Stimmen zu Ferguson, Missouri

"Das ist keine Demokratie mehr"

Von unseren Reportern
27. August 2014

Die Ereignisse in der amerikanischen Arbeiterstadt Ferguson (Missouri), wo ein unbewaffneter Achtzehnjähriger von der Polizei erschossen wurde, sorgen auch in Europa für Schlagzeilen. Die unverhüllte Militarisierung der Polizei mit Panzerwagen und Maschinengewehren, die Erklärung des Notstands, Ausgangssperre und sogar der Einsatz der Nationalgarde, die ein Bestandteil der Armee ist, treffen auf großes Unverständnis und Empörung, bei Jugendlichen genauso, wie bei älteren Menschen.

In Frankfurt sprachen Reporter der WSWS mit Passanten vor einem Baumarkt und Kinocenter. Kunden, Beschäftigte und Passanten blieben stehen und nahmen die Infoblätter mit, einige sprachen voller Empörung über den Polizeimord.

Sonja ist auf dem Heimweg aus dem Baumarkt, in dem sie arbeitet. Sie bleibt kurz stehen und sagt, sie habe es „in den Nachrichten gesehen, dass dieser Junge einfach erschossen wurde: grauenhaft“. Wirklich überrascht habe es sie aber nicht, denn „von den USA weiß man ja, dass so was vorkommt. Die führen ja auch seit Jahren Krieg“. Darauf angesprochen, dass sich jetzt auch Deutschland mit Waffen im Nordirak beteiligt, sagt sie spontan: „Das ist überhaupt das Allerschlimmste, dass unsere Regierung jetzt auch Waffen in Krisengebiete liefert. Ich frage mich, seit wann sich das so verändert hat?“

Wolfgang, ein 65-jähriger Rentner, ist der Ansicht, dass es bei den Unruhen in Ferguson natürlich auch um Rassenfragen gehe, aber in erster Linie um Klassenfragen. „Das wird sich hier genauso entwickeln. Rassenfragen sind immer nützlich, um von der Politik der Regierung abzulenken und davon, dass die Regierung für die Verhältnisse verantwortlich ist.“ Er finde, die Staatsaufrüstung, die man in den Fernsehberichten sehen kann, sei wirklich beängstigend. „Da werden gepanzerte Fahrzeuge eingesetzt, Maschinengewehre und Kampfhubschrauber. Im Hintergrund steht die Wirtschaftskrise und die soziale Verelendung.“

Er fügt hinzu: „Aber was mir am meisten Sorgen macht, ist die Kriegsgefahr, sind die strategischen Bomber mit Atomraketen, die die USA an der polnischen Ostgrenze stationieren, und ein paar Kilometer weiter testet Russland seine Atomraketen. Wenn da mal was schief geht…! Davor habe ich wirklich Angst. Das ist mindestens so brenzlig wie die Kubakrise 1962.“

Shaheda und Cemile

 

Shaheda und Cemile sind Freundinnen; Shaheda ist in der Ausbildung, während Cemile Arbeit sucht. Sie sind beide der Meinung, dass es einen Unterschied macht, ob jemand dunkle Haut, Haare und Augen hat. „Wir haben die Erfahrung auch hier in Frankfurt gemacht: Die Polizei reagiert einfach anders, wenn jemand wie ein Ausländer aussieht.“

Cemile erzählt: „Ich wurde selbst schon mal bei der Polizei wie ein Stück Dreck behandelt.“ In der weiteren Diskussion sagen beide: „Natürlich spielt auch die Armut eine Rolle. Es war offenbar in einem Viertel, wo viele Jugendliche arbeitslos sind und herumhängen. Aber das ist doch kein Grund. Der Junge war unbewaffnet, hat die Hände hochgehoben, und trotzdem wurde er erschossen – unglaublich.“

Cemile überlegt: „Selbst wenn der Polizeichef schwarz ist, oder wenn Du einen Präsidenten hast wie Obama, der selbst kein Weißer ist, nützt es nichts. Die Armut interessiert solche Leute dann nicht mehr, wenn sie einmal so hoch aufgestiegen sind.“ Und Shaheda: „Schau doch mal, was in Gaza passiert: Da sterben hunderte Kinder, und es interessiert Niemanden in der Regierung.“

Jana und Jasmin, zwei Schülerinnen, finden, dass die Polizei in Missouri so etwas tut, um die Menschen einzuschüchtern. „Das ist keine Demokratie mehr“, sagt Jasmin. „Man darf die Menschen nicht derart unterdrücken. Wenn ein Junge einfach auf der Straße erschossen werden kann, ist das kein normales Leben mehr.“

Gary

 

Gary bleibt sofort stehen und sagt: „Ja, davon habe ich gehört. Das hat mich schwer geschockt.“ Er fährt fort: „Wenn man das mit Deutschland vergleicht, wo die Polizei doch nicht so leicht die Waffe zieht, und man sieht, dass dieser Junge mit sechs Kugeln durchlöchert wurde, dann läuft dort definitiv was falsch. Der Junge hatte keine Waffe, er ging bloß nicht schnell genug von der Straße. Dafür wurde sein Leben ausgelöscht, das ist krass.“

Es habe ihn aber „nicht wirklich erstaunt, das von Amerika zu hören, obwohl es natürlich erschreckend ist. Aber ehrlich gesagt, erwartet man das schon fast. Wie ihr schon sagt, es ist keine Rassen-, sondern eine soziale Frage.“

In Berlin sprachen WSWS-Reporter mit Studenten und Passanten vor dem Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, in dem auch die Zentralbibliothek der Humboldt-Universität untergebracht ist. Die Gespräche drehten sich um die Frage der wachsenden Armut in Amerika, über Rassismus und die US-Waffengesetze.

Sophia, 28 J. (Doktorandin) war der Auffassung, dass Rassenfragen und soziale Fragen nicht getrennt werden könnten. Schwarze hätten nicht die gleichen Möglichkeiten wie Weiße. Aber unabhängig von der Hautfarbe sei die USA von großer Ungleichheit geprägt.

Sehr kritisch sieht sie die Entwicklung demokratischer Freiheiten in den USA. Demokratie zu Hause und permanente Kriege im Ausland seien nicht vereinbar. Nun kämen die Methoden des Kriegs zurück in die USA. „Die Ereignisse in Ferguson zeigen die wirkliche Haltung der amerikanischen Regierung zu demokratischen Freiheiten.“

In diesen Zusammenhang stellte eine Studentin die Verhaftung von Journalisten in Ferguson. Während die USA vor der Weltöffentlichkeit als Hort der Demokratie dastehen wolle und in jedem Land Demokratie und Freiheit predige, versuche die US-Regierung zu verhindern, dass die Welt erfährt, was wirklich in der USA vor sich geht.

Robert, 24 Jahre, (Student für Regionalstudien Asien-Afrika), erklärte, die Unterdrückung von demokratischen Rechten in den USA sei eng verbunden mit der Unterdrückung der ganzen Bevölkerung. Er wies auf die Massenbespitzelung des NSA und die gezielten Medienmanipulationen hin.

Die Frage, ob etwas mit Ferguson Vergleichbares in Deutschland vorstellbar wäre, rief geteilte Reaktionen hervor. Robert ist der Auffassung, dass sich auf Grund der geschichtlichen Erfahrung mit dem Faschismus rasch Widerstand gegen einen sich anbahnenden Polizeistaat entwickeln werde.

Dagegen berichtete Karolin 33 J. (Heilpädagogin), dass Polizisten erst vor Kurzem einen Mann zusammengeprügelt hätten, der sich nicht ausweisen wollte. „Die Aggressivität der Polizei hier in Deutschland ist erschreckend. Das macht mir Angst.“

Sie ist der Auffassung, die Medien würden die Frage des Rassismus im Zusammenhang mit Ferguson aufputschen, weil dort ein Weißer einen Schwarzen erschossen hat.

Martin

 

Ähnlich sieht es Martin 27 J. (Student). In der Polizei und im Sicherheitsapparat gäbe es sicherlich rassistische Tendenzen. In der amerikanischen Bevölkerung sei es aber ganz anders. Es sei doch sehr auffallend, dass in den Filmberichten über die Proteste in Ferguson auch viele Weiße zu sehen seien.

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