Fünf Jahre seit der Pleite von Lehman Brothers

Von Nick Beams
17. September 2013

Die Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers vor fünf Jahren, am 15. September 2008, war mehr als der Beginn einer weltweiten Finanzkrise. Sie setzte eine Reihe von Prozessen in Gang, die die grundlegenden wirtschaftlichen und politischen Beziehungen im Weltkapitalismus ans Tageslicht brachten.

Das historische Ausmaß der Finanzkrise zeigt sich vor allem daran, dass die Maßnahmen, die die Regierungen und Finanzaufsichtsbehörden als Reaktion darauf getroffen haben, die Gefahr eines neuen Zusammenbruchs nicht aus der Welt geschafft, sondern die Bedingungen für eine neue Katastrophe geschaffen haben. Die Maßnahmen liefen auf die Verteilung von extrem billigem Geld an die Finanzspekulanten hinaus.

Durch die Ereignisse von 2008 wurden alleine in den USA etwa 8,8 Millionen Arbeitsplätze zerstört und es entstand ein Verlust an Haushaltsvermögen in Höhe von 19,6 Billionen Dollar. Die Heftigkeit der Krise lässt sich am Ausmaß der Hilfsgelder messen, die die amerikanische Zentralbank Federal Reserve dem Bankensystem zugeführt hat. Es wurden etwa 17,7 Billionen Dollar bereitgestellt, die acht größten Gläubiger, darunter Citigroup, Morgan Stanley und Merrill Lynch, erhielten davon 11,5 Billionen. Es war keine Liquiditätskrise, sondern eine Krise der Zahlungsfähigkeit.

Nachdem die Fed die großen Banken und Finanzhäuser gerettet hatte, legte sie ihr Programm der „quantitativen Lockerung“auf, in dessen Rahmen sie Geld druckt und momentan 85 Milliarden Dollar im Monat in die Finanzmärkte pumpt, um die gleichen Spekulationen zu fördern, die im Jahr 2008 zur Krise führten. Laut dem Wall Street Journal ist die Gesamtverschuldung auf fast sechs Billionen Dollar gestiegen, 57 Prozent mehr als 2007. Der Prozentsatz von Schrottpapieren, die vor der Krise siebzehn Prozent der in den USA verkauften Unternehmensanleihen ausmachten, liegt heute bei 25 Prozent.

Die Aktienkurse haben neue Rekordhöhen erreicht, während die amerikanische Wirtschaft um kaum mehr als zwei Prozent wächst, deutlich weniger als notwendig wäre, um das Wachstum der arbeitsfähigen Bevölkerung auszugleichen, sodass die Massenarbeitslosigkeit weiter bestehen bleibt.

In Großbritannien und der Eurozone hat das Bruttoinlandsprodukt den Stand des Jahres 2007 noch nicht wieder erreicht.

Die verbreitete Vorstellung, die „aufstrebenden Märkte“ könnten sich von den großen Wirtschaften abkoppeln und eine neue Grundlage für ein internationales Wirtschaftswachstum schaffen, wurde widerlegt. Tatsächlich könnten diese Märkte den Anlass für eine neue Finanzkrise liefern. Das billige Geld, das dorthin geflossen ist und eine Reihe von Spekulationsblasen hervorgerufen hat, wird zurückgezogen, wenn die Fed beginnt, ihr Geldverteilungsprogramm zurückzufahren.

Zu Beginn der Krise gab es oft die Vorstellung, sie würde notwendigerweise zu einer Reform des Bankensystems und zum Zusammenbruch der Finanzriesen führen, die es dominieren. Das Gegenteil ist eingetreten: fünf Jahre später ist das amerikanische Banken- und Finanzsystem konzentrierter als vor der Krise. Das gleiche gilt auch für Europa, Großbritannien, Australien und andere Wirtschaftsmächte.

Trotz des kriminellen Charakters der Finanzpraktiken, die zu der Krise beitrugen, wurde kein einziger führender Vorstand angeklagt, geschweige denn zu einer Haftstrafe verurteilt. Nach US-Justizminister Eric Holder weigert sich die Obama-Regierung, die großen Banken und ihre Chefs anzuklagen, weil sie fürchtet, eine Krise mit Folgen für die ganze Welt auszulösen.

Der „Aufschwung“ in den USA beruht auf der Umverteilung des Reichtums von unten nach oben. Im so genannten „Aufschwung“ von 2009 bis 2012 stiegen die Gesamteinkommen in den USA um sechs Prozent, 95 Prozent davon ging an das oberste Prozent. Die Realeinkommen für die Mehrheit der Bevölkerung sind gesunken.

Der Anteil der Löhne der Arbeiter am Nationaleinkommen ist von 62 Prozent vor Ausbruch der Finanzkrise auf aktuell 59 Prozent gesunken. Das Bruttoinlandsprodukt der USA liegt bei zirka fünfzehn Billionen Dollar, demzufolge wurden der Arbeiterklasse etwa 450 Milliarden Dollar genommen, um der Finanzaristokratie zu ermöglichen, sich weiter zu bereichern.

Seit Jahrzehnten haben Reformisten sich über Karl Marx‘ Analyse der Logik der kapitalistischen Ökonomie als Anhäufung von Reichtum am einen Pol und Armut und Elend am anderen lustig gemacht. Sie behaupteten, diese Charakterisierung habe vielleicht auf das 19. Jahrhundert oder vielleicht noch die 1930er Jahre zugetroffen.

Aber nach der Krise von 2008 forderten die Finanz- und Wirtschaftseliten in allen großen kapitalistischen Ländern, die sozialen Errungenschaften de Arbeiterklasse des letzten Jahrhunderts zurückzufahren oder zu zerstören. Inzwischen findet eine soziale Konterrevolution statt.

Kriminalität, Parasitismus und Plünderung im Finanzsektor fanden ihr Äquivalent in der Außenpolitik der USA und anderer imperialistischer Mächte. Der Krieg wird heute offen als Mittel zur Sicherung strategisch wichtiger politischer und wirtschaftlicher Ziele eingesetzt – genau das war jedoch die Rechtsgrundlage für die Vorwürfe gegen die Nazis bei den Nürnberger Prozessen.

Krieg und soziale Konterrevolution können nicht friedlich oder durch demokratische Reformen durchgesetzt werden. Das ist die treibende Kraft beim Aufbau von Polizeistaatsapparaten in allen großen kapitalistischen Staaten, der auf riesigen Überwachungsprogrammen beruht. Die herrschenden Klassen werden von der Furcht angetrieben, dass eine weitere Krise im internationalen Finanzsystem zu sozialen Unruhen von revolutionärem Ausmaß führen wird.

In den letzten fünf Jahren kam es zu Massenkämpfen, die ihren Höhepunkt in der ägyptischen Revolution erreichten. Aber diese Kämpfe haben die Krise der Führung und der Perspektive der Arbeiterklasse enthüllt.

Die herrschenden Klassen haben kein Vertrauen in die „Erholung“ der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, in der sie herrschen. Deshalb verschärfen sie ihre Angriffe auf die sozialen Bedingungen der Arbeiterklasse und bereiten autoritäre Herrschaftsformen vor.

Die Arbeiterklasse muss sich genauso bewusst vorbereiten, indem sie die Lehren aus den vergangenen fünf Jahren zieht. Das kapitalistische System ist gescheitert. Es bietet der Arbeiterklasse und der Menschheit insgesamt keine andere Zukunft als eine Rückkehr zu Krieg, Diktatur und Massenarbeitslosigkeit. Der Aufbau einer neuen revolutionären Führung, die für das Programm des internationalen Sozialismus kämpft, ist momentan die dringendste Aufgabe.