US-Polizei verhaftet drei deutsche Journalisten in Ferguson

Von Wolfgang Weber
20. August 2014

Am Montag wurden erst zwei deutsche Journalisten, später folgte noch ein dritter, von der Polizei in Ferguson, Missouri (USA), festgenommen und für mehrere Stunden ins Gefängnis gebracht. Alle drei waren im Auftrag ihrer Zeitungen unterwegs, um über die Demonstrationen und heftigen Auseinandersetzungen zu berichten, die seit der Erschießung des 18-jährigen Michael Brown durch einen Polizisten anhalten.

Ansgar Graw (53), seit vielen Jahren für die konservative Tageszeitung Die Welt als Senior Political Correspondent in den USA tätig, und Frank Hermann, ebenfalls seit mehreren Jahren Berichterstatter für verschiedene große Zeitungen wie die Stuttgarter Zeitung in Deutschland oder Der Standard in Österreich, wurden ohne Angabe eines Grundes für drei Stunden in Gefängniszellen festgehalten und anschließend kommentarlos wieder freigelassen.

Wenige Stunden später, in der Nacht zum Dienstag, wurde der 26-jährige Bild-Reporter Lukas Hermsmeier festgenommen, als er über eine Demonstration in Ferguson berichten wollte. Nach Angaben seiner Redaktion ist er erst am Dienstag wieder freigekommen.

Auch ein Fotograf der Agentur Getty Images ist am Montag während einer Demonstration in Ferguson festgenommen und mit auf dem Rücken gefesselten Händen abgeführt worden, und schon letzte Woche waren zwei Reporter der Washington Post und der Huffington Post für mehrere Stunden inhaftiert worden.

Jedes Mal lautete die Begründung der Polizei, wenn sie überhaupt eine abgab, die Verhafteten hätten sich geweigert, der Aufforderung zu folgen, „sich zu zerstreuen“. Die betroffenen Journalisten wiesen diese Behauptung als unwahr zurück und erklärten, die Polizei habe sie schlicht daran hindern wollen, ihren Job zu tun.

Ansgar Graw schrieb noch am Montag einen ausführlichen Tweet unter der Überschrift: „News from Ferguson: Ein Kollege und ich wurden festgenommen, in Handschellen gelegt und für 3 Stunden in Haft gehalten, weil wir unsere Arbeit machten und zu dem Fall Michael Brown recherchierten.“ In seinem bisherigen Bild von Amerika sichtlich erschüttert, liefert er dann eine ausführliche Schilderung des Vorfalls, den Die Welt unter der Überschrift veröffentlichte: „Der Tag, an dem die US-Polizei mein Feind wurde“.

Am Sonntag sei er in St. Louis gelandet und habe sich in der West Florissant Ave zunächst mit Polizisten unterhalten, die ihm berichtet hätten, dass sie von Demonstranten ständig mit Steinen und Flaschen beworfen würden, obwohl sie heute Nacht keinen einzigen Schuss abgegeben hätten. Ungläubig hätte er daher einem jungen Schwarzen im Alter von Michael Brown zugehört, der ihn gewarnt hatte: „Traue nie einem Polizisten! Sie sind Teil des Systems. Sie haben Michael ermordet, und jetzt wollen sie uns provozieren, damit sie das Kriegsrecht verhängen können.“

Ungläubig habe er auch anderen Tags, am Montag in derselben West Florissant Ave Anwohnern zugehört, die eine ganz andere Version von den Geschehnissen der Nacht als die Polizisten erzählten. Graw beschreibt die Aussage der Anwohner mit den Worten: „Sie hätten friedlich demonstriert, und dann habe die Polizei ab 20:30 Uhr – also lange vor der mitternächtlichen Sperrstunde – ohne jede Vorwarnung Tränengas und Rauchbomben eingesetzt, um die Menge zu zerstreuen. Aber weil die Straßen bereits abgeriegelt waren, hätten die Menschen gar nicht weggekonnt. Das habe die Wut gesteigert.“

„Das klingt nach absurder Verschwörungstheorie“, schreibt Graw. Doch er wollte den Vorwürfen weiter nachgehen. Zusammen mit seinem Kollegen Frank Hermann ging er los, um Aufnahmen von der Tankstelle zu machen, die in der Nacht nach der Ermordung von Michael Brown aus Protest in Brand gesetzt worden war. „Es ist Montag gegen 14 Uhr. Dieser Straßenabschnitt ist um diese Zeit nahezu menschenleer, nichts deutet auf Gewalt oder Zusammenrottung hin“, berichtet Graw weiter. „Trotzdem wollen uns die Polizisten verscheuchen. … Wir erklären, dass wir an diesem Straßenabschnitt bleiben und einige Fotos machen wollen.“ Der befehlshabende Polizist habe dann sein „okay“ so gegeben: „Aber nur, wenn Sie ständig weitergehen. Wenn Sie stehen bleiben, werden Sie verhaftet – das ist die letzte Warnung!“

Beide Journalisten seien daraufhin, so berichten Graw und Hermann übereinstimmend, in kleinen Schritten weitergegangen, um ihre Fotos zu machen, als der kommandierende County-Beamte plötzlich den Befehl gegeben habe, ihnen Kunststofffesseln anzulegen. Als er von den Reportern nach seinem Namen gefragt wird, ist die Antwort: „Donald Duck“. Erst später, auf den Haftpapieren, ist er als Officer Amero zu identifizieren.

Mit auf dem Rücken gefesselten Händen seien sie in einen Transporter gestoßen und zusammen mit zwei ebenfalls festgenommenen Anwohnern zu einer provisorischen Einsatzzentrale und dann ins Buzz Westfall Justice Center, ein Gefängnis in Clayton, einem anderen Vorort von St. Louis gebracht worden. Dreimal wurden sie in dieser Zeit gefilzt, sie mussten alle Aufzeichnungen, Handys, Geldbörsen, Gürtel, Schnürsenkel abgeben. Als bei Frank Hermann sich der Ehering nicht vom Finger ziehen ließ, wurde ihm Einzelhaft angedroht.

Graw schließt seinen Bericht mit folgenden Worten:

„Dann wird tatsächlich das berühmte Fahndungsfoto aufgenommen. Willkommen in der Verbrecherdatei. … Für mich ist das alles eine neue Erfahrung. Ich war in etlichen Krisengebieten, ich war in Bürgerkriegsregionen in Georgien, im Gazastreifen, illegal im Kaliningrader Gebiet, als die damalige Sowjetunion westlichen Reisenden den Zugang noch streng verwehrte, ich war in Afghanistan, im Irak, in Vietnam und in China, ich habe heimlich Dissidenten auf Kuba getroffen. Aber um mich von Polizisten fesseln und rüde anschnauzen zu lassen und ein Gefängnis von innen zu sehen, musste ich nach Ferguson und St. Louis in Missouri in den Vereinigten Staaten von Amerika reisen. … Mein kindliches Vertrauen, dass auch die von mir so leidenschaftlich gegen die vielen Kritiker in Schutz genommenen US-Polizisten trotz ihres oft rauen und unnahbaren Auftretens dein Freund und Helfer sind, ist dahin.“

Herrmann bestätigte in Interviews mit TV-Sendern den Bericht von Graw und erklärte wie dieser, die Verhaftungen „dienten offenkundig nur dem Zweck, Reporter einzuschüchtern und damit von ihrer Arbeit abzuhalten.“

Graw, Hermann und Hermsmeier haben sich bei ihrer Arbeit bisher nie als Kritiker der amerikanischen Regierung oder Unterstützer von Arbeiterinteressen hervorgetan. Sie vertreten eher konservative Standpunkte und arbeiten in Redaktionen des Springer-Konzerns, der eine wichtige politische und mediale Stütze des US-Imperialismus ist und zu den wütendsten Propagandisten des Antikommunismus gehört.

Dass das Vorgehen der Polizei gegen Journalisten in Ferguson auch vor Mitarbeitern und Vertretern dieses Konzerns nicht Halt macht, unterstreicht, dass es sich nicht um falsche, unbedachte oder „absurde“ Reaktionen untergeordneter Polizeibeamter handelt, wie es manche Kommentare der Springerpresse selbst darzustellen versuchen, sondern um die Zerstörung elementarer demokratischer Rechte.

Verleger- und Journalistenverbände in Deutschland kritisierten die Festnahmen scharf als Angriffe auf die Pressefreiheit.

Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV), Michael Konken sagte gegenüber der Der Welt: „Ich bin entsetzt, dass ausgerechnet in den USA so etwas vorkommt, wo die Presse- und Meinungsfreiheit einen hohen Stellenwert in der Verfassung hat. Man kann von einer neuen Qualität der Einschränkung der Pressefreiheit in den USA sprechen, denn so etwas hat es dort zuvor noch nicht gegeben.“

Auch „Reporter ohne Grenzen“ bezeichnete das Vorgehen der Polizei als völlig inakzeptabel. „Wir verlangen umgehend, dass die Journalisten in Ferguson ihre Arbeit machen können, ohne Angst haben zu müssen, von der Polizei aufgehalten, festgenommen oder gar beschossen zu werden“, erklärte Astrid Frohloff, die Vorstandssprecherin der deutschen Sektion der Organisation.

Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger (BDZV), Dietmar Wolff, sagte der Der Welt: „Bei allem Verständnis für die angespannte Situation in Ferguson sind wir tief betroffen über die Festnahmen, die letztlich dazu führen, dass Journalisten nicht mehr ihrer Aufgabe nachgehen können. Und das in einem demokratischen Staat, in dem die freie Presse eine lange Tradition hat.“

Aber nicht nur unter Journalisten haben die Berichte von der Festnahme der deutschen Journalisten in den USA sofort große Unruhe und Debatten ausgelöst. Seit Tagen werden die Ereignisse in Ferguson hier in Europa und insbesondere in Deutschland von Millionen von Arbeitern und Jugendlichen mit größter Aufmerksamkeit verfolgt.

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