Johnson Controls Bochum: Arbeiter protestieren gegen Entlassungen

Von Dietmar Henning
5. März 2014

Am Samstag protestierten rund 300 Beschäftigte des Autozulieferers Johnson Controls in Bochum gegen den Abbau ihrer Arbeitsplätze. Im Anschluss an den Protest fand eine Betriebsversammlung statt.

Protest vor der Betriebsversammlung

Das US-Unternehmen Johnson Controls zählt zu den hundert größten Konzernen der Welt und ist neben dem Automobilsektor auch im Bereich Energieoptimierung von Gebäuden tätig. Der Konzern plant, in Bochum 220 von 660 Arbeitsplätzen abzubauen, wenn Ende Jahr das benachbarte Opel-Werk geschlossen wird.

Johnson Controls stellt in Bochum Sitze für den Opel Zafira sowie für den in Köln gebauten Ford Fiesta her. Das Bochumer Werk war vor 30 Jahren von Opel ausgegliedert und Anfang der 1990er Jahre von Johnson Controls übernommen worden. Da Ford plant, die Fiesta-Produktion 2017 von Köln nach Rumänien zu verlagern, droht dem Bochumer Werk mittelfristig die vollständige Schließung.

Der Betriebsratsvorsitzende Dietmar Kupfer erklärte, der massive Arbeitsplatzabbau im Ruhrgebiet, dem größten Industriezentrum Europas, lasse befürchten, dass eine katastrophale Entwicklung wie in Detroit in Gang gesetzt würde.

Betriebsrat Dietmar Kupfer

„Es werde eng“, wenn im Ruhrgebiet weiter Arbeitsplätze in der Industrie wegfielen, sagte er der WSWS. „Arbeitsplätze im Einzelhandel oder im Kulturbereich ersetzen keinen Industriearbeitsplatz.“ Er erinnerte an Untersuchungen, laut denen rund zehn weitere Arbeitsplätze an einem Arbeitsplatz in der Automobilindustrie hängen.

Einer Studie der Hochschule Aachen zufolge sind in Nordrhein Westfalen über 45.000 Arbeitsplätze direkt vom Bochumer Opel-Werk abhängig. Dem Werk arbeiten allein aus NRW etwa 130 Zulieferer und Dienstleister zu, die ihrerseits wieder Zulieferer beschäftigen. So wird Johnson-Controls von weiteren hundert Firmen beliefert.

Einige Beschäftigte fürchten, Johnson Controls könnte sich vollständig aus dem Automotive-Unternehmensbereich zurückziehen. Schließlich steht der Arbeitsplatzabbau in Bochum nicht allein da. Ein Werk in Peine wurde bereits geschlossen, die Schließung der Betriebe in Grefrath und Wuppertal ist geplant.

Viele Arbeiter sprachen über ihre Zukunftssorgen. Marina Bienzel arbeitet seit 20 Jahren bei Johnson Controls. Sie sagte: „Wir brauchen die Arbeitsplätze.“ Bei ihr sei die Situation nicht ganz so schlimm. „Ich gehe auf die 60 zu und möchte eigentlich noch drei Jahre arbeiten. Aber was machen die vielen Kollegen zwischen 40 und 50 Jahren? Die müssen ja noch arbeiten.“ Da viele Betriebe in der Region schlössen und in der Autoindustrie Jobs vernichtet würden, „werden sie es schwer haben“.

Marina Bienzel

Auf der Betriebsversammlung hielt die Geschäftsleitung von Johnson Controls an ihren Abbauplänen fest. Den betroffenen Beschäftigten wurden Ersatzarbeitsplätze angeboten, darunter 90 Stellen im 350 Kilometer entfernten Werk Saarlouis im Saarland. Da keine großzügigen Umzugsprämien in Aussicht gestellt wurden, bekundeten nach Aussage des Betriebsrats nur wenige junge Zeitarbeiter und befristet Beschäftigte Interesse daran.

Nach der Betriebsversammlung forderte Betriebsrat Dietmar Kupfer gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) erneut eine Protestaktion von Arbeitern in der gesamten Region. „Dies sollte von der IG Metall organisiert werden“, sagte er.

Das ist das letzte, was die IG Metall tun würde. Sie hat – gemeinsam mit dem Gesamtbetriebsrat von Opel – die Pläne zur Schließung des Bochumer Opelwerks ausgearbeitet, die die Entlassungen bei Johnson Controls nach sieht zieht. Jetzt sieht sie ihre Aufgabe darin, jeden Widerstand dagegen zu unterdrücken. Auch die Bochumer IG Metall und der örtliche Opelbetriebsrat lehnen Kampfmaßnahmen gegen die Werksschließung strikt ab.

Eine Delegierten-Konferenz der IG Metall hatte eine Mobilisierung gegen die Entlassungen bereits vor der Betriebsversammlung zurückgewiesen. Der Betriebsrat von Johnson-Controls hatte dort vorgeschlagen, die Verteidigung der Arbeitsplätze auf andere Betriebe in der gesamten Region auszuweiten. Neben Opel und Johnson Controls werden im Ruhrgebiet derzeit auch beim Bochumer Stahlproduzenten Outokumpu, ThyssenKrupp in Essen und anderen Konzernen Arbeitsplätze vernichtet.

Die Forderung, die IG Metall solle die Verteidigung der Arbeitsplätze organisieren, bedeutet unter diesen Umständen nichts anderes, als die Arbeiter an der Nase herumzuführen und auf etwas zu vertrösten, was nie stattfinden wird.

Der Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Bochum Volker Strehl, machte auf der Betriebsversammlung deutlich, dass die Gewerkschaft einen Kampf gegen die Entlassungen strikt ablehnt. Er plädierte für Verhandlungen, auf denen zunächst Informationen ausgetauscht werden sollen. Andere Maßnahmen seien „nicht die beste Lösung“, sagte er.

Unterstützt wird die IG Metall von der Linkspartei. Sie hatte der Gewerkschaft und dem Betriebsratsvorsitzenden Rainer Einenkel schon bei der Abwicklung des Opelwerks den Rücken gestärkt.

In einer Presseerklärung vom 7. Februar verwies Sevim Dagdelen, Bochumer Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, die Arbeiter an den Staat: „Nur ein stärkeres Engagement des Staates kann diesen Trend [zu Massenentlassungen] noch stoppen.“ Sie forderte außerdem ein gesetzliches Verbot von Massenentlassungen.

Als positives Beispiel für den Einfluss des Staates auf einen Konzern nannte Dagdelen ausgerechnet Volkswagen, wo die Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaft, Betriebsrat, Unternehmensleitung und Landesregierung so eng ist wie in keinem anderen Unternehmen.

VW war Vorreiter bei der Ausgliederung ganzer Produktionsbereiche an Zulieferfirmen mit Niedriglöhnen, der Steigerung der Arbeitshetze, der Spaltung der Belegschaft in unterschiedliche Einkommensgruppen, und vielem mehr. Das Verhältnis zwischen Betriebsrat und Vorstand ist derart korrupt, dass der frühere Betriebsratsvorsitzende Klaus Volkert deshalb für zwei Jahre und neun Monate hinter Gitter wanderte und Arbeitsdirektor Peter Hartz (der Namensgeber der Hartz-Gesetze) zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde.

Der Bochumer Vorstandssprecher der Linkspartei, Ralf Lange, forderte die Geschäftsleitung von Johnson Controls auf, „sich jetzt um Ersatzarbeitsplätze zu kümmern“ – eine klassische Formel, mit der die Entlassungen akzeptiert und jeder Kampf dagegen für aussichtslos erklärt wird. Zynisch wünschte er dann „dem kämpferischen Betriebsrat und der IG-Metall alles Gute bei dem Ringen um den vollständigen Erhalt aller Arbeitsplätze“.

Johann Wolant

Viele Arbeiter wenden sich von der IG Metall ab. Johann Wolant (44), der seit 16 Jahren bei Johnson Controls arbeitet, sagte der WSWS: „Ich bin nicht in der IG Metall – aus Überzeugung.“ Er unterstütze die Politik der Gewerkschaft nicht. „Die investieren mehr in Immobilien als in ihre Mitglieder. Von einer Gewerkschaft erwarte ich aber, dass das Geld, das sie von ihren Mitgliedern bekommt, auch wieder den Mitgliedern zugutekommt.“

Die Gewerkschaften sind inzwischen Unternehmen, die als Co-Manager der Konzernspitzen die Aufgabe übernehmen, in den Betrieben für Ordnung zu sorgen. Jede Werksschließung, jeder Arbeitsplatzabbau und jede Lohnsenkung trägt ihre Unterschrift.

Mitglieder der Partei für Soziale Gleichheit verteilten die Autoarbeiter-Info, in dem die Lehren aus der Schließung des Bochumer Opel-Werks gezogen werden: „Arbeitsplätze, Löhne und soziale Errungenschaften können nur unabhängig von den Gewerkschaften und gegen sie verteidigt werden.“ Dazu „müssen Aktionskomitees aufgebaut werden, die den Arbeitern direkt verantwortlich sind“.