Ford-Betriebsrat vereinbart flexible Arbeitszeit und Personalabbau

Von Dietmar Henning
14. Juni 2014

Der Gesamtbetriebsrat von Ford hat mit dem deutschen Ford-Management den Abbau von Arbeitsplätzen, flexiblere Arbeitszeiten und eine Kürzung von Sonderzahlungen für die rund 24.000 Beschäftigten der Werke in Köln und Saarlouis vereinbart.

Der Betriebsrat erkaufte sich damit die Zusage des amerikanischen Autoherstellers, auch in Zukunft in Deutschland zu produzieren. In Köln-Niehl stellen 4.100 Arbeiter das Modell Fiesta her, das dort seit 35 Jahren vom Band rollt. Insgesamt beschäftigt Ford in Köln 17.300 Mitarbeiter. In Saarlouis montieren 6.500 Arbeiter die Modelle Focus und C-Max.

Ford hatte zuvor damit gedroht, ab 2017 einen großen Teil der Produktion in Billiglohnländer zu verlagern. Für die Produktion des Fiesta hatte sich konzernintern auch das Ford-Werk im rumänischen Craiova beworben.

Nun wird innerhalb Europas auch die nächste Generation des Kleinwagens Fiesta ausschließlich in Köln hergestellt, teilte der Geschäftsführer der Ford-Werke GmbH, Bernhard Mattes, am 10. Juni mit. Saarlouis bleibt einziger Standort für die Produktion der Modelle Focus und C-Max.

Ford verlängerte auch eine so genannte „Beschäftigungsgarantie“ um fünf Jahre bis Ende 2021. Gemeint ist damit nicht der Erhalt der bestehenden Arbeitsplätze, sondern lediglich der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen. Stattdessen werden die Arbeitsplätze über Altersteilzeit und „natürliche Fluktuation“ abgebaut.

Die Fertigung in Köln findet künftig im Rahmen eines „neuen, flexiblen Mehrarbeitsmodells“ im Zwei-Schicht-Betrieb statt. Die Nachtschicht entfällt ab 2017. Wie viele Arbeitsplätze dadurch wegfallen, sagte Mattes nicht. Einige Nachtschicht-Beschäftigte sollen in einer dritten Schicht unterkommen, die in der Motorenfertigung eingeführt wird. Der dort hergestellte Ein-Liter-EcoBoost-Motor soll auch in anderen Ford-Fahrzeugen eingesetzt werden. Weitere Nachschichtarbeiter sollen Aufgaben übernehmen, die Ford in der Vergangenheit ausgelagert hatte und nun wieder an die Stammbelegschaft überträgt.

Reicht dies alles nicht aus, um genügend Arbeitsplätze abzubauen, will das Unternehmen unter anderem auf bewährte Altersteilzeitangebote zurückgreifen, sagte Arbeitsdirektor Rainer Ludwig.

Mit dem Abbau der dritten Schicht geht eine Steigerung der Arbeitshetze einher. Bei hoher Nachfrage kann Ford „die Arbeitszeit pro Schicht um eine halbe Stunde erhöhen“. Im Zwei-Schicht-Betrieb können die Beschäftigten so verpflichtet werden, „pro Tag eine Stunde mehr zu produzieren“.

Diese Mehrarbeit „wird auf einem Stundenkonto gesammelt und kann in nachfrageschwachen Monaten sowohl stundenweise als auch tageweise abgebaut werden“, heißt es in der Vereinbarung zwischen Geschäftsführung und Gesamtbetriebsrat. Für geleistete Mehrarbeit werde auch künftig eine Überstundenprämie bezahlt. Ab 2017 fallen auch Sonderzahlungen und Sonderurlaub zu Firmenjubiläen, etwa bei 25-jähriger Betriebszugehörigkeit, vollständig weg.

Dafür blieben die laufenden monatlichen Einkünfte der Belegschaft unangetastet, sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Martin Hennig am Dienstag auf einer Betriebsversammlung in Köln vor 8.000 Arbeitern. Es gebe auch keine Verschlechterung der Tarifbedingungen für neu eingestellte Mitarbeiter.

Hennig behauptete, mit dem „Kompromiss“ habe er einen langsamen Tod des Werks verhindert. „Der Verlust der Fiesta-Produktion hätte für den Standort Köln das Sterben auf Raten, bedeutet”, sagte er. Bis zu 10.000 Arbeitsplätze bei Ford und den Zulieferern seien in Gefahr gewesen. Nun sei es gelungen, den Beschäftigten „für die nächsten siebeneinhalb Jahre und darüber hinaus” Sicherheit zu geben.

Die Ford-Arbeiter in Köln, die seit Wochen und Monaten den Verlust der Fiesta-Produktion befürchteten, waren erst einmal erleichtert. Hennig erhielt laut Presseberichten auf der Betriebsversammlung stehende Ovationen, als er verkündete, die Fiesta-Produktion werde in Köln bleiben.

Doch die vom Betriebsrat ausgehandelte Vereinbarung verhindert ein Ende auf Raten nicht. Die Opel-Arbeiter in Bochum können davon ein Lied singen. Der Bochumer Betriebsrat unter Rainer Einenkel hat über Jahre hinweg ähnliche Zugeständnisse unterzeichnet und behauptet, er habe das Werk so „gerettet“ und eine Schließung „abgewehrt“. In Wirklichkeit hat jedes Zugeständnis die Schließung näher gebracht. Ende des Jahres wird das Bochumer Opel-Werk geschlossen.

Mit den Zugeständnissen hat der Ford-Betriebsrat einen Kreislauf eröffnet, der es dem Management des globalen Konzerns erlaubt, die Belegschaften der einzelnen Standorte gegeneinander auszuspielen und die Löhne und Arbeitsbedingungen immer weiter nach unten zu schrauben.

Die in Köln vereinbarten Maßnahmen bringen dem Konzern laut Manager Mattes für den Zeitraum von 2017 bis 2021 Einsparungen von insgesamt 400 Millionen US-Dollar (295 Millionen Euro). Damit werden die Beschäftigten anderer Standorte unter Druck gesetzt, ebenfalls Zugeständnisse zu machen – bis die Reihe wieder an Köln und Saarlouis ist.

Ford hat auf den Einbruch des Automarkts nach der internationalen Finanzkrise 2008/2009 mit einem drastischen Abbau von Arbeitsplätzen reagiert. Das Werk im belgischen Genk wird Ende 2014 geschlossen, die Werke im südenglischen Southampton und ein Presswerk in Dagenham bei London sind bereits stillgelegt.

In Genk hatten fast 4.500 Menschen gearbeitet, in den beiden Fabriken in Großbritannien 1.400. Alle drei Werke hatten ebenfalls langjährige „Beschäftigungsgarantien“ vereinbart.

Mit Hilfe der Werksschließungen sowie der jetzt getroffenen Vereinbarung in Deutschland will Ford in Europa schon 2015 wieder Gewinne erwirtschaften. 2013 hatte der Konzern noch 1,2 Milliarden Euro Verlust ausgewiesen.

Doch der Konzern wird sich damit nicht zufrieden geben. Wenn er erst einmal die jetzt vereinbarten Zugeständnisse durchgesetzt hat, werden weitere folgen. Ford wird den Autoherstellern Daimler, Audi und BMW nacheifern und eine zehnprozentige Rendite einfordern.

Die Standorte werden dabei systematisch gegeneinander ausgespielt und die niedrigen Löhne in den osteuropäischen und asiatischen Werken benutzt, um auch die letzten Errungenschaften zu schleifen. Die einzige Möglichkeit, dieser permanenten Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und Löhne ein Ende zu setzen, ist die internationale Vereinigung aller Autoarbeiter gegen die Angriffe der Konzerne.

Doch genau das lehnen die Gewerkschaften und Betriebsräte vehement ab. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Forderungen der Autohersteller gegen die Belegschaften durchzusetzen. So hat der Europabetriebsrat von Ford, der seinen Sitz in Köln hat und von Dieter Hinkelmann geleitet wird, keinen Finger zur Verteidigung der Werke in Belgien und Großbritannien gerührt.

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