VW-Chef Winterkorn kündigt „schmerzhafte Einschnitte“ an

Von Dietmar Henning
19. Juli 2014

Volkswagen-Chef Martin Winterkorn hat „schmerzhafte Einschnitte“ angekündigt. Allein die Kernmarke VW müsse jährlich 5 Milliarden Euro einsparen. Wie viele Beschäftigte ihren Arbeitsplatz verlieren, sagte er noch nicht.

Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten schreiben: „Es wird ein Kahlschlag erwartet, der Betriebsrat unterstützt den Konzernchef bei seinem Kurs.“

Die Einsparungen sollen sofort beginnen und sich ab 2017, d.h. in weniger als drei Jahren, auf die anvisierten 5 Milliarden Euro jährlich belaufen. Ziel ist es, die Aktionäre zu befriedigen. Die Einsparungen seien „dringend, weil die Ertragskraft unserer Marke immer noch zu niedrig ist”, schrieb Winterkorn in einem Brief an das Management. „Seien wir ehrlich“, fügte er hinzu, „wir haben in der Produktivität erheblichen Nachholbedarf gegenüber unseren Hauptwettbewerbern.”

Ab 2018 will der VW-Konzern mit seinen zwölf Marken den größten Konkurrenten Toyota beim Verkauf überholt haben und der größte Autobauer der Welt sein.

Während Toyota im abgelaufenen Geschäftsjahr im Fahrzeugbereich eine Rendite von mehr als 8 Prozent erzielte, lag sie bei der Kernmarke VW bei 2,9 Prozent. Aktuell sollen es sogar weniger 2 Prozent sein. Winterkorn gab ein Renditeziel von mindestens 6 Prozent aus.

Da andere Marken des VW-Konzerns höhere Renditen erzielen – Porsche 18 und Audi 10 Prozent – lag die Rendite des Gesamtkonzerns im letzten Jahr bei 6,3 Prozent. Obwohl Winterkorn persönlich für die Kernmarke verantwortlich ist und demnach auch für das aus Sicht der Aktionäre schlechte Ergebnis, war er 2013 mit 15 Millionen Euro erneut der Top-Verdiener unter den Chefs der 30 Dax-Konzerne.

Winterkorn spricht in seinem Schreiben davon, die Effizienz zu erhöhen, den Einkauf zu optimieren und die Fertigungs- und Fixkosten zu verringern. Als Beispiel für ausufernde Kosten nennt er die seit 2010 um 80 Prozent gestiegenen Forschungs- und Entwicklungskosten. All das zieht zwangsläufig Angriffe auf die Beschäftigten nach sich, sowohl im VW-Konzern selbst als auch bei den Zulieferern.

Was sich hinter dem Manager-Sprech „Reduzierung der Komplexität“ verbirgt, erklärte Winterkorn an einem Beispiel. Er wies darauf hin, dass der Konzern in Europa zwölf verschiedene Cabrio-Modelle anbiete, und forderte das Management auf, sich Gedanken zu machen, welche der insgesamt 310 Fahrzeugmodelle des Konzerns man einstellen könne.

Für die Komponentenwerke, in denen VW selbst Bauteile herstellt, hat Winterkorn eine weitere Flexibilisierung angekündigt. Davon dürften Kassel, Braunschweig, Salzgitter, Chemnitz und Wolfsburg betroffen sein. Außerdem sei zu prüfen, ob die dort produzierten Bauteile nicht an billigere Produzenten ausgelagert werden könnten.

In einem Vergleich der „Effizienz“ von VW und Toyota nennt die Süddeutsche Zeitung folgende Zahlen: Der japanische Weltmarktführer beschäftige 339.000 Menschen und habe im vergangenen Jahr 9,98 Millionen Fahrzeuge abgesetzt. VW habe dagegen mit weltweit 573.000 Beschäftigten „nur“ 9,73 Millionen Fahrzeuge verkauft. Die Zeitung fragt provokativ: „Wieso braucht der deutsche Konzern gut 234.000 Menschen mehr, um weniger Autos zu produzieren?“

Laut Winterkorn sind die Probleme VWs nicht nur durch interne Fehler begründet. Das Sparprogramm sei auch eine Reaktion auf die wirtschaftlichen Unsicherheiten in Schwellenländern, Währungsschwankungen sowie den immer schärfer werdenden Wettbewerb in der Branche.

Erst vor wenigen Wochen hat die auf die Autoindustrie spezialisierte Unternehmensberatungsgesellschaft Alix Partners eine Studie veröffentlicht, laut der die Krise in der europäischen Autoindustrie weiter anhalten wird. Der europäische Markt ist aber der wichtigste für die VW-Kernmarke mit ihren Modellen Polo, Golf und Passat, während Porsche und Audi vor allem durch den Verkauf in Asien und den USA hohe Gewinne erzielen.

Laut Alix Partners hat sich der Automobilabsatz in Europa seit der Finanzkrise von 2008 bei 18 bis 19 Millionen Einheiten eingependelt. Der Autoverkauf werde nicht so schnell wieder auf das Vorkrisenniveau anwachsen, als noch 22,3 Millionen Fahrzeuge (2007) verkauft wurden. Über die Hälfte der wichtigsten Werke in Europa arbeiteten unterhalb der Profitabilitätsschwelle.

„Hier sind einige Hausaufgaben noch nicht gemacht“, sagte Jens Wiese von Alix Partners. Um dem weiterhin hohen Preisdruck entgegenzuwirken, sei „eine Anpassung der Kapazitäten unvermeidlich“, umschrieb er kommende Werksschließungen. Die Beratungsgesellschaft schätzt die Überkapazität in Europa auf rund 2,5 Millionen Fahrzeuge, das sind je nach Größe bis zu zehn Auto- oder Komponentenwerke.

Winterkorns Sparpläne sind die „Hausaufgaben“, von denen Wiese spricht. Auch BMW und Daimler arbeiten derzeit mit Betriebsrat und IG Metall Milliardensparprogramme aus.

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh sagte Winterkorn umgehend Unterstützung zu. Angesichts der Probleme, vor denen VW in Brasilien, Russland und Indien stehe, sei es richtig, dass Winterkorn die Belegschaft auf die Renditeziele einschwöre, erklärte er. Einschnitte bei tariflichen Leistungen werde es mit ihm aber nicht geben, fügte er hinzu.

Das ist alles ein abgekartetes Spiel. Osterloh, der Betriebsrat und die IG Metall arbeiten seit vielen Jahren eng mit der VW-Spitze zusammen. Osterloh ist seit 24 Jahren Mitglied des Betriebsrats im Wolfsburger Werk, seit 2005 steht er ihm als Vorsitzender vor. Er trat die Nachfolge Klaus Volkerts an, als dieser im Zuge der Sex- und Korruptions-Affäre zurücktreten musste. Der 58-jährige Osterloh verkörpert den gewerkschaftlichen Co-Manager aus Überzeugung.

Er hatte 2001 in enger Zusammenarbeit mit dem damaligen Personalchef Peter Hartz das Arbeitszeitmodell „5000 mal 5000“ ausgearbeitet, das die relativ hohen Einkommenstarife im Stammwerk aufbrach und ständige Lohnsenkungen einleitete.

Osterloh gehört zu den Betriebsräten und Gewerkschaftsfunktionären, die es als ihre Aufgabe betrachten, angesichts der globalen Konkurrenz und der ständig drohenden Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer den eigenen „Standort“ und Betrieb zu verteidigen, indem sie sich für die Erhöhung der Profite im eigenen Unternehmen einsetzen.

Wenn Osterloh nun erklärt, es werde keine Einschnitte bei tariflichen Leistungen geben, dann wird er Vorschläge unterbreiten, wie anderswo Kosten eingespart werden können – durch die Streichung außertariflicher Leistungen, eine weitere Flexibilisierung der Arbeit, den vermehrten Einsatz von Werkverträgen und Leiharbeit oder durch Arbeitsplatzabbau und Auslagerungen.

Schon in der Vergangenheit hatte Osterkorn gemeinsam mit Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch und Winterkorn entsprechende Mechanismen entwickelt. Werke außerhalb Deutschlands – etwa in Brasilien, Russland und Indien – dienen ihm dabei als Verhandlungsmasse.

In einer Stellungnahme zu den Betriebsratswahlen im Frühjahr dieses Jahres hatte Osterkorn noch wörtlich erklärt: „Piëch und Winterkorn sind für Volkswagen Wettbewerbsvorteile.“ Ginge es nach ihm, „dann erreichen wir erst einmal mit ihnen alle Ziele unserer Strategie 2018 bis zum Jahr 2018”.

Es ist nicht verwunderlich, dass der Aufsichtsrat, dessen Präsidiumsmitglied Osterloh ist, jedes Jahr die Millionenzahlungen an Winterkorn absegnet. „Martin Winterkorn ist sein Geld wert“, hatte der Betriebsratsvorsitzende im letzten Jahr erklärt. Er selbst wird auch fürstlich entlohnt. Nach Presse-Recherchen, die Osterloh nie bestritten hat, bezahlt ihm VW für seine Dienste mindestens 250.000 Euro im Jahr. Da sind die Gelder für seine Aufsichtsratstätigkeit noch nicht eingerechnet.

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