Rüsselsheim: PSG-Wahlkampfteam diskutiert über Rolle der Gewerkschaft

Von Marianne Arens
17. September 2013

Dienstag, den 10. September 2013: Ein Wahlkampfteam der Partei für Soziale Gleichheit (PSG) verteilt vor den Toren des Opel-Werks in Rüsselsheim das neue Autoarbeiter-Info der World Socialist Web Site. Im Mittelpunkt der Diskussionen steht die Rolle der Gewerkschaften und der Betriebsräte.

PSG-Team am Opel-Portal

Auf großes Interesse stößt ein Flyer über die Situation der Arbeiter von General Motors Holden in Australien. Dort spielt die Gewerkschaft die gleiche üble Rolle wie in Deutschland, wo sie die Schließung des Bochumer Werks unterstützt und jeden Kampf dagegen sabotiert hat.

In Australien werden 1.700 Arbeiter der Holden-Werke in Adelaide und Melbourne vor die Alternative gestellt, entweder freiwillig auf hart erkämpfte Rechte und Errungenschaften zu verzichten, oder mit der Schließung der Werke bestraft zu werden. Das erinnert manchen an die bevorstehende Stilllegung des Opel-Werks in Bochum, wo die Werksschließung vorgezogen wird, nachdem die Arbeiter weitere Zugeständnisse abgelehnt haben.

Viele Beschäftigte des Opel-Werks in Rüsselsheim nehmen die Handzettel interessiert mit und fangen sofort an zu lesen. „Das ist ja wie bei uns“, sagt ein jüngerer Angestellter am Haupttor. „Der Betriebsratsvorsitzende tritt gemeinsam mit dem Management auf, als wären sie ein Herz und eine Seele. Ich bin selbst nicht in der IG Metall, denn ich denke, dass sie meine Interessen nicht vertritt.“

Ein Produktionsarbeiter sagt: „Ich kann gut verstehen, wie es diesen Arbeitern jetzt geht. Auch bei uns wird es immer schlimmer.“ Er und andere Kollegen berichten, dass am Band immer mehr Fremdfirmen beschäftig werden, die für weniger Geld die gleiche Arbeit machen.

Eine junge Frau erzählt, sie sei als Beschäftigte einer Fremdfirma, die für die Kantine arbeitet, zum Jahresende gekündigt worden: „Unserem ganzen Betrieb hat man den Vertrag Ende des Jahres gekündigt“.

Roland

Roland, ein frischgebackener Rentner, wendet ein, das sei doch heute überall so: „Fremdfirmen sind auf dem Vormarsch. Ich kenne es vom Flughafen, dort wird es immer schlimmer.“ Die Belegschaften der einzelnen Arbeitsbereiche würden immer kleiner und müssten mehr Arbeit in der gleichen Zeit leisten. „Das ist kein Arbeiten mehr. Ich habe jetzt 36 Jahre auf dem Buckel. Seit dem ersten September bin ich Rentner, und ich bin heilfroh, dass ich zuhause bleiben kann.“

Die Neuen von den Fremdfirmen müssten „dasselbe schaffen, aber für die Hälfte des Geldes. Das ist doch bei Opel auch nicht anders.“ Er selbst habe früher fünf Jahre bei Opel gearbeitet.

Andere Arbeiter, die den Flyer beim Schichtwechsel an Tor 60 mitnehmen, reagieren interessiert auf den Vorschlag der PSG, den Kampf um die Arbeitsplätze unabhängig von der IG Metall aufzunehmen.

Am Schichtwechsel

Die Arbeiter beobachten den Schulterschluss der Gewerkschaftsführer mit den Unternehmern sehr genau. Erst am 11. September hat der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Opel, Dr. Wolfgang Schäfer-Klug, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) das Opel-Management wieder in den höchsten Tönen gelobt.

„Als Betriebsräte haben wir gemeinsam mit IG-Metall-Chef Berthold Huber in den Verhandlungen mit GM immer die Auffassung vertreten, dass Opel nur letztlich wieder erfolgreich werden kann, wenn Opel ein hochqualifiziertes Topmanagement bekommt“, sagte Schäfer-Klug der F.A.Z.. „Dieses Management haben wir jetzt.“ Die Qualität des Managements habe sich „dramatisch geändert, und zwar zum Positiven“. Die „Kompetenz und Arbeitsleistung“ des neuen Opel-Vorstandschefs Karl-Thomas Neumann, der bisher das China-Geschäft von Volkswagen leitete, sei „unbestritten“.

Besonderes Lob hatte Schäfer-Klug für Steve Girsky übrig, der als Chef des Europageschäfts von General Motors persönlich für die massiven Einsparungen bei Opel und die Stilllegung des Bochumer Werks verantwortlich war. Gisky habe „den Wandel bei Opel überhaupt erst ermöglicht“. Es sei „ein bisschen die Ironie der Opel-Geschichte, dass es ausgerechnet ein Amerikaner von General Motors war, der in der Lage war, einen ehrlichen und offenen Dialog mit der IG Metall und dem Betriebsrat aufzubauen und Entscheidungen im Management zu treffen, die faktisch Opel ein zweites Mal gerettet haben.“

Das Schicksal der Bochumer Kollegen erwähnte Schäfer-Klug mit keinem Wort. Stattdessen lobte er die Verlagerung des Modells Zafira, das derzeit noch in Bochum produziert wird, ins Stammwerk als Garantie für den Standort Rüsselsheim. „Das Stammwerk hat zwei Vorteile. Wir sind das modernste Werk in Europa. Sie werden kein europäisches Werk finden, das so flexibel produziert wie Rüsselsheim.“

IG Metall und Betriebsräte spielen in enger Zusammenarbeit mit dem Management die Belegschaften der einzelnen Standorte gegeneinander aus, um die Produktion so billig und flexibel wie möglich zu gestalten. Sprechen sie gelegentlich trotzdem von „internationaler Solidarität“, dann nur, um ihre wirkliche Politik zu verschleiern.

Als im Herbst 2009 das Opel-Werk in Antwerpen geschlossen werden sollte, brüstete sich der Bezirksleiter der IG Metall Frankfurt Armin Schild, die IG Metall habe es „nicht nötig, über internationale Solidarität belehrt zu werden“. Wenige Wochen später war das Werk geschlossen.