Steuert das globale Finanzsystem auf ein neues 2008 zu?

Von Nick Beams
6. November 2013

Die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) hat vergangene Woche beschlossen, die Banken und Finanzhäuser weiter jeden Monat mit 85 Milliarden Dollar zu füttern. Der Ankauf von Staatsanleihen und hypothekengestützten Papieren soll wahrscheinlich auch noch im nächsten Jahr eine ganze Weile fortgesetzt werden. Das vergrößert die Sorge, dass das globale Finanzsystem sich auf einen erneuten Finanzzusammenbruch zu bewegt, der vielleicht noch schlimmer wäre als der von 2008.

Vor einigen Monaten deutete die Fed die Möglichkeit an, ihr Ankaufsprogramm von einer Billion Dollar im Jahr möglicherweise längerfristig einzuschränken. Davon ist sie auf Druck der Banken und Finanzkonzerne wieder abgerückt. Die Aktienkurse und Anleihemärkte reagierten auf den in Aussicht gestellten Rückzug aus der Politik des billigen Geldes äußerst nervös. Nachdem die Fed im September bekannt gegeben hatte, dass sie den Ankauf von Wertpapieren nicht reduzieren werde, haben sich die Anleihemärkte wieder stabilisiert, und die Börsenindices sind wieder auf Rekordwerte gestiegen.

Die offizielle Begründung für die lockere Geldpolitik der Fed ist die Notwendigkeit, die amerikanische Wirtschaft anzuschieben. Aber der ständige Ankauf von Wertpapieren schafft weder Arbeitsplätze, noch kurbelt er die Investitionen an.

Die Beschäftigung außerhalb des Agrarsektors ist immer noch um 1,7 Millionen geringer als Ende 2007, und wenn man den Anstieg der Zahl der Arbeitskräfte mit berücksichtigt, dann gibt es ca. 8,5 Millionen Arbeitsplätze weniger, als wenn es eine wirkliche wirtschaftliche Belebung gegeben hätte. Das Finanzkapital, das jeden Aspekt der Geld- und Fiskalpolitik und auch die Tätigkeit der Fed kontrolliert, ist der einzige Nutznießer dieser Politik. Die Profite der Wirtschaft machen heute einen so großen Teil Anteil am amerikanischen Bruttoinlandsprodukt aus wie noch nie zuvor in der Geschichte.

Die andauernde Bereitstellung ultrabilligen Geldes für das Finanzsystem durch die Fed hat sogar Stimmen aus den Finanzhäusern zu der Warnung veranlasst, dies könnte die Bedingungen für einen erneuten Krach herbeiführen.

William White, ehemaliger Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, der als einer der Wenigen vor der gefährlichen Lage warnte, die zum Zusammenbruch von Lehman Brothers im September 2008 führte, sagte kürzlich, die heutige Situation sei „wie 2007, nur viel schlimmer”.

„Alle früheren Ungleichgewichte sind noch da”, sagte er. „Die öffentliche und private Gesamtverschuldung in den entwickelten Ländern ist, gemessen am BIP, um dreißig Prozent höher als damals, und wir haben uns mit Blasen in den aufstrebenden Märkten ein ganz neues Problem eingehandelt, das in einen Boom-Bust-Zyklus mündet.“

Warnend wies er darauf hin, dass die Welt nach billigem Geld süchtig geworden sei. Mit jedem Zyklus und jeder Krise fielen die Zinssätze. Sollte das System wieder krachen, gebe es keine Pfeile mehr im Köcher, um dagegen vorzugehen.

Eine Folge der Politik des billigen Geldes waren Geldströme nach Asien und in andere so genannte aufstrebende Märkte.

Diese Volkswirtschaften verlangen jetzt einen jährlichen Zufluss von Kapital in Höhe von 1,5 Billionen Dollar, nur um ihre Finanzierungsbedürfnisse erfüllen zu können. Bis zu fünfzig Prozent der Rupien-Anleihen der indonesischen Regierung befinden sich inzwischen in ausländischer Hand. Die Zahl für die Philippinen und Malaysia beträgt vierzig Prozent.

Wenn die Fed ihre Ankäufe zurückzuschrauben beginnt und damit die Zinsen in den USA hochtreibt, könnte dieses Geld in die Vereinigten Staaten zurückfließen und einen Finanzkollaps auf die Tagesordnung setzen. Im Sommer gab es schon einen Testlauf, als die Währungen asiatischer und anderer aufstrebender Länder zu taumeln begannen. Damals kamen Gerüchte auf, die USA wollten die Politik der quantitativen Lockerung zurückfahren

Es wird befürchtet, dass ein solcher Schritt zu einer Wiederholung der Asienkrise von 1997-98 führen könnte, die in Südkorea, Indonesien, Thailand, Malaysia und anderen Ländern dramatische Auswirkungen hatte.

Die globalen Auswirkungen könnten jetzt viel schwerwiegender sein als damals. Nach den Rezessionstendenzen in den großen kapitalistischen Ländern seit der Krise von 2008 tragen die aufstrebenden Märkte nämlich bis zu siebzig Prozent zum Wachstum der Weltwirtschaft bei.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich weist auf den „deflationären Schock” hin, der einer Krise in Asien folgen würde, und warnt vor dem Risiko eines Rückschlags für die großen Wirtschaften.

In einem neueren Bericht mehrerer Ökonomen bei JPMorgan Chase heißt es: „Die gegenwärtige Periode exzessiver Liquiditätsversorgung, die im Mai 2012 begann, ist ihrem Umfang nach die extremste der Geschichte.“

Die jüngste Flut ging weit über die drei vorherigen Perioden von 1993-94, 2001-2006 und die Periode von Oktober 2008 bis September 2010 hinaus. Im Moment halte die Liquidität die Märkte am Laufen, aber nächstes Jahr, wenn die Liquidität zurückflute, gerieten sie in Gefahr.

Am Montag erklärte der Londoner Kreditstratege bei der Citigroup, Matt King in Sydney, mehrere Zentralbanker leugneten die Entstehung von Wertpapierblasen. Es komme einem so vor, als seien die Zentralbanker entschlossen, eine neue Immobilienblase zu schaffen, weil sie nicht wüssten, wie sie das Wirtschaftswachstum fördern könnten.

In Europa macht man sich außerdem Sorgen, dass deflationärer Druck die Schuldenposition mehrerer Länder verschlechtere, besonders Italiens und Spaniens. Alle wichtigen Zahlen im Oktober deuten auf einen deutlichen Rückgang der Inflation in der Eurozone hin.

Der Stratege von Société Generale, Albert Edwards, warnte davor, dass Europa bei einer unerwarteten Rezession in offene Deflation verfallen werde. „Das Risiko besteht in einem Handelsschock aus Asien“, schrieb er. „Das ist der Punkt an dem an den Märkten Panik ausbrechen wird.“

Die deflationären Tendenzen erinnern an die Situation in den 1930er Jahren, als ein Teufelskreis aus fallenden Preisen und real steigenden Schulden entstand, der zu weiterer wirtschaftlicher Schrumpfung führte. Der Thinktank Brügel in Brüssel schreibt, dass Deflation Spanien und Italien in eine, wie er es nennt, „beschleunigte Schuldenspirale“ zwingen könnte. Die jüngsten Zahlen zeigten, dass die italienischen Verbraucherpreise im September und Oktober trotz der Steuererhöhungen, aufgrund derer sie eigentlich hätten steigen sollen, um 0,3 Prozent gefallen seien.

Die schlechte wirtschaftliche und finanzielle Lage führt vermehrt zu Spannungen zwischen den kapitalistischen Großmächten.

In seinem halbjährigen Währungs- und Wirtschaftsbericht hat sich das amerikanische Finanzministerium zum ersten Mal in einer “zentralen Frage” Deutschland als Zielobjekt seiner Kritik herausgepickt. Vertreter des US-Finanzministeriums sprachen über Länder der Eurozone mit „hohem und hartnäckigem“ Zahlungsbilanzüberschuss. Sie stellten fest, dass der Überschuss Deutschlands inzwischen höher sei als der Chinas.

Diese Finanzpolitiker warfen Deutschland vor: “Sein anämisches Wachstum der Binnennachfrage und seine Exportabhängigkeit haben ein Ausbalancieren in einer Zeit verhindert, da viele andere Länder der Euro-Zone unter schwerem Druck stehen, die Nachfrage einzudämmen und Importe zu drosseln. Das Endergebnis sind deflationäre Impulse für die Eurozone und die Weltwirtschaft.“

Die Reaktion folgte auf dem Fuße. Das deutsche Finanzministerium erklärte, Deutschlands Zahlungsbilanzüberschuss sei „kein Grund zur Sorge, weder für Deutschland, noch für die Eurozone oder die globale Wirtschaft“. Ein Sprecher des Finanzministeriums sagte, es gebe „in Deutschland keine Ungleichgewichte, die der Korrektur bedürften“.

Der Schlagabtausch beleuchtet die Tatsache, dass die angebliche „Einmütigkeit“ zwischen den Großmächten nach den Ereignissen von 2008 praktisch Vergangenheit ist, weil jede Großmacht ihre eigene Agenda verfolgt: Jeder für sich und den letzten beißen die Hunde.

Die amerikanische Fed schaufelt Geld raus, um ihre Banken zu stärken, und interessiert sich nicht für die Folgen. Deutschland setzt die Verarmung im übrigen Europa durch, um seine Banken und Großkonzerne zu schützen. Japan folgt in den Fußstapfen der Fed und dehnt seine Geldmenge aus, um den Wert des Yen zu drücken und seine Exportposition gegen die asiatischen Rivalen zu stärken.

Instabilität des Finanzsystems und wachsende Konflikte zwischen den Großmächten schaffen die Bedingungen für eine neue große Krise mit katastrophalen Folgen. Der einzige Weg vorwärts ist der gemeinsame Kampf der internationalen Arbeiterklasse um die politische Macht. Sie muss die Kontrolle der Banken und Konzerne über die wirtschaftlichen Reichtümer der Welt brechen und eine rational geplante sozialistische Wirtschaft aufbauen.