Fiat zieht Hauptsitz aus Turin ab

Von Marianne Arens
12. August 2014

Anfang August haben die Aktionäre des italienischen Autokonzerns Fiat der Fusion mit dem US-Konzern Chrysler zugestimmt und gleichzeitig entschieden, die Firmenzentrale des neuen Konzerns FCA (Fiat Chrysler Automobiles) aus Italien abzuziehen und von Turin nach Amsterdam zu verlegen. Steuerrechtlich wird sich FCA in London niederlassen und seine Aktien sowohl in New York als auch an der Mailänder Börse handeln.

Eine Firma müsse dort angesiedelt sein, wo sie „den einfachsten Zugang zu Kapital und Liquiditäten“ habe, hatte Fiat-Chef Sergio Marchionne am Rande der Detroiter Automesse im Januar erklärt. Kurz davor hatte Fiat in einem Deal mit der amerikanischen Autogewerkschaft UAW für fast viereinhalb Milliarden Dollar das restliche Aktienpaket des Chrysler-Konzerns übernommen.

Mit dem Wegzug der Fiat-Zentrale aus dem legendären Turiner Stadtteil Lingotto nach über 115 Jahren geht eine Epoche zu Ende. Noch vor einem Vierteljahrhundert hatte Fiat in Italien 125.000 Arbeiter und Angestellte beschäftigt, die in achtzehn PKW-Fabriken, in siebzehn Nutzfahrzeugwerken und in 33 Betrieben für Zulieferteile tätig waren. Heute arbeiten von 220.000 FCA-Beschäftigten noch 60.000 in Italien, darunter 24.400 Fabrikarbeiter in sechs Montagewerken.

Es ist klar, dass mit dem Wegzug und dem damit verbundenen Konzernumbau neue Angriffe auf die Arbeiter in Italien, den Vereinigten Staaten, Polen, Brasilien und anderen Ländern vorprogrammiert sind. Die italienischen Fiat-Werke sind seit längerem nur zu vierzig Prozent ausgelastet; hier drohen Schließungen und Massenentlassungen, während weltweit eine weitere Verschärfung von Arbeitshetze und Ausbeutung bevorsteht.

Die italienischen Gewerkschaften unterstützen die Fusion von Fiat und Chrysler, die FCA zum siebtgrößten Autobauer der Welt machen soll. Ihre ersten Kommentare zeugen von ihrer Haltung als verantwortliche Juniorpartner des Kapitals.

Das Positive an der Fusion, so Giovanni Sgambati, nationaler Sekretär der Gewerkschaft UILM, bestehe darin, dass sie „die Firmenmarke Fiat auf dem Weltmarkt stärker macht. (…) Mit Chrysler wird Fiat zum Weltplayer.“ Der Regionalsekretär der Gewerkschaft FIM Giuseppe Terracciano erklärte, die Fusion sei wichtig, „weil sich der neue Konzern damit nicht nur auf Europa und Italien konzentriert, wo noch Stagnation vorherrscht“.

Die Gewerkschaften sind seit Jahren aktiv daran beteiligt, im Interesse des Kapitals die sozialen Errungenschaften der Nachkriegszeit systematisch zu demontieren.

Im Sommer 2010 wurde im Fiat-Werk Pomigliano d’Arco bei Neapel ein neuer Arbeitsvertrag eingeführt, der den nationalen Tarifvertrag für Metallarbeiter aushebelt. Anfang 2011 wurde dieser Werksvertrag dann auch auf das Turiner Stammwerk Mirafiori und die andern Fiat-Werke übertragen. Er ermöglicht es, die Arbeit in wenigen Werken zu konzentrieren.

Seither wurden das sizilianische Fiat-Werk Termini Imerese mit 1.400 Arbeitern und das Werk Irisbus mit 700 Arbeitern geschlossen und die Produktion in den Werken Mirafiori, Cassino und Pomigliano stark konzentriert und reduziert. Über zehntausend Fiat-Arbeiter befinden sich teilweise seit Jahren in Kurzarbeit oder Nullstundenkurzarbeit und müssen von monatlich etwa 800 Euro der staatlichen Cassa Integrazione leben.

Die neuen Verträge haben zu einer extremen Steigerung der Arbeitshetze geführt. Inzwischen gibt es bei Fiat regelmäßige Samstags- und Sonntagsschichten. Die Schichtzeit wurde verlängert, die Pausen verkürzt, die vertraglich festgelegten Überstunden verdreifacht, die Mittagspause an das Ende der Schicht verlegt und damit praktisch gestrichen, sowie ein erbarmungsloser Zeittakt für jeden einzelnen Handgriff eingeführt.

Gegen die Entlassungen und die neuen Verträge gab es in den letzten Jahren unzählige Streiks und Protestaktionen. Die verschiedenen Metallarbeitergewerkschaften führten sie alle in eine Sackgasse.

Zuletzt haben die Gewerkschaften am 12. Juli einem Teilvertrag zugestimmt, der allen Beschäftigten eine Lohnerhöhung von monatlich zwanzig Euro verspricht – ein durchschaubares Manöver, um Protesten vorzubeugen. Die minimale Lohnerhöhung ist zudem an die Bedingung einer Produktivitätssteigerung geknüpft.

Neben dem Lohn- und Arbeitsplatzabbau bei Fiat und anderen Unternehmen organisieren die Gewerkschaften auch die Angriffe auf die sozialen und demokratischen Rechte der Arbeiter im nationalen Rahmen.

So haben die drei großen Gewerkschaftsverbände CGIL, CISL und UIL am 10. Januar dieses Jahres einem Vertrag über Streikverzicht mit dem Unternehmerverband Confindustria zugestimmt. Das „Abkommen über die Vertretung“ bildet den Rahmen für eine korporatistische Zusammenarbeit der Gewerkschaften mit den Unternehmen. Es folgt auf eine frühere Übereinkunft vom 31. Mai 2013, die den „Wachstumsplan“ der Confindustria aus dem Jahr 2011 ausdrücklich unterstützt.

Dieser „Wachstumsplan“ des italienischen Unternehmerverbandes, der von den Regierungen Berlusconi, Monti, Letta und Renzi seit vier Jahren umgesetzt wird, strebt langfristig folgende Ziele an: a) die Anhebung des Rentenalters auf siebzig Jahren, b) die Senkung von Renten- und Krankenkassenbeiträgen, c) die Privatisierung öffentlichen Eigentums zur Eindämmung der Staatsschulden, und d) die Übertragung bisher staatlicher Aufgaben wie Bildung und Gesundheitswesen an private Anbieter.

Das „Abkommen über die Vertretung“ beinhaltet nicht nur den Verzicht auf Streik, sondern auch die Überprüfung bisher gültiger Tarifverträge und ihre Neufassung auf betrieblicher Ebene. Als tariffähig werden nur Gewerkschaften anerkannt, die diese Verträge unterzeichnet haben.

Es ist bezeichnend, dass nicht nur die CGIL-Vorsitzende Susanna Camusso, sondern auch FIOM-Chef Maurizio Landini dieses Abkommen unterzeichnet hat, der von kleinbürgerlichen Gruppen als „Linker“ bezeichnet wird. Die FIOM hat bei Abstimmungen zur Ablehnung der Unternehmenspläne aufgerufen, jedoch keinen Arbeitskampf geführt und (wie die WSWS berichtete) im Stillen die Einführung der neuen Methoden mit organisiert.

Vor allem steht die FIOM hinter dem Plan, die Luxussparte (Ferrari, Alfa Romeo, Maserati) bei Fiat auszubauen. Grugliasco, der Standort des von der Schließung bedrohten Karrosseriebauers Bertone, wird gerade zur modernsten Maserati-Fabrik ausgebaut. Im Mai 2011 hatte die FIOM die Einführung des neuen Werkvertrags bei Bertone, ihrer traditionellen Hochburg, sichergestellt. Dies war der Preis dafür, dass Fiat die Maserati-Produktion an diesem Standort konzentriert.

Am 24. Februar 2012 bestätigte FIOM-Führungsmitglied Giorgio Airaudo der Zeitung Corriere della Sera mehrere geheime Treffen mit Fiat-Chef Marchionne, die der damalige Turiner Bürgermeister Sergio Chiamparino (PD) organisiert hatte: „Es gab mehrere Treffen. Sie dauerten sehr, sehr lange: Wir haben uns alles Nötige gesagt.“ FIOM habe dem Fiat-Chef damals mehrere Kompromiss-Vorschläge für das Werk Bertone gemacht, in dem FIOM die absolute Mehrheit der Vertrauensleute stellt.

Kurze Zeit später kündigte Marchionne den Bau einer neuen Maserati-Fertigungsanlage für eine Milliarde Euro in Grugliasco an. Inzwischen ist der Arbeitsdruck bei der Produktion der Luxuskarossen derart hoch, dass am 23. Juni mehrere hundert Arbeiter mit einem einstündigen Proteststreik dagegen protestierten und die Übernahme von 500 Kollegen aus dem Mirafiori-Werk forderten, wo seit langem Kurzarbeit herrscht. Marchionne flog umgehend nach Turin, um den von den Gewerkschaften garantierten Streikverzicht einzufordern.

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