Opel: IG Metall-Protest stößt auf Desinteresse und Ablehnung

Von Marianne Arens
19. Juni 2014

Am Freitag, den 13. Juni, organisierte die IG Metall bei Opel eine reaktionäre Alibi-Veranstaltung. Am selben Tag, an dem der Opel-Betriebsrat und die IG Metall in Bochum den Sozialtarifvertrag unterzeichneten, der das endgültige Aus von Opel-Bochum besiegelt, ließ die Gewerkschaft in Rüsselsheim Opel-Jugendvertreter für einheitliche Ausbildungsstandards und für die Übernahme aller Auszubildenden „protestieren“.

Die Gewerkschaftskundgebung war als Höhepunkt und Abschluss eines einwöchigen Seminars der Jugendvertretungen aller europäischen Opel-Standorte angekündigt und sollte eine „Großkundgebung“ (Rüsselsheimer Echo) werden. Den Lehrlingen der deutschen Standorte hatte die Opel-Geschäftsführung extra frei gegeben, und die Gewerkschaft hatte Busse organisiert. Doch kaum jemand erschien.

Obwohl allein das Rüsselsheimer Stammwerk über 450 und Opel-Deutschland rund tausend Auszubildende hat – nicht zu Reden von über 3.500 Opel-Beschäftigten im Rüsselsheimer Stammwerk – stieß das Gewerkschaftsspektakel bei den Beschäftigten auf Ablehnung. Abgesehen von den Betriebsräten und IGM-Vertrauensleuten, einigen Betriebsseelsorgern, einer Vielzahl von Pressevertretern und natürlich den Europa-Jugendvertretern, darunter vorwiegend karriereorientierte Jungbürokraten, marschierten nur ein paar Dutzend Auszubildende unter den IG Metall-Fahnen vom Ausbildungszentrum zum Opel-Hauptportal.

Deutlicher hätte das Gros der jungen Opel-Arbeiter kaum zeigen können, wie ablehnend und desinteressiert sie der IG Metall gegenüberstehen.

Geringe Beteiligung an der Rüsselsheimer Kundgebung der Opel-Jugendvertreter

Die IGM-Bürokratie nutzte die Aktion als Trainingseinheit für Jungfunktionäre, die sie als ihre Nachfolger ausbildet. Diese konnten sich auf der Bühne im öffentlichen Phrasendreschen und im Umgang mit der Prominenz aus der Chefetage des Unternehmens und der Politik üben.

Die wichtigste Übung für die gewerkschaftlichen Jungkarrieristen bestand darin, lautstark über die schlimmen Zustände in Europa zu jammern – einschließlich der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Spanien und der Tatsache, dass jeder zweite Jugendliche unter prekären Arbeitsbedingungen schuftet –, und gleichzeitig die Verantwortung der Gewerkschaftsbürokratie sowie die Schließung des Werks in Bochum vollkommen auszublenden.

Dabei ist Bochum nach der Stilllegung von Antwerpen schon der zweite komplette Opel-Standort, der seit 2010 in Europa dichtgemacht wird. An den europäischen Standorten von Opel und Vauxhall wurden in den vergangenen fünf Jahren von über fünfzigtausend Arbeitsplätzen mehr als fünfzehntausend abgebaut.

Die Gewerkschaften und ihre Betriebsfunktionäre verhinderten dabei nicht nur jeden ernsthaften Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze, sie arbeiteten die Stillegungspläne mit aus, erpressten die betroffenen Arbeiter und spielten die Belegschaften der einzelnen Standorte gegeneinander aus. So unterdrückten sie jede Initiative für einen gemeinsamen Kampf aller europäischen Opel-Arbeiter und ihrer Kollegen von General Motors in den USA.

Die Rüsselsheimer Kundgebungsreden waren an Zynismus kaum zu überbieten. Auf die Werksschließung in Bochum ging keiner der Sprecher inhaltlich ein, außer dem Jugendvertreter Sinan Aksoy aus Bochum, der zugeben musste: „Ehe wir aus Bochum hierher kamen, haben uns viele gesagt: ‚Was wollt ihr dort? Wir haben doch eh keine Perspektive’.“

Was Aksoy verschwieg: Er ist selbst Teil der Verschwörung gegen die Bochumer Opel-Kollegen. Er unterstützt Rainer Einenkel, den Bochumer Betriebsratsvorsitzenden, und hat im März auf dessen Betriebsratsliste „Wir Gemeinsam“ kandidiert. Einenkel ist eine Schlüsselfigur der Schließung auf Raten. Er hat die Belegschaft immer wieder hingehalten und verhindert, dass vor der endgültigen Werksschließung zum Jahresende 2014 Kampfmaßnahmen ergriffen werden.

Auch in allen übrigen Werken arbeiten die IG Metall und der Opel-Betriebsrat Hand in Hand mit der Konzernspitze daran, den Druck auf die Arbeiter ständig zu steigern, um das Unternehmen auf Kosten der Belegschaft aus den roten Zahlen herauszuführen.

Diese Zusammenarbeit mit der Unternehmensführung war offensichtlich ein zentrales Thema des Nachwuchstrainings, wie auf der Kundgebung deutlich wurde.

Gesamtbetriebsratschef Dr. Wolfgang Schäfer-Klug betonte eindringlich, wie wichtig die Zusammenarbeit mit der Werksleitung sei. Er machte den versammelten Jungfunktionären klar, dass ein erfolgreicher Aufstieg als betrieblicher Gewerkschaftsfunktionär vom Jugendvertreter über den Betriebsrat und Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat ins Management nur durch eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Geschäftsleitung möglich sei.

Schäfer-Klug lobte die von der Gewerkschaft mitgetragenen Restrukturierungsmaßnahmen als Erfolg – für die Aktionäre. Sie hätten dazu geführt, dass sich Opel-Vauxhall „nach vielen Jahren der Verluste“ wieder auf Erfolgskurs befände. Er lobte die versammelten Opel-Jungbürokraten ausdrücklich dafür, dass sie sich am Vortag mit dem Opel-Vorstandschef Karl-Thomas Neumann zur ungezwungenen Plauderstunde getroffen hatten. „Die Ausbildungsstandards müssen für alle Jugendliche angepasst werden; darin sind wir uns mit Neumann einig“, verkündete er. „Und dieses gemeinsame Verständnis habt ihr mit Opelchef Neumann gestern erreicht.“

Gesamtbetriebsratschef Dr. Wolfgang Schäfer-Klug

Weitere Sprecher priesen die Vorzüge der Europäischen Union, die für ihre Arbeit im Europabetriebsrat unverzichtbar sei. Um die Kontrolle der Bürokratie in den europäischen Standorten zu festigen, soll ein europaweites Betriebsrats-Netz mit EU-Mitteln ausgebaut werden.

Der stellvertretende hessische CDU-Vorsitzende und Oberbürgermeister von Rüsselsheim, Patrick Burghardt, erklärte unter dem Beifall der Gewerkschaftsbürokraten: „Ohne Europa, die EU, den Binnenmarkt und den Euro hätten wir die Krise nicht so gut gemeistert.“ Er begrüßte die Opel-Jugend in Rüsselsheim mit den Worten, sie habe die Aufgabe, „für einen starken europäischen Markt“ einzutreten.

Weitere IG Metall-Funktionäre behaupteten, „Friede, Wohlstand und die Sicherung sozialer Standards“ seien ohne die EU nicht zu erreichen. Diese „Herkulesaufgabe“ erfordere ein Handeln „als europäische Bürger, als Beschäftigte und als Gewerkschafter“. Dabei tragen das Spardiktat der EU und der Europäischen Zentralbank die Hauptverantwortung für die verheerende soziale Lage in südeuropäischen Ländern wie Griechenland und Spanien.

Das abstoßende Spektakel in Rüsselsheim zeigt, dass ein ernsthafter Kampf zur Verteidigung von Arbeitsplätzen, Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen eine Rebellion gegen die IG Metall und ihre Betriebsfunktionäre erfordert. Das ist nur auf der Grundlage einer internationalen Strategie und einer sozialistischen Perspektive möglich.

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