Wahlkampf der PSG

Berlin: PSG gewinnt Unterstützung bei Mercedes

Von Clara Weiss
7. Juni 2013

Wahlhelfer der Partei für Soziale Gleichheit sammelten in den vergangenen Tagen Unterstützungsunterschriften beim Mercedes-Benz-Werk in Marienfelde, Berlin.

Das Werk in Marienfelde wurde 1902 gegründet und ist damit laut Unternehmensangaben das älteste Mercedes-Werk in Deutschland. Rund 2.700 Arbeiter sind hier in der Produktion von Motoren beschäftigt.

Wie Opel-GM, Ford, Renault und andere Autokonzerne führt Daimler als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise umfassende Kürzungen durch. Aufsichtsratschef Dieter Zetsche kündigte Ende letzten Jahres an, mindestens eine Milliarde Euro pro Jahr einsparen zu wollen. Im Mercedes-Werk Ludwigsfelde südlich von Berlin baut das Unternehmen bis Ende des Jahres 200 der 2.000 Arbeitsplätze ab. Auch eine Schließung des gesamten Werkes steht zur Debatte.

Um die Löhne zu drücken, setzt Mercedes vor allem auf den breitflächigen Einsatz von Leiharbeit und Werkverträgen. Mitte Mai brachte eine Undercover-Reportage der ARD ans Licht, dass Mercedes illegalerweise zahllose Arbeiter über Werksverträge beschäftigt, die nur rund ein Drittel des Lohnes eines festangestellten Mercedes-Arbeiters bekommen.

Laut dem ARD-Bericht gibt es bei Mercedes eine „Drei-Klassen-Gesellschaft“: die Stammbelegschaft verdiene in der Produktion durchschnittlich 3.400 Euro brutto, Leiharbeiter lediglich 2.600 Euro und Werkvertrags-Mitarbeiter nur 1.200 Euro. Viele Arbeiter müssen deswegen trotz Vollbeschäftigung mit Hartz-IV aufstocken oder einen Zweitjob annehmen.

Der ARD-Reportage zeigte auch das Verhalten der Betriebsräte. Obwohl sie von dieser Praxis wussten, gingen sie täglich durch die Werkshallen, ohne irgendetwas zu sagen, geschweige denn die Arbeiter gegen diese Missstände zu mobilisieren. Der Betriebsratsvorsitzende von Mercedes behauptete sogar frech in die Kamera, er wisse nichts von Hungerlöhnen bei Mercedes, auch wenn er nicht ausschließen könne, dass es so etwas gebe.

Die Gewerkschaften unterstützen den Einsatz von Zeitarbeit nicht nur, sondern sind am Leiharbeitsgeschäft unmittelbar beteiligt. Der DGB hat mit der Weitblick-Personalpartner GmbH jahrelang ein eigenes Zeitarbeitsunternehmen betrieben. Ver.di ist über die DAA-Stiftung Bildung und Beruf beim Unternehmen „DAA-Zeitarbeit“ involviert, das über 80.000 Arbeiter vermittelt. Die Stiftung wird vom ehemaligen stellvertretenden Bundesvorsitzenden von Ver.di, Gerd Herzenberg, geleitet. Die IG Metall setzt in ihrem Logistik-Bereich selbst Leiharbeit ein.

Der Einsatz von Leiharbeit und Werkverträgen ist inzwischen einer der Hauptmechanismen für Lohnsenkung und Sozialabbau. In der Autoindustrie werden auf diese Weise Lohnkürzungen durchgesetzt, die das Lohnniveau in Deutschland an die Hungerlöhne in Osteuropa und den USA angleichen.

Die amerikanische Autogewerkschaft UAW hat internationale Maßstäbe gesetzt, an denen sich die Autounternehmen in Westeuropa nun orientieren. In den USA mussten Autorarbeiter in den letzten Jahren Lohnkürzungen bis zu 50 Prozent hinnehmen. Neu Eingestellte verdienen wegen des „Zweigestuften Lohnsystems“ (two-tier wage system) nur noch die Hälfte des bisher üblichen Lohns. (Siehe: „Die UAW setzt Maßstäbe für Lohnkürzungen in der globalen Automobilindustrie“). In Deutschland werden durch den Einsatz von Leiharbeit und Werkverträge die Löhne in ähnlicher Weise langfristig gekürzt und die Arbeiter gespalten, wie in den USA durch das „Zweigestufte Lohnsystem“.

Auch in Marienfelde setzt Mercedes breitflächig Zeitarbeit ein. Das berichteten Arbeiter den Wahlhelfern der PSG, die vor dem Werkstor den Autorarbeiter-Newsletter verteilten und über das Wahlprogramm der Partei und eine sozialistische Antwort auf die Krise der internationalen Autoindustrie diskutierten.

Daniel

Daniel, 24, arbeitet bei Mercedes-Benz für eine Zeitarbeitsfirma und verdient damit 7,50 Euro die Stunde. „Die Mercedes-Arbeiter kriegen für dieselbe Arbeit 22 bis 28 Euro die Stunde. Ich würde schätzen, dass auf jeden Fall über 50 Prozent hier Zeitarbeit machen. Der Großteil der Belegschaft ist schon älter, die Leute haben Familie. Mit 900 Euro im Monat kommt man da natürlich nicht weit. Auch für die Jüngeren ist das auf die Dauer keine Perspektive. Es werden schon manche aus der Zeitarbeit übernommen, aber dann kriegen sie immer noch weniger als die alte Stammbelegschaft – nur 10 oder 11 Euro die Stunde. Ich fürchte auch, dass bald wieder Arbeitsplätze abgebaut werden. Man munkelt, dass bald einige entlassen werden sollen.“

Benjamin, ein junger Arbeiter, der ebenfalls für eine Zeitarbeitsfirma tätig ist, sagte: „Die Firma implodiert gerade. Alle Kollegen, mit denen ich spreche, sind unglaublich unzufrieden. Der Lohn stimmt nicht. Wir müssen drei Schichten arbeiten, und es lohnt sich einfach nicht.“

Ein türkischstämmiger Arbeiter ergänzte: „Wir fordern gleichen Lohn für gleiche Arbeit. So einfach ist das. Wie soll man von 900 Euro im Monat leben? Für meine Generation geht das vielleicht noch, aber was wird aus unseren Kindern?“

Diskussionen gab es auch über die Rolle der Gewerkschaften bei der Durchsetzung von Lohnkürzungen und Werkschließungen. Ein Arbeiter kommentierte: „Die Betriebsräte haben immer behauptet, die Interessen der Arbeiter zu vertreten, und verstehen sich inzwischen bestens mit den Unternehmern. Bei den Gewerkschaften ist das nicht anders. Die sitzen plötzlich mit im Aufsichtsrat, und im nächsten Jahr gibt’s keinen einzigen Streik mehr.“

Stefan, der mit einem Werksvertrag über eine Drittfirma bei Mercedes beschäftigt ist, verdient 8,50 Euro die Stunde und kann seine Familie nur mithilfe eines Nebenverdienstes ernähren. Auch er hat keine Illusionen über die Gewerkschaften: „Die sind alle geschmiert. Die Politiker machen auch nichts, weil sie überall selbst mit drin sitzen. An der Situation wird sich auf dem normalen Weg meiner Meinung nach nichts ändern. So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen.“

Wahlhelfer der PSG trafen auch viele andere Beschäftigte – Putzfrauen und Arbeiter von Mercedes-Zulieferern –, die ebenfalls bei Leiharbeitsfirmen angestellt sind und für Mercedes arbeiten. Bei allen war die Wut über die niedrigen Löhne und schlechten Arbeitsbedingungen groß. Auch viele Mercedes-Stammarbeiter sprachen sich gegen den Einsatz von Leiharbeit aus.

Alexander

Alexander aus Kirgisien, der als Leiharbeiter für einen Mercedes-Zulieferer in Hannover tätig ist, betonte, dass die Krise in der Autoindustrie nur ein Teil der internationalen Wirtschaftskrise sei. „Ich war eigentlich lange nicht politisch, und will mir erst einmal anschauen, was ihr genau schreibt. In der Sowjetunion war nicht alles schlecht, und die Restauration in den 1990ern war eine Katastrophe. Ich denke, es wäre gut, wenn man Teile aus dem System damals heute hier einführen könnte. Aber ich glaube nicht, dass es ohne eine Revolution wie 1917 größere Veränderungen geben wird.“