher.“

Vor seinem Tod war Todaschew lange Zeit über von einem Team von FBI-Agenten verhört worden, das von Staatspolizisten von Massachusetts und Antiterrorspezialisten unterstützt wurde. Die Befragungen fanden in Todaschews Wohnung statt, dort wurde er gefangen gehalten ohne Zugang zu einem Anwalt zu haben.

Nach seiner Ermordung behaupteten das FBI und die anderen Polizeibehörden in den Medien, Todaschew sei erschossen worden, als er mit einem Messer auf einen Agenten losgegangen war. Einige Medien gingen so weit, zu behaupten, der junge Immigrant habe einen Agenten verletzt, bevor er in einem Kugelhagel getötet wurde – eine erstaunliche Leistung, zumal er gar kein Messer hatte.

All das stellt sich nun als bewusste Lüge heraus, die von den Medien brav wiederholt worden war. Es sollte hervorgehoben werden, dass die New York Times seit der Ermordung in Orlando nicht einen einzigen Artikel über Todaschew gebracht hatte. Bis zum Donnerstagabend hatte die Times nicht einmal über die Enthüllung berichtet, dass Todaschew unbewaffnet war. Zweifellos hat jemand aus der Times-Redaktion mit dem Weißen Haus, dem FBI oder anderen Behörden darüber gesprochen, wie die Angelegenheit am besten zu handhaben sei. Genau so wurde bei früheren Geschichten verfahren, im die der nationalen Geheimdienstapparat verwickelt war.

Quellen des FBI und anderer Polizeibehörden behaupteten auch, Todaschew habe mündlich zugegeben, dass er und Tamerlan Zarnajew, der Verdächtige der Terroranschläge von Boston, für einen Dreifachmord in Massachusetts im Jahr 2011 verantwortlich seien. Laut den Polizeibehörden wurde er erschossen, kurz bevor er das angebliche Geständnis unterzeichnen konnte.

Es gibt noch weniger Grund, diese Geschichte zu glauben – die ebenfalls pflichtbewusst von den Mainstream-Medien wiederholt wurde – als die Geschichte, dass Todaschew es irgendwie geschafft habe, vor schwer bewaffneten Polizisten ein Messer zu verbergen und versucht haben soll, sie damit anzugreifen.

Todaschews Mitbewohner Chusen Taramow erklärte in den Medien, er sei zusammen mit Todaschew befragt worden, außer bei der letzten achtstündigen Sitzung, bei der dieser ermordet wurde. Er erklärte, die Frage nach den Morden in Massachusetts wurde nie gestellt. „Sie haben verschiedene Sachen gefragt, wie wir sie [die Verdächtigen Tamerlan Zarnajew und seinen jüngeren Bruder Dschochar] kennengelernt haben, was wir für eine Beziehung zu ihnen hatten...“

Todaschews Witwe Reni Manukjan, 24, äußerte sich ähnlich. Alle Fragen, die man ihr stellte, hätten sich um die Bombenanschläge von Boston gedreht, niemand habe sie oder ihren Mann nach den Morden im Jahr 2011 gefragt. „Die Fragen drehten sich nur um Zarnajew und die Anschläge,“ erklärte sie. „Wie gut wir sie kannten und was für ein Verhältnis wir zu ihnen hatten.“

Todaschews Vater sagte dazu in einem Interview mit dem Boston Globe in Russland: „Sie haben meinen Sohn getötet und sich dann einen Grund dazu ausgedacht.“

Warum sollten das FBI und andere Geheimdienste und Polizeibehörden über die Ermordung von Todaschew lügen? Die „mysteriöse Aura“, wie es die Post formuliert, die diesen staatlichen Mord umgibt, hängt mit den unbeantworteten Fragen und schwammigen Erklärungen rund um die Bombenanschläge von Boston zusammen. Der kaltblütige Mord in Orlando zeigt nur, dass nichts, was Regierung oder die Mainstream-Medien darüber berichten, unkritisch hingenommen werden darf.

Dazu gehört auch die Identität der Attentäter selbst. Dschochar Zarnajew, der die Schießerei mit der Polizei überlebt hat, hat laut seiner Mutter zum ersten Mal mit ihr gesprochen und jede Beteiligung an den Anschlägen geleugnet. Dschochar wurde schwer verletzt, als ein Boot, in dem er sich versteckte, von der Polizei unter Feuer genommen wurde. Er wird zurzeit in einem Gefängniskrankenhaus in Massachusetts gefangen gehalten, ihm droht eine Anklage wegen des Einsatzes einer Massenvernichtungswaffe.

Sicher ist jedoch, dass die angeblichen Täter dem amerikanischen Geheimdienst bekannt waren, wie es schon bei den Attentätern des 11. September und allen echten oder konstruierten Terrorvorfällen der Fall war. Im Falle von Tamerlan Zarnajew ist bekannt, dass russische Sicherheitsbeamte im Jahr 2011 das FBI und die CIA alarmiert hatten: sie erklärten, es gebe schlagkräftige Beweise, dass er an islamistischem Terror beteiligt war. Es gab auch Berichte, laut denen russische Behörden im Jahr 2012 ihren amerikanischen Kollegen ein Dossier über Zarnajews Kontakte mit solchen Elementen vorgelegt hatten, kurz nachdem er für sechs Monate in den Kaukasus gereist war, und dass saudische Behörden eine ähnliche Warnung herausgegeben hatten.

Dennoch behauptete das FBI, es habe nichts gefunden, was weitere Ermittlungen gegen Zarnajew hätte rechtfertigen können, und er konnte aus der Region Russlands in die USA zurückkehren, in der auch Tschetschenien liegt, wo islamistische Separatisten in den 1990ern zwei Kriege gegen das russische Militär geführt haben, ohne dass er von der Einwanderungsbehörde, dem Zoll oder anderen Behörden befragt worden wäre.

Das FBI hatte auch keine der Informationen weitergegeben, die sie über Zarnajew erhalten hatte, weder an die Staatspolizei von Massachusetts, noch an die lokale Polizei, obwohl es mit ihnen in einer Antiterror-Taskforce zusammengearbeitet hatte.

Jetzt kommt heraus, dass einer der wenigen Personen in den USA, die möglicherweise Licht auf Zarnajews Verbindungen in Tschetschenien hätte bringen können, von amerikanischen Agenten förmlich hingerichtet wurde.

Hatte er zu viel gewusst? Könnte Zarnajew Informationen mit Todaschew geteilt haben, die die verdeckten Operationen amerikanischer Geheimdienste gefährdet haben?

Die Beteiligung amerikanischer Geheimdienste an der Unterstützung islamistischer Separatisten in der ehemaligen Sowjetunion und dem Einsatz solcher Kräfte als Stellvertretertruppen in Ländern wie Libyen und Syrien ist allgemein bekannt. Ist es möglich, dass Tamerlan Zarnajew irgendetwas mit diesen Verbindungen zu tun hatte?

Andererseits hatte bei fast jedem größeren Terrorvorfall auf amerikanischem Boden seit dem 11. September 2001 das FBI seine Hände im Spiel. Es setzte Provokateure ein, die alles Notwendige bereitstellten, bevor ihre Sündenböcke verhaftet und ein weiterer Sieg im „Krieg gegen den Terror“ verkündet wurde. War hier einer dieser inszenierten Zwischenfälle außer Kontrolle geraten, oder ließ man ihn bewusst geschehen?

Die Bombenanschläge von Boston dienten als Vorwand für eine beispiellose Ausgangssperre einer ganzen Metropolregion, wobei demokratische Grundrechte aufgehoben wurden und die Sicherheitskräfte geradezu eine Generalprobe für einen Militärputsch inszenierten.

Die Ermordung von Ibragim Todaschew durch das FBI ist beispielhaft für ein Land, in dem das Militär und der Geheimdienstapparat immer größere Kontrolle ausüben und die demokratischen Rechte der Arbeiterklasse – der großen Mehrheit der Bevölkerung – erbarmungslos angegriffen werden. Solche staatlichen Morde müssen eine Warnung sein: Die Vorbereitungen für diktatorische Herrschaftsformen in Amerika sind sehr weit fortgeschritten.