Fünfundsiebzig Jahre Vierte Internationale

Von David North
10. September 2013

Vor fünfundsiebzig Jahren, am 3. September 1938, wurde die Vierte Internationale auf einer Konferenz in der Nähe von Paris gegründet. Aufgrund der bedrohlichen Sicherheitslage musste die Konferenz innerhalb eines Tages abgehalten werden. In den zwölf Monaten vor der Konferenz war die trotzkistische Bewegung unaufhörlichen Angriffen ausgesetzt. Obwohl Leo Trotzki in Mexiko lebte, galt er dem stalinistischen Regime in der Sowjetunion als gefährlichster politischer Gegner. Stalin war entschlossen, die internationale Bewegung zu zerstören, die Trotzki aufgebaut hatte, seit er 1927 aus der Kommunistischen Partei der UdSSR ausgeschlossen und 1929 aus der Sowjetunion ausgewiesen worden war.

Im September 1937 wurde Erwin Wolf, ein politischer Sekretär Trotzkis, von Agenten des sowjetischen Geheimdiensts GPU in Spanien ermordet. Im selben Monat wurde Ignaz Reiss im schweizerischen Lausanne umgebracht. Reiss hatte sich von der GPU abgesetzt und seine Unterstützung für die neue Internationale erklärt, deren Gründung Trotzki vorbereitete. Im Februar 1938 ermordete die GPU in Paris Leo Sedow, Trotzkis ältesten Sohn und wichtigsten politischen Vertreter in Europa. Und im Juli 1938, nur sechs Wochen vor der Gründungskonferenz, wurde Rudolf Klement – der Vorsitzende des Internationalen Sekretariats der Bewegung – aus seiner Pariser Wohnung entführt und umgebracht.

Die Konferenz wählte Sedow, Wolf und Klement zu Ehrenpräsidenten, und der französische Trotzkist Pierre Naville informierte die Delegierten, dass „aufgrund des tragischen Todes von Klement kein formeller Bericht vorliegt. Klement war dabei, einen ausführlichen schriftlichen Bericht vorzubereiten, der ausgeteilt werden sollte. Doch ebenso wie seine übrigen Dokumente ist er verschwunden. Der Bericht, der nun gegeben wird, kann nur eine Zusammenfassung sein.“

Die fürchterlichen Umstände, unter denen die Konferenz stattfand, spiegelten die politische Lage wider, in der sich die internationale Arbeiterklasse befand. In Deutschland und Italien herrschten faschistische Regime. Europa taumelte am Rande des Krieges. Nur wenige Wochen später lieferten der britische und der französische Imperialismus die Tschechoslowakei auf Grundlage des berüchtigten Münchner Abkommens und mit stillschweigendem Einverständnis der kapitalistischen Regierung in Prag an Hitler aus. Die spanische Revolution, fehlgeleitet und verraten durch ihre stalinistischen und anarchistischen Führer, stand nach über zwei Jahren Bürgerkrieg kurz vor der Niederlage. In Frankreich hatte die von 1936 bis 1938 amtierende Volksfrontregierung alles in ihren Kräften Stehende getan, um die Arbeiterklasse politisch zu demoralisieren. In der Sowjetunion hatte der 1936 von Stalin entfachte Terror praktisch die gesamte Generation der Altbolschewiki ausgelöscht. Die Verrätereien der Stalinisten und Sozialdemokraten hatten die einzige Möglichkeit sabotiert, den Ausbruch eines zweiten imperialistischen Krieges zu verhindern: die sozialistische Revolution der Arbeiterklasse.

Die Hauptaufgabe der Delegierten auf der Gründungskonferenz bestand in der Annahme eines Dokumentes, das Leo Trotzki entworfen hatte. Es trug den Titel: „Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der Vierten Internationale.“ Sein erster Satz, einer der bedeutendsten und tiefsinnigsten der politischen Literatur, lautet: „Die politische Weltlage als Ganzes ist vor allem durch eine historische Krise der proletarischen Führung gekennzeichnet.“

Trotzki erfasste mit diesen Worten nicht nur die Lage im Jahr 1938, sondern das politische Kernproblem der modernen Geschichte. Die objektiven Voraussetzungen für die Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus – der internationale Entwicklungsstand der Produktivkräfte, das Vorhandensein einer revolutionären Klasse – waren gegeben. Doch die Revolution war nicht einfach das zwangsläufige Ergebnis objektiver wirtschaftlicher Voraussetzungen. Sie setzte voraus, dass die Arbeiterklasse auf der Grundlage eines sozialistischen Programms und bewaffnet mit einem klar ausgearbeiteten strategischen Plan politisch bewusst in den historischen Prozess eingreift. Die revolutionäre Politik der Arbeiterklasse durfte nicht weniger bewusst sein als die konterrevolutionäre Politik der Kapitalistenklasse, deren Sturz sie anstrebte. Hierin lag die historische Bedeutung der revolutionären Partei.

Dass die Rolle der revolutionären Partei entscheidend ist, hatte sich im Oktober 1917 in positiver Weise bestätigt. Damals hatte die russische Arbeiterklasse unter Führung der bolschewistischen Partei Lenins und Trotzkis die Kapitalistenklasse gestürzt und den ersten Arbeiterstaat der Geschichte gegründet. Die Niederlagen der 1920er und 1930er Jahre bestätigten dasselbe auf negative Weise. Durch die falsche Politik und den bewussten Verrat der sozialdemokratischen und kommunistischen (stalinistischen) Massenparteien, denen die Arbeiterklasse vertraute, wurden mehrere revolutionäre Gelegenheiten verpasst.

Der politische Bankrott und die reaktionäre Rolle der sozialdemokratischen Parteien der Zweiten Internationale waren schon seit 1914 offensichtlich. Damals hatten sie ihr internationalistisches Programm verworfen und die Kriegspolitik der jeweiligen nationalen herrschenden Klasse unterstützt. Als Antwort auf den Verrat der Sozialdemokratie wurde im Anschluss an die Oktoberrevolution die Kommunistische (oder Dritte) Internationale gegründet.

Doch das Anwachsen der Staatsbürokratie innerhalb der Sowjetunion und die politische Degeneration der russischen Kommunistischen Partei hatten weit reichende Folgen für die Kommunistische Internationale. Im Jahr 1923 wurde unter Führung Trotzkis die Linke Opposition gegründet, um die Bürokratisierung der russischen Kommunistischen Partei zu bekämpfen. Doch die Bürokratie, die in Stalin einen engagierten Vertreter ihrer Interessen und Privilegien fand, schlug brutal gegen ihre marxistischen Gegner zurück. 1924 verkündeten Stalin und Bucharin das Programm des „Sozialismus in einem Land“. Damit verwarfen sie das Programm des sozialistischen Internationalismus – das Programm der Permanenten Revolution –, auf das Lenin und Trotzki im Oktober 1917 die Machteroberung der Bolschewiki gestützt hatten. Das Programm von Stalin und Bucharin stellte eine antimarxistische theoretische Rechtfertigung für die praktische Unterordnung der Interessen der internationalen Arbeiterklasse unter die nationalen Interessen der Sowjetbürokratie dar.

Diese grundlegende Revision der marxistischen Theorie hatte katastrophale Auswirkungen auf die Praxis der Dritten Internationale und der ihr angeschlossenen Parteien. Im Verlauf der 1920er Jahre wurden die Führer von Kommunistischen Parteien, die sich nicht dem Diktat Moskaus beugten, bürokratisch abgesetzt und durch gefügige, aber unfähige Handlanger ersetzt. Fehlorientiert durch die von Stalin vorgegebene Politik, der die Dritte Internationale immer offenkundiger als Werkzeug der sowjetischen Außenpolitik betrachtete und nicht als Partei der sozialistischen Weltrevolution, schlitterten die Kommunistischen Parteien von einem Fiasko ins nächste. Die Niederlage des britischen Generalstreiks im Jahr 1926 sowie die Niederwerfung der chinesischen Revolution im Folgejahr waren entscheidende Wegmarken der Degeneration der Dritten Internationale.

1928 nach Alma-Ata in Zentralasien verbannt, verfasste Trotzki am Vorabend des sechsten Komintern-Kongresses die Schrift Der Programmentwurf der Kommunistischen Internationale, Kritik der grundlegenden Thesen. Er erläutert darin detailliert die theoretischen und politischen Gründe der Niederlagen, die die kommunistischen Parteien in den vorausgegangenen fünf Jahren erlitten hatten. Im Mittelpunkt von Trotzkis Kritik stand Stalins und Bucharins Theorie vom „Sozialismus in einem Land“. Er schrieb:

“In unserer Epoche, welche die Epoche des Imperialismus, d. h. der Weltwirtschaft und der Weltpolitik unter der Herrschaft des Finanzkapitals ist, vermag keine einzige Kommunistische Partei ihr Programm lediglich oder vorwiegend aus den Bedingungen und Entwicklungstendenzen ihres eigenen Landes abzuleiten. Dasselbe gilt in vollem Umfang auch für die Partei, die innerhalb der UdSSR die Staatsmacht ausübt. Am 4. August 1914 hatte den nationalen Programmen unwiderruflich die letzte Stunde geschlagen. Die revolutionäre Partei des Proletariats kann sich nur auf ein internationales Programm stützen, welches dem Charakter der gegenwärtigen Epoche, der Epoche des Höhepunkts und Zusammenbruchs des Kapitalismus entspricht.

Ein internationales kommunistisches Programm ist auf keinen Fall eine Summe nationaler Programme oder eine Zusammenstellung deren gemeinsamer Züge. Ein internationales Programm muss unmittelbar aus der Analyse der Bedingungen und Tendenzen der Weltwirtschaft und des politischen Weltsystems als Ganzem hervorgehen, mit all ihren Verbindungen und Widersprüchen, d. h. mit der gegenseitigen antagonistischen Abhängigkeit ihrer einzelnen Teile. In der gegenwärtigen Epoche muss und kann die nationale Orientierung des Proletariats in noch viel größerem Maße als in der vergangenen nur aus der internationalen Orientierung hervorgehen und nicht umgekehrt. Darin besteht der grundlegende und ursächliche Unterschied zwischen der Kommunistischen Internationale und allen Abarten des nationalen Sozialismus.“ (Leo Trotzki: Die Dritte Internationale nach Lenin, Essen 1993, S. 24-25)

Es muss hier daran erinnert werden, dass Trotzkis Betonung des Vorrangs einer internationalen Orientierung nicht einfach allgemeinen theoretischen Erwägungen entsprang, sondern sich aus seiner in den Jahren 1923-24 entwickelten Analyse der globalen Auswirkungen des Aufstiegs der Vereinigten Staaten zur bedeutendsten imperialistischen Macht ergab.

Trotzki wurde natürlich nicht zu den Treffen der Kommunistischen Internationale zugelassen. Seine Schriften waren bereits in allen Kommunistischen Parteien verboten. Dennoch gelangte durch eine Panne die englische Übersetzung von Trotzkis Kritik in den Besitz von James P. Cannon, der als Delegierter der Amerikanischen Kommunistischen Partei am Sechsten Kongress teilnahm. Überzeugt von Trotzkis Kritik, schmuggelte Cannon das Dokument mithilfe des kanadischen Delegierten Maurice Spector aus der Sowjetunion. Gestützt auf die Analyse, die Trotzki in der Kritik der grundlegenden Thesen entwickelt hatte, nahm Cannon – unterstützt von Max Shachtman, Martin Abern und weiteren führenden Mitgliedern der Kommunistischen Partei – den Kampf für Trotzkis Ideen außerhalb der Sowjetunion auf. Bald darauf aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, gründeten Cannon und Shachtman die Communist League of America, die eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Internationalen Linken Opposition spielte.

Als sich die Linke Opposition im Jahr 1923 formierte, trat sie dafür ein, die Kommunistische Partei auf der Grundlage des revolutionären Internationalismus zu reformieren und zu einer offenen Parteidiskussion gemäß den Prinzipien des demokratischen Zentralismus zurückzukehren. Mit dem Aufbau der Internationalen Linken Opposition, die schnell Anhänger auf der ganzen Welt gewann, zielte Trotzki ebenfalls auf eine Reform der Kommunistischen Internationale. Solange die Möglichkeit bestand, die katastrophale Politik Stalins durch die wachsende Opposition innerhalb der sowjetischen Kommunistischen Partei und der Dritten Internationalen umzukehren, rief Trotzki nicht zum Aufbau einer neuen Internationale auf.

Die Lage in Deutschland zwischen 1930 und 1933 spielte in Trotzkis Überlegungen eine gewichtige Rolle. Nach dem Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft unter den Auswirkungen des Wall-Street-Krachs von 1929 gewann Hitler Masseneinfluss. Ob Hitler an die Macht gelangen würde, hing von der Politik der beiden Massenorganisationen der deutschen Arbeiterklasse ab: von der Sozialdemokratie (SPD) und der Kommunistischen Partei (KPD). Diese beiden Parteien wurden von Millionen deutschen Arbeitern unterstützt und hatten die Macht, die Nazis zu besiegen.

Trotzki lebte seit 1929 im Exil auf der türkischen Insel Prinkipo. Von dort schrieb er zahlreiche Artikel, die die deutsche Lage analysierten und zum vereinten Handeln der beiden Arbeiterparteien aufriefen, um Hitlers Aufstieg an die Macht zu stoppen. Doch die SPD, die sich dem bürgerlichen Staat unterordnete und jede unabhängige politische Aktion der Arbeiterklasse ablehnte, duldete nicht einmal einen defensiven Kampf gegen die Nazis. Das Schicksal der deutschen Arbeiterklasse sollte stattdessen den kriminellen bürgerlichen Politikern des Weimarer Regimes anvertraut werden, die die Übergabe der Macht an Hitler planten.

Die KPD ihrerseits folgte blindlings der von Moskau diktierten Definition der Sozialdemokratie als „sozialfaschistisch“, sie setzte sie gleich mit den Nazis. Die Stalinisten lehnten Trotzkis Aufruf zu einer Einheitsfront von SPD und KPD gegen Hitler ab. Sie rechtfertigten ihre eigene Passivität mit der Behauptung, einem Sieg der Nazis werde bald eine sozialistische Revolution folgen und die Kommunistische Partei an die Macht bringen. „Nach Hitler kommen wir“, lautete die stalinistische Losung. Diese politische Prognose zählt zu den verhängnisvollsten Fehleinschätzungen der Geschichte.

Das tragische Ende kam am 30. Januar 1933. Hitler, dem der greise Reichspräsident Hindenburg die Kanzlerschaft übertrug, gelangte legal an die Macht, ohne dass ein Schuss fiel. Die SPD und die KPD, die Millionen Mitglieder zählten, unternahmen nichts gegen den Triumph der Nazis. Innerhalb weniger Tage entfesselten die Nazis, die jetzt den Staatsapparat kontrollierten, ihren Terror; und innerhalb weniger Monate waren die SPD, die KPD, die Gewerkschaften und alle weiteren Arbeitermassenorganisationen zerschlagen. Der zwölfjährige Alptraum, der Millionen Menschen einschließlich der großen Mehrheit des europäischen Judentums, das Leben kosten sollte, hatte begonnen.

Trotzki wartete nach Hitlers Machtantritt mehrere Monate, um zu sehen, ob die deutsche Katastrophe Proteste und Opposition in den Reihen der KPD oder der Dritten Internationale hervorrufen würde. Doch das Gegenteil trat ein. Die stalinistischen Organisationen in Deutschland und in der Internationale bestätigten die Korrektheit der von der sowjetischen Bürokratie diktierten politischen Linie.

Die Ereignisse in Deutschland überzeugten Trotzki, dass es keine Möglichkeit mehr zur Reform der Kommunistischen Internationale gab. Im Juli 1933 veröffentlichte er deshalb einen Aufruf zur Gründung der Vierten Internationale. Aus diesem grundlegenden Politikwechsel gegenüber der Dritten Internationale zog Trotzki eine weitere Schlussfolgerung. Wenn keine Möglichkeit mehr bestand, die Dritte Internationale zu reformieren, dann war die Aussicht auf eine Reform der Kommunistischen Partei der Sowjetunion auch nicht mehr gegeben. Um die Politik des stalinistischen Regimes zu verändern, musste es gestürzt werden. Da das Ziel aber darin bestand, die nach der Oktoberrevolution 1917 geschaffenen nationalisierten Eigentumsverhältnisse zu bewahren und nicht zu ersetzen, trat Trotzki für eine politische und nicht für eine soziale Revolution ein.

Die Ereignisse der Jahre 1933 bis 1938 bestätigten, dass Trotzkis neuer Kurs richtig war. In den fünf Jahren, die auf Hitlers Eroberung der Macht folgten, entwickelte sich das stalinistische Regime zur gefährlichsten konterrevolutionären Kraft innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung. Die durch die Politik der Kremlbürokratie verursachten Niederlagen waren nicht das Ergebnis von Fehlern, sondern einer bewussten Politik. Das stalinistische Regime fürchtete, eine erfolgreiche Revolution in einem beliebigen Land könnte die revolutionären Leidenschaften der sowjetischen Arbeiterklasse wieder aufleben lassen.

In seiner systematischen Arbeit für den Aufbau der Vierten Internationalen stieß Trotzki auf zwei hauptsächliche Formen von Opposition.

Die erste kam von Strömungen und Individuen, die sich weigerten, aus den internationalen Erfahrungen des Klassenkampfes und dem Verrat von Stalinismus und Sozialdemokratie grundsätzliche Rückschlüsse zu ziehen. Obwohl sie zuweilen Sympathie und sogar Übereinstimmung mit dem einen oder anderen Aspekt von Trotzkis Analyse bekundeten, lehnten sie es ab, sich selbst und ihre Organisationen auf den Kampf für eine neue revolutionäre Internationale festzulegen. In Wirklichkeit suchten diese Strömungen, die Trotzki als „zentristisch“ bezeichnete, nach einem gefahrlosen Mittelweg zwischen Revolution und Konterrevolution. Ihre prinzipienlosen politischen Manöver waren das Ergebnis rein opportunistischer Überlegungen. Sie wollten unter allen Umständen vermeiden, dass ein internationales Programm und entsprechende Grundsätze ihrer nationalen Taktik in die Quere kommen. Die deutsche Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), die spanische Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit (POUM) und die britische Unabhängige Labour-Partei (ILP) verkörperten diese Form von nationalem Opportunismus in beispielhafter Weise. Die letztgenannte Organisation, angeführt von Fenner Brockway (später Lord Brockway), spielte eine entscheidende Rolle beim Aufbau des sogenannten Londoner Büros.

Das zweite Argument gegen die Gründung der Vierten Internationale lautete, ihre Ausrufung sei verfrüht. Eine Internationale, hieß es, könne nur aus „großen Ereignissen“ entstehen, womit eine siegreiche Revolution gemeint war. Bei der Gründungskonferenz vertrat ein polnischer Delegierter, im Sitzungsprotokoll Karl genannt, diesen Standpunkt. Er argumentierte, eine neue Internationale könne nur in einer Periode des „revolutionären Aufschwungs“ geschaffen werden. Die Bedingungen der „hochgradigen Reaktion und Depression“ seien „höchst ungünstig für die Proklamation der Vierten“. Der Delegierte erklärte, dass „die Kräfte der Vierten angesichts ihrer Aufgaben unverhältnismäßig klein“ seien und dass es deshalb notwendig sei, „auf einen günstigen Augenblick zu warten und nicht voreilig zu handeln“.

Als Trotzki das Gründungsdokument der Vierten Internationalen entwarf, nahm er die Argumente des polnischen Delegierten vorweg:

“Skeptiker fragen: Ist denn die Zeit für die Gründung der Vierten Internationale schon gekommen? Man kann, so sagen sie, eine Internationale nicht ‚künstlich‘ gründen; sie kann nur aus großen Ereignissen entstehen usw. … Alle diese Einwände beweisen nur, dass Skeptiker zur Gründung einer neuen Internationale nichts taugen. Überhaupt taugen sie zu kaum etwas.

Die Vierte Internationale ist bereits aus großen Ereignissen hervorgegangen: den größten Niederlagen des Proletariats in der Geschichte. Verursacht wurden diese Niederlagen durch die Entartung und den Verrat der alten Führung. Der Klassenkampf duldet keine Unterbrechung. Die Dritte Internationale ist nach der Zweiten für die Revolution tot. Es lebe die Vierte Internationale!” (Leo Trotzki, Das Übergangsprogramm, Essen 1997, S. 131)

Im Oktober 1938 nahm Trotzki eine Rede auf Tonband auf, in der er sichtlich gerührt die Gründung der Vierten Internationalen begrüßte:

„Liebe Freunde, wir sind keine Partei wie andere Parteien. Unser Ehrgeiz besteht nicht allein darin, mehr Mitglieder, mehr Papiere, mehr Geld in den Kassen, mehr Abgeordnete zu haben. All dies ist notwendig, doch nur als Mittel. Unser Ziel ist die vollständige materielle und geistige Befreiung der Arbeiter und Ausgebeuteten durch die sozialistische Revolution. Niemand außer uns wird sie vorbereiten und leiten. Die alten Internationalen – die Zweite, die Dritte, die Amsterdamer, wir wollen auch das Londoner Büro zu ihnen zählen – sind völlig verfault.

Die großen Ereignisse, die über die Menschheit hinweggehen, werden von diesen Organisationen nicht einen Stein auf dem anderen belassen. Nur die Vierte Internationale schaut mit Zuversicht in die Zukunft. Sie ist die Weltpartei der sozialistischen Revolution! Niemals gab es auf Erden eine bedeutendere Aufgabe. Auf jedem von uns lastet eine gewaltige historische Verantwortung.”

Aus der Distanz eines dreiviertel Jahrhunderts lässt sich beurteilen, ob die Geschichte Trotzkis Einschätzung bestätigt hat. Was ist von den alten stalinistischen, sozialdemokratischen und zentristischen Organisationen geblieben, deren politischen Schiffbruch Trotzki vorhergesagt hatte? Die Zweite Internationale besteht nur noch als Zentrum für Operationen und Verschwörungen, die sich gegen die Arbeiterklasse richten und von der CIA und anderen Geheimdiensten gelenkt werden. Die Dritte Internationale wurde 1943 offiziell von Stalin aufgelöst. Die stalinistischen Parteien auf der ganzen Welt haben die Kremlbürokratie noch mehrere Jahrzehnte danach umkreist, bis sie die Auflösung der UdSSR im Jahr 1991 auf den Müllhaufen der Geschichte spülte.

Nein, wir wollen nicht übertreiben. Die Russische Kommunistische Partei, wiewohl größenmäßig stark geschrumpft, besteht weiterhin. Sie hält in Moskau Seite an Seite mit russischen Nationalisten und Faschisten Demonstrationen ab, auf denen sie Plakate mit Stalins Konterfei neben Hakenkreuzfahnen schwenkt. Und es stimmt auch, dass in China weiterhin die “Kommunistische Partei” an der Macht ist. Dort waltet sie über die zweitgrößte kapitalistische Wirtschaft der Welt, deren Polizeistaatsregime dafür garantiert, dass die aus der Arbeiterklasse herausgepressten Superprofite den transnationalen Konzernen in den Vereinigten Staaten und Europa zufließen.

Die Vierte Internationale, die einzige revolutionäre Organisation, hat die Stromschnellen und Untiefen dieser ausgedehnten Geschichtsepoche erfolgreich gemeistert. Natürlich durchlief sie heftige politische Auseinandersetzungen und Spaltungen. Die internen Konflikte widerspiegelten Schwankungen im Klassenkampf, ausgelöst durch internationale soziale und ökonomische Veränderungen und die entsprechende Neuausrichtung gesellschaftlicher Kräfte sowohl in der Arbeiterklasse wie in den Mittelschichten.

Die vielen politischen Zyniker aus dem Sumpf ex- und pseudolinker Akademiker weisen gerne auf die Spaltungen in der Vierten Internationale hin. Solche Leute, die schweigend über die Verbrechen der kapitalistischen Parteien hinweggehen, denen sie Jahr für Jahr ihre Stimme geben, begreifen nichts von der Klassendynamik der Politik. Sie können auch auf persönlicher Ebene nicht verstehen, weshalb jemand entschieden und kompromisslos um politische Grundsatzfragen kämpft.

Im November 1953, fünfzehn Jahre nach Gründung der Vierten Internationale, führte das Auftreten einer pro-stalinistischen Tendenz zu einer Spaltung, die grundlegende Fragen der Klassenorientierung, der historischen Perspektive und der politischen Strategie aufwarf. Die Stabilisierung des Kapitalismus in der Nachkriegszeit, der nach wie vor große Einfluss der stalinistischen Bürokratie und das zunehmende politische Selbstbewusstsein einer wachsenden Mittelklasse übten einen Druck aus, der sich in einer neuen Form von Opportunismus äußerte. Der Pablismus, wie dieser Opportunismus nach seinem bekanntesten Vertreter Michel Pablo bezeichnet wurde, wies Trotzkis Charakterisierung der sowjetischen Bürokratie und des Stalinismus als konterrevolutionär zurück. Er stellte sich die Verwirklichung des Sozialismus als Prozess vor, der sich über Jahrhunderte hinziehen und in dessen Verlauf die Bürokratie und die stalinistischen Parteien Revolutionen anführen würden. Er meinte sogar, ein nuklearer Weltkrieg werde die Voraussetzungen für den Sieg des Sozialismus schaffen. Die pablistische Theorie schrieb auch zahlreichen bürgerlich-nationalen und kleinbürgerlich-radikalen Bewegungen, insbesondere in den Kolonial- und “Dritte-Welt”-Ländern, ein revolutionäres Potenzial zu, was Trotzki bestritten hatte.

Kernpunkt der pablistischen Revision der marxistischen Theorie und der trotzkistischen Perspektive war die Zurückweisung der zentralen Rolle der Arbeiterklasse in der sozialistischen Revolution. Das Internationale Komitee der Vierten Internationale wurde 1953 auf Initiative von James P. Cannon gegründet, um den pablistischen Opportunismus zu bekämpfen, dessen politische Logik und Praxis zur Liquidierung der Vierten Internationalen als revolutionärer Partei der Arbeiterklasse führen musste, wenn ihm niemand entgegentrat.

Der politische Kampf gegen den Einfluss des Pablismus tobte innerhalb der Vierten Internationale über dreißig Jahre. Zu einem siegreichen Ende kam er erst 1985, als die orthodoxen Trotzkisten des Internationalen Komitees wieder die politische Führung der Vierten Internationale erlangten. Die sich verschärfende globale Krise des Kapitalismus, die tiefe Krise der stalinistischen Bürokratie sowie der offensichtliche Bankrott aller Arbeiterorganisationen, die sich auf ein nationales, reformistisches Programm stützten, trugen als objektive Faktoren zu diesem Sieg bei.

Diese objektiven Bedingungen allein wären indessen nicht ausreichend gewesen. Die orthodoxen Trotzkisten des Internationalen Komitees konnten die Revisionisten und Opportunisten besiegen, weil sie ihre Arbeit bewusst auf das umfangreiche politische und theoretische Erbe Trotzkis und der Vierten Internationalen stützten. Dieses über Jahrzehnte erarbeitete und entwickelte Erbe war eine unermessliche Quelle politischer Stärke. Letztendlich zeigte sich, dass sich die Weltkrise des Kapitalismus und der Klassenkampf so entwickelten, wie es die von Trotzki und der Vierten Internationalen entwickelte Perspektive vorausgesehen hatte.

Fünfundsiebzig Jahre – ein dreiviertel Jahrhundert – stellen einen beträchtlichen Zeitraum dar. Unverkennbar hat sich vieles seit dem Zeitpunkt des Gründungskongresses der Vierten Internationale gewandelt. Doch die Grundstrukturen und die Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft dauern fort. Trotz aller technischer Innovationen scheint die Lage, mit welcher der moderne Kapitalismus heute konfrontiert ist, nicht weniger verzweifelt, als dies im Jahr 1938 der Fall war. Tatsächlich ist sie schlimmer. Als Trotzki das Gründungsdokument der Vierten Internationalen verfasste, wurde die Weltbourgeoisie von einer unlösbaren Wirtschaftskrise bedrängt, sie warf die Demokratie über Bord und eilte auf einen Krieg zu. Heute, am fünfundsiebzigsten Jahrestag der Gründung der Vierten Internationale, wird der globale Kapitalismus – von einer unlösbaren Wirtschaftskrise bedrängt, wirft die Demokratie über Bord und eilt auf einen Krieg zu!

Trotzkis Worte, die er vor fünfundsiebzig Jahren niederschrieb, bewahren eine außerordentliche Aktualität:

“Alles Gerede, dass die geschichtlichen Bedingungen noch ‚nicht reif‘ seien für den Sozialismus, ist ein Erzeugnis von Unwissenheit oder bewusstem Betrug. Die objektiven Voraussetzungen für die proletarische Revolution sind nicht nur ‚reif‘, sondern beginnen bereits zu verfaulen. Ohne eine sozialistische Revolution, und zwar in der nächsten geschichtlichen Periode, droht der gesamten menschlichen Kultur eine Katastrophe. Alles hängt nunmehr vom Proletariat ab, das heißt vor allem von seiner revolutionären Vorhut. Die geschichtliche Krise der Menschheit läuft auf die Krise der revolutionären Führung hinaus.“ (Leo Trotzki: Das Übergangsprogramm, Essen 1997, S. 84)

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