Die Revolutionen von 1848 und die historischen Grundlagen der marxistischen Strategie

Von David North
20. November 2013

Im Juli 2011 hielt die Socialist Equality Party der USA in Ann Arbor, Michigan, eine Sommerschule ab, die mit einem Vortrag von David North, dem Vorsitzenden der SEP und Leiter der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site, eröffnet wurde. Wir veröffentlichen ihn hier erstmalig auf Deutsch.

Wir werden uns in dieser Woche dem Studium der Theorie der Permanenten Revolution widmen. Der Grund dafür ist leicht zu erkennen. Die Ereignisse des vergangenen Halbjahrs – vor allem die Revolution in Ägypten – zeigen die große Aktualität dieser Theorie. Ohne sie kann man die soziale Dynamik jener Entwicklung nicht verstehen. Wie stets haben die verschiedenen bürgerlichen und kleinbürgerlichen „linken“ Organisationen auf die Ereignisse mit einem Schwall inhaltsloser demokratischer Rhetorik reagiert.

Die französische Neue Antikapitalistische Partei (NPA) setzte im Januar ihre Unterschrift unter eine gemeinsame Erklärung mit den Grünen, der Vereinigten Linken, der französischen Kommunistischen Partei, der deutschen Linkspartei und der Sozialisten. Es hieß dort: „Wir fordern, dass die französische Regierung und die Europäische Union ihre explizite oder implizite Unterstützung des Regimes in Tunesien einstellen und einen wirklich demokratischen Wandel unterstützen.“ Dieselben sozialen Interessen, die hinter diesem pablistischen Ruf nach einem „wirklich demokratischen Wandel“ – mit Hilfe von Präsident Sarkozy und der EU – stehen, vertritt die Tunesische Liga für Menschenrechte, die inmitten der großen Massendemonstrationen erklärte: „Für uns stellt sich heute die Frage, wie stoppen wir die zunehmenden Plünderungen, die nicht zu tolerieren sind? Diese Jugendlichen greifen nicht nur das Eigentum der Trabelsi-Familie an, sondern auch Polizeistationen und das Eigentum aller.“

In einer NPA-Erklärung mit dem Titel „Tunesien: Die soziale und demokratische Revolution hat begonnen“ heißt es: „Nur mit einer provisorischen Regierung, ohne Vertreter des Destourian-Regimes, die freie und demokratische Wahlen zu einer neuen Verfassungsgebenden Versammlung auf der Basis eines neuen Wahlgesetzes vorbereitet, können die Tunesier ihr Schicksal wieder in die eigenen Hände nehmen und eine Ordnung schaffen, die der Mehrheit dient und Gerechtigkeit herstellt. Wenn das Volk entschlossen ist endlich zu leben, muss sich das Schicksal seinem Willen beugen.“

Zur Zeit der großen Massendemonstrationen in Ägypten veröffentlichte die US-amerikanische International Socialist Organization (ISO) ein Interview mit Mustafa Omar, einem Führer der Opposition, in dem er ElBaradeis „neue Bewegung für Demokratie“ und „Nationale Vereinigung für den Wandel“ lobte.

Am 1. Februar versuchten die Revolutionären Sozialisten (RS), Illusionen ins Militär zu schüren. Sie schrieben: „Eine Armee des Volkes ist eine Armee, die die Revolution schützt.“ Sie fuhren fort: „Jeder fragt sich: ‚Ist die Armee mit den Menschen oder gegen sie?‘ Die Armee ist kein einheitlicher Block. Die Interessen der Soldaten und niederen Offiziersränge sind dieselben wie die der Massen.“

Zu den bestimmenden Merkmalen der kleinbürgerlichen Parteien gehört ihre Verachtung für die Geschichte. Ihnen ist bewusst, dass eine Analyse der großen historischen Erfahrungen ihrer opportunistischen und reaktionären Politik in die Quere kommen würde. Ohne tiefgehendes Wissen über die Geschichte des revolutionären Kampfes ist es jedoch unmöglich, die heutige Weltlage zu verstehen und eine Strategie der sozialistischen Weltrevolution für das 21. Jahrhundert zu entwickeln.

Das 20. Jahrhundert kann mit Recht als das Zeitalter der Permanenten Revolution bezeichnet werden – und dies in zweifacher Hinsicht: zum einen als Definition der objektiven sozialen Logik der großen revolutionären Aufstände des letzten Jahrhunderts und zum andern als die zentrale theoretische und strategische Frage, die allen politischen Auseinandersetzungen über revolutionäre Strategie in der internationalen Arbeiterbewegung zugrunde liegt. In einem Essay erinnerte der amerikanische Autor James T. Farrell an seine Treffen mit Trotzki im Jahre 1937 während der Anhörungen vor der Dewey-Kommission im mexikanischen Coyóacan. Er beschrieb diesen großen Revolutionär als „einen Mann der Geschichte, in dem Sinne, wie es die meisten von uns nicht sind und nicht sein können.“ Diese Beschreibung oder Bezeichnung Trotzkis enthält eine tiefe Erkenntnis.

In welchem Sinne war Trotzki ein Mann der Geschichte? Er spielte natürlich in vielen der größten Ereignisse des 20. Jahrhunderts eine große Rolle. Trotzki war der bedeutendste Stratege und Organisator der Oktoberrevolution von 1917, die die Bolschewiki an die Macht brachte und zur Gründung des ersten Arbeiterstaates der Welt führte. Er übernahm den Aufbau und die Leitung der Roten Armee, die er in einem drei Jahre währenden Bürgerkrieg gegen konterrevolutionäre Kräfte zum Sieg führte. Im Jahre 1923 initiierte Trotzki den innerparteilichen Kampf in der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, der zur Herausbildung der Linken Opposition und später zur Gründung der Vierten Internationale führte. Ohne Frage war Trotzki also eine der herausragenden Persönlichkeiten der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich würde sogar sagen, er war die bedeutendste historische Persönlichkeit des letzten Jahrhunderts und hat den nachhaltigsten Einfluss auf die Geschichte genommen. Die neu entstehende sozialistische Massenbewegung des 21. Jahrhunderts wird sich in hohem Maße auf die theoretischen und politischen Konzeptionen Trotzkis gründen.

Wenn Farrell schreibt, Trotzki sei ein Mann der Geschichte gewesen, so meint er meiner Meinung nach allerdings mehr, als dass er eine bedeutende Persönlichkeit der Geschichte gewesen sei. Vielmehr verwies er auf die Beziehung der Geschichte zu Trotzki selbst, ihre Rolle in seinem
Denken und Handeln und sogar in der Herausbildung seiner Persönlichkeit. Trotzki machte natürlich Geschichte; aber indem er dies tat, war er sich in hohem Maße bewusst über seinen Platz und die Bedeutung seines Handelns – ebenso wie des Handelns seiner Genossen und der revolutionären Arbeiterbewegung, der er sich vollständig gewidmet hatte – im großen geschichtlichen Prozess gesellschaftlicher Veränderung. So wie ein Astronom bei der Beobachtung eines Planeten am Abendhimmel weiß, dass dieser zu einer riesigen Galaxie gehört, war sich Trotzki bewusst, dass die Arbeit der revolutionären sozialistischen Bewegung in einem größeren geschichtlichen Zusammenhang stand, der sich über Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte hinweg erstreckte.

Die Geschichte lebte in Trotzki. Seine Schriften vermitteln das Gefühl, als wäre er im Paris der Jahre 1793, 1848 und 1871 selbst dabei gewesen. Sein Studium der Geschichte war nicht passiv. In seinen Gedanken debattierte er mit Danton and Robespierre, als wären sie seine Zeitgenossen. Lunatscharski bemerkte einst treffend, Trotzki verfolge sein eigenes Handeln im Spiegel der Geschichte. Dennoch gab es keine Spur von Subjektivismus oder Selbstgefälligkeit in seinem geschichtsorientierten Selbstbewusstsein. Voller Leidenschaft an den Kämpfen seiner Zeit beteiligt, setzte er die aktuellen Entwicklungen stets in Beziehung zu historischen Erfahrungen. Außerdem versuchte er zu verstehen, welche Auswirkung das politische Programm und die Politik, für die er eintrat, auf die künftige Entwicklung des revolutionären Kampfes haben würde. Zur Zeit der Gründung der Vierten Internationale erklärte er, ein Revolutionär trage auf seinen Schultern „einen kleinen Teil des Schicksals der Menschheit.“ Trotzkis Denken zeichnete eine kontinuierliche dynamische Durchdringung von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft aus, und dies ist es, was ihn zum „Mann der Geschichte“ machte.

Aber man muss auch sagen, dass Trotzki zu der Generation von Revolutionären gehörte, für die die ständige Aufarbeitung der historischen Erfahrungen wesentlicher Bestandteil ihrer theoretischen und politischen Arbeit war. Die Veröffentlichung von Witnesses to Permanent Revolution, eine von den Historikern Richard Day und Daniel Gaido zusammengestellte und übersetzte Sammlung von Dokumenten, ermöglicht uns ein umfassenderes Verständnis der Evolution des revolutionären marxistischen Denkens, das in Trotzkis Analyse der Triebkräfte der Russischen Revolution gipfelte und ihm ein Jahrzehnt vor der Revolution von 1917 die Voraussage erlaubte, der Sieg über den russischen Zarismus würde mehr oder weniger direkt zur Machtergreifung der Arbeiterklasse in einer sozialistischen Revolution führen. Das Buch enthält bedeutende Texte nicht nur von Trotzki, sondern auch von Plechanow, Rjasanow, Mehring, Luxemburg, Parvus und Kautsky. Die Dokumente tragen zu einem tieferen Verständnis der Theorie der Permanenten Revolution bei, wie sie von Trotzki nach der Revolution von 1905 am weitestgehend und umfassendsten formuliert wurde.

Dabei fällt insbesondere ins Auge, dass die verschiedenen Texte die beginnende Russische Revolution Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts auf dem Hintergrund der vergangenen Revolutionen analysieren – der Großen Französischen Revolution von 1789-1794, der Revolutionen von 1848 und der Pariser Kommune von 1871.

Natürlich gehörten für die Generation, die das Jahr 1905 miterlebte, weder die Pariser Kommune, noch die Revolutionen von 1848 zur fernen Vergangenheit. Die Pariser Kommune lag für sie so weit zurück, wie für uns das Jahr 1977, in dem Tom Henehan ermordet wurde. Und sogar vom Jahr 1848 trennten sie nur 57 Jahre. Heute bedeutet diese Zeitspanne für uns lediglich einen Rückblick bis zur Zeit der Eisenhower-Regierung. In der sozialistischen Bewegung Europas um die Jahrhundertwende waren noch Veteranen von 1871 und sogar von 1848 aktiv. Wilhelm Liebknecht, Teilnehmer an den Kämpfen von 1848 und Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie an August Bebels Seite, lebte bis 1900. Adolf Sorge, Teilnehmer am badischen Aufstand und enger Freund von Marx und Engels, lebte bis 1906.

Die Veteranen der Großen Französischen Revolution von 1789 lebten natürlich nicht mehr, aber der wirtschaftliche, soziale, politische und ideologische Einfluss dieses Ereignisses war so groß, dass sein Schatten noch über Europa lag und heute noch liegt. In politischer Hinsicht wurde die moderne Welt in der Französischen Revolution geprägt. Die großen, leidenschaftlichen Kämpfe dieses gewaltigen Ereignisses bereiteten den Boden für die revolutionären Kämpfe der Zukunft. Sogar die Terminologie heutiger sozialer Kämpfe stammt im Wesentlichen aus jener Zeit. So saßen die Vertreter des grundlegenden sozialen Wandels, der so genannte „Berg“, links vom Präsidium der Generalversammlung, die Konservativen und Reaktionäre rechts. Aber außer den Begriffen “links” und “rechts” entstammt jener Zeit auch der Begriff “Permanente Revolution”. Richard Day und Daniel Gaido weisen in ihrer Einführung zu Witnesses to Permanent Revolution darauf hin, dass das Konzept der revolution en permanence auf den berühmten Ballhausschwur von Juni 1789 zurückgeht. Vertreter des Dritten Standes gelobten damals in einer Ballsporthalle in Versailles, die Nationalversammlung werde fortbestehen, wo immer sich ihre Vertreter versammeln und ungeachtet der Versuche des Monarchen sie aufzulösen. Mit anderen Worten, die Nationalversammlung des Dritten Standes erklärte ihre Permanenz!

Wichtiger als der Beitrag zur heutigen Terminologie ist natürlich, dass die Revolution die sozialen und wirtschaftlichen Grundlagen des Feudalismus zerstörte und den Weg für die Errichtung eines bürgerlichen Staats und die Entwicklung des Kapitalismus frei machte, der unvermeidlich zur Entstehung der Arbeiterklasse und zur Herausbildung des Klassenkampfes in seiner modernen Form führte. Tatsächlich zeigte sich bereits nach dem Sturz der Jakobinerdiktatur im Juli 1794 die erste Vorahnung zukünftiger Revolutionen in der „Verschwörung der Gleichen“ unter Führung von Gracchus Babeuf, die den ersten historischen Versuch darstellt, durch bewusste revolutionäre Aktion soziale Gleichheit zu erreichen.

Auf diese Frage kann ich in dem Vortrag nicht weiter eingehen, aber man muss festhalten, dass die Revolution nicht nur zur sozioökonomischen Umgestaltung Frankreichs führte, sondern auch den Impuls für einen enormen Fortschritt im wissenschaftlichen Verständnis der objektiven Triebkräfte der historischen Entwicklung lieferte, aus dem letztendlich der Marxismus erwuchs. Nach der Französischen Revolution wurde den fortgeschrittenen Denkern die immense Bedeutung der materiellen Interessen, des Eigentums und der Klassenkonflikte im Hintergrund des politischen Lebens zunehmend klarer.

Die wirtschaftlichen Veränderungen, vor allem die Industrialisierung, führten zu neuen Formen des Klassenkampfes und die Vorahnungen weiterer Revolutionen konkretisierten sich. Bereits 1806 gab es in Paris einen Streik der Bauarbeiter. In Lyon streikten 1817 die Hutmacher gegen das Sinken ihrer Löhne. Zwischen 1825 und 1827 gab es in Paris bedeutende Streiks von Handwerkern und Manufakturarbeitern. Im Jahre 1830 führten Volksproteste in Paris zur Abdankung von Karl X., aber der Nutznießer dieser „Revolution“ war das Bankkapital. Die Lebensumstände der wachsenden Arbeiterklasse, besonders der Weber, verschlechterten sich. Die Besteuerung der unteren Volksschichten nahm zu, während die Löhne fielen. Die wachsende Wut führte im November 1831 zu einem bewaffneten Aufstand der Arbeiter Lyons. Für einige Tage mussten die Regierungstruppen die Stadt verlassen. Auch wenn die Regierung nach einigen Tagen die Kontrolle zurück gewann, war die Bourgeoisie durch das Aufkommen des offenen Klassenkampfes verwirrt und gelähmt. Der Widerstand des gerade erst entstandenen Proletariats bedrohte nun die Interessen des kapitalistischen Privateigentums.

In Frankreich herrschte zu diesem Zeitpunkt eine bürgerliche Monarchie unter Führung von Louis Philippe, der den offiziellen Titel „König der Franzosen“ trug – eine verschleierte Anerkennung der Tatsache, dass die Französische Revolution, die Hinrichtung Ludwig XVI. und die spätere Abdankung seines jüngeren Bruders, Karl X., nicht gänzlich sinnlos gewesen war. Louis Philippes Vater, der glücklose Philippe Egalité, war ein Cousin Ludwigs XVI. Er brach während der Revolution mit der königlichen Familie und stimmte sogar für die Hinrichtung Ludwigs. Aber dies schützte ihn nicht vor Verdächtigungen, ein Vertreter der Konterrevolution zu sein oder werden zu können. Philippe Egalité wurde im November 1793 mit der Guillotine hingerichtet. Schließlich stieg sein Sohn Louis Philippe zum Monarchen auf, wenn auch die sozialen und politischen Verhältnisse mit denen von vor 1793 kaum mehr vergleichbar waren.

Louis Philippe suchte den bürgerlichen Charakter seines Regimes zu betonen, indem er sich im Gehrock und mit Schirm zeigte. Sein Regime diente aber nur einem Teil der Bourgeoisie, der Finanzelite. Das weckte in anderen Teilen der Bourgeoisie, besonders der Manufaktur- und Industriebourgeoisie, Unzufriedenheit. Die Korruption der Finanzelite kannte keine Grenzen und untergrub die industrielle Entwicklung Frankreichs. Es gibt keine bessere Beschreibung der damaligen französischen Verhältnisse, als die Schrift Die Klassenkämpfe in Frankreich von Karl Marx:

„Indem die Finanzaristokratie die Gesetze gab, die Staatsverwaltung leitete, über sämtliche organisierten öffentlichen Gewalten verfügte, die öffentliche Meinung durch die Tatsachen und durch die Presse beherrschte, wiederholte sich in allen Sphären, vom Hofe bis zum Café Borgne [Bezeichnung für verrufene Kaffeehäuser und Kneipen in Paris] dieselbe Prostitution, derselbe schamlose Betrug, dieselbe Sucht, sich zu bereichern, nicht durch die Produktion, sondern durch die Eskamotage schon vorhandenen fremden Reichtums, brach namentlich an den Spitzen der bürgerlichen Gesellschaft die schrankenlose, mit den bürgerlichen Gesetzen selbst jeden Augenblick kollidierende Geltendmachung der ungesunden und liederlichen Gelüste aus, worin der aus dem Spiele entspringende Reichtum naturgemäß seine Befriedigung sucht, wo der Genuß crapuleux [ausschweifend] wird, wo Geld, Schmutz und Blut zusammenfließen. Die Finanzaristokratie, in ihrer Erwerbsweise wie in ihren Genüssen, ist nichts als die Wiedergeburt des Lumpenproletariats auf den Höhen der bürgerlichen Gesellschaft.“ [in: MEW, Band 7, Berlin 1960, S. 14-15]

Aber der Widerstand, abseits von Hof und Börse, nahm stetig zu, und das nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa. Seit Napoleons endgültiger Niederlage im Jahre 1815 hatte sich die Reaktion in Europa ausgebreitet. Der Architekt dieses Systems der Reaktion war der österreichische Fürst Metternich. Ein Kritiker warf Metternich vor, sein einziges Mittel zur Sicherung des Status Quo bestehe „aus einem Wald von Bajonetten und dem starren Festhalten an den Dingen, wie sie sind. Meines Erachtens spielen wir auf diese Weise den Revolutionären in die Hände“. [M. Rapport, 1848: Year of Revolution, NY 2008. Aus dem Engl.] Fürst Metternich kannte allerdings keine anderen Mittel, um die untergehende soziale Ordnung zu verteidigen.

Im geschichtlichen Rückblick waren die Zeichen der heranziehenden Revolution überall zu sehen. Im Mai 1839 strebte die von August Blanqui and Armand Barbès geführte, etwa 900 Mitglieder zählende, „Gesellschaft der Jahreszeiten“ in Paris einen Aufstand an, besetzte das Rathaus und rief eine Provisorische Regierung aus. Aber die erhoffte Ausbreitung des Aufstands blieb aus. Stattdessen wurden seine führenden Köpfe gefangen genommen und ins Gefängnis gesteckt. Größere Nachwirkung als diese frühen Experimente direkter Aktion einiger engagierter Militanter hatte jedoch die Revolution in der Philosophie und in der ökonomischen Theorie. Beachtenswert ist hier vor allem Pierre-Joseph Proudhons 1840 erschienenes Buch mit dem Titel Was ist Eigentum?, eine Frage, die er selbst lapidar und provokativ beantwortet: „Eigentum ist Diebstahl“.

Eine andere bahnbrechende Arbeit war der umfangreiche Aufsatz Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie aus dem Jahre 1843, der mit den Worten begann: „Die Nationalökonomie entstand als eine natürliche Folge der Ausdehnung des Handels, und mit ihr trat an die Stelle des einfachen, unwissenschaftlichen Schachers ein ausgebildetes System des erlaubten Betrugs, eine komplette Bereicherungswissenschaft.“ [in: MEW, Band 1, Berlin, 1956, S.499] Autor dieses Dokuments war der 23-jährige Friedrich Engels, der bald darauf eine noch größere Arbeit veröffentlichen sollte: Die Lage der arbeitenden Klasse in England.

Aber zur bedeutendsten intellektuellen Entwicklung der 1840er Jahre kam es auf dem Gebiet der Philosophie, wo die Kritik der idealistischen Philosophie Hegels durch den jungen Karl Marx eine Revolution im Denken auslöste, die später die intellektuelle Grundlage für die Massenbewegung des internationalen Proletariats schaffen sollte. Aus den Schriften von Karl Marx kann der Leser erkennen, dass er sich schon auf einer sehr frühen Stufe seiner Arbeit der explosiven Bedeutung seiner theoretischen Arbeiten bewusst war. Anfang 1844 schrieb er in der Einleitung seiner Schrift Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie: „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muss gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“ [in: MEW, Band 1, Berlin 1956, S. 385] Einige Seiten später, am Schluss der Einleitung, heißt es: „Die Emanzipation des Deutschen ist die Emanzipation des Menschen. Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat.“ [Ebd., S. 391]

Bis 1845 hatten Marx und Engels bereits die materialistische Konzeption der Geschichte entwickelt, der zufolge Revolutionen nicht das Produkt gut organisierter Verschwörungen seien, sondern das mit Notwendigkeit eintretende Ergebnis komplexer sozioökonomischer Prozesse, in denen die Produktivkräfte in unlösbaren Konflikt mit den bestehenden sozialen Verhältnissen geraten. Die Wurzel der Revolution fände sich nicht in der Entwicklung der Ideen, sondern in der sozioökonomischen Organisation der Gesellschaft, abhängig von einem bestimmten Niveau der Produktivkräfte. Der Widerspruch zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und den existierenden sozialen Verhältnissen zeige sich im Klassenkampf, der in der heutigen Gesellschaft hauptsächlich die Form des Konflikts zwischen der Bourgeoisie, der Eigentümerin der Produktionsmittel, und der Arbeiterklasse annehme, die nur ihre Arbeitskraft besitzt.

1847 traten Marx und Engels dem Bund der Gerechten bei, der sich bald zum Bund der Kommunisten wandelte. Der Bund beauftragte sie Ende 1847 mit dem Verfassen eines Programms in Form eines Manifestes, welches, wie wir alle wissen, einen nicht geringen Einfluss auf den Lauf der Geschichte hatte.

Zur Zeit der Veröffentlichung des Kommunistischen Manifestsstand Europa kurz vor einer politischen Explosion. Unabhängig von der Arbeit sozialistischer Theoretiker steckte der Kapitalismus mitten in einer großen Wirtschaftskrise, die verheerende Auswirkungen auf breite Schichten der arbeitenden Bevölkerung hatte. Die Jahre 1846 und 1847 brachten Leid über die Menschen wie keine andere Periode des bisherigen 19. Jahrhunderts. Die Wirtschaftskrise kam mit einer Missernte zusammen, die eine große Hungersnot auslöste. In Irland starben 21.000 Menschen den Hungertod. Hunderttausende wurden Opfer von Typhus und Cholera. In Belgien lebten 700.000 Menschen von der öffentlichen Wohlfahrt. In Berlin und Wien lösten die elenden Verhältnisse Zusammenstöße zwischen Volk und Militär aus. In Frankreich stiegen die Brotpreise dramatisch an, der Preis für Kartoffeln verdoppelte sich und die Zahl der Arbeitslosen explodierte.

Die Unruhen in Frankreich verstärkten den Konflikt zwischen der Regierung König Louis Philippes und der wachsenden Opposition aus verschiedenen bürgerlichen politischen Tendenzen, darunter den Liberalen, die sich gegen die Diktatur der Finanzinteressen und den Ausschluss der Industriebourgeoisie von der Macht wandten, und den demokratischeren Strömungen, die mit mehr oder weniger Nachdruck für die Gründung einer Republik eintraten. Zu den bekannteren und radikaleren Vertretern dieser Tendenzen gehörte Ledru-Rollin (1807-1874), der vor dem Jahr 1848 mit seinen heftigen verbalen Attacken auf das Regime Anklang unter französischen Arbeitern gefunden hatte. Er gründete die Zeitung La Réforme, die eine beträchtliche Leserschaft gewann. Auch Louis Blanc (1811-1882) hatte eine große Anhängerschaft im Volk. Er war als Sozialist bekannt — obgleich sich seine Vorstellung vom Sozialismus an das Denken der utopischen Sozialisten wie Robert Owen, Saint-Simon und Étienne Cabet anlehnte und er glaubte, der Fortschritt ergebe sich wie von selbst durch die Vervollkommnung der Menschen. Der Sozialismus werde nicht durch eine gewaltsame Revolution erreicht, die er ablehnte, sondern durch die bestechende Logik und Überzeugungskraft seiner Reden. Vor dem Ausbruch der Revolution traf sich Blanc gelegentlich mit Engels, dem es schwer fiel, ihn und seinen Ideen-Mischmasch ernst zu nehmen. In einem Brief an Marx vom März 1848 macht Engels zum Beispiel folgende Bemerkung über Blancs Geschichte der Französischen Revolution: „Ein tolles Gemisch richtiger Ahnungen und grenzenloser Verrücktheiten. Ich hab' erst die Hälfte des I. Bandes (…) gelesen. Ça fait un drole d'effet. [Sie macht einen seltsamen Eindruck] Kaum hat er einen durch eine nette Anschauung überrascht, so poltert er einem gleich den furchtbarsten Wahnsinn über den Kopf.“ [MEW, Bd. 27, Berlin 1963, S.81]

Im Herbst und Winter 1847/48 veranstalteten die bürgerlich-oppositionellen Tendenzen „Bankette“ – eine Art Vorläufer der „All You Can Eat“-Buffets zum Preis von 10 Dollar -- um Unterstützung im Volk zu erhalten. Der Radikale Ledru-Rollin und der Sozialist Louis Blanc organisierten ihre eigenen, gemeinsamen Bankette, um breitere Teile der Mittelklasse und der arbeitenden Klasse anzuziehen. Die reiche und konservative bürgerliche Opposition konnte sich mit der Bankett-Kampagne nicht wirklich anfreunden. Die Aussicht auf einen offenen Konflikt mit dem Regime Louis Philippes behagte ihr nicht und besonders fürchtete sie, die Bankette könnten ungewollt Massenkämpfe außerhalb der Kontrolle der besitzenden Klasse auslösen. Adolph Thiers, der schließlich als unerbittlicher Feind der Pariser Kommune von 1871 in die Geschichte einging, warnte, er sehe unter den Tischtüchern der Bankette die Rote Fahne der Revolution. Die Bourgeoisie drängte zwar auf einige demokratische Reformen, fürchtete aber das Eingreifen der arbeitenden Klasse in den politischen Kampf.

Diese Furcht war Ausdruck der tief greifenden Veränderungen in der Struktur der französischen und der gesamten europäischen gesellschaftlichen Verhältnisse seit der Revolution von 1789–1794. Als sich die Vertreter des Dritten Standes 1789 in Versailles versammelten, waren die Klassenwidersprüche innerhalb der Opposition gegen das alte, feudale Regime noch unentwickelt. In ihrem Kampf gegen das Regime Ludwigs XVI. musste die Bourgeoisie noch nicht mit dem Gespenst einer sozialistischen Opposition der Arbeiterklasse rechnen, die nicht allein das feudale Eigentum, sondern auch das kapitalistische Privateigentum bedrohen würde. Sie konnte daher in den 1790er Jahren noch entschlossener eine revolutionäre Haltung gegen das alte Regime einnehmen als nun, ein halbes Jahrhundert später. Allerdings muss man festhalten, dass die extreme Radikalität der Großen Revolution nicht von der Bourgeoisie selbst ausging, die generell eher dazu neigte, einen Kompromiss mit Ludwig XVI. zu finden, sondern von den Massen der städtischen Bevölkerung, den Sanscoulotten, die hinter den Jakobinerführern standen. Ihre wiederholten Aufstände trieben die Revolution immer weiter nach links.

1848 war durch das Auftreten der Arbeiterklasse der Konflikt zwischen der bürgerlichen Opposition und Louis Philippe weit komplizierter geworden. Diese Veränderung in der französischen und europäischen Gesellschaft sollte sich nun von entscheidender Bedeutung für die Revolution von 1848 erweisen. Die bürgerlichen Liberalen standen zwar in Opposition zum bestehenden Regime, aber die Tiefe ihrer Opposition und ihre demokratischen Überzeugungen wurden durch die viel größere Furcht vor den sozialistischen Bestrebungen der Arbeiterklasse überlagert. Die Widersprüche zwischen den demokratischen Forderungen der Bourgeoisie und ihren materiellen Interessen, zwischen ihrer Verteidigung des kapitalistischen Eigentums und einer eigentumslosen Arbeiterklasse, bestimmten den Ausgang der Revolutionen im Jahre 1848.

Die politische Krise des Regimes von Louis Philippe hatte sich bereits länger angebahnt. Schon im Januar 1848 hatte de Toqueville eine Revolution prognostiziert. Allerdings haben sich vermutlich nur wenige Menschen vorstellen können, dass nur drei Tage Aufstand genügten, um den ganzen verrotteten Regierungsapparat des Königs zu Fall zu bringen. Louis Philippe selbst hatte die Warnung de Tocquevilles mit einem Scherz beiseite gewischt: „‘Im Winter machen die Pariser keine Revolution.‘ Man stürmt, wenn es heiß ist: im Juli die Bastille, im Juni den Thron der Bourbonen. Aber nicht im Januar oder Februar.“ [zitiert in Boris Nicolaevsky und Otto Maenchen-Helfen: Karl Marx. Eine Biographie, Dietz-Verlag, Berlin-Bonn 1978 (4. Auflage), S. 143-144]

Die Unruhen begannen, als die Regierung ein Bankett der Opposition unterbinden wollte, das für den 22. Februar 1848 geplant war. Die Preise waren heruntergesetzt worden, um eine hohe Beteiligung zu erreichen. Die Regierung gab nach und ließ das Bankett der Opposition in einem wohlhabenden Bezirk nahe der Avenue des Champs-Elysées unter der Bedingung zu, dass die Versammlung unmittelbar danach aufgelöst werde. Viele bürgerliche Organisatoren waren bereit, diese demütigende Bedingung zu akzeptieren, nicht nur, weil sie das Regime des Königs fürchten, sondern auch, weil sie befürchteten, mit der Versammlung eine Massenaktion in Gang zu setzen. Ledru-Rollin und seine Anhänger in der Reform-Gruppe weigerten sich jedoch einzulenken. Sie veröffentlichten einen Aufruf an die Pariser und forderten sie auf, sich am Morgen des 22. Februar auf dem Place de la Madelaine einzufinden und gemeinsam die Champs-Elysées zum Ort des Banketts zu marschieren. Dieser Aufruf wurde von nahezu allen bürgerlich-oppositionellen Zeitungen boykottiert. Das ganze Vorhaben, so die Begründung des Boykotts, würde in einem Zusammenstoß mit dem Regime und mit einer blutigen Niederlage der Protestierenden enden.

Es kam zur Konfrontation. Aufgebrachte Menschenmengen stürzten Kutschen um und zerstörten Straßenlaternen. Die Polizei und die Nationalgarde schienen aber die Situation zu beherrschen. Am Abend des 22. Februar war Louis Philippe noch davon überzeugt, dass er die Lage unter Kontrolle hätte. Am nächsten Tag jedoch strömten noch größere Menschenmengen auf die Straßen. Zunehmend gab es auch Anzeichen für eine Meuterei in der Nationalgarde, besonders in den Regimentern aus den ärmeren Distrikten. Am Nachmittag des 23. Februar begann der Aufstand der Pariser Arbeiter. Sie trugen mehr als acht Millionen Pflastersteine zusammen und fällten 400.000 Bäume, und am Morgen des 24. Februar waren stadtweit etwa 1.500 Barrikaden errichtet. Louis Philippe hatte darauf gehofft, mit der Entlassung seines Premierministers Francois Guizot die Proteste eindämmen zu können. Aber diese Geste kam zu spät. In Anbetracht der Lage in Paris und eingedenk des Schicksals seiner erlauchten Familie, dankte der König ab und floh aus dem Land. Die Revolution hatte mit weniger als 500 Opfern gesiegt!

Aber wie nun weiter nach der Entthronung des Monarchen? Die Bourgeoisie und besser gestellte Teile der Mittelschicht waren sich gar nicht so sicher, ob sie den Sieg feiern sollten. Die bürgerliche Opposition hatte Druck auf Louis Philippe ausüben wollen, um ihn zu zwingen, einer Wahlrechtsreform zuzustimmen. Nun aber steckten sie mitten in einer Revolution und waren mit den Erwartungen der vom Sieg über Louis Philippe begeisterten Arbeitermassen konfrontiert. Die etablierten Vertreter der liberalen bürgerlichen Opposition waren durch die schnelle Wende der Ereignisse geschockt und verwirrt. Einer der wenigen, die den Kopf nicht verloren und ihr politisches Gleichgewicht behielten, war Alphonse de Lamartine, ein bekannter romantischer Schriftsteller, der seine schriftstellerischen Fähigkeiten nutzte, um mit exaltierter Rhetorik die prosaischen und egoistischen Bestrebungen der französischen Bourgeoisie zu formulieren. In den Anfängen einer jeden Revolution finden sich solche plötzlich aufsteigenden Figuren, Meister der hochtrabenden Rhetorik, die irgendwelchen Banalitäten einen Hauch von Tiefe zu geben versuchen. Siebzig Jahre später spielte Kerenski diese Rolle in der Russischen Revolution. Unmittelbar nach der Abdankung Louis Philippes, mitten in der allgemeinen Verwirrung und unter dem enormem Druck des einfachen Volkes, verkündete Lamartine vom Balkon des Hôtel de Ville die Errichtung der Zweiten Republik. Lamartine selbst war in Wirklichkeit gegen seine eigene Proklamation. Aber die Massen der Hauptstadt, die sich noch gut an den folgenlosen Sturz Karls X. im Jahre 1830 erinnerten, waren entschlossen, sich dieses Mal nicht um die Früchte ihres Sieges betrügen zu lassen.

Die neue Provisorische Regierung, die bis zu den Wahlen die Macht ausüben sollte, bestand vollständig aus konservativen Vertretern der Bourgeoisie. Die einzige Persönlichkeit mit einer radikalen Identität war Alexandre Ledru-Rollin. Louis Blanc forderte daher, Ledru-Rollin in die Regierung aufzunehmen, erreichte aber nur seine eigene Ernennung und die eines Arbeiters mit dem Namen Albert zu Sekretären der Provisorischen Regierung.

Für die Bourgeoisie war die neue Republik eine politische Herrschaftsform, mit der sie ihre Klasseninteressen zu verteidigen gedachte. Aber die Arbeiterklasse forderte eine soziale Republik im Interesse der arbeitenden Menschen. Zunächst schürte die Provisorische Regierung Illusionen. sie strebe danach, die Lage der arbeitenden Klasse zu verbessern. Am 25. Februar versprach die neue Regierung, menschenwürdige Löhne zu garantieren. Sie versprach auch eine Garantie des Rechts auf Arbeit. Diese Ankündigung wurde mit Begeisterung begrüßt. Proudhon schrieb: “Wie wirst Du genannt, Revolution von 1848?” Die Antwort? “Mein Name ist das Recht auf Arbeit.” Eine Woche später, am 2. März, verabschiedete die Regierung ein Gesetz, das den 10-Stunden-Arbeitstag für Paris und den 11-Stunden-Tag für den Rest des Landes festlegte. Ein weiteres Gesetz verbot die „sweated labor“ (Arbeit in ‚Schwitzbuden’), eine verbreitete Praxis von Vertragsunternehmern, die aus der befristeten Anheuerung von billigen Arbeitskräften hohe Profite zogen. Wie man sieht, ist die heute, 175 Jahre später, weit verbreitete Praxis von profitablen Leiharbeitsfirmen schon damals als nicht tolerabel betrachtet worden.

Diese Gesetze waren sehr populär, aber wie sich bald zeigte, unternahm die Provisorische Regierung keine wirksamen Maßnahmen zu ihrer Durchsetzung. Louis Blanc hatte ursprünglich die Einrichtung eines Ministeriums für Arbeit und Fortschritt gefordert. Die Provisorische Regierung lehnte dies ab. Stattdessen richtete sie, als Kompromiss, eine Kommission für Arbeit unter der Leitung von Louis Blanc ein, die im Palais du Luxembourg ihren Sitz hatte – daher ihre allgemein bekannte Bezeichnung als Luxembourg-Kommission. Sie hatte nur das Recht, die Arbeitsbedingungen zu untersuchen und beratend tätig zu werden. Nach einigen Wochen nahm die Frustration der Arbeiter über die Machtlosigkeit der Kommission zu.

Im Zentrum des Konflikts zwischen der Provisorischen Regierung und den Arbeitern stand die Frage der Arbeitsplätze. Louis Blanc hatte auf die Einrichtung „sozialer Werkstätten“ gedrängt, die er als eine Art kooperative Organisation verstand, in der sinnvoll gearbeitet werden sollte. Tatsächlich boten diese Nationalen Arbeitsstätten jedoch nichts anderes als sinnlose Arbeiten um der bloßen Beschäftigung willen. Sie zahlten einen Minimallohn von 2 Franc pro Tag, wenn es Arbeit gab, und 1,50 Franc, wenn es keine gab. Während dieses Arbeitsprogramm die Arbeiter nicht zufriedenstellte, war es außerhalb von Paris sehr unpopulär, besonders bei der großen ländlichen Bevölkerung, die zu der Überzeugung kam, dass sie mit ihren Steuern den Müßiggang der Pariser Arbeiter finanzierten. Nach einigen Wochen spielte dies den reaktionären bürgerlichen Politikern in die Hände, denen es sehr gelegen kam, die bäuerliche Bevölkerung des Landes gegen die Arbeiter der Hauptstadt aufzustacheln.

Als sich die erste Euphorie zu legen begann, drehte sich die politische Stimmung immer mehr gegen die Arbeiter. Lamartine und andere bürgerliche Politiker, im Februar aufgeschreckt durch die gesellschaftlichen Kräfte der Revolution, intrigierten nun permanent gegen die Arbeiter. Ein Historiker schrieb: „Der bürgerliche Führer Lamartine hatte sich mit einer Mischung aus Zuversicht und Dilettantismus in die erste Schlacht gestürzt. Nicht lange dauerte es, bis er das elende und arme Proletariat als ernsten Gegner zu sehen begann und sich mehr darauf verlegte, es zu umschmeicheln als zu überzeugen… Die Massen jagten ihm Schrecken ein.“ [Georges Duveau: 1848: The Making of a Revolution, New York 1967, S. 85 (aus dem Engl.)]

Ursprünglich sahen die Arbeiter in den kommenden Wahlen ein Mittel, eine Vertretung in der Nationalversammlung zu erhalten. Bald erkannten sie aber, dass der Ausgang der Wahlen für sie sehr nachteilig ausfallen könnte, wenn diese zu früh, noch bevor die Revolution sich auch im Bewusstsein der Landbevölkerung verankern konnte, abgehalten würden. Die Bourgeoisie rechnete ebenfalls mit dieser Tatsache und vertrat daher den Standpunkt, die Wahlen sollten so bald als möglich stattfinden. Am 17. März organisierten die Arbeiter eine Massendemonstration, um die Regierung zur Verschiebung der Wahlen zu zwingen, erreichten aber nur eine Verzögerung von zwei Wochen. Das Wahlergebnis ergab schließlich, wie von den Arbeitern befürchtet, eine überwältigende konservative Mehrheit. Die Massen der Bauern hatten am 23. April weitgehend so gewählt, wie es ihnen die lokalen Würdenträger und Priester auf dem Land vorgegeben hatten. Das politische Klima drehte sich scharf nach rechts. Die Stimmung der Bourgeoisie, in Rage über die Forderungen der Arbeiter und ihre sozialistischen Parolen, wurde in Gustave Flauberts Roman Die Erziehung der Gefühle festgehalten.

„Arnoux versuchte darzulegen, dass es zwei Arten von Sozialismus gäbe, einen guten und einen schlechten. Der Industrielle sah da keinen Unterschied, da er bei dem Wort Eigentum den Kopf verlor.

‚Das ist ein in der Natur verankertes Recht! Die Kinder hängen an ihrem Spielzeug; sämtliche Völker, alle Tiere sind meiner Meinung; selbst der Löwe würde sich, wenn er sprechen könnte, zum Eigentümer erklären! So habe ich, meine Herren, mit einem Kapital von fünfzehntausend Francs angefangen! Dreißig Jahre lang, müssen Sie wissen, bin ich jeden Morgen um vier Uhr aufgestanden! Ich habe mich verteufelt abgerackert, um mein Vermögen zu bilden! Und nun will man mir sagen, ich sei nicht Herr darüber, mein Geld sei nicht mein Geld, kurz, Eigentum sei Diebstahl!’

‚Aber Proudhon …’

‚Lasst mich mit eurem Proudhon in Ruhe! Wenn er hier wäre, würde ich ihn, glaube ich, erwürgen.’

Er hätte ihn erwürgt. Vor allem nach den Likören war Fumichon völlig außer sich; und sein Schlagflussgesicht war kurz davor, wie eine Granate zu explodieren.“ [Gustave Flaubert: Die Erziehung der Gefühle, aus dem Französischen von Cornelia Hasting, Piper, München 2001, S. 466 (Rechtschreibung angepasst)]

Die neu gewählte Nationalversammlung provozierte die Arbeiter weiter mit immer neuen, feindlichen Maßnahmen. Die Nationalen Werkstätten gerieten in den Fokus der rechten Agitation. Alle wirtschaftlichen Probleme Frankreichs, bemühte man sich der Öffentlichkeit weiszumachen, würden durch die Nationalwerkstätten und durch die Nachgiebigkeit gegenüber den Arbeitern verursacht. Die Parole „Das kann so nicht weitergehen“ trugen im Juni zahllose Kapitalisten und Kleinbürger auf den Lippen. Die Regierung bereitete sich auf die entscheidende Kraftprobe mit den Arbeitern vor. Lamartines Überzeugung, mit den Arbeitern fertig werden zu können, wurde durch die Zusage Ledru-Rollins gefestigt, er würde im Falle einer Konfrontation mit der Arbeiterklasse auf Seiten der Regierung stehen.

Am 21. Juni gab die Regierung bekannt, dass in den Nationalwerkstätten beschäftigte Arbeiter im Alter zwischen 18 und 25 Jahren zum Militär eingezogen würden. Arbeiter, die weniger als sechs Monate in Paris wohnhaft und in den Werkstätten beschäftigt waren, würden in ihre Heimatorte zurückgeschickt. Diese Maßnahmen bedrohten die Arbeiter mit Hunger. Am 23. Juni entlud sich die Wut in offene Feindseligkeiten. In ganz Paris wurden Barrikaden errichtet und die Arbeiter erkämpften die Kontrolle über einen großen Teil der Stadt. Ihnen fehlte jedoch eine klare sozialistische Perspektive. Sie wurden durch ihre verzweifelte Lebenslage zum Kampf getrieben. Der Aufstand währte vier Tage. Die aus allen Teilen Frankreichs zusammengezogene Nationalgarde stand unter dem Kommando des Generals Cavaignac, einem Befürworter der Republik, der sich selbst nicht als reaktionär verstand. Aber er zögerte nicht, die Kanonen auf die Barrikaden richten zu lassen. Etwa 500 Aufständische kamen in den Kämpfen ums Leben. Nicht weniger als 1.000 Nationalgardisten fielen in der Schlacht. Aber das Schlimmste kam nach der Unterdrückung des Aufstandes, als die Jagd auf die Aufständischen begann und etwa 3.000 Menschen kaltblütig abgeschlachtet wurden. Weitere 12.000 Menschen kamen ins Gefängnis und viele von ihnen wurden in algerische Arbeitslager deportiert.

Alexander Herzen, einer der ersten russischen Sozialisten, verfolgte das Massaker in Paris und schrieb darüber: „Man muss wissen, dass der Mord in jenen Tagen zur heiligen Pflicht wurde und dass derjenige, dessen Hände nicht vom Proletarierblut troffen, den Bourgeois verdächtig erschien.“ [Alexander Herzen: Vom anderen Ufer, aus dem russischen Manuskript, Hamburg 1850, S. 119 (Rechtschreibung angepasst)] Dann setzte er hinzu: „Für solche Minuten hasst man jahrelang; man rächt sich sein ganzes Leben. Wehe jenen Menschen, welche solche Augenblicke verzeihen können!“ [Ebd. S. 113]

Der Schrecken der Junitage hatte den wahren Charakter der sozialen Beziehungen in der Ära des Kapitalismus und den Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat entlarvt. Die Ereignisse im Frankreich des Jahres 1848 enthüllten die brutale Realität des Klassenkonfliktes, die hinter den edlen bürgerlichen Phrasen von Demokratie, Freiheit und Republik verborgen ist. Herzen schrieb 1849 über die Sozialpsychologie der bürgerlichen Liberalen:

„Die Liberalen haben lange mit der Idee der Revolution schön getan und gespielt, sie haben endlich ihren 24. Februar herausgespielt. Da wurde es etwas ernster. Der Volksorkan führte sie auf die Spitze eines Turmes und zeigte ihnen, wohin sie gingen und wohin sie die Andern führten. Als sie von dieser Höhe die zu ihren Füßen gähnende Kluft wahrnahmen, erblassten sie, denn sie sahen, dass nicht nur das hineinfällt, was sie für ein Vorurteil hielten, sondern auch alles das, was ihnen als ewig und wahr erschien. Voller Angst klammerten sich die Einen an die fallenden Wände, warfen sich die Andern mitten im Wege auf die Knie und beteuerten, dass sie mit dem Geschehenden nichts gemein hätten. So kam es, dass Menschen, welche die Republik proklamiert hatten, zu Scharfrichtern der Freiheit wurden; so kam es, dass die liberalen Namen, die [zwei] Jahrzehnte lang in unsern Ohren freudig widerklangen, jetzt [als reaktionäre Abgeordnete, Verräter, Inquisitoren erschienen]. Der Geist, den sie heraufbeschworen haben, hat ihre Seele (…) mit Angst erfüllt, sie wollten Freiheit, sie wollten Republik, aber in einem kleinen beschränkten literarisch-parlamentarischen Kreise.“ [Ebd. S. 127 (mit russischer Ausgabe [1986] abgeglichen und Rechtschreibung angepasst)]

“Die [Liberalen] aller Länder, besonders seit der Restauration, riefen im Namen der Freiheit, im Namen der Leiden der Unterdrückten, im Namen des Hungers der Armen beständig alle Völker zur Zerstörung der feudalen Monarchie; sie freuten sich der Parforcejagden gegen die Minister, von denen sie Unmögliches forderten, sie freuten sich, als eine feudale Stütze nach der anderen fiel; doch als erst die Kuppel zu wackeln anfing, da erstarrten sie vor Entsetzen, und sahen, dass sie viel weiter gekommen waren, als sie gewünscht hatten. Die Ereignisse gaben ihnen gleich die erwünschte Gelegenheit, stehen zu bleiben, denn sie sahen jetzt nicht in Büchern, nicht in parlamentarischen Plaudereien, nicht in philanthropischen Sentimentalitäten, sondern in der Wirklichkeit den Proletarier sich hinter den eingefallenen Mauern emporrichten. Nun da war er, der unglückliche arme ‘Bruder’, über dessen Los sie vorher so geweint hatten, da war er mit seinen rußigen Händen, in seiner zerrissenen Bluse. Er wollte sich bei den ‘Brüdern’ erkundigen, worin sein Anteil an dem Errungenen, worin denn seine Freiheit und seine Gleichheit bestehe. Als die Liberalen diese freche Undankbarkeit sahen, verloren sie den Kopf und griffen zu den Waffen. [Nachdem sie die Straßen von Paris im Sturm genommen und mit Leichen übersät hatten], verbargen sie sich vor den ‘unglücklichen Brüdern’ hinter den Bajonetten des Belagerungszustandes, die Zivilisation und Ordnung rettend.“ [Ebd. S. 128 (mit russischer Ausgabe [1986] abgeglichen und Rechtschreibung angepasst)]

Marx maß der Niederschlagung des Pariser Proletariats weltgeschichtliche Bedeutung zu. Diese Konfrontation zwischen den beiden großen Klassen der modernen Gesellschaft erwuchs aus dem unvereinbaren Charakter ihrer objektiven sozialen Interessen. Die soziale Republik war eine Illusion. „Mit den Waffen in der Hand musste die Bourgeoisie die Forderungen des Proletariats widerlegen“, schrieb Marx und stellte fest: „Die wirkliche Geburtsstätte der bürgerlichen Republik, es ist nicht der Februarsieg, es ist die Juniniederlage“. [Karl Marx: Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848-1850, in: MEW, Band 7, Berlin 1960, S. 30] „Indem das Proletariat seine Leichenstätte zur Geburtsstätte der bürgerlichen Republik machte“, bemerkte Marx, „zwang es sie sogleich, in ihrer reinen Gestalt herauszutretenals der Staat, dessen eingestandener Zweck ist, die Herrschaft desKapitals, die Sklaverei der Arbeit zu verewigen. Im steten Hinblicke auf dennarbenvollen, unversöhnbaren, unbesiegbaren Feind - unbesiegbar, weil seineExistenz die Bedingung ihres eigenen Lebens ist - musste die von allen Fesselnbefreite Bourgeoisherrschaft sofort in den Bourgeoisterrorismus umschlagen.“ [Ebd. S. 33]

Die Ereignisse in Frankreich stellten einen großen historischen Wendepunkt dar. Vor dem Februar 1848 bedeutete das Wort Revolution so viel wie den Sieg über eine Regierungsform. Aber nach dem Juni, so Marx, bedeutete Revolution so viel wie „Sturz der bürgerlichen Gesellschaft“.

Die Revolution in Frankreich wäre schon unter normalen Umständen dramatisch genug gewesen. Aber die Umstände waren 1848 alles andere als normal. Die Februarrevolution elektrisierte die unruhige Bevölkerung ganz Europas und es kam zu beispiellosen Massenkämpfen in Italien, Deutschland, Österreich und Ungarn. Größere Unruhen gab es auch in der Schweiz, Dänemark, Rumänien, Polen und Irland. Selbst in England, der Bastion bürgerlicher Macht, erreichte zu jener Zeit die radikale Bewegung der Chartisten ihren Höhepunkt.

Alle diese Kämpfe waren von großer historischer Bedeutung und ihr Ausgang hatte weit reichende Konsequenzen für die politische und soziale Evolution Europas. Aber vom Standpunkt der Entwicklung und der Wurzeln der Theorie der permanenten Revolution hatten die Ereignisse in Deutschland die größte Bedeutung.

Aus Zeitgründen möchte ich heute nur in Umrissen die deutsche Revolution skizzieren. Die Februarrevolution in Paris bot zweifellos den politischen und moralischen Impuls für den Märzaufstand in Berlin, welcher sich, das sei kurz angemerkt, nur einige Tage nach dem Aufstand in Wien ereignete. Die Dynastie der Hohenzollern in Preußen wurde tief erschüttert. Wären die Ereignisse dem Muster der Französischen Revolution von 1789-94 gefolgt, so hätte die deutsche Bourgeoisie den Kampf gegen die Dynastie geführt, um die wesentlichen Aufgaben ihrer bürgerlichen Revolution durchzuführen: den Sieg über die Monarchie und über alle politischen Reste des Feudalismus, die Beseitigung der alten Fürstentümer und die Schaffung eines einheitlichen Nationalstaates und die Errichtung einer demokratischen Republik.

Wie sich herausstellte, erwies sich die Bourgeoisie jedoch als unwillig und unfähig, irgendeine dieser Aufgaben zu lösen. In Deutschland wurde 1848 die bürgerliche Revolution von der deutschen Bourgeoisie verraten. Was war die Grundlage dieses Verrates? Ein bekannter Historiker, William Langer, schreibt darüber:

„Marx und Engels fragten sich angesichts der Lage in Deutschland 1848, ob die Bourgeoisie irgendeines anderen Landes jemals in einer besseren Ausgangslage gewesen sei, um den Kampf gegen die bestehende Regierung zu führen. Sie meinten damit natürlich die weit verbreitete Not und Unzufriedenheit und das Versagen der Liberalen, die Gunst der Stunde für sich zu nutzen. Aber diese Liberalen, progressive Beamte, die oberen Schichten der Intellektuellen und insbesondere die neue Unternehmerklasse—zögerten in Deutschland ebenso, die Revolution heraufzubeschwören, wie überall sonst. Sie erinnerten sich an die Exzesse des Jakobinerterrors im Jahre 1793 in Frankreich, und fürchteten ebenso wie die Fürsten und Aristokraten einen großen Aufstand.“ [William L. Langer: The Rise of Modern Europe. Political and Social Upheaval, 1832-1852, New York 1969, S. 387 (aus dem Englischen)]

Es war nicht allein das Beispiel der französischen Ereignisse von 1793/94, welches die Bourgeoisie in Schrecken versetzte. Auch die aktuellen Ereignisse in Frankreich beschworen all zu deutlich das Gespenst einer sozialistischen Revolution herauf, die die Grundlagen des kapitalistischen Privateigentums und der bürgerlichen Herrschaft bedrohte. Das Handeln der politischen Repräsentanten der deutschen Bourgeoisie und der radikaleren Vertreter des Kleinbürgertums war bestimmt durch die Furcht vor dem Proletariat. Ein entschiedener Kampf gegen die Reste des Feudalismus in der wirtschaftlichen und politischen Struktur Deutschlands, mit dem Ziel der Schaffung eines einheitlichen und demokratischen Nationalstaates, hätte die Mobilisierung des Proletariats und der Bauern durch die Bourgeoisie erfordert. Aber im zurückliegenden halben Jahrhundert hatte sich im Gleichlauf mit der kapitalistischen Entwicklung die industrielle Arbeiterklasse herausgebildet und damit wurde die Mobilisierung der Massen zu einer zu großen Gefahr für die bürgerlichen Klasseninteressen selbst. Die Bourgeoisie zog es daher vor, auf Kosten des Proletariats einen Kompromiss mit der Aristokratie zu finden.

Die Verkörperung der bürgerlich-liberalen Feigheit wurde die in der Paulskirche tagende Frankfurter Nationalversammlung. Ihre Vertreter, zahllose Professoren und Advokaten, redeten endlos und erreichten so gut wie nichts von Bedeutung. Bereitwillig überließ das Parlament die Initiative der preußischen Aristokratie und wies die Anwendung revolutionärer Mittel zur Erreichung der deutschen Einheit zurück. Es überließ diese Aufgabe dem reaktionären preußischen Regime, welches diese Aufgabe später unter Bismarcks Führung löste.

Bei der Untersuchung des Verrats der Bourgeoisie an der „eigenen“ Revolution geißelten Marx und Engels auch die Rolle der links schwätzenden kleinbürgerlichen Radikalen, die sich an jedem kritischen Punkt des Kampfes gegen das Proletariat stellten. Engels charakterisierte ihre Rolle in den Ereignissen von 1848/49 mit schonungsloser Genauigkeit: „Die Geschichte aller politischen Bewegungen seit 1830 in Deutschland wie in Frankreich und England zeigt uns diese Klasse stets großprahlerisch, hochbeteuernd und stellenweise selbst extrem in der Phrase, solange sie keine Gefahr sieht; furchtsam, zurückhaltend und abwiegend, sobald die geringste Gefahr herannaht; erstaunt, besorgt, schwankend, sobald die von ihr angeregte Bewegung von andern Klassen aufgegriffen und ernsthaft genommen wird; um ihrer kleinbürgerlichen Existenz willen die ganze Bewegung verratend, sobald es zum Kampfe mit den Waffen in der Hand kommt - und schließlich infolge ihrer Unentschlossenheit stets vorzugsweise geprellt und misshandelt, sobald die reaktionäre Partei gesiegt hat.“ [Friedrich Engels: Die deutsche Reichsverfassungskampagne (1850), in MEW, Band 7, Berlin 1960, S. 112]

Im März 1850 fassten Marx und Engels die politischen Lehren der 1848er Revolution in der Adresse an den Generalrat des Bundes zusammen. Dieses außergewöhnliche Dokument versuchte auf der Grundlage der revolutionären Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre, die unabhängigen Interessen und die historische Rolle des Proletariats in der demokratischen Revolution herauszuarbeiten. Marx und Engels hielten fest, das Proletariat müsse unbedingt, unter allen Bedingungen, seine politische Unabhängigkeit von allen bürgerlichen Parteien und von allen Parteien und Organisationen der kleinbürgerlichen Demokratie bewahren. Sie hoben den zugrunde liegenden sozialen Konflikt hervor, in dem die Arbeiterklasse mit der Mittelklasse steht.

„Weit davon entfernt, die ganze Gesellschaft zugunsten des revolutionären Proletariats umzugestalten, strebt die demokratische Kleinbourgeoisie danach, Veränderungen in den sozialen Verhältnissen zu erreichen, die die gegebene Gesellschaftsform so akzeptabel und komfortabel wie möglich für sie selbst macht …

Während die demokratischen Kleinbürger die Revolution möglichst rasch und unter Durchführung höchstens der obigen Ansprüche zum Abschlusse bringen wollen, ist es unser Interesse und unsere Aufgabe, die Revolution permanent zu machen, so lange, bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen von der Herrschaft verdrängt sind, die Staatsgewalt vom Proletariat erobert und die Assoziation der Proletarier nicht nur in einem Lande, sondern in allen herrschenden Ländern der ganzen Welt so weit vorgeschritten ist, dass die Konkurrenz der Proletarier in diesen Ländern aufgehört hat und dass wenigstens die entscheidenden produktiven Kräfte in den Händen der Proletarier konzentriert sind.“ [Karl Marx/Friedrich Engels: Ansprache der Zentralbehörde an den Bund vom März 1850, in: MEW, Band 7, Berlin 1960, S.247-248]

Marx und Engels beendeten ihre Adresse mit der Erklärung, der Schlachtruf des Proletariats müsse „die Revolution in Permanenz“ sein.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später wurden die Erfahrungen und Lektionen des Jahres 1848 von den großen Theoretikern der Russischen Sozialdemokratischen Partei und der Zweiten Internationale analysiert und überarbeitet, als sie sich darum bemühten, die politischen Triebkräfte und die historischen Aufgaben der Russischen Revolution zu verstehen.