Enorme Schäden durch Hochwasser in Deutschland und Europa

Von Markus Salzmann und Michael Regens
7. Juni 2013

Nach tagelangen Regenfällen ist die Hochwasserkatastrophe in Deutschland und den Nachbarländern noch nicht vorüber. Noch lässt sich der entstandene Schaden nicht beziffern, doch es kann davon ausgegangen werden, dass die Folgen mindestens so drastisch sein werden wie nach der Hochwasserkatastrophe 2002. Damals beliefen sich die Schäden allein in Deutschland auf ein Volumen von 9,2 Milliarden Euro.

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen ist die Lage weiterhin kritisch. Magdeburg und andere Städte bereiten sich auf steigende Pegelstände vor. Dort wird der Höhepunkt der Flut am Wochenende erwartet. "Die Pegelstände werden über einen langen Zeitraum in der höchsten Warnstufe bleiben", erklärte das zuständige Hochwasserzentrum. Die Saale stieg auf den höchsten Stand seit 400 Jahren. In der Sächsischen Schweiz sind viele Städte überflutet, darunter Pirna, Meißen und Riesa. Insgesamt mussten in Sachsen-Anhalt bislang über 2.500 Menschen ihre Häuser verlassen.

Die Scheitelwelle der Flut an der Elbe in Brandenburg wird in den nächsten Tagen erwartet. Innenminister Dietmar Woidke (SPD) schätzt die Situation schwieriger ein als 2002. „Es ist eben nicht nur die Elbe, die kommt. Dieses Mal kommen alle Nebenflüsse mit großer Wucht mit dazu, und das ist die Rechnung, die schwierig wird“, sagte Woidke.

In Niedersachsen wird ein Rekordhochwasser erwartet. Zum Wochenende wird mit einem kräftigen Anstieg der Pegelstände gerechnet. Im Landkreis Lüchow-Dannenberg werden Deichwachen Tag und Nacht eingesetzt. Die historische Stadt Hitzacker soll bis Samstag evakuiert werden.

In Bayern hat sich die Lage ebenfalls kaum entspannt. Hier hat das Hochwasser die schlimmsten Schäden seit Jahrzehnten angerichtet. Schwer betroffen ist Passau, wo die Innenstadt vollständig überflutet wurde. Hier ist die Lage noch dramatischer als 2002. Geschäfte, Hotels, Restaurants und Wohnhäuser stehen metertief im Wasser, in der Stadt ist der Strom ausgefallen und es mangelt an Trinkwasser. Bei Passau münden die Flüsse Inn und Ilz in die Donau. Die Betroffenen hoffen nun, dass die Wassermassen bis zum Wochenende abfließen.

Am Mittwoch erreichte die Hochwasserwelle der Donau in Deggendorf ihren Scheitelpunkt. Der Landkreis ist nach der Sperrung der Autobahnen A3 und A92 fast vollständig vom Umland abgeschnitten. Die Region ist nur noch über einige wenige Straßen für Helfer und Fahrzeuge zu erreichen, sagte eine Sprecherin des Landkreises. Tausende Menschen mussten ihre Häuser verlassen, viele wurden mit Hubschraubern gerettet.

Auch in Österreich und Tschechien richteten die Wassermassen massive Schäden an. In der Tschechischen Republik starben sechs Menschen durch das Hochwasser, vier werden noch immer vermisst. Mehr als 7.000 Menschen mussten in Tschechien ihre Häuser verlassen, um sich vor dem Hochwasser in Sicherheit zu bringen. In Prag hatte die Feuerwehr mobile Hochwasserbarrieren errichtet, um die Altstadt zu schützen. Der U-Bahn-Verkehr in der Hauptstadt wurde eingestellt.

In Österreich waren zahlreiche Zugverbindungen gesperrt. Viele Städte und Dörfer standen unter Wasser. In Tirol entgleiste in der Nacht zu Montag ein Zug, weil eine Schlamm- und Gerölllawine die Gleise verschüttete. Zwei Menschen starben bisher, zwei weitere werden vermisst.

Die slowakische Hauptstadt Bratislava bereitet sich darauf vor, dass die Donau über die Ufer tritt. Der Wetterdienst rief die höchste Warnstufe aus. Der Schiffsverkehr auf der Donau wurde eingestellt.

Das Hochwasser hat nach den Katastrophen der letzten Jahre gezeigt, dass die Regierungen der betroffenen Länder weiterhin keine hinreichenden Vorbereitungen auf solche Ereignisse getroffen haben. Während Milliarden für die „Rettung“ von Banken bereitstehen, wird weder ausreichend in den Katatstrophenschutz investiert, noch erhalten die Betroffenen adäquate Hilfen.

Sparhaushalte auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene haben dazu geführt, dass notwendige Projekte zum Schutz hochwassergefährdeter Gebiete nicht durchgeführt wurden. Ein Beispiel ist Feldolling, nahe Rosenheim, dass von den Fluten stark betroffen war. Seit Jahren plant das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim ein Becken, das bis zu 6,6 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen kann. Das Einlassbecken soll sich genau dann öffnen, wenn ein Hochwasser an der Mangfall den Scheitelpunkt erreicht hat.

Auf die Frage des Merkur-online ob dadurch die jüngste Flut hätte gebremst werden können, antwortet Chefplaner Christoph Wiedemann: „Sicher“. Mit Verweis auf die angespannte Haushaltslage soll das Becken erst in sechs Jahren gebaut werden.

Experten kritisieren seit Jahren den Hochwasserschutz in Deutschland. „Auf kommunaler Ebene herrscht beim Hochwasserschutz vielerorts noch egoistische Kleinstaaterei", kritisiert beispielsweise Georg Rast, WWF-Referent für Wasserbau und Hydrologie. Bereits 2007 hatte der WWF in der Studie die Hochwasserprävention an der Elbe scharf kritisiert.

Der Vorsitzende des Naturschutzbundes Deutschland, Olaf Tschimpke, kritisierte die Bundesregierung, es sei „ausreichend Zeit“ gewesen „in den Hochwasserschutz zu investieren. Die Politik hat wenig gelernt“, sagte er gegenüber dem Handelsblatt.

Laut der Verbraucherzentrale Sachsen können Betroffene „unter Umständen“ ein zinsgünstiges Darlehen bekommen. Direkte Hilfe gäbe es aber gar nicht oder kaum, wie das ARD-Magazin Brennpunkt berichtet. Eine Frau berichtete in der Sendung, dass die Versicherungsprämien so hoch seien für ihr Haus, dass sie sich diese nicht leisten könne. 2002 waren die Schäden in Privathaushalten nur zu einem sehr kleinen Teil durch Versicherungen abgedeckt.

Die vom Bund zugesagten 100 Millionen Euro sind angesichts des tatsächlichen Ausmaßes eine Provokation. Und selbst die von den Landesregierungen in Aussicht gestellten Hilfen, stehen unter einem erheblichen Vorbehalt.

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sagte am Dienstag 30 Millionen Euro Soforthilfe zu. Maximal 2000 Euro pro Haushalt sollen ausgegeben werden. Seine Thüringer Amtskollegin Christine Lieberknecht (CDU) verwies darauf hin sofort darauf, dass finanzielle Hilfe "keine Sache auf Zuruf" sei. Es müsse hinterher durchaus geprüft werden, wem etwas zustehe und wie viel.

Auch aus Brüssel ist keine Hilfe zu erwarten. In der EU fehlt nach Darstellung ihres Haushaltskommissars Janusz Lewandowski das Geld zur Hilfe für die Hochwassergebiete in Mitteleuropa. "Wir sind ohne Mittel, auf jeden Fall für den Solidaritätsfonds", erklärte der EU-Kommissar vor der Presse.