Griechenland: Selbstmorde nehmen dramatisch zu

Von Katerina Selin
18. September 2013

Aktuelle Zahlen des griechischen Statistikamts ELSTAT belegen einen dramatischen Anstieg der Selbstmordrate in Griechenland seit Beginn der Wirtschaftskrise 2008. Sie werfen ein Schlaglicht auf den sozialen Niedergang, der in den letzten Jahren unter dem Diktat der Europäischen Union stattfand. Hunderttausende insbesondere junge Menschen wurden jeder Zukunftsperspektive beraubt.

Zwischen 2007 und 2011 stieg die Suizidrate um 43 Prozent. Mit 477 Selbstmorden markiert das Jahr 2011 den höchsten Stand seit fünfzig Jahren. Dabei gibt es eine hohe Dunkelziffer, und die tatsächlichen Selbstmordzahlen übersteigen die offiziellen Angaben. In Griechenland gehörte der Freitod bisher zu den seltenen Todesursachen. Doch je mehr sich die soziale Krise zuspitzt, desto rascher wächst die Verzweiflung unter jenen, die von den Auswirkungen am härtesten betroffen sind.

Innerhalb von drei Jahren kletterte die Selbstmordrate von 2,8 auf 5,0 je 100.000 Einwohner. Der Großteil der Selbstmorde wird weiterhin von Männern begangen, doch innerhalb eines Jahres verdoppelte sich auch die Anzahl von Frauen, die sich das Leben nahmen.

Laut der Hilfsorganisation Klimaka ist vor allem das Ballungszentrum Attika (Athen und Umland) betroffen, wo mit 172 Fällen nicht nur die meisten Menschen starben, sondern auch die Suizidrate mit einem Plus von 58 Prozent innerhalb eines Jahres am rasantesten in die Höhe schnellte.

Klimaka betreibt seit mehreren Jahren eine Suizid-Hotline, die in der ersten Jahreshälfte 2013 1.800 Menschen anriefen. Ein Drittel der Anrufer war arbeitslos, gefolgt von Angestellten im Privatsektor (13%) und Rentnern (10,6%). Sie gehörten hauptsächlich den Altersgruppen von 21 bis 25 Jahren und von 51 bis 55 Jahren an.

„Leider haben wir konkrete Beweise, dass die Finanzkrise in Griechenland der psychischen Gesundheit der Menschen schwere Schläge versetzt hat“, erklärt der Psychologe und Leiter der Suizid-Hotline Aris Violatzis in einer Video-Reportage der BBC.

Zu diesem Schluss kommt auch ein Forschungsprojekt unter der Leitung von Marina Ikonomou, Mitarbeiterin des University Mental Health Research Institute Athens und Dozentin für Psychatrie an der Universität Athen. Es untersuchte 2012 den Einfluss der Krise auf die Entwicklung psychischer Probleme in Griechenland und resümiert, dass die Wirtschaftskrise „weit verbreitete Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung“ hat.

Ein Vergleich der Jahre 2008 und 2011 zeigte, dass die Verbreitung schwerer, einen Monat andauernder Depressionen von 3,3 Prozent auf 8,2 Prozent stieg. Besonders junge Menschen, Ehepaare und Menschen in finanzieller Not und/oder in medizinischer Behandlung litten unter psychischen Problemen. In einem Artikel auf Eleftherotypia nannte Ikonomou sogar einen Anstieg der Depressionen auf 12,3 Prozent im Jahr 2013.

Indes häufen sich Selbstmorde, die eindeutig soziale Hintergründe haben. Anfang letzter Woche nahmen sich zwei Menschen auf Kreta unabhängig voneinander das Leben. Ein 61-jähriger Mann erschoss sich in der Gegend von Chania. In einer hinterlassenen Notiz erklärte er seiner Familie, dass er seine wirtschaftlichen Probleme nicht mehr ertragen konnte. Wenige Stunden zuvor hatte sich ein 27 Jahre alter litauischer Einwanderer in Ammoudara bei Iraklio erhängt.

Nur drei Tage früher konnte einem Mann in Pyrgos auf der Peleponnes in der letzten Minute das Leben gerettet werden. Er hatte versucht, sich mit den Tabletten seines kranken Bruders zu vergiften. „Ich habe nur 8 Euro in der Tasche. Davon hole ich mir Pillen und bringe mich um“, soll der 43-Jährige schon früher zu seiner Familie gesagt haben. Ende letzten Jahres war er entlassen worden und konnte sich bald nicht mehr die Miete seiner Wohnung leisten.

In der kommenden Woche droht ihm die Räumung. Nach seiner Genesung erwartet den Mann, der sein Leben beenden wollte, keine bessere Zukunft. Im Gegenteil: Als nunmehr Arbeits- und Obdachlose wird er auch die finanziellen Kosten seiner derzeitigen Behandlung schultern müssen, da er bereits seit Monaten keine Krankenversicherung hat.

Die soziale Katastrophe, die diesen Mann an den Rand des Abgrunds trieb, ist kein Einzelfall. Wie er leben inzwischen Tausende Griechen ohne Krankenversicherung. In diesem Jahr werden es voraussichtlich 300.000 Menschen sein, dreimal mehr als im Vorjahr. Mittlerweile arbeiten auch über 38 Prozent der Bevölkerung ohne Versicherung. Die Arbeitslosigkeit erreichte im Juni mit 27,9 Prozent einen erneuten Rekord.

Wegen fehlender Krankenversicherung nehmen sich in wachsendem Maße auch alte Menschen das Leben. Sie wollen ihren Familien mit hohen Behandlungskosten oder teuren Medikamenten nicht zur Last fallen.

Zudem besteht europaweit ein enger Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und steigender Selbstmordrate. 2011 wies eine Studie im Medizinjournal The Lancet nach, dass die Explosion der Arbeitslosigkeit in den EU-Mitgliedstaaten 2008 mit einer steigenden Tendenz zu Selbstmorden einherging. Wo die Rezession am stärksten war, wie in Griechenland und Irland, beobachtete die Studie am stärksten wachsende Selbstmordzahlen.

Diese Zahlen sind der schärfste Ausdruck der barbarischen sozialen Angriffe, die in Südeuropa gegen die Arbeiter geführt wurden. Fünf Jahre nach Ausbruch der Wirtschaftskrise hat der Kapitalismus Jugendlichen und Arbeitern nichts zu bieten als eine Zukunft von Arbeitslosigkeit, Armut und Krieg. In Griechenland ist die soziale Krise am weitesten entwickelt.

Doch der Anstieg der Suizidrate erklärt sich nicht einfach nur aus der sozialen Zerstörung. Der Großteil der griechischen Arbeiter reagierte auf die Kürzungen und Entlassungen nicht mit Depression und Suizid, sondern mit Massendemonstrationen und Streiks.

Aber die Gewerkschaften und pseudolinke Gruppen wie die Koalition der Radikalen Linken (SYRIZA) oder die Kommunistische Partei (KKE) haben die Kämpfe der Arbeiter systematisch ausverkauft. Erst die Unterdrückung jeder unabhängigen, revolutionären Regung der Arbeiterklasse schafft die Verzweiflung, die die Grundlage von Selbstmord und Selbstaufgabe bildet.