Langjähriger Lohndrücker wird Präsident der US-Autogewerkschaft

Von Shannon Jones
6. Juni 2014

Auf dem 36. Kongress der UAW in Detroit wählten die Delegierten am letzten Mittwoch den UAW-Schatzmeister Dennis Williams zum neuen Präsidenten und Nachfolger des scheidenden Bob King. Die Wahl war kaum mehr als eine Formalität. King hatte seinen Nachfolger persönlich ausgewählt, und dieser erhielt mehr als 98 Prozent der Stimmen. Weitere hohe UAW-Funktionäre wurden durch Akklamation im Amt bestätigt.

Williams bringt eine jahrzehntelange Erfahrung mit, den Interessen des Gewerkschaftsapparates und des Großkapitals zu dienen und die Interessen der Arbeiter zu verraten. Bevor er Schatzmeister wurde, war er UAW-Sekretär in der Region 4 mit Sitz in Chicago. Zurzeit sitzt er im Aufsichtsrat des LKW-Herstellers Navistar.

2004 und 2011 handelte er Tarifverträge mit dem Baumaschinenhersteller Caterpillar aus, in denen als Zugeständnisse unter anderem die vom Unternehmen bezahlten Rentenpläne abgeschafft, die Kosten für die Krankenversicherung erhöht, Werksschließungen abgesegnet und der Lohn für neu eingestellte Arbeiter auf "marktbasierte" Lohnsätze gesenkt wurden. Das Tarifabkommen 2004 diente als Vorlage für die Einführung von Zweiklassen-Löhnen in der ganzen Autoindustrie.

Der Kongress stimmte am Dienstag auch mit großer Mehrheit für eine Erhöhung der Mitgliedsbeiträge um 25 Prozent, um die Kassen der Gewerkschaft zu füllen, die durch den starken Mitgliederschwund und die Lohnsenkungen für die verbliebenen Belegschaften Einnahmen verloren hatten.

Der völlig undemokratische Charakter der Angelegenheit zeigte sich schon daran, dass Arbeiter kein Recht haben, ihre führenden Funktionäre zu wählen. Die Stimmung an der Basis kam höchstens darin zum Ausdruck, dass einige Delegierte vor einer möglichen Rebellion warnten. Jahrzehnte der hemmungslosen Kollaboration mit dem Management haben die UAW in das Instrument eines hoch bezahlten bürokratischen Apparates verwandelt, der den Interessen der Arbeiter fremd und feindselig gegenübersteht. Ein Großteil der Delegierten waren regionale oder lokale Funktionäre, die durch Jahre und Jahrzehnte der Kollaboration mit den Arbeitgebern völlig verhärtet sind.

Dennoch kam auf dem Gewerkschaftstag die Krise, vor der die UAW steht, deutlich zum Ausdruck. Die Mitgliedsbeiträge gehen zurück und die Arbeiter an der Basis werden immer unruhiger. Die brutale Arbeitshetze in den Fabriken und der sinkende Lebensstandard steigern ihre Wut. Die Verrätereien der UAW haben zu einem starken Mitgliederschwund um fast 75 Prozent im Vergleich zu 1979 geführt.

UAW-Funktionäre sorgen sich über den massiven Verlust an Beiträge zahlenden Mitgliedern, der zusätzlich droht, wenn die aktuellen Tarifverträge mit Chrysler, Ford und GM 2015 auslaufen. Nach dem "Recht-auf-Arbeit"-Gesetz, das der Bundesstaat Michigan, ein Zentrum der Autoindustrie, eingeführt hat, sind Arbeiter nicht länger verpflichtet, Mitgliedsbeiträge an die UAW abzuführen.

Die Arbeiter sind erbost über die Verschlechterung von Löhnen und Arbeitsbedingungen, die die UAW durchgesetzt hat. Die Gewerkschaft hat mit den Detroiter Autokonzernen Tarifabkommen abgeschlossen, die den Achtstundentag abgeschafft und die Arbeitsbelastung stark erhöht haben. Die Reallöhne der Arbeiter zweiter Klasse sind auf ein Niveau gesunken, wie es seit der Gründung der Gewerkschaften in den 1930ern nicht existiert hat.

Unter diesen Bedingungen rückt die UAW noch näher an die Konzerne und die Demokratische Partei heran, die den Gewerkschaftsapparat einsetzen, um den Arbeitern Armutslöhne aufzuzwingen. Nächste Woche wird General Motors (GM) voraussichtlich UAW-Vizepräsident Joe Ashton in den Vorstand aufnehmen. Es ist das erste Mal, dass der größte amerikanische Autobauer (GM) einen UAW-Funktionär in den Vorstand aufnimmt.

Bob King brachte in seiner Abschiedsrede am Montag den Korporatismus der UAW noch einmal auf den Punkt, als er vor jubelnden Delegierten erklärte: "Wir wollen zeigen und demonstrieren – und das tun wir jeden Tag – dass es ein Wettbewerbsvorteil ist, und kein Wettbewerbsnachteil, wenn eine Belegschaft eine Gewerkschaft hat."

Die Tatsache, dass die Gewerkschaft ihren wichtigsten Finanzfunktionär zum Präsidenten macht, ist ein Zeichen dafür, dass die UAW große interne Kostensenkungs- und Umstrukturierungsmaßnahmen vorbereitet. Das zeigte sich an einer Reihe von Resolutionen, die auf dem Kongress verabschiedet wurden, darunter die Abschaffung einer Region und eines Vizepräsidentenpostens. Der Kongress genehmigte außerdem den Transfer von 25 Millionen Dollar aus der Streikkasse für "Umstrukturierungsinitiativen".

Die UAW ist zwar immer noch die reichste amerikanische Gewerkschaft, allerdings hat sich ihre Streikkasse in den letzten Jahren von 914 Millionen im Jahr 2005 auf 626 Millionen im Jahr 2013 verringert. Der Grund dafür sind nicht Kämpfe, die die UAW geführt hätte (sie ruft praktisch nie zu Streiks auf). Ein Hauptgrund ist, dass Millionen Dollar für den Betrieb des aufgeblasenen Gewerkschaftsapparates aufgewandt werden. Eine kleine Armee von internationalen Vizepräsidenten, Organisatoren und amtierenden Vertretern beziehen Gehälter von über 100.000 Dollar im Jahr.

Gemäß dem Plan, den der Kongress genehmigt hat, werden die Beiträge auf zweieinhalb Stundenlöhne pro Monat steigen, bisher waren es zwei Stundenlöhne. Einem älteren Arbeiter werden momentan 56,25 Dollar pro Monat vom Lohn abgezogen, das sind 675 Dollar pro Jahr (auf der Grundlage eines Stundenlohns von 28,125 Dollar). Dieser Betrag wird auf 70,32 Dollar pro Monat und 843,75 Dollar pro Jahr steigen.

Für Arbeiter zweiter Klasse, die 15,78 Dollar pro Stunde verdienen, werden die Beiträge von 31,56 Dollar pro Monat (bzw. 378,72 Dollar pro Jahr) auf 39,45 Dollar pro Monat (bzw. 474,40 Dollar pro Jahr) steigen. Für Rentner werden sich die freiwilligen Beiträge von zwei auf drei Dollar pro Monat erhöhen.

Die Erhöhung ist die erste seit 1967. Damals hatte die UAW einen 66-tägigen Streik gegen Ford geführt, bei dem sie unter anderem eine verbesserte Lebenshaltungskostenzulage durchsetzen konnte. Nach diesem Kampf streikte sie 1970 zwei Monate lang bei General Motors.

Die UAW behauptet, die aktuelle Beitragserhöhung sei notwendig, um bei den bevorstehenden Tarifverhandlungen für die Abschaffung der Zweiklassenlöhne zu kämpfen. Das ist absurd. Die UAW hat seit Jahrzehnten zu keinem unternehmensweiten Streik mehr aufgerufen. Ältere Autoarbeiter haben seit neun Jahren keine Lohnerhöhung mehr erhalten. 2009 einigte sich die UAW mit Chrysler und General Motors darauf, sechs Jahre lang nicht zu streiken.

Die Behauptung, eine bessere finanzielle Ausstattung der UAW könnte sich in besseren Arbeitslöhnen ihrer Mitglieder niederschlagen, ist vollkommen abwegig. Die einzigen neuen Mitglieder der UAW kommen durch Abkommen zustande, die hinter dem Rücken der Arbeiter abgeschlossen werden, und in denen die Gewerkschaft sich verpflichtet, Löhne niedrig und Profite hoch zu halten. Anfang des Jahres hat das Bekanntwerden eines solchen Abkommens zwischen der UAW und Volkswagen zu der Niederlage der UAW im VW-Werk von Chattanooga, Tennessee, beigetragen.

In der Diskussion über die Beitragserhöhung drückten Delegierte eine gewisse Nervosität darüber aus, dass der schamlose Griff der UAW in die Taschen der Autoarbeiter, deren Löhne sie zuvor gekürzt hatten, nicht folgenlos bleiben werde.

Wie begründet diese Nervosität ist, zeigte sich an der Reaktion von Arbeitern im Gespräch mit der World Socialist Web Site am Fabriktor.

So reagierte Robert, ein Zweitklasse-Arbeiter in der Chrysler-Lastwagenfabrik von Warren bei Detroit, erbost auf die Nachricht, dass die UAW eine Beitragserhöhung durchgesetzt habe. "Wie können sie das tun? Wir sollten ihnen überhaupt kein Geld mehr geben, denn sie vertreten ja gar nicht unsere Interessen", sagte er der WSWS.

Robert erklärte, um finanziell überleben zu können, brauche er noch einen zweiten Arbeitsplatz. "Der Chrysler-Lohn reicht mir nicht, um meine Rechnungen zu zahlen. Ich muss zusätzlich noch andere Jobs machen. Ich habe eine Hypothek und ein Auto abzuzahlen, und eine Tochter, die aufs College geht. Bei Chrysler arbeite ich härter als in meinem zweiten Job, hier stehe ich am Fließband. Alle zwei Stunden bekomme ich zwölf Minuten Pause. Ich trinke Energydrinks und tue was ich kann, um den ganzen Tag durchzuhalten. Ich muss meine Familie durchbringen.“

Er fuhr fort: "Wir bauen Lastwagen für 65.000 Dollar pro Stück, aber wir können uns das Produkt nicht leisten, das wir bauen. Das ist verrückt." Über den gehässigen "Kauft amerikanisch"-Chauvinismus, den die UAW propagiert, erklärte Robert: "Sie wollen, dass wir Chrysler fahren, aber einen Chrysler können wir uns gar nicht leisten."

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