Lampedusa:

Überlebende der Tragödie im Auffanglager wie Vieh behandelt

Von Robert Stevens
20. Dezember 2013

Eine Handy-Aufnahme, die der italienische Sender RAI2 am Dienstag veröffentlichte, zeigt, wie Migranten im Auffanglager von Lampedusa sich in Gegenwart des andern Geschlechts nackt ausziehen müssen und dann der Reihe nach mit einem Schlauch abgespritzt werden.

Ein Flüchtling hatte das Video aufgenommen, ein weiterer kommentierte das Geschehen. Einer der beiden, der sich Khaled nennt, erklärte, er selbst und andere Asylbewerber seien „wie Vieh“ behandelt worden.

Die Aufnahme zeigt, wie Männer und Jungen sich in einem Hof voller Menschen unter freiem Winterhimmel der Reihe nach aufstellen müssen, um sich dann, einer nach dem andern, vollkommen nackt auszuziehen. Man sieht mindestens zwei völlig unbekleidete Männer, während andere sich ausziehen. Ein Mann streckt die Arme aus, während ein Arbeiter in Schutzkleidung ihn von oben bis unten abspritzt. Einige Migranten halten sich die Hände vor die Genitalien, um ein gewisses Schamgefühl zu bewahren.

Wie der Kommentator betonte, entgehen auch Frauen dieser Behandlung nicht, die alle paar Tage wiederholt wird. Das Ganze soll als Teil einer Behandlung von Krätze deklariert worden sein.

Etwa zwei Dutzend der auf diese Weise behandelten Asylsuchenden sind offenbar Überlebende der Schiffshavarie, die im Oktober vor der Küste von Lampedusa 350 Menschenleben forderte. Auf diese Tragödie, deren Opfer hauptsächlich Afrikaner waren, folgte nur acht Tage später eine zweite, bei der unmittelbar vor der Inselküste ein weiteres Schiff kenterte und 34 Menschen ertranken, hauptsächlich Flüchtlinge aus Syrien und Palästina.

In einem Artikel der Zeitung Corriere della Sera heißt es: „Der Film wurde offenbar am 13. Dezember aufgenommen, aber die Migranten sagen, dass eine solche Desinfektion jede Woche stattfinde.“

Weiter heißt es: „Es sind offenbar Eritreer, Syrer, Ghanaer, Nigerianer und Kurden, die diese Behandlung erleiden, unter ihnen mehrere Überlebende der Havarie vom 3. Oktober.“

Die Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini, nannte die Bilder „entsetzlich: Sie erinnern einen an Auschwitz.“ Diese Art, mit Menschen umzugehen, sei eine Schande für Lampedusa und für Italien. „Es muss sich ändern. Solche Bilder haben wir nur zwei Monate nach der Schiffshavarie, die so viele Tränen und Versprechen auslöste, nicht erwartet.“

Die Organisation Coop Lampedusa Accoglienza, die das Lager führt, war schnell bei der Hand, die Schuld den Migranten selbst zuzuschieben. Lagerleiter Cono Galipò behauptete, die Einwanderer selbst hätten beschlossen, sich für diese Prozedur nackt auszuziehen. In einem Interview mit Radio Città Futura sagte Galipò: „Die Behandlung, die wir Protokoll-gemäß durchführten, dauerte anderthalb Stunden. An einem bestimmten Punkt verloren einige Immigranten die Geduld und zogen ihre Kleider aus. Was man sieht, ist ganz klar inszeniert worden.“

Seit Bekanntwerden des erschreckenden Geschehens melden sich Vertreter der herrschenden Elite in Italien und Europa zu Wort und bezeichnen die jüngsten Ereignisse auf Lampedusa als „Schande“. Dies ist reine Heuchelei, da sie selbst die Autoren einer Politik sind, die hunderttausende Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat zwingt, und die außerdem die migrantenfeindliche Politik namens „Festung Europa“ überhaupt erst eingeführt haben.

Der italienische Ministerpräsident Enrico Letta zeigte sich „schockiert“ von dem Video und fügte hinzu: „Die Regierung wird eine gründliche Untersuchung durchführen und die Frage nach der Verantwortung stellen müssen.“

Innenminister Angelino Alfano sagte, innerhalb von 24 Stunden werde ein Bericht erstellt, und „wer immer hier Fehler begangen hat, wird dafür bezahlen“.

Parlamentspräsidentin Laura Boldrini (SEL) erklärte: „Männer und Frauen mitten im Winter im Freien nackt auszuziehen, das ist eines zivilisierten Landes unwürdig.“

Cecilia Malmström, EU-Kommissarin für Innenpolitik, sagte: „Die Bilder, die wir aus dem Internierungslager von Lampedusa gesehen haben, sind entsetzlich und inakzeptabel.“

Sie fuhr fort: „Wir haben schon mit einer Untersuchung der erschreckenden Bedingungen in vielen italienischen Aufnahmelagern begonnen, auch in Lampedusa.“

In einer Twitter-Botschaft schrieb sie: „Die EU hat die Pflicht, Italien bei der Aufnahme von Migranten zu unterstützen, aber das muss unter geordneten Bedingungen geschehen. Wir werden nicht zögern, ein Rechtsverfahren einzuleiten, um sicherzustellen, dass EU-Standards und -Verpflichtungen vollkommen respektiert werden.“

Dies alles läuft in Wirklichkeit nur darauf hinaus, dass die Unterdrückung der Einwanderer zwar weitergehen soll, aber ohne dass die Brutalität auf so peinliche Weise sichtbar wird.

Für Donnerstag und Freitag ist ein EU-Gipfeltreffen vorgesehen, auf dem die europäischen Spitzenpolitiker Vorschläge über die Zukunft ihrer Einwanderungspolitik diskutieren wollen. Keiner dieser Vorschläge geht davon aus, die demokratischen Grundrechte von Migranten und Asylsuchenden zu verteidigen. Stattdessen werden Maßnahmen zur Diskussion gestellt, durch welche die Grenzüberwachung gegen „illegale Einwanderung“ verschärft wird.

Die Europäische Kommission empfiehlt verstärkte Luft- und Seepatrouillen im Mittelmeerraum, um Flüchtlingsboote frühzeitig zu entdecken und abzufangen, ehe sie die europäische Küste erreichen. Dieser Plan, der schätzungsweise weitere vierzehn Millionen Euro im Jahr kosten soll, befindet sich in völliger Übereinstimmung mit einem Vorhaben der EU-Grenzkontrollagentur FRONTEX.

FRONTEX unterhält ihre eigene Flotte an Flugzeugen, Helikoptern und Schiffen, setzt Drohnen ein und nutzt hochentwickelte Überwachungstechnologie. Ihre Grenzpatrouillen können jederzeit von verschiedenen Mitgliedsstaaten aus eingesetzt werden.

Nun will die Kommission fünfzig Millionen Euro zusätzlich anweisen, um den Ländern unter die Arme zu greifen, die unter „hohem Einwanderungsdruck“ stehen. Davon gehen dreißig Millionen Euro an Italien.

Die Aufnahmen von Lampedusa geben nur einen kleinen Einblick in das Leiden und die entwürdigende Behandlung, denen Migranten, Flüchtlinge und Asylbewerber in Lagern in der ganzen EU ausgesetzt sind. Im Flüchtlingslager Lampedusa leben zurzeit 391 Einwanderer, darunter 36 Kinder, in Räumlichkeiten, die für maximal 250 Menschen geplant wurden.

Laut einem Bericht der Hilfsorganisation Save the Children vom Dienstag sind die Bedingungen in dem Lager nicht einmal mit den „grundlegendsten Menschenrechten“ vereinbar. Dort heißt es, das Lager sei so überbelegt, dass viele draußen in der Kälte schlafen müssten.

Der Bericht stellt weiter fest, dass dieses Jahr viele der Migranten, die die gefährliche Reise übers Meer geschafft haben, aus Syrien stammen.

In Syrien wütet seit zweieinhalb Jahren ein Bürgerkrieg, der von den großen imperialistischen Ländern angeheizt wird, welche die Oppositionsgruppen ausrüsten, damit sie das Regime von Präsident Bashar Al-Assad bekämpfen. Neue Zahlen der Flüchtlingsagentur der Vereinten Nationen von dieser Woche zeigen, dass jeden Monat 127.000 Flüchtlinge Syrien verlassen.

Von den 40.244 Migranten, die Italien in den ersten elf Monaten 2013 erreichten, waren etwa ein Viertel aus Syrien, das sind mehr als aus jeder anderen Nationalität, schrieb Save the Children.

Die europäischen Staatchefs reagieren auf diese humanitäre Katastrophe, indem sie ihre Hände in Unschuld waschen. Nur zehn EU-Staaten haben dieses Jahr zugestimmt, maximal 12.000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen, wie Amnesty International vergangene Woche bekanntgab.

Die verschlossenen Grenzen der Europäischen Union sind dafür verantwortlich, dass bisher etwa 25.000 Menschen beim Versuch ums Leben gekommen sind, Europa zu erreichen. Die diesjährige Bilanz wird die bisher schlimmste sein. Die Internationale Flüchtlingsorganisation enthüllte diese Woche in einem Bericht, dass 2013 über siebentausend Migranten gestorben sein könnten, als sie auf der Suche nach einer Zuflucht das Meer oder die Wüste durchquerten.

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